Dienstag, 30. Juli 2013

Premium Rush (2012)




PREMIUM RUSH
USA 2012
Dt. Erstaufführung: 18.10.2012
Regie: David Koepp

Kinetik sollte das oberste Gebot eines jeden Actionfilms sein. Denn, wie die Genrebezeichnung schon andeutet, Adrenalin soll beim Zuschauer fließen. Allzu oft hindern generische Verfolgungsjagden, zumeist per Auto, aber das Aufkommen der gewünschten Spannung. Es gibt positive Ausnahmen wie Ronin, der durch die schiere Variationsbreite des Auto-Standards das Interesse wachhält, oder Speed, einem der besten Genrefilme überhaupt. Premium Rush kann sich glücklich schätzen, nicht zu den Verlierern des Actionfilms zu gehören. In punkto Story erfindet er das Rad (no pun intented) nicht neu, aber er geht mit solchem Spaß, Innovationswillen und eben Kinetik ans Werk, dass der Film von David Koepp (Das geheime Fenster, Drehbuch für Jurassic Park) neunzig Minuten herrlich inkonsequente Unterhaltung bietet.

Wilee (Joseph Gordon-Levitt) hat nicht nur namentlich eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Kojoten aus den Road Runner-Cartoons. Als Fahrradkurier in Manhattan rast er bei Rot über die Ampel, analysiert in Sekundenbruchteilen jeden möglichen Fahrweg und ist stets in time da, um seine Lieferungen auszuhändigen. Als er eines Tages von der jungen Studentin Nima (Jamie Chung) nach Chinatown geschickt wird, glaubt er an einen Job wie jeden anderen auch – bis ihm ein Polizist namens Bobby Monday (Michael Shannon) nach dem Leben trachtet. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, in dessen Verlauf Wilee nicht nur mehr über den Hintergrund seiner Lieferung erfährt, sondern auch ständig neue Tricks aufbringen muss, um Monday eine Reifenlänge voraus zu sein.

Premium Rush ist ein Film, der großflächig die bekannte Warnung „Don’t try this at home“ über sich plakatiert hat. Wie jeder Actionfilm hält er sich in den entscheidenden Details nicht an die Realität. So wird Wilee als Running Gag von nur einem einzigen Polizisten (Christopher Place) verfolgt, während Manhattan voll mit ihnen sein dürfte und die waghalsigen Aktion der Kuriere, die auch andere Verkehrsteilnehmer gefährden, nicht lange ungetadelt bleiben würden. Glücklicherweise zieht der im wahrsten Sinne temporeiche Film den Zuschauer schnell in seinen Bann, so dass man über die Handlungslöcher (von denen es einige gibt) erst später nachdenken kann. Premium Rush ist sich bewusst, dass er vom Zuschauer viel suspension of disbelief verlangt, also den Glauben an Dinge innerhalb der Filmlogik, die in der schnöden Realität so nicht vorkommen. Dieses Wissen und der Ansatz, dies auch gar nicht übermäßig zu verschleiern, machen den Film durchaus sympathisch.

Das Kernstück sind die Actionsequenzen per Fahrrad, die in vielerlei Hinsicht interessant sind. Zum einen sind sie spannend, schnell und durchaus innovativ was sowohl die verschiedenen Blickwinkel als auch die narrativen Elemente (Wilees Analyse des Verkehrs mit drei verschiedenen Möglichkeiten des Durchschlängelns) anbelangt. Zum anderen ist das Fahrrad im amerikanischen Kino ein eher randständiges Verkehrsmittel. Es wird von Kindern und Jugendlichen benutzt, aber sobald der Führerschein in Reichweite ist, wird das Fahrrad negiert. Filme wie Transformers sind im Kern nichts anderes als die Fortschreibung des Mythos Auto als Symbol grenzenloser Freiheit. Auch deshalb fallen Sequenzen wie Ewan McGregor, der sich in Der Ghostwriter auf ein Fahrrad schwingt, fast wie Fremdkörper – die motorisierte Fortbewegung ist das Maß aller Dinge, Fahrräder sind in den Filmbildern eher Ausdruck von Kuriosität und subkultureller Verweigerung, der auch gern finanzielle Engpässe zugrunde gelegt werden. Auch diesem Umstand ist sich Premium Rush bewusst. Nicht nur werden die Fahrräder bei aller Glorifizierung von Waghalsigkeit (die sich selbstverständlich nicht als alltagstaugliche Blaupause versteht) als dem Auto letztlich überlegen dargestellt, die Fahrradkuriere werden in der Tat als bunte Subkultur portraitiert, die das Fahrrad als Freiheit versteht, trotz (oder gerade wegen) der finanziellen Engpässe und desr daraus resultierenden Autoverzichts. So ist die Konfrontation zwischen Wilee und dem spielsüchtigen, korrupten Cop Monday auch der Zusammenprall zwischen aggressiv-bequemen Establishment und flink-innovativen Marginalisierten.

Am Ende ist Premium Rush eine erfreuliche Überraschung und als Actionfilm eine Empfehlung wert. Wie gesagt, die Geschichte reißt niemanden vom Hocker, aber die gekonnte Inszenierung und der pure Spaß, den die Produktion versprüht, machen aus der Prämisse „Actionfilm-mit-Fahrrädern“ einen diebisch vergnüglichen Zeitvertreib.




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