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Freitag, 8. April 2016

Mitten in Deutschland: NSU (2016)



MITTEN IN DEUTSCHLAND: NSU
Deutschland 2016
Dt. Erstaufführung: 30.03./04.04/06.04.2016 (TV-Filme)
Regie: Christian Schwochow/Züli Aladag/Florian Cossen

(Die folgenden Kurzbesprechungen zu den drei Filmen der Reihe Mitten in Deutschland: NSU wurden vorab auf letterboxd veröffentlicht.)


DIE TÄTER - HEUTE IST NICHT ALLE TAGE

Der erste von drei Filmen über den rechtsextremen Terror, der 2011 als sogenannter „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) bekannt wurde, ist gleich ein großer Griff ins Leere. Angefangen mit der fragwürdigen formalen Entscheidung, den Reigen mit den Tätern zu beginnen, bietet der Film darüber hinaus nicht viel mehr als das übliche rechte Gruselkino á la „Kriegerin“. Eine fahrige Wackelkamera soll Authenzität vermitteln, wenn das Nazitrio Stichworte abfeuert, sich immer wieder von völkischer Musik aufgeilen lässt oder – daran haben Neonazifilme augenscheinlich ein besonderes Interesse – unfotogenen Sex hat. Dabei ist der Film gar nicht an irgendetwas jenseits des altbekannten interessiert. Da er gleich zu Beginn klar macht, sich sehr viel mehr als Spielfilm denn als dokumentarisch angehauchte Aufarbeitung zu verstehen, erzählt er spekulatives über das arme, schlichte, verführte Mädchen Beate Zschäpe, die in den Wirren der Wendezeit an die falschen Typen gerät und eigentlich mal eher politisch links zu verorten war. Da Zschäpe, wie es sich für eine 08/15-Dramaturgie gehört, als menschlicher Ankerpunkt für den Zuschauer fungiert, redet der Film, bei aller Drastik einzelner Szenen (episodenhaft werden Mütter mit Babys bedroht, Fußgelenke gebrochen und Zähne ausgeschlagen), rechte Gesinnung ein Stück weit klein - die beiden dumpfen Uwes als die Verführer.

Der Film mag ja laut Aussagen von Szeneaussteigern den Weg ins rechtsextreme Milieu recht akkurat darstellen, aber eben weil der Film so sehr Spielfilm ist, oft geradezu in den Darstellungen angespannter Körper schwelgt, offenbart er auch, dass seine Zeit noch nicht gekommen ist. Wer exemplarisch den Weg in eine mörderische, rassistische Gesellschaft zeigen will, der wäre hier mit einem gänzlich fiktiven Werk wohl besser aufgehoben. So werden Vermutungen und Spekulationen, die eigentlich erst im noch laufenden Verfahren gegen Zschäpe aufgearbeitet werden sollen, durch die Macht des Films zu Wahrheiten. Die Täter – Heute ist nicht alle Tage spielt damit auch der Überlebenden des Trios in die Hände, die sich den medialen Sexismus ja schon zunutze machte und sich selbst als „armes Frauchen“ stilisierte. Die richtig Schlimmen, dass sind immer die Anderen. Der Film ist, obwohl die öffentlich-rechtlichen Sender auch schon differenzierte Dokus zu dem Thema produziert haben, ein Zugeständnis an ein unterstelltes Zuschauerinteresse, dass Geschichte nur in fiktionalisierter Form goutieren kann und will. Quintessenz: der NSU ist (noch) in Dokumentationen besser aufgehoben, Rechtsextremismus im Film sollte sich von der Legitimation durch derartige reale Ereignisse ein Stück weit emanzipieren – Strukturen und Mechanismen lassen sich genauso gut offenlegen, wenn man sich nicht aus einem wie auch immer gearteten Realitätsanspruchs der Namen realer Täter bedient.
So gibt es in „Die Täter“ denn auch lediglich eine Sequenz, die auf eine Kraft hindeutet, die ihm durch solch eine Loslösung hätte gegeben werden können: als im Fernsehen über die Einschränkung des Asylrechts von staatlicher Seite gesprochen wird, sind die Neonazis begeistert: „Genau unsere Worte!“ Zu Zeiten, in denen Rechtspopulisten und Rechtsextreme in ganz Europa einen ungesunden Zulauf erleben, hätte ein Film mit diesem Sujet durch solche Szenen mehr erreichen können als durch das episodische Abspielen von widerwärtigen Taten, ausgeübt von widerwärtigen Menschen.





DIE OPFER – VERGESST MICH NICHT

Der zweite Teil der Trilogie Mitten in Deutschland: NSU über die Gräueltaten des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ ist eine einzige Entschuldigung für den fehlenden Fokus des ersten Teils über die Täter, schon allein weil er die lange Zeit marginalisierte und kriminalisierte Seite der Opfer erzählt. Mit einer beängstigenden Beiläufigkeit fallen Urteile wie „Aufenthalt in den Niederlanden = Drogenhandel“ oder Nebensätze wie „Ohne Hakenkreuze keine Nazis“, die eine rassistisch geprägte Engstirnigkeit der Behörden offenbart, die das dadurch verursachte Leid der Familien mit einer für einen ARD-Film doch beachtliche Intensität erfahrbar macht. Die Opfer macht wütend, so einfach ist es.
Exemplarisch an der Familie des ersten Mordopfers, des Blumenhändlers Enver Simsek, erzählt, schildert der Film lange Jahre der Verdächtigungen, Anschuldigungen, geradezu monströsen Manipulationsversuchen und einem nie plakativ werdenden Abfall vom Glauben an die deutschen Behörden. Die am Ende geäußerte Entschuldigung eines gegen Windmühlen kämpfenden Mitarbeiters wirkt an diesem Punkt wie ein denkbar schwacher Trost. Es ist ein Kampf Davids gegen Goliath, obwohl Goliath doch eigentlich zum Schutz dieses Davids da sein sollte.

Filmisch mitunter auch etwas zu sehr auf eine pseudo-authentische Wackelkamera setzend und an einer entscheidenden Stelle eine unpassenden Schnitt setzend (vgl. Blood Diamond) inszeniert Regisseur Züli Aladag aber insgesamt konzentriert, emotional ohne ins melodramatische abzudriften und weiß vor allem seine engagierten Darsteller gut in Szene zu setzen. Vor allem Almila Bagriacik ist großartig in ihrem ewigen Wechsel – mal spaßige Schwester, mal emotionaler Punchingbag für die Mutter, mal großartig selbstbewusst („Sprechen Sie deutsch?“ – Natürlich. Sie auch?“), mal so am Rande des Zusammenbruchs, als wäre der Zuschauer mit ihr in einem Raum, inmitten der Situation.

Die Opfer ist ein hervorragender Film, der das Spielfilmformat auch sehr viel sinnvoller zu nutzen weiß als Die Täter. Während der eine nichts über die Mechanismen des Hasses erzählen kann, erzählt der andere alles über die Mechanismen der Trauer und des Verlustes. Es ist ein respektvoller Film (erwähnenswert ist auch, dass er nicht alle Passagen in türkischer Sprache untertitelt – Familienalltag ähnelt sich doch überall frappierend und bedarf keiner Übersetzung), sehr viel besser als man erhoffen durfte. Er stellt den kalten Fakten und auch dem kalten Hass etwas entgegen, dass allzu oft in Geschrei, Hysterie und Angst untergeht: menschliche Empathie.





DIE ERMITTLER – NUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH

Als Abschluss der Spielfilmbearbeitung der NSU-Morde steht Die Ermittler, ähnlich wie die involvierten Protagonisten, zwischen den Stühlen. Er ist nicht so nichtssagend wie Die Täter, aber auch bei weitem nicht so involvierend wie Die Opfer. Er besitzt die der Thematik angemessene Konzentration, verfängt sich aber filmisch immer wieder in allzu plakative Stilgriffe, dem „provozierenden“ Blickes Beate Zschäpes direkt in die Kamera von Die Täter nicht unähnlich. Dialoge wirken hölzern, die Verknüpfung mit lyrischem Kulturgut arg bemüht, die dramaturgische Entscheidung, einen Teil des Films quasi in einem „exposition dialogue“ Revue passieren zu lassen, holprig.
Von großer Schlagkraft ist aber auch hier die Beiläufigkeit, mit der Ungeheuerlichkeiten illustriert werden: der Tatort, der willentlich so rüde behandelt wird, dass er zu nichts mehr zu gebrauchen ist, die Vernichtung von Akten in trostlosen Kellerräumen, die Verbindung von Staatsschutz und Neonazis. Vieles wirkt zwar wie eine Degeto-Version eines Agententhrillers, eine filmische Entsprechung einer Fleißarbeit, der die persönliche Nähe von Die Opfer abgeht, doch wenn am Ende ein Zeuge auf mysteriöse Weise stirbt weist der Film auch darauf hin, dass er zum jetzigen Zeitpunkt wohl nur der fragmentarischste Beitrag zur Trilogie sein kann.
Hass ist ebenso real wie Trauer, das kolossale Versagen der Behörden dürfte durch eine geschickte Verschleierungstaktik wohl noch lange auf eine vollständige Aufarbeitung warten müssen – wenn sie denn jemals gänzlich zu Ende geführt werden kann.
Die Ermittler ist trotz der Brisanz seines Sujets, trotz Ausbrüchen von Nazigewalt und einigen Einstellungen, die einen gewissen Kunstwillen erkennen lassen (der Ausflug in die Welt von Eyes Wide Shut muss dennoch als nicht gänzlich gelungen bewertet werden), der nüchternste Film der Reihe. Zwischen den anderen Teilen, zwischen völkischem Gruselkabinett und menschlicher Aufrichtigkeit, versucht er sich an einer Objektivität, die in ihrer Gänze einerseits durch das laufende Verfahren noch nicht hergestellt werden, zum anderen wohl erst danach einen Spielfilm dieses Kalibers entstehen lassen kann. Die Ermittler – Nur für den Dienstgebrauch ist ein Justizthriller, dessen Verhandlungspunkt gerade noch von der Justiz mühsam bearbeitet wird. Es wird spannend sein, ihn in vielleicht zehn, zwanzig Jahren noch einmal herauszukramen.





Abschließende Gedanken zur gesamten Trilogie: Gut gemeint und zumindest partiell gut gemacht. Am Ende erweist sich die Menschlichkeit als der stärkste Faktor in diesem Reigen, was eine zumindest etwas tröstliche Note hat. Züli Aladag hat den besten Film abgeliefert, Christian Schwochow den schwächsten. Das Nazi-Problem bleibt in Deutschland nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im Film bestehen, dafür marginalisiert man ausnahmsweise nicht die Opfer. Filmisch hätte alles noch schlimmer kommen können, doch das Gefühl bleibt, dass die Zeit noch nicht ganz reif ist, das Thema NSU sinnstiftend im Spielfilm zu behandeln. Ein interessanter, nur zu einem Drittel wirklich erfolgreicher Ansatz, der immerhin als Aufhänger für Diskussionen gut sein könnte.

Montag, 15. Februar 2016

It Follows (2014)




IT FOLLOWS
USA 2014
Dt. Erstaufführung: 09.07.2015
Regie: David Robert Mitchell

Jugendliche haben es nicht leicht, besonders in Horrorfilmen. Sobald die Libido erwacht und den Körper mit Hormonen überflutet, die dann nur noch „das Eine“ suggerieren, führt das hemmungslose Nachkommen dieser Triebe meist zu einem schnellen Ableben. Nur wer keusch und in einem puritanischen Sinne „rein“ bleibt (dass das Überleben meist nur durch Gewaltanwendung möglich ist, eröffnet darüber hinaus einen Diskurs über eine Gesellschaft, in der Sex verpönt ist, Gewalt aber in all ihren Spielarten weniger Protest auslöst) hat die Chance auf ein Happy End. So weit, so konservativ. It Follows belegt nun den Geschlechtsakt an sich mit einem – nicht nur im übertragenden Sinne – Fluch. Es ist nicht mehr die ekstatische Unaufmerksamkeit, die es dem maskierten Killer ermöglicht, sich anzuschleichen, sonder im Akt selbst liegt gleichermaßen der Auslöser wie die Lösung für die Probleme der Protagonisten. „Der kleine Tod“ bekommt hier eine ganz neue Intention. Das ist nun ähnlich altbacken wie die Moral des Slasherfilms (wer keinen Sex hat, hat auch keine Probleme) und die Interpretationsmöglichkeiten liegen auf der Hand (sexuell übertragbare Krankheiten als offensichtlichstes Beispiel), aber als Horrorfilm, vor allem als überdeutliche Hommage an John Carpenter, funktioniert It Follows doch ziemlich gut. Und das ist viel gesagt, wenn sogar der Regisseur selbst zugibt, dass sich die Prämisse des Films laut ausgesprochen ziemlich hanebüchen anhört.

In einem Vorort von Detroit schläft die junge Jay (Maika Monroe) zum ersten Mal mit ihrem Freund Hugh (Jake Weary). Das Stelldichein nimmt ein jähes Ende, als er sie zuerst mit Chloroform betäubt, um ihr dann zu eröffnen, dass er sie mit etwas angesteckt hat. Nein, nicht mit einem Genitalpilz oder ähnlichem, sondern mit einer mörderischen Entität, einem Wesen, das sie nun verfolgen wird und dabei jede menschliche Gestalt annehmen kann. Es wird nicht eher ruhen, bis es sie erwischt und getötet hat, es sei denn, sie schläft mit jemand anderem und gibt so den Fluch weiter. Zunächst schenkt Jay dem Gesagten keinen rechten Glauben, doch als sie zusehends von Menschen verfolgt wird, die augenscheinlich nur sie sehen kann, bewahrheitet sich Hughs Prognose. Zunächst versucht Jay, eine andere Lösung für das Problem zu finden, auch, weil wenn derjenige, an den sie den Fluch weitergibt, von dem Wesen getötet wird, es wieder Jagd auf sie machen würde. Doch das Ding ohne Namen lässt sich nicht abschütteln und Jays Leben wird immer mehr zu einer Dauertortour.

It Follows hat den genreüblichen lustfeindlichen Ansatz, der sich allerdings nicht auf die Angstlust bezieht. Will meinen: der von David Robert Mitchell inszenierte Film ist ziemlich spannend geraten. Dank der unbehaglichen Atmosphäre, der suggestiven Kameraarbeit und der (zugegebermaßen mitunter etwas plakativ eingesetzten) Musik verbunden mit dem Auftreten des Wesens, dass gleichermaßen ruhig wie unaufhaltsam daherkommt, gelingt es It Follows, selbst dem versierten Genrefan noch den ein oder anderen Schreckensmoment abzutrotzen. Manchmal kann  sich Mitchell nicht zurückhalten (am Strand, wenn das Wesen kurz in den Modus des handelsüblichen Kinodämonen zurückfällt) und frei von Albernheiten (die High Heels des „opening kills“, die Jurassic World stolz machen) und groben Schnitten (die Sequenz im Schwimmbad hat keine sinnige Konklusion) ist sein Film auch nicht, aber auch dank der natürlich agierenden Darsteller gleitet It Follows nie in Gefilde ab, in denen man vollkommen aus der Geschichte katapultiert wird.

Dabei gibt es genügend Dinge, über die man nachgrübeln könnte. Der Film zeigt ausschließlich heterosexuelle Begegnungen. Heißt das, Homosexuelle sind vor dem Dämon sicher? Muss es ungeschützter Verkehr sein oder kann das Wesen Kondome und Pille umgehen? Gilt nur Penetration oder lässt das Ding auch beispielsweise Oralsex durchgehen? Fragen über Fragen … Immerhin lässt der Film die Frage nach dem Warum nicht unbeantwortet. Die Entität beraubt ihre Opfer, wenn sie sie einmal erreicht hat, deren – man muss es wohl so nennen – Lebensenergie und wird so zu einer modernen Interpretation des Sukkubus/Inkubus-Glaubens, jenen verführerischen Wesen, die seit jeher dem Menschen nachstellen. Eine sinnige Motivation ist ja heutzutage auch für außerweltliche Wesen von Belang. Und ist es Zufall, dass ein solches Etwas sein Unwesen nahe Detroit treibt, einer sich immer wieder am Abgrund befindlichen Stadt, in der kaum etwas sicher ist, weder die öffentliche Ordnung noch die ökonomische Existenz? Warum sollte es also der Sex sein? Neben der Angst vor Krankheiten (der Film lässt auf brillante Art den Handlungszeitraum im vagen, was zu einer universellen Anwendbarkeit führt) ist das Wesen als personifizierte Zukunftsangst (in diesem Kontext macht auch die anhaltende Gestaltwandlung durchaus Sinn – Teenagerprobleme sind nie gleich und wechseln ständig) sicherlich eine der interessantesten Lesarten.

In einer Zeit, in der der Vergangenheitsbezug zum Grundrepertoire gehört und die mediale Kindheit und Jugend der in den 1970ern/1980ern geborenen einer fortwährenden Revitalisierung unterliegt ist It Follows sicherlich eins der besten Beispiele, wie man eine Hommage generieren kann, ohne die eigene Identität vollkommen dranzugeben. John Carpenter ist allgegenwärtig, doch sklavisch kopiert wird er nie. Vielmehr dient sein Oeuvre (zumindest jenes bis Mitte der 80er Jahre) als Ankerpunkt, um eine neue Generation möglichst so zu schocken, wie es wohl Filme wie Halloween – Die Nacht des Grauens anno 1978 getan haben. Das Ergebnis ist ein gradliniger Horrorfilm, dessen Gerüst einer genaueren Prüfung zwar nicht standhält, der aber bessere Genreunterhaltung bietet, als es die Prämisse „Sexuell übertragbarer Dämon“ eigentlich zulassen dürfte. Nicht so durchdacht wie der andere große Horrorfilm des Jahres 2015, Der Babadook, wohl aber effektiv genug, um für Unbehagen in finsteren Korridoren zu sorgen.




Dienstag, 2. Februar 2016

The Hateful Eight (2015)




THE HATEFUL EIGHT
USA 2015
Dt. Erstaufführung: 28.01.2016
Regie: Quentin Tarantino

ACHTUNG! Die folgende Besprechung enthält Details zum Handlungsverlauf, die einem „unbefleckten“ Filmgenuss im Wege stehen könnten.

Das Brettspiel Schiffe versenken hat es schon hinter sich, ebenso diverse Konsolenspiele wie Mortal Kombat oder Super Mario Bros.; der Klassiker Tetris noch vor sich und wann es einen Film geben wird, in dessen Credits „Basierend auf dem Spiel Monopoly“ oder ähnliches stehen wird, ist eigentlich nur eine Frage der Zeit. Nun reiht sich auch Quentin Tarantino in diesen Reigen ein und präsentiert seine Verfilmung des höchst unterhaltsamen Krimispiels Cluedo. Oder so ähnlich. Denn die Dramaturgie des über 2 ½ Stunden langen Werkes (in der „Road Show“-Variante sogar über drei Stunden) erinnert doch stark an die auf dem Spielbrett stattfindende Jagd nach Hinweisen und Verdächtigen. War es der Mexikaner mit dem Revolver in der Südseite der Hütte oder der angehende Sheriff mit Gift in der Nordseite? Das „muder mystery“ ist aber nur Vorwand für eine Tarantino typische Eskapade, die sich stellenweise wie eine Ergänzung und Quasi-Fortsetzung zum letzten Film Django Unchained anfühlt. Unterhaltsam ist das Ganze unbestreitbar, technisch gewohnt virtuos, liebevoll ausgestattet und weitestgehend flott inszeniert. Es fehlt jedoch der letzte Schliff, das Novum, dass den Film von den anderen Werken des Regisseurs unterscheidet. Gerade im Hinblick auf Django wirkt The Hateful Eight ein wenig wie recycelt und auch wenn sich die beiden Streifen stilistisch und inhaltlich gut ergänzen, geht The Hateful Eight irgendwann schlicht die Puste aus. Ein nur guter anstatt grandioser Tarantino-Film ist zwar immer noch besser als die meisten anderen Filme namenhafter Regisseure, aber es schleicht sich der Gedanke ein, dass er den Western fortan meiden sollte. Es ist alles erzählt (außer vielleicht eine Rache-Geschichte eines Ureinwohners, aber das wäre dann wohl auch zu nah an Django Unchained), zumal Tarantino hier kein Genre-bending betreibt, sondern einen ziemlich gradlinigen Western inszeniert. Kein komplettes Bingo.

Einige Jahre nach dem US-Bürgerkrieg kreuzen sich die Wege von Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) und John Ruth (Kurt Russell), ihres Zeichens beide Kopfgeldjäger. Ruth hat Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) im Schlepptau, die der in der nächsten Stadt, Red Rock, an den Galgen bringen will, während der Major die Prämie für seine „erlegte Beute“ kassieren möchte. Zusammen mit dem Kutscher O.B. (James Parks) und dem ebenfalls aufgelesenen zukünftigen Sheriff von Red Rock, Chris Mannix (Walton Goggins), suchen sie Schutz vor eine herannahenden Schneesturm in „Minnies Miederwarenladen“, einer heimeligen Mischung aus Verkaufsraum und „Truck Stop“. Dort treffen sie auf Bob (Demian Bichir), der Minnies Laden in ihrer Abwesenheit führt, sowie eine weitere Gruppe Gestrandeter: den ehemaligen Südstaatengeneral Sandy Smithers (Bruce Dern), der auf der Suche nach seinem Sohn ist, der aus englischen Gefilden stammende angehende Henker von Red Rock, Oswaldo Mobray (Tim Roth in einer Rolle, die offensichtlich eigentlich für Christoph Waltz bestimmt war), sowie den schweigsamen Cowboy Joe Gage (Michael Madsen), der auf dem Weg zu seiner Mutter ist. Zeitnah äußert Ruth den Verdacht, dass einer der Anwesenden mit Domergue mit der Absicht unter einer Decke stecken könnte, sie zu befreien. In der zunehmend paranoiden Atmosphäre, die auch durch den schwellenden Rassismus Major Warren gegenüber nicht besser wird, entwickelt sich ein Verdacht nach dem Anderen, bis eine Entladung unvermeidlich ist …

Die Prämisse und vor allem das Setting von The Hateful Eight hätten etwas hergegeben, dass an Spannung nicht zu überbieten gewesen wäre: eine lange Variante der Eröffnungssequenz aus Inglorious Basterds oder des Dinners an Cotton Candys Tisch in Django Unchained. Menschen, um deren Verkommenheit man weiß, halten sich so lange durch schnippische Dialoge und Suggestionen in Schach, bis die Situation eskaliert, während der Zuschauer nervös auf seinem Sitz herumrutscht. Man weiß, dass etwas kommen wird, nur das Wann und Wie sind noch unsichere Parameter. Diese Verheißung löst der Film nicht ein, weil er einige Dinge beginnt, ohne sie zu beenden (die Verbindungsschnüre zwischen Abort, Hütte und Pferdestall beispielsweise, die suggestiv in Szene gesetzt werden, ohne dass ihnen danach noch eine dramaturgische Relevanz zugesprochen wird) und recht schnell zu dem Kern des Geschehens kommt. Kugeln fliegen nicht erst nach einem zweistündigen Psychoduell und ein bisschen wirkt der Film, als ob er damit nicht nur rein bildlich zu früh zum Schuss kommt.
Dieser Umstand ist insofern keine völlige Katastrophe, weil die Tarantino-typischen Dialoge diesmal einen redundanten Spin erfahren. Zu oft reden verschiedene Figuren über den gleichen Inhalt und die Ergebnisse sind zu ähnlich, als dass es als gelungenes Stilmittel durchgehen könnte. Man hört es sich immer noch weitestgehend gerne an, was der Autor seinen Protagonisten in den Mund legt, ist aber nicht so gefesselt wie bei den früheren Filmen. Auch hier gilt die Devise „gut, nicht grandios“.

Was man The Hateful Eight allerdings zugutehalten muss, ist seine süffisante Art, mit einem Genre der Vergangenheit (jeder neue Western ist eine Erwähnung wert, weil es nicht mehr so viele von ihnen gibt wie dereinst) die partielle Auflösung der Gesellschaft in der Gegenwart zu thematisieren. Unverhohlen unsubtil macht Tarantino deutlich, um was es geht: um die Gewalt in der US-amerikanischen Gesellschaft, die nach Ethnien und Klassen unterschiedlich zum Ausbruch kommt und immer noch von tiefem Misstrauen und blankem Rassismus durchzogen wird (eine Diagnose, die auch auf Deutschland und wahrscheinlich jedes andere Land der Welt ebenfalls anwendbar ist). „Der Schwarze ist erst sicher, wenn die Weißen entwaffnet sind“, lässt Jacksons Major verlauten, woraufhin der durch und durch rassistische Südstaatengeneral „Die Weißen sind sicher, wenn die Schwarzen in Angst leben“ erwidert. Eine der Kapitelüberschriften im Film lautet „Schwarzer Mann, weiße Hölle“ und die Hütte wird sehr schnell zu einem Abbild des damaligen (immer noch aktuellen?) US-Amerikas, indem man sie in einen Nord- und einen Südteil entzweit, mit klaren Fronten und politischen Ansichten.
Am eindeutigsten aber wird The Hateful Eight, wenn es darum geht, die Vorgeschichte von Daisy Domergues geplanter Befreiung zu erzählen. Domergues Komplizen bemächtigen sich Minnies Laden und töten alle Anwesenden, eine fröhliche und freundliche Mischung aus schwarzen wie weißen Menschen, in der Sympathien und auch die Liebe nicht entlang ethnischer „Grenzen“ verlaufen. Es ist ein Mini-Utopia, nicht nur für die Zeit, sondern auch für heutige (westliche) Gesellschaften, in denen Diversität etwas ist, dass von manchen Stellen als durch und durch angriffswürdig angesehen wird. Die Idylle wird von rücksichtslosen, rassistischen Mördern zerstört, die eine ihrer Führerfiguren befreien wollen. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Der Auslöschung von Gesellschaft kann nur ihr Wiederaufbau folgen, auch bei Tarantino. Doch er wäre nicht der Regisseur, der er ist, wenn dies nicht einen ebenso gewalttätigen Ausgang hätte. Am Ende lässt sich The Hateful Eight wie eine Legitimation der Todesstrafe lesen: „Richtig miese Verbrecher muss man hängen.“ Wer Gemeinschaft zerstört, wird durch sie bestraft, notfalls auch mit dem Tode. Das ist im Kontext des Films eine nur allzu verständliche Reaktion, schließlich ist Domergue nicht wirklich eine Sympathieträgerin und Anlass für all die Grausamkeiten in Minnies Laden, bedient sie aber auch die (zweifellos primitiven) Rachegelüste des Publikums. Aber das „Geschmäckle“ wird auch nicht dadurch weniger, dass die Exekution vom Major und dem sich aus dem vorbelasteten Schatten seines Vaters emanzipierten Sheriff durchgeführt wird. Schwarz und Weiß arbeiten zusammen, um das Böse zu stoppen. Ein schönes Topos, allerdings auch noch pointierter in Django Unchained durchexerziert. Staatliche Gewalt, die The Hateful Eight durchaus als legitimiert ansieht, unterliegt so auch einer gewissen Willkür, einem „grundamerikanischen“ Gedanken von der Rechtmäßigkeit, in der Exekutive das Ableben von anderen Menschen anzuordnen. Will man als Zuschauer, dass Domergue aus der Hütte entkommt? Wohl kaum. Aber die Art, wie mit dem finalen Dilemma umgegangen wird – auch wenn es ebenso für die restlichen Figuren kein Happy End bei bester Gesundheit bedeutet – hinterlässt doch Kratzer. Die alternative Geschichtsschreibung der vorangegangenen Filme wird durch eine Empfehlung ersetzt, Feuer auf jeden Fall mit Feuer zu bekämpfen. Gerade als Follow-Up zu Django ist das eine Herangehensweise, die es sich etwas zu einfach macht. Und damit sind auch gar nicht die Gewaltanwendungen an sich gemeint, denn dieser Diskurs („Ist die Gewalt zum Selbtszweck verkommen?“) wird bei jedem Tarantino-Film von neuem aufgezogen.

The Hateful Eight, eine Zitatemaschine und übliche Meta-Angelegenheit (schon allein, weil es nicht acht, sondern neun Personen sind, die zusammentreffen – einerseits ein Verweis auf John Fords Höllenritt nach Santa Fé, andererseits, in Anspielung auf die Tagline „Der achte Film von Quentin Tarantino“, eine Kopfbewegung in Richtung Kill Bill, der ja eigentlich aus zwei Filmen besteht) ist sicher nicht Tarantinos bester Film, zu sehr wiederholt er sich in den Dialogen, zu löcherig kommt die Katharsis daher. Es ist immer noch ein Film, der trotz der enormen Laufzeit nicht langweilt (obwohl man ohne Probleme die Schere hie und da hätte ansetzen können), ein spielfreudiges Ensemble vereint und technisch auf einem so hohem Niveau ist, dass man schon allein deshalb mitunter diebisch grinsen muss. Ob der Appell, die Gesellschaft nicht durch Hass zerfressen zu lassen, ankommt, wird wohl die Zeit verneinen müssen. Am Ende des Tages ist es ein Western, der auf seltsame Weise einen lakonischen Pessimismus mit einem kleinen, aber aufrichtigen Maß Optimismus mixt. Als Film „nur“ im oberen Mittelfeld, wird er dennoch Diskussionen, nicht nur unter Filmfans, anregen, über deren Ausgang, wie gesagt, nur spekuliert werden kann. The Hateful Eight hassen, was das Zeug hält und es ist an uns, ob wir uns ihrem Hass ergeben oder wir versuchen, ihm zu widerstehen.