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Freitag, 8. April 2016

Mitten in Deutschland: NSU (2016)



MITTEN IN DEUTSCHLAND: NSU
Deutschland 2016
Dt. Erstaufführung: 30.03./04.04/06.04.2016 (TV-Filme)
Regie: Christian Schwochow/Züli Aladag/Florian Cossen

(Die folgenden Kurzbesprechungen zu den drei Filmen der Reihe Mitten in Deutschland: NSU wurden vorab auf letterboxd veröffentlicht.)


DIE TÄTER - HEUTE IST NICHT ALLE TAGE

Der erste von drei Filmen über den rechtsextremen Terror, der 2011 als sogenannter „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) bekannt wurde, ist gleich ein großer Griff ins Leere. Angefangen mit der fragwürdigen formalen Entscheidung, den Reigen mit den Tätern zu beginnen, bietet der Film darüber hinaus nicht viel mehr als das übliche rechte Gruselkino á la „Kriegerin“. Eine fahrige Wackelkamera soll Authenzität vermitteln, wenn das Nazitrio Stichworte abfeuert, sich immer wieder von völkischer Musik aufgeilen lässt oder – daran haben Neonazifilme augenscheinlich ein besonderes Interesse – unfotogenen Sex hat. Dabei ist der Film gar nicht an irgendetwas jenseits des altbekannten interessiert. Da er gleich zu Beginn klar macht, sich sehr viel mehr als Spielfilm denn als dokumentarisch angehauchte Aufarbeitung zu verstehen, erzählt er spekulatives über das arme, schlichte, verführte Mädchen Beate Zschäpe, die in den Wirren der Wendezeit an die falschen Typen gerät und eigentlich mal eher politisch links zu verorten war. Da Zschäpe, wie es sich für eine 08/15-Dramaturgie gehört, als menschlicher Ankerpunkt für den Zuschauer fungiert, redet der Film, bei aller Drastik einzelner Szenen (episodenhaft werden Mütter mit Babys bedroht, Fußgelenke gebrochen und Zähne ausgeschlagen), rechte Gesinnung ein Stück weit klein - die beiden dumpfen Uwes als die Verführer.

Der Film mag ja laut Aussagen von Szeneaussteigern den Weg ins rechtsextreme Milieu recht akkurat darstellen, aber eben weil der Film so sehr Spielfilm ist, oft geradezu in den Darstellungen angespannter Körper schwelgt, offenbart er auch, dass seine Zeit noch nicht gekommen ist. Wer exemplarisch den Weg in eine mörderische, rassistische Gesellschaft zeigen will, der wäre hier mit einem gänzlich fiktiven Werk wohl besser aufgehoben. So werden Vermutungen und Spekulationen, die eigentlich erst im noch laufenden Verfahren gegen Zschäpe aufgearbeitet werden sollen, durch die Macht des Films zu Wahrheiten. Die Täter – Heute ist nicht alle Tage spielt damit auch der Überlebenden des Trios in die Hände, die sich den medialen Sexismus ja schon zunutze machte und sich selbst als „armes Frauchen“ stilisierte. Die richtig Schlimmen, dass sind immer die Anderen. Der Film ist, obwohl die öffentlich-rechtlichen Sender auch schon differenzierte Dokus zu dem Thema produziert haben, ein Zugeständnis an ein unterstelltes Zuschauerinteresse, dass Geschichte nur in fiktionalisierter Form goutieren kann und will. Quintessenz: der NSU ist (noch) in Dokumentationen besser aufgehoben, Rechtsextremismus im Film sollte sich von der Legitimation durch derartige reale Ereignisse ein Stück weit emanzipieren – Strukturen und Mechanismen lassen sich genauso gut offenlegen, wenn man sich nicht aus einem wie auch immer gearteten Realitätsanspruchs der Namen realer Täter bedient.
So gibt es in „Die Täter“ denn auch lediglich eine Sequenz, die auf eine Kraft hindeutet, die ihm durch solch eine Loslösung hätte gegeben werden können: als im Fernsehen über die Einschränkung des Asylrechts von staatlicher Seite gesprochen wird, sind die Neonazis begeistert: „Genau unsere Worte!“ Zu Zeiten, in denen Rechtspopulisten und Rechtsextreme in ganz Europa einen ungesunden Zulauf erleben, hätte ein Film mit diesem Sujet durch solche Szenen mehr erreichen können als durch das episodische Abspielen von widerwärtigen Taten, ausgeübt von widerwärtigen Menschen.





DIE OPFER – VERGESST MICH NICHT

Der zweite Teil der Trilogie Mitten in Deutschland: NSU über die Gräueltaten des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ ist eine einzige Entschuldigung für den fehlenden Fokus des ersten Teils über die Täter, schon allein weil er die lange Zeit marginalisierte und kriminalisierte Seite der Opfer erzählt. Mit einer beängstigenden Beiläufigkeit fallen Urteile wie „Aufenthalt in den Niederlanden = Drogenhandel“ oder Nebensätze wie „Ohne Hakenkreuze keine Nazis“, die eine rassistisch geprägte Engstirnigkeit der Behörden offenbart, die das dadurch verursachte Leid der Familien mit einer für einen ARD-Film doch beachtliche Intensität erfahrbar macht. Die Opfer macht wütend, so einfach ist es.
Exemplarisch an der Familie des ersten Mordopfers, des Blumenhändlers Enver Simsek, erzählt, schildert der Film lange Jahre der Verdächtigungen, Anschuldigungen, geradezu monströsen Manipulationsversuchen und einem nie plakativ werdenden Abfall vom Glauben an die deutschen Behörden. Die am Ende geäußerte Entschuldigung eines gegen Windmühlen kämpfenden Mitarbeiters wirkt an diesem Punkt wie ein denkbar schwacher Trost. Es ist ein Kampf Davids gegen Goliath, obwohl Goliath doch eigentlich zum Schutz dieses Davids da sein sollte.

Filmisch mitunter auch etwas zu sehr auf eine pseudo-authentische Wackelkamera setzend und an einer entscheidenden Stelle eine unpassenden Schnitt setzend (vgl. Blood Diamond) inszeniert Regisseur Züli Aladag aber insgesamt konzentriert, emotional ohne ins melodramatische abzudriften und weiß vor allem seine engagierten Darsteller gut in Szene zu setzen. Vor allem Almila Bagriacik ist großartig in ihrem ewigen Wechsel – mal spaßige Schwester, mal emotionaler Punchingbag für die Mutter, mal großartig selbstbewusst („Sprechen Sie deutsch?“ – Natürlich. Sie auch?“), mal so am Rande des Zusammenbruchs, als wäre der Zuschauer mit ihr in einem Raum, inmitten der Situation.

Die Opfer ist ein hervorragender Film, der das Spielfilmformat auch sehr viel sinnvoller zu nutzen weiß als Die Täter. Während der eine nichts über die Mechanismen des Hasses erzählen kann, erzählt der andere alles über die Mechanismen der Trauer und des Verlustes. Es ist ein respektvoller Film (erwähnenswert ist auch, dass er nicht alle Passagen in türkischer Sprache untertitelt – Familienalltag ähnelt sich doch überall frappierend und bedarf keiner Übersetzung), sehr viel besser als man erhoffen durfte. Er stellt den kalten Fakten und auch dem kalten Hass etwas entgegen, dass allzu oft in Geschrei, Hysterie und Angst untergeht: menschliche Empathie.





DIE ERMITTLER – NUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH

Als Abschluss der Spielfilmbearbeitung der NSU-Morde steht Die Ermittler, ähnlich wie die involvierten Protagonisten, zwischen den Stühlen. Er ist nicht so nichtssagend wie Die Täter, aber auch bei weitem nicht so involvierend wie Die Opfer. Er besitzt die der Thematik angemessene Konzentration, verfängt sich aber filmisch immer wieder in allzu plakative Stilgriffe, dem „provozierenden“ Blickes Beate Zschäpes direkt in die Kamera von Die Täter nicht unähnlich. Dialoge wirken hölzern, die Verknüpfung mit lyrischem Kulturgut arg bemüht, die dramaturgische Entscheidung, einen Teil des Films quasi in einem „exposition dialogue“ Revue passieren zu lassen, holprig.
Von großer Schlagkraft ist aber auch hier die Beiläufigkeit, mit der Ungeheuerlichkeiten illustriert werden: der Tatort, der willentlich so rüde behandelt wird, dass er zu nichts mehr zu gebrauchen ist, die Vernichtung von Akten in trostlosen Kellerräumen, die Verbindung von Staatsschutz und Neonazis. Vieles wirkt zwar wie eine Degeto-Version eines Agententhrillers, eine filmische Entsprechung einer Fleißarbeit, der die persönliche Nähe von Die Opfer abgeht, doch wenn am Ende ein Zeuge auf mysteriöse Weise stirbt weist der Film auch darauf hin, dass er zum jetzigen Zeitpunkt wohl nur der fragmentarischste Beitrag zur Trilogie sein kann.
Hass ist ebenso real wie Trauer, das kolossale Versagen der Behörden dürfte durch eine geschickte Verschleierungstaktik wohl noch lange auf eine vollständige Aufarbeitung warten müssen – wenn sie denn jemals gänzlich zu Ende geführt werden kann.
Die Ermittler ist trotz der Brisanz seines Sujets, trotz Ausbrüchen von Nazigewalt und einigen Einstellungen, die einen gewissen Kunstwillen erkennen lassen (der Ausflug in die Welt von Eyes Wide Shut muss dennoch als nicht gänzlich gelungen bewertet werden), der nüchternste Film der Reihe. Zwischen den anderen Teilen, zwischen völkischem Gruselkabinett und menschlicher Aufrichtigkeit, versucht er sich an einer Objektivität, die in ihrer Gänze einerseits durch das laufende Verfahren noch nicht hergestellt werden, zum anderen wohl erst danach einen Spielfilm dieses Kalibers entstehen lassen kann. Die Ermittler – Nur für den Dienstgebrauch ist ein Justizthriller, dessen Verhandlungspunkt gerade noch von der Justiz mühsam bearbeitet wird. Es wird spannend sein, ihn in vielleicht zehn, zwanzig Jahren noch einmal herauszukramen.





Abschließende Gedanken zur gesamten Trilogie: Gut gemeint und zumindest partiell gut gemacht. Am Ende erweist sich die Menschlichkeit als der stärkste Faktor in diesem Reigen, was eine zumindest etwas tröstliche Note hat. Züli Aladag hat den besten Film abgeliefert, Christian Schwochow den schwächsten. Das Nazi-Problem bleibt in Deutschland nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im Film bestehen, dafür marginalisiert man ausnahmsweise nicht die Opfer. Filmisch hätte alles noch schlimmer kommen können, doch das Gefühl bleibt, dass die Zeit noch nicht ganz reif ist, das Thema NSU sinnstiftend im Spielfilm zu behandeln. Ein interessanter, nur zu einem Drittel wirklich erfolgreicher Ansatz, der immerhin als Aufhänger für Diskussionen gut sein könnte.

Donnerstag, 29. Oktober 2015

Capsule Reviews: #horrorctober 2015




DEAD SNOW
(Død snø)
Norwegen 2009, Regie: Tommy Wirkola, Dt. Erstaufführung: 15.10.2009 (DVD-Premiere)

Nazis sind Pop. Will man das absolut Böse implizieren, eignen sie sich aus nachvollziehbaren Gründen besonders gut. Egal, wie man aus historischen und/oder ethischen Gründen dazu steht, der Marker funktioniert. Zombies geht es ähnlich als Marker der nicht diskursfähigen Entmenschlichung. So liegt die Verbindung beider Elemente eigentlich nahe – Entmenschlichung, Nazis, Zombies … es geht einfach Hand in Hand.
Der norwegische „Fun-Splatter“ Dead Snow vertraut voll und ganz auf diese Verbindung – und auf nichts Weiteres. Als hätte es als Pitch genügt, das Wort „Nazizombies“ in den Raum zu werfen, beschäftigt sich der Film ansonsten nur mit einer hanebüchenen Schatzsuche besagter Antagonisten und mit einer Leistungsschau der norwegischen Effektspezialisten. Ja, es ist angekommen, auch in Skandinavien kann man Köpfe platzen lassen und Körper zerstören. Die Charakterisierung gibt sich nicht sonderlich Mühe und dramaturgisch jagt ein Klischee das nächste. Dementsprechend ermüdend wird das Ganze auf Dauer. Dead Snow merkt man in jeder Minute an, dass er hauptsächlich für Teens und frühe Twens gedacht ist, die sich bei einem Filmabend eine gute Zeit machen wollen. Das ist sicherlich auch etwas wert, schon allein, weil der Film solche Assoziationen überhaupt weckt, aber letztlich ist Dead Snow zu sehr ein one-trick-pony, dass neben seiner Basisidee nicht so recht weiß, wie er einen involvierenden Film jenseits des wahrscheinlich angestrebten Buzz‘ in Szene setzen soll.

2/4


TRICK `R TREAT – DIE NACHT DER SCHRECKEN
(Trick `r Treat)
USA 2007, Regie: Michael Dougherty, Dt. Erstaufführung: 16.10.2009 (DVD-Premiere)

Ein Halloween-Episodenfilm klingt zunächst nach einer amüsanten Sache, suggeriert es doch – zumindest dem US-amerikanischen Publikum – quasi eine Zusammenstellung ähnlich der beliebten Halloween-Kurzfilme. Man kann sich nur vorstellen, was für eine interessante Zeit dies für junge Menschen in den USA ist, vor allem weil die Vorfreude-Generatoren Halloween und Weihnachten so nah aufeinander folgen. So schafft es Trick `r Treat zumindest, auch dem europäischen Publikum ein Gefühl für das Fest zu vermitteln – handwerklich ist es hervorragend, was Regisseur Michael Dougherty hier abliefert: von der Kameraarbeit über das Setdesign bis zur Beleuchtung strotzt der Film vor Atmosphäre. Diese Sorgfalt findet auf der inhaltlichen Ebene bestenfalls eine Entsprechung dahingehend, wie die Geschichten, die sich in der Halloweennacht in einer generischen US-Kleinstadt zutragen, verknüpft sind. Dies wird mit so viel Bedacht auf erhoffte Aha-Momente beim Zuschauer betrieben, dass die eigentlichen Geschichten ins Hintertreffen geraten. Will heißen: interessant ist es nicht wirklich, was sich hier zuträgt, zu vorhersehbar spulen sich die üblichen Stories amerikanischer urbaner Folklore ab. Die Geschichte um den verschwundenen Schulbus lässt sogar eher an eine Episode der Simpsons denken als an den Aufhänger einer Gruselgeschichte. Abgesehen davon, dass diverse Elemente nicht allzu viel Sinn ergeben (Pseudo-Vampir, anyone?) kann der Film sonst immerhin noch mit seinen Effekten punkten. Die Werwolftransformation ist ein ähnlicher WTF?-Moment wie dereinst die ungleich schockierenderen Verwandlungen in Zeit der Wölfe und auch der antagonistische Süßigkeitensammler ist für sich genommen eine gelungene Kreation. Im Großen und Ganzen aber ist Trick `r Treat ein leidlich spannendes Unterfangen, mehr an Handwerk und Aufbau interessiert als an einer sonstig involvierenden Dramaturgie. Am ärgerlichsten ist es sicherlich um das verschenkte Potenzial.

2/4

Montag, 5. Oktober 2015

Spiel oder stirb AKA Them (2006)




SPIEL ODER STIRB aka THEM
(Ils)
Frankreich/Rumänien 2006
Dt. Erstaufführung: 27.04.2007 (DVD-Premiere)
Regie: David Moreau & Xavier Palud

Eins der vielen Untergenres des Horrorfilms ist der Home-Invasion-Thriller. Wie der Name schon andeutet geht es um das Grauen, das in die eigenen, als sicher empfundenen vier Wände eindringt und mal mit mehr, mal mit weniger nachvollziehbaren Motivationen das Leben der Protagonisten bedroht. Der französische Horrorfilm neueren Datums hat ein Faible für dieses Konstrukt, sind doch gerade die Vertreter der (durchaus fragwürdigen) „New French Extremity“ wie High Tension, Inside oder Martyrs zumindest partiell Home-Invasions. Der in Deutschland holprig benannte Spiel oder stirb nimmt die funktionaleren Elemente des Subgenres und schustert sie zumindest mit kleineren Überraschungen versehen durchaus spannend zusammen. Löblich ist außerdem, dass er im Gegensatz zu seinen nationalen Verwandten auf übermäßige Gewaltexzesse verzichtet. Gorehounds werden enttäuscht, es gibt keine abgetrennte Köpfe, vivizierte Schwangere oder lebendig Gehäutete. Spiel oder stirb hat sich mehr einer bedrohlichen Atmosphäre verschrieben, die, im Gegensatz beispielsweise zum US-Pendant The Strangers, funktioniert. Letztlich fällt der Film gerade durch seine Konklusion dann aber doch in zwei Teile auseinander: in einen spannenden Thriller und in einen Film, der die tendenziell phobische Weltsicht vieler Horrorfilme geradezu genüsslich bekräftigt.

Clémentine (Olivia Bonamy) ist Französichlehrerin in Bukarest, Rumänien. Zusammen mit ihrem Freund Lucas (Michaël Cohen), einem aufstrebenden Autor, bewohnt sie ein großzügiges Anwesen vor den Toren der Stadt. Eines Abends bekommt das Paar unangemeldeten und vor allem unangenehmen Besuch: durch ihre Hoodies unkenntliche Gestalten dringen in das Haus ein und beginnen, die beiden Franzosen zu terrorisieren.

Der Plot ist, wie könnte es sein, minimalistisch wie die Inhaltsangabe. Mehr gibt es ohnehin nicht zu sagen (Spiel oder stirb leistet sich keinen aufgeblasenen Überbau wie The Purge – Die Säuberung, auch nur ein Home-Invasion-Thriller der stupideren Variante). In diesen klar definierten Grenzen schlägt sich der Film dann recht gut, weil er die Angriffe spannend inszeniert und die beiden Hauptfiguren eine gewisse Chemie vorzuweisen haben. Besonders hervorzuheben ist auch, dass Spiel oder stirb auf einen plakativen Soundtrack US-amerikanischer Manier verzichtet. Wenn Clémentine durch die noch in der Renovierung befindlichen Teile des Anwesens schleicht und einer der Aggressoren schließlich hinter ihr ins Bild gerät, plärrt kein musikalischer Stinger auf, vorher hat nicht eine bedeutungsschwangere Musik seit Minuten einen kalkulierten Schock angekündigt. Es reicht dem Film, den Zuschauer mit den Figuren in die Situation zu versetzten und setzt auf dessen Empathie, anstatt ihm ständig die Angstgefühle zu diktieren. So trägt auch die Tatsache, dass die Eindringlinge keine unverwundbaren Übermenschen sind, die bei belieben an jedem Ort auftauchen können, zur Atmosphärenbildung bei.

Spiel oder stirb ist prämissenbedingt mit einem wenig versöhnlichen Ende ausgestattet. [Es folgen Spolier] Die Aggressoren entpuppen sich als verwahrloste Kinder, die mit ihren Opfern ein nicht näher definiertes Spiel spielen und dessen Regeln von Clémentine und Lucas nicht zur Zufriedenstellung befolgt wurden, was wiederum den Terror – zumindest in den Augen der Jugendlichen – legitimiert. Dies spiegelt zum einen natürlich das ewig junge Motiv der Angst vor dem Anderen wider, vor der Unberechenbarkeit der Mitmenschen, transportiert aber auch eine gewisse xenophobische Weltsicht, in der sich Regisseure wie Eli Roth (Hostel) bestimmt wiederfinden können. Osteuropa ist wieder einmal ein Ort, an dem Menschen aus dem Westen des Kontinents sich ihres Lebens nicht sicher sein können und die Aggression wird auch noch auf die Ärmsten der Armen projiziert. „Wohlwollend“ könnte man darin eine Anklage gegen die ungleiche Verteilung von Chancen sehen, ein gewaltvolles Aufbegehren gegen Clémentine als Symbol einer Privilegierten, die anderen Privilegierten (ihren Schulkindern, die in der Hauptstadt eine umfassende Bildung genießen) die Welt näher bringt, während andere perspektivlos in den Tag (und die Nacht) hinein leben. Oder eben eine Angst vor denen, die nichts haben, ihrem (zunächst einmal unterstellten) Neid, der sich in der Logik des Horrorfilms in Gewalt manifestiert. Es ist letztlich Definitionssache, ob man Spiel oder stirb als „üblichen“ Genrevertreter ansieht, über dessen Implikationen man nicht zu sehr nachdenken soll, es bleibt aber ein eindeutiges „Geschmäckle“. So funktioniert Spiel oder stirb zwar auf der Thrillerebene sehr gut, darüber hinaus lässt er aber eine weiterreichende Auseinandersetzung, die die Prämisse hergegeben hätte, vermissen. Das Drehbuch mag auf der wahren Geschichte eines österreichischen Ehepaars beruhen, dass in ihrem Ferienhaus in Rumänien von Jugendlichen ermordet wurde, aber die komplette Weigerung, auch daraus irgendeine Art von weiterreichender Idee zu ziehen lässt den Film etwas hohler erscheinen, als er es ob der handwerklichen Qualität und der Atmosphärenbildung verdient hätte.





Montag, 18. August 2014

Terminator - Die Erlösung (2009)

TERMINATOR - DIE ERLÖSUNG
(Terminator: Salvation)

USA 2009
Regie: McG
Dt. Erstaufführung: 04.06.2009

Terminator 3 - Rebellion der Maschinen, ein ansonsten eher unwürdiges Kapitel des Franchises, endete immerhin mit der Einlösung aller Prophezeiungen und Möglichkeiten, mit denen in den vorangegangenen Filmen gespielt wurde: SkyNet, jene Bewusstsein entwickelnde Hochtechnologie, startete mit ihrem Angriff gegen die per se als Bedrohung eingestuften Menschen. Terminator - Die Erlösung ist folgerichtig der erste Teil der Reihe, der die postapokalyptische Zukunft nicht nur etwas verschämt in Rückblenden (oder sind es in diesem Fall eher Vorblenden?) abhandeln kann. Das eröffnet nicht nur neue Handlungsräume, es bringt leider auch eine gängige Ästhetisierung dieser Dystopie mit sich. Die Welt in dem von McG inszenierten Film hat kaum noch etwas mit der klaustrophobischen, von Trümmern übersäten Zukunft der James-Cameron-Filme zu tun, vielmehr ist es eine durch den Underworld-Filter gejagte Pop-Apokalypse - alles ist etwas zu schön, zu wenig dreckig und ja, auch zu wenig hoffnungslos.
Mag man mit solchen
ästhetischen Kriterien noch leben können, wiegt ein anderer Aspekt sehr viel schwerer: Die Erlösung ist der langweiligste Teil der Serie, der verzweifelt auf der Suche nach möglichen Themenvariationen ist und dabei doch dazu verdammt ist, nur das hinlänglich bekannte zu illustrieren. McGs Film gehen nicht völlig die Ideen ab, aber die standardisierte Inszenierung torpediert beständig jeglichen Spaß, den der erneute Ausflug in die Welt der Killerroboter machen könnte.
Der Untergang hat stattgefunden: die Reste der Menschheit kämpfen einen aussichtslos erscheinenden Kampf gegen die von der künstlichen Superintelligenz kontrollierten Maschinen, vor allem die humanoiden Terminatoren. Einer der Soldaten ist John Connor (Christian Bale), der unter der Bürde, der prophezeite Heilsbringer zu sein, leidet. Eines Tages taucht der mysteriöse Marcus Wright (Sam Worthington) auf, der der Schlüssel zum Rätsel sein könnte, wie John gegen alle Widerstände doch noch zum entscheidenden Faktor im Krieg gegen die Maschinenen werden könnte. Zumal SkyNet mit einem neuen Typ von Terminator experimentiert - lebendes menschliches Gewebe über einem künstlichen Innern...
Die gute Nachricht: Christian Bale ist ein sehr viel besserer John Connor als Nick Stahl. Bale kauft man ab, dass er einst der neunmalkluge Edward Furlong in Tag der Abrechnung war, außerdem macht er rein durch seine physische Präsenz eine bessere Figur in der Postapokalypse. Als Vergleich sei nur an die unfreiwillig peinlice "Vision" in Rebellion der Maschinen erinnert, die den Hänfling Stahl als Rebellenführer imaginierte. Dieser John Connor ist ein Macher, ohne Frage, aber nicht einer, dem jegliches Denk- und Einfühlungsvermögen abhanden gekommen ist. Der Widerspruch, mit dem John zu kämpfen hat, die Diskrepanz zwischen Wissen um die Zukunft bei gleichzeitiger Ahnungslosigkeit, welche Schritte denn nun konkret getan werden müssen, um genau diese Zukunft wahr werden zu lassen, gehören zu den besten Elementen in Die Erlösung.
Ein ähnlich gelagertes Dilemma möchte der Film für Sam Worthingtons Charakter kreieren. In einem anderen Film wäre dies eine potente Sache gewesen, im Kontext der Terminator-Filme wirkt es erneut wie eine etwas bemühte Suche nach einer Innovation. Marcus ist ein zwar durchaus interessanter, aber auch letztlich unlogischer Schritt in der Mythologie der Serie, ein Vehikel, um einmal mehr die Überlegenheit menschlicher Emotionen gegenüber kalter Maschinenlogik zu demonstrieren. Denn, so erzählt es uns der Film: Marcus ist ein Cyborg, der nicht weiß, dass er einer ist, eine Infiltrationseinheit, die nicht weiß, dass sie spioniert. Diese Prämisse hat in sich ein Potenzial, dass Philipp K. Dick stolz machen würde, im Rahmen der Terminator-Reihe fragt man sich ständig, ob die Entwicklung von Arnold-Schwarzenegger-Modellen (der hier nur als digitaler Klon auftritt) danach nicht ein Rückschritt ist.
Doch, auch dass muss man anmerken, für solche Überlegungen interessiert sich der Film weniger, ihm geht es vielmehr um den ständigen Nachschub an Aha!-Momenten, die den aufmerksamen Zuschauer aber kaum überraschen können. Dabei rackert sich
Die Erlösung durchaus damit ab, die Kontinuität einigermaßen aufrecht zu halten und vor allem das Zusammentreffen mit dem jungen Kyle Reese und seinem älteren Sohn John ist eine Perle für sich.
So hangelt sich Die Erlösung nur von Showact zu Showact, inszenatorisch auf solidem, aber eben auch arg durchschnittlichem Niveau. McG gelingt es nicht, eine involvierende Atmosphäre zu generieren, geschweige denn die Terminator-Mythologie so weit zu ergänzen, dass es über den Moment hinaus Bestand hätte. Die Konstruktion ist wacklig wie ein Kartenhaus, viel zu filigran, um ein Schwergewicht wie dieses Franchise zu tragen. War bereits Rebellion der Maschinen ein deutlicher Rückschritt gegenüber den sorgfältigen und vor allem schlicht aufregenden Cameron-Filmen, unterbietet Die Erlösung seinen enttäuschenden Vorgänger nochmals. Es gibt immer noch ein paar interessante Ideen und einen zumindest erkennbaren Willen, die Reihe nicht gänzlich ad absurdum zu führen, aber am Ende des Tages ist der vierte Teil der Saga ein 08/15-Actionfilm der neueren Spielart, visuell und inszenatorisch austauschbar und dementsprechend mau. Die Erlösung hätte wohl noch sehr viel schlechter ausfallen können. Nur bedauerlicherweise auch sehr viel besser.