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Sonntag, 25. September 2016

Wintergast (2015)




WINTERGAST
Schweiz 2015
Dt. Erstaufführung: 21.01.2016
Regie: Matthias Günter und Andy Herzog

ACHTUNG! Die folgende Besprechung diskutiert das Ende des Films mit einigen Details, die manche wohl als „Spoiler“ ansehen würden.

Cineasten beschwören es ja immer wieder: großartige Filme findet man häufig eher in den Nischen und weniger im Multiplex. Kaum ein anderer Film in diesem Jahr zeigt dies so gut wie Wintergast, eine kleine Produktion aus der Schweiz, die dank Untertiteln und den monochrom gehaltenen Bildern gleich zwei „Hürden“ für den Massenmarkt anbietet. Doch Wintergast ist auch eine präzise beobachtete Studie über die Schwierigkeiten des kreativen Schaffensprozess und die mit ihm kollidierenden diffusen Lebensziele, ohne dabei in schale Hipster-Posen abzugleiten - quasi eine europäische Version von Frances Ha ohne die enervierenden Elemente.

Stefan Keller (Andy Herzog) hat vor sieben Jahren einen vielbeachteten Kurzfilm gedreht und wurde mit Preisen geehrt. Eine begeisterte Produzentin (Susann Rüdlinger) bot ihm sogleich aufgrund einer Grundprämisse für einen Spielfilm einen Vertrag an. Sieben Jahre später steht die Deadline vor der Tür und das Treatment für den Film über vertauschte Koffer ist immer noch nicht fertig. Im Grunde hat Stefan in all den Jahren nichts weiter als den ersten Satz zu Papier bringen können. Ein One-Hit-Wonder also, dessen Freundin eine Auszeit verlangt, weil sie sich darüber klar werden muss, ob sie mit ihm ein Kind haben soll. Aus finanzieller Not (denn auch seine Eltern haben kein Interesse mehr daran, den 39-jährigen durchzufüttern) nimmt Stefan einen Job als Jugendherbergentester an. Jetzt, im Winter, ist er oft der einzige Gast und auch aus der erhofften Muße für sein Script wird nichts – und der Abgabetermin lässt sich mit Notlügen auch nicht ewig weiter aufschieben.

Jeder, der schon einmal regelmäßig kreativ tätig war (oder es beruflich oder ausbildungsbedingt sogar sein musste), kennt sicherlich das Vakuum, welches sich mitunter auftun kann. Ideen wollen nicht reifen, die Arbeit stockt, der Blick verengt sich, triviale Ablenkungen werden nur allzu gern angenommen – morgen ist ja auch noch ein Tag. Wintergast weiß diesen Zustand unaufgeregt zu schildern und schafft es dennoch, so etwas wie innere Anspannung zu generieren. Somit wird der Film für Menschen, die diesen Zustand kennen, wohl besser funktionieren als für jene, denen er weitestgehend fremd ist, auch wenn Wintergast durch seine unaufdringlich-involvierende Art eigentlich jedwedes Publikum ansprechen sollte.

Dabei löst Wintergast auch das gerade durch Filme verbreitete Mantra des unbedingten Erfolges auf. Anders als in der Wunschvorstellung führt eben nicht jeder Weg genau zu dem Ziel, dass man vielleicht anstrebt. Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne machst? Definitiv. Am Ende hat Stefan Keller ein augenscheinlich gutes Werk abgeliefert, zumindest hat er es sich im wahrsten Sinne von der Seele geschrieben, die brach liegende Kreativität hat durch die nicht immer angenehme Realität einen Katalysator bekommen, der die seit sieben Jahren dahinsiechende Idee des abstrakten Konzeptes Koffertausch dahin fegt – und dann scheitert es an den Vorstellungen des „Marktes“ in Person von Stefans Produzentin. Erfreulich? Wohl kaum, aber nicht nur Keller sondern auch das Publikum muss im Laufe des Films erkennen, dass die durch einen sicherlich verdienten Erfolg angestrebte Karriere vielleicht nichts für ihn ist. Talent ist das eine, Durchsetzungsvermögen, auch gegenüber dem eigenen Selbst, etwas anderes.

Dementsprechend ist das Ende auch nicht so nüchtern, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Stefan Keller ist kein Regisseur, aber er hat einen Job, der ihn erdet und der ihm genügend Raum gibt, etwaige weitere Schritte sorgfältiger zu planen. Und an der Beziehungsfront offeriert der Film auch noch einen kleinen Hinweis auf einen möglichen Neuanfang. So ist Wintergast kein Film darüber, dass man seine Träume aufgeben soll (wie er sicherlich von manchen auch gelesen werden könnte), sondern eher ein gutgemeinter Vorschlag, nicht ausschließlich in Luftschlössern zu leben. Das mag manchem wie der joviale Rat eines Erziehungsberechtigten an einen bockigen Teenager erscheinen, aber ist das so weit ab von der Realität? Auch wenn sie immer weiter hinausgezögert wird, die Jugend mit all ihren mitunter radikalen Idealen endet irgendwann. Allen Unkenrufen zum Trotz ist dies keine Assimilierung in „bürgerliche Werte“ sondern ein Entwicklungsprozess, der nicht automatisch bedeutet, zu einer leeren Hülle seines Selbst zu werden. Keller ist 39 und bereit, Erwachsen zu werden. Was das im Einzelnen bedeutet, ist dann ja immer noch jedem selbst überlassen.

So wird Herzogs/Günters Werk zu einem Film über das Leben, die Veränderungen und wie Widerstand gegen diese nur zu Lähmungen führt, die ihrerseits ein aktives Gestalten verhindern – also ein vielseitig interpretierbares Konzept. Wintergast ist großes kleines Kino.





Samstag, 28. Mai 2016

The Witch - Eine Volkssage aus Neuengland (2015)




THE WITCH – EINE VOLKSSAGE AUS NEUENGLAND
(The Witch: A New England Folktale)
USA 2015
Dt. Erstaufführung: 19.05.2016
Regie: Robert Eggers

In The Witch geht es nicht um eine Hexe, ebenso wenig wie es im letztjährigen Der Babadook wirklich um eine schattenhafte Präsenz ging, die eine überforderte Witwe und ihren Sohn heimsuchte. Heimsuchungen sind zwar auch im Regiedebüt von Robert Eggers ein wichtiges Thema, aber einmal mehr generiert sich das Grauen weniger aus einer wirklich greifbaren Bedrohung sondern aus den Dämonen, die aus den Menschen selbst geboren werden. Und anders als der Babadook, dessen Kreation von unkontrollierbaren äußeren Umständen bedingt wurde, ist es hier die selbstgewählte Geißelung, die ins Verderben führt. The Witch ist ein analysefreudiger Film, dessen bedrohliche Stimmung auf billige Jump Scares verzichtet, der immer dann am schwächsten ist, wenn er zu konkret wird. Dem Gesamteindruck eines hervorragenden Genrebeitrags tun aber selbst solche Zugeständnisse nicht weh.

Neueungland im 17. Jahrhundert: Aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen, weil sie selbst für die Puritaner zu puritanisch sind, sucht eine kürzlich aus England übergesiedelte Familie ihr Heil in der Wildnis. Das Vorhaben, Mais anzubauen wird durch das feuchte Klima vereitelt, der Kontakt mit anderen Menschen ist auf ein kaum existentes Maß zurückgeschraubt. Als dann auch noch der jüngste Sohn Samuel verschwindet, beginnt ein Leidensweg. Die Eltern sind davon überzeugt, ein Wolf habe das Baby verschleppt, während die Kinder glauben, eine Hexe, die in den düsteren Wäldern haust, habe ihn geholt. Der Sog aus Trauer, Existenzangst und Suggestion wird immer stärker …

The Witch ist die Geschichte einer religiös induzierten Psychose. Die frömmelnde Familie, die sich stets von Gott geprüft sieht und den Misserfolg nur schwer in Einklang mit ihrer Vorstellung einer grundsätzlich wohlwollenden Macht bringen kann, erlebt durch den Verlust des jüngsten Familienmitgliedes einen solch herben Rückschlag, dass die Mär von einer externen Gefahrenquelle in Form der Hexe wie zu einer Art selbstzerstörerischen Anker wird. Die Migration, die Landnahme, der Missionsdruck – all dies sind Faktoren, die aus dem Wald die Schrecknisse gebären, denen sich die Siedler ausgesetzt fühlen. Neben der Erzählung über desaströse Nebenwirkungen der Religion kann man The Witch auch als Geschichte über die Vertreibung und Enteignung der amerikanischen Ureinwohner lesen. Die Verbreitung des Evangeliums ist zwar eins der erklärten Ziele von Vater William (Ralph Ineson), aber die Ereignisse des Films lassen auch die Erklärung eines tief sitzenden, nicht bewussten Schuldeingeständnis zu, eine Ahnung, dass das Land, dass er versucht zu bestellen, eine unheilvolle Geschichte hat und seine Anwesenheit dort nicht so „gottgefällig“ ist, wie er es sich ausmalt. So bedarf es nicht einmal des Kontaktes mit Mitgliedern der ansässigen Stämme, die Verfehlungen der Europäer liegen wie schwerer Nebel in den Wäldern, die das karge Anwesen der Familie umgeben. So passt es ebenso, dass William am Ende von den Früchten seiner nicht von ungefähr als „typisch männlich“ konnotierten Übersprunghandlung, dem Holzhacken, erschlagen wird.

Überhaupt geht es in The Witch auch um Geschlechterrollen und der Film versteht es, hier ebenso Klischees zu umschiffen wie in der Ausgestaltung seines Horroraspektes. Der Vater ist streng, gesteht seinen Kindern aber ohne Scheu seine Liebe. Die Mutter Katherine (Kate Dickie) ist noch strenger und wird bewusst nicht als „typisch weibliches“ Gegenstück zu der gängigerweise als männlich kodifizierten Gewalt inszeniert, die über allem schwebt. Eher wird die in die Pubertät kommende Tochter Thomasin (Anya Taylor-Joy) als Bedrohung gesehen, während der heranreifende Sohn Caleb (Harvey Scrimshaw) überhöht wird. Tiefenpsychologen dürften einen guten Tag erleben, wenn sie sich The Witch ansehen. Am Ende zieht der Vater seinen „gerechten Zorn“ dann wieder aus der Religion, deren Verquickung mit dem Aberglauben einige Jahre nach der Handlung zu den berühmt-berüchtigten Hexenprozessen von Salem führen sollte.

Wie bereits erwähnt ist dies aber das Hauptaugenmerk des Films: wie religiös gerechtfertigte Geißelung, so sehr sie in bestimmten Situationen erbauliche Erklärungsmuster liefern kann, auch schnell in das Gegenteil umschlagen kann. Wird Samuel von einer Hexe geholt oder doch von einem Wolf? Schließlich findet man sogar eine entsprechende Fährte. Sind die alptraumhaften Bilder im Wald ein Ausdruck einer filmischen Realität oder Illustration der Vorstellungskraft der Kinder, die vor den Erwachsenen den Forst mit Monstren füllen (dies ist eine der Sequenzen, die dem Film eher schadet als nützt)? Es ist sicherlich kein Zufall, dass die (vermeintliche) Hexe Caleb in Form einer verführerischen Frau gegenübertritt, wenn dieser, in Ermangelung von Alternativen, beginnt, seinen voyeuristischen Blick auf seine ältere Schwester zu richten.
Fluch oder Lungenentzündung? Okkultes oder Natürliches? Psychose oder Wahrheit? The Witch lässt beide Argumentationen zu, ist aber stärker, wenn man sich von der Vorstellung einer „wirklichen“ Hexe verabschiedet. So bietet der rigorose Glauben, der allein in der Wildnis nicht automatisch zum Heil führt, eine Blaupause für die Geschehnisse des Films. Zumal die Geschichte einer Familie, die durch all die Entbehrungen, die auch von Gotteanrufungen nicht gelindert werden, langsam in den kollektiven Wahn verfällt, interessanter ist als wenn The Witch den einfachen, den plakativen Weg gegangen wäre.

Unter diesen Gesichtspunkten wird das Ende zum endgültigen Test. Favorisiert man die okkulte Erklärung, zeigt The Witch das Bild von europäischen  Frauen, die mit dem Leben in Neuengland nicht zurechtkommen und lieber als Hexenkommune nackt im Wald leben. Im allegorischen Sinn begibt sich Thomasin endgültig auf den paranoiden Pfad ihrer Familie, verliert sich und stirbt verwirrt im Wald, der Hexenflug wird also zur Himmelsfahrt, die ebenso imaginiert ist: die letzten Bilder eines sterbenden Gehirns, dass sein ganzes Leben mit christlicher Ikonographie indoktriniert wurde, wie aber auch als letztes Zugeständnis des Regisseurs und Drehbuchautors, dass in der Religion zumindest für das Individuum das Heilsversprechen nicht ausgeschlossen werden kann, gelesen werden könnte.

The Witch ist nicht per se antireligös, der Film offeriert aber einen distanzierten Blick auf jene Auswüchse, die in kontemporären Werken wie Paradies: Glaube schnell überzogen wirken. In einer Welt, die unter dem religiösen Fanatismus leidet, zeigt The Witch auf die Fallstricke allzu strenger Denkmuster, die sich durch den Verweis auf Gott oder andere übergeordnete Platzhalter legitimieren. Die Welt wird hier nicht ins Unglück gerissen, wohl aber das Wohlergehen von Menschen, die letztlich die Welt bilden, die sie mit ihrer Frömmigkeit auf ihrer Seite wähnten. Dass der Film mit seiner durchgehend unheimlichen Atmosphäre, den wohlkomponierten Bildern und dem Soundtrack dann auch noch ansehnlich und kurzweilig daherkommt, wirkt bei solchen Subtexten dann schon fast wie ein schmückendes Beiwerk.



Mittwoch, 2. März 2016

The Wave - Die Todeswelle (2015)




THE WAVE – DIE TODESWELLE
(Bølgen)
Norwegen 2015
Dt. Erstaufführung: 24.02.2016 (DVD-Premiere)
Regie: Roar Uthaug

Der tief ins Festland reichende Geirangerfjord ist eine der größten Touristenattraktionen Norwegens. In der Hauptsaison wird der kleine Ort ständig von Kreuzfahrtschiffen belagert, aus deren Innern sich Ströme von Besuchern ergießen, die mit Bussen die schmalen Straßen hinauf gekarrt werden, um von den Aussichtsplattformen ein Foto von ihrem unten im Fjord  liegenden Schiff zu schießen. Der Campingplatz des Ortes bietet Wohnmobilfahrern VIP-Plätze mit Blick auf das Schiffspektakel an und aus eigener Anschauung weiß ich, dass eine der Hauptsorgen der Kreuzfahrer ist, ob nach den Ausflügen denn noch genug Zeit bleibt, um im großzügigen Souvenirshop etwas Geld unters Volk zu bringen. Die fantastische Natur, die sich, wie so oft in Norwegen, in ihrer vollen, atemberaubenden Schönheit erst abseits der Straßen erschließt, scheint hier nur Staffage zu sein. Geiranger ist ein hübscher, aber auch seltsamer Ort. Und er ist akut gefährdet, sind sich Geologen doch einig, dass eine der beeindruckenden Felsformationen irgendwann abbrechen und in den Fjord stürzen wird. Die damit ausgelöste Flutwelle könnte verheerende Folgen haben und es wäre nicht das erste Mal, dass Norwegen von solch einer Naturkatstrophe heimgesucht werden würde. Kurzum, es ist das perfekte Setting für den ersten Katastrophenfilm des Landes, der bei allen genrekonformen Elementen und ziemlich unecht aussehendem CGI-Wasser auf einer unterhaltsamen Ebene besser ist, als man erwarten durfte (auch wenn das Poster ein Kreuzfahrtschiff verspricht, dieses aber nicht im Film vorkommt). The Wave, in Deutschland direkt auf Heimmedien gewandert und mit einem Untertitel versehen, der auch dem letzten Zuschauer verständlich macht, um was es geht, ist all das, was man von einem Film dieses Kalibers erwartet, nur mit weniger cheese als seine US-amerikanischen Cousins.

Für den leicht zerstreuten Geologen Kristian (Kristoffer Joner) und seine Familie, die Hotelmanagerin Idun (Ana Dahl Torp) und die Kinder Sondre (Jonas Hoff Ostebro) und Julia (Edith Haggenrud-Sande) steht der Abschied von Geiranger bevor. Nach Jahren als Mitarbeiter des örtlichen Überwachungsteams für die gefährdeten Felsformationen rund um den Fjord wurde er von der Ölindustrie abgeworben, der Umzug nach Stavanger steht kurz zuvor. Doch in der letzten Nacht im Ort passiert das, was lange prognostiziert wurde: die Felsen geben nach, krachen in den Fjord und jagen einen viele Meter hohen Tsunami Richtung Geiranger. Nach dem Alarm bleiben Kristian nur zehn Minuten, um sich, seine Familie und möglichst viele weitere Menschen auf eine sichere Höhe zu bringen. Doch kann man den Wettlauf mit einer Naturgewalt überhaupt gewinnen?

The Wave gelingt es schnell, Sympathien für seine Figuren zu generieren. Kristian ist kein Nerd, wie ihn Hollywood produzieren würde. Er überlässt zwar seiner Frau die handwerklichen Aufgaben im Haushalt (auch ein Ausdruck der selbstverständlichen Gleichberechtigung in Norwegen) und geht vor allem in seinem Metier auf, aber er verhält sich wie ein normaler, liebenswerter Mensch und nicht wie eine trottelige Karikatur. Die Kinder verhalten sich ebenso wie normale Kinder, die Beziehung der Erwachsenen ist auf eine Art gewöhnlich wie sie im Kontext des Genres geradezu erfrischend daherkommt. Auch werden unserem Protagonisten nicht umständlich behördliche oder zwischenmenschliche Steine in den Weg gelegt, wenn er die Katastrophe prophezeit geht niemand großspurig über ihn hinweg oder ein bornierter Bürgermeister fürchtet um ein anstehendes Fest. Kristian ist lediglich vorsichtiger als andere und auch dies trägt dazu bei, dass The Wave sich nicht im Netz seiner offensichtlichen Vorbilder verheddert. Hier ist alles etwas gesetzter, unaufgeregter, menschlicher.

So kann man mit den Charakteren durch die Handlung wandern und auch deren Dramaturgie mittragen, die sich bei aller zwischenmenschlichen Liebe natürlich nicht von der üblichen Drei-Akt-Struktur unterscheidet: Nach dem Setup kommt die Katstrophe und dann die Rettung. In jedem Akt gibt es etwas, dass den Film sehenswert macht, besonders hervorzuheben ist eine wahrlich gespenstische Szene gegen Ende, die sich ebenso gegen die üblichen Klischees stemmt wie die Figurenzeichnung und die einen Bus involviert.
Das Herzstück des Films, die hereinbrechende Katstrophe, wird erstaunlicherweise zur Zäsur für den in seinem Entstehungsland ziemlich erfolgreichen Film. Mit der nötigen emotionalen Nähe kann das Adrenalin hier wirklich fließen, wer mehr darauf achtet, wie schwer es immer noch ist, glaubwürdiges Wasser im Computer entstehen zu lassen, der wird womöglich mehr amüsiert sein. Die monströse Naturkraft sieht gerade bei ihrem ersten Shot genauso aus – wie ein Monster, dem die Animatoren gar nicht genug Wirbel, Wellen und Schaumkronen geben konnten. Wahrscheinlich sollte man froh sein, dass die Welle nicht auch noch ein Löwengebrüll anstimmt wie der Wirbelsturm in Twister. Die eigentliche Zerstörung Geirangers ist dann kurz, heftig, trotz CGI-Wassers besser gelungen und auch das Bild, wie sich die Wassermassen um eine Fjordbiegung schieben, ist Stoff für Alpträume. In der Logik des Geschehens gibt es zudem nicht unzählige Nachkatastrophen, die Welle trifft, zerstört und hat ihr Werk damit getan.

The Wave ist kein überragender Film und wirklich verwundert darüber, warum er hierzulande nur auf Heimmedien erschien, ist wohl auch niemand. Aber er hat – und das ist bei Katastrophenfilmen kein Standard – das Herz am rechten Fleck. Tiefenanalytisch ist es wohl konservativ, eine generische Familie in den Mittelpunkt zu stellen und darüber hinaus alle anderen Charaktere ein Stück weit zu negieren, aber eben weil der Film so unangestrengt dabei ist, uns Kristian und die Seinen als beachtenswert zu verkaufen, verdient er Respekt. Kann das Spektakel mitunter unfreiwillig komisch wirken? Ja. Zieht der Film im dritten Akt ein paar klischeehafte Register zu viel? Auf jeden Fall. Wartet er mit mehr Unterhaltungswert auf, als man ihm hätte zutrauen können? Auch das ist wahr. The Wave ist ein Genrefilm für alle, die von den markigen Heldenposen á la San Andreas und 2012 und ihrem unstillbaren Durst nach totaler Zerstörung inzwischen eher angeödet denn unterhalten sind.




Freitag, 26. Februar 2016

Victoria (2015)




VICTORIA
Deutschland 2015
Dt. Erstaufführung: 11.06.2015
Regie: Sebastian Schipper

Nach etwa zwanzig Minuten Laufzeit gibt es den ersten und einzigen genuin wunderbaren Moment in Victoria: die Protagonistin und eine ihrer Zufallsbekanntschaften fahren auf einem Fahrrad eine nächtliche Berliner Straße hinunter, die anderen Neu-Freunde folgen, ebenso die Kamera, die den Anschein erweckt, nicht Schritt halten zu können. Die Tonspur blendet die Stimmen der Schauspieler aus und der traumwandlerische Soundtrack übernimmt. Es ist eine gleichzeitig beschwingte wie melancholische Situation, ein Augenblick, der in seiner Einfachheit eine bemerkenswerte Kaskade an Emotionen auslösen kann. Ärgerlich ist, dass der Film durch seine selbstauferlegte Existenzberechtigung, in einem einzigen Take gedreht worden zu sein, diesen Anflug der banalen Poesie schnell kaputt bekommt, weil sich zum Beispiel eine dann weitaus weniger schöne Aufzugfahrt anschließt und schnell auch wieder die enervierenden „Dialoge“ der Figuren zu hören sind. Und genau da liegt das Problem, dass den hochgefeierten Victoria durchzieht: man verbringt etwas über zwei Stunden mit unsympathischen – verzeihen Sie meine Ausdrucksweise – Volldeppen und einer schmerzlich naiven Hauptdarstellerin, die sich innerhalb dieser Zeit zum Kopf für durchdachte kriminelle Aktivitäten mausert. Der Film vertraut so sehr auf sein Gimmick und wohl auch darauf, dass der Zuschauer ständig die Augen nach Möglichkeiten offen hält, wo man doch einen unsichtbaren Schnitt hätte ansetzen können, dass er versäumt, seinen Figuren wirkliche Qualitäten mit auf den Weg zu geben. Victoria gibt alles für die logistische Herkulesaufgabe, lässt aber andere Qualitäten vermissen. Ein gleichermaßen langweiliger wie anstrengender Film ohne Liebe, die über die technische Umsetzung hinausgeht. Hätte er ein Schnittpult benutzt würde wohl niemand über ihn reden.

Eins Nachts gegen vier Uhr morgens verlässt die jungen Spanierin Victoria (Laia Costa) eine Disco in Berlin und macht sich auf den Weg zu dem Café, in dem sie arbeitet und das sie gegen sieben Uhr aufschließen muss. Ihr Weg wird von den angetrunkenen Freunden Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff) unterbrochen, die sie überreden, noch etwas mit ihnen zu trinken. Sie stehlen ein paar Biere aus einem Spätkauf, trinken sie auf einem Dach und Sonne begleitet Victoria schließlich zurück zu ihrem Café. Kurze Zeit später wird klar, dass Boxer in dieser Nacht noch etwas zu tun hat, er dafür vier Personen braucht, der völlig alkoholisierte Fuß aber unbrauchbar ist. Mehr Sonne zuliebe willigt Victoria ein, als Fahrerin zu fungieren, was sie mitten hinein in einen Banküberfall katapultiert …

Victorias Technik nötigt Respekt ab, ja sie lässt den Zuschauer sogar staunen. Minuziös durchgeplant, punktgenau inszeniert, die Kamera wie ein Handlungssubjekt inmitten des Geschehens, die Kopfbewegungen des Kameramanns Sturla Brandth Grøvlen als verlängertes Sein des eigenen Körpers: es ist eine Meisterleistung, die sich hier abspielt, auch weil die Crew trotz der gewissen Restunsicherheit stets unsichtbar bleibt. Und das alles steht im Dienste einer Geschichte, deren artifizielle Konstruktion stets unangenehm präsent ist. Kann man den ersten Akt noch als intimes Haupsstadtportrait durchwinken, verzettelt sich Victoria danach in einen banalen Krimiplot aus der Tatort-Nachwuchsschreibwerkstatt, der wie der Rest des Films niemals jene Sogwirkung bekommt, wie man es eigentlich erwarten würde.

Unangenehm viel Leerlauf, in der die tumben Charaktere nichts tun bzw. deren Darsteller über ihre nächste Improvisation nachdenken (das „Drehbuch“ umfasste nur zwölf Seiten), schafft es, beinahe jeden Part des Films das nötige Tempo zu nehmen. Erst in der Wohnung des Paares mit Baby liefert der Film einen gelungenen Spannungsbogen, der durch die an dieser Stelle bereits vollkommen eingebüßte Sympathie für irgendeine der Figuren allerdings auch schnell torpediert wird. Sonne und seine Kumpel als „herzensgut“ zu charakterisieren ist eine interessante Wortwahl für einen Haufen dumm daher schwätzender Proleten, die über lange Zeit eher wie potenzielle Vergewaltiger denn wie „nette Berliner Jungs“ wirken. Warum nur sollte Victoria auf ihre übergriffige Art eingehen? Natürlich weil sich Regisseur Sebastian Schipper auch nicht sonderlich um sie kümmert.

Victorias Darstellung ist so widersprüchlich, als habe man es mit zwei Varianten eines Drehbuchs zu tun. Auf der einen Seite auf eine Art naiv, wie sie ebenso unangenehm daherkommt wie das Gehabe und Boxer und Co. mit ihren ewigen „Digger!“-Rufen, auf der anderen Seite eine Virtuosin, deren Intelligenz in einem beachtlichen Missverhältnis zu ihren Taten steht. Der Film versucht gar nicht, ihre Motivationen nachvollziehbar zu gestalten und drängt die Figur in jeder Situation in einen andere Ecke, nur um das jeweilig dramaturgisch notwendige durchzuexerzieren. Victoria ist hervorragend am Klavier, damit Sonne über sie staunen kann. Victoria ist eine skrupellose Kidnapperin, weil sie damit ihre eigene Haut retten kann. Und dann ist sie wieder das gutgläubige Dummchen, das mit den Jungs feiern geht. Nun ist jeder Mensch keine monothematische Angelegenheit, aber etwas Grundstruktur wäre schon sinnvoll gewesen, um Victoria nicht wie einen Spielball der größtenteils doch erstaunlich vorhersehbaren Story zu machen.

Victoria ist ein Film, der bleiben wird. Doch ähnlich wie Avatar – Aufbruch nach Pandora wird es nicht wegen der ausgeklügelten Geschichte sein sondern ausschließlich wegen der eingesetzten Technik. Filmwissenschaftler und –studenten werden ihn analysieren und seine meisterhafte Inszenierung loben, noch viele Zuschauer werden in die Welt des nächtlichen Berlins hineingezogen werden. Doch sie werden dort immer die über alle Maßen anstrengenden und dummen Figuren, die ewig gleichen Dialoge und den stumpfen Krimiplot finden. Victoria ist entweder ein Drama, dass von einem generischen Thriller abgelöst wird oder ein leidlich interessanter Thriller, dem ein zumindest in Ansätzen interessantes Portrait der deutschen Großstadt und einer der vielen Millionen kleiner Geschichten, die tagtäglich in ihr geschehen, vorangeht. Der deutsche Film hat kein technisches Problem, er hat ein Protagonisten-Problem und Berlin pulsiert nicht, sondern gibt nur vor, wirklich am Leben zu sein. So will uns Victoria lediglich mit seinem One-Take-Ansatz überwältigen, wirklich etwas von Belang erzählen will er nicht. Sie können weitergehen, es gibt hier nichts zu sehen oder zu fühlen.