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Donnerstag, 6. Oktober 2016

Deadpool (2016)




DEADPOOL
USA 2016
Dt. Erstaufführung: 11.02.2016
Regie: Tim Miller

Wo soll man nur beginnen? Vielleicht bei den positiven Aspekten? Nun gut: nach knapp 75 Minuten leistet sich Deadpool die einzig wirklich gute Dialogzeile: „Ich würde dich ja begleiten aber … ich will nicht.“ Lakonisch vorgetragen, gleichzeitig irrelevant wie bestens zur Narrative passend – es ist ein winziger Moment inmitten eines Taifuns aus cineastischen Zumutungen. Denn der massiv erfolgreiche Film, enfant terrible des MARVEL Cinematic Universe (zumindest möchte er so gesehen werden, auch wenn er lizenzrechtlich wohl zunächst nicht auf die Avengers treffen wird), ist vor allem ein selbstreferenzielles Vakuum, erstarrt in einem schon fast nicht mehr pubertär zu nennenden Verständnis der eigenen Coolness. Prä-Pubertär trifft es wohl eher, das filmische Äquivalent zu dem noch nicht in den Stimmbruch gekommenen Halbstarken, der gern über Dinge erzählt, von denen er bestenfalls eine vage theoretische Ahnung hat – aber das Ganze natürlich so lauthals, dass es jeder Umstehende ungefragt mitbekommen muss. Es hagelt Verweise und Sprüche im Sekundentakt, nicht umsonst wird die Figur Deadpool „the merc with a mouth“ genannt. Das Ganze ist aber so beliebig, so wenig fokussiert, dass der Film Deadpool am Ende des Tages wie eine Twittertimeline gefüllt mit den schlimmsten Nerds, die man sich vorstellen kann, wirkt: alles wird kommentiert, was schnell in 140 Zeichen passt, egal, ob es sinnvoll ist oder nicht – der schnelle Lacher ist wichtiger als jede wie auch immer geartete weitere Ebene. Das sich ausgerechnet der Film, der vorgibt, sich über die eine breite Angriffsfläche bietenden Superheldenfilme á la MARVEL lustig zu machen, der mit Abstand schlechteste Vertreter der leidlichen Bande entpuppt, ist dann auf schräge Art wieder im Sinne des postmodernen Selbstempfindens des Ganzen – wenn denn die „I don’t give a fuck“-Attitüde wirklich ernst gemeint wäre. Denn wie der laute „Whatever“-Pubertätsanwärter aus dem obigen Beispiel ist Deadpool natürlich gar nicht tief unter seiner Oberfläche über alle Maßen von sich überzeugt, was seine Sympathiepunkte nicht gerade steigert.

Wade Wilson (Ryan Reynolds) ist ein ewig plappernder Söldner, der sein privates Glück mit einer sich prostituierenden Stripperin Vanessa (Morena Baccarin) gefunden hat. Als bei ihm jedoch Krebs im Endstadium festgestellt wird und er das dubiose Angebot eines sinistren Agenten erhält, er könne diesen besiegen und gleichzeitig auch noch seine körperlichen Fähigkeiten enorm steigern, zögert er nur kurz. Dummerweise erweist sich die Behandlung als ethisch verwerflicher Versuch, in „normalen“ Menschen die im MARVEL-Universum hinlänglich bekannten X-Gene zu aktivieren, um aus ihnen Mutanten mit besonderen Fähigkeiten zu machen – und sie dann in die Sklaverei zu verkaufen. Aus Wilson wird der entstellte Deadpool, ausgestattet mit beeindruckenden Regenerationskräften und so de facto unsterblich. Auf der Suche nach dem Wissenschaftler Francis (Ed Skrein), der ihn der schmerzhaften Prozedur unterzogen hat, und nach einem Hoffnungsschimmer, seine Freundin zurückzuerobern, mordet er sich durch die Gegend und wehrt die Überredungsversuche von X-Men Colossus (Stefab Kapicic) und Negasonic Teenage Warhead (Brianna Hildebrand) ab, sich auf die gute, sprich nicht anarchistische, Seite des Superheldentums zu schlagen.

Deadpool weiß nichts mit sich anzufangen, auch wenn das Spektakel dem Publikum etwas anderes suggerieren soll. Hinter den Phrasen gibt es den üblichen MARVEL-Ballast aus Entstehungsgeschichte und generischem Geplänkel, todlangweiligem Bösewicht und vorhersehbarer Dramaturgie. Das ist aber natürlich alles total „edgy“, weil Wilson in einer Kampfszene nackt ist und man Ansätze eines Penis sieht und er am Ende die große Heldenansprache von Colossus auf denkbar rüde Art unterbricht. Dazwischen schneidet er sich die Hand ab, nur um den Zuschauer kurz darauf aufzuklären, dass er sich mit der nachwachsenden Miniextremität selbst befriedigen wird. So ist auch das, was der Film zeigt, keine Liebes-, sondern eine reine Lustgeschichte. Deadpool, der Film und der Charakter, sind nur auf die Befriedigung der immer gleichen eigenen Triebe aus. Ein Stück weit menschlich, ohne Frage, aber indem der Film nie etwas darüber hinausgehendes anbietet, suggeriert er eben eine selbstzufriedene Bräsigkeit, die nur noch besser hätte illustriert werden können, wenn Wilsons blinde Mitbewohnerin anstelle von IKEA-Möbeln eine Fliesentisch zusammenbauen würde. Der Segen der Ignoranz, der in der zwar auch problembelasteten, aber sehr viel besseren Superheldenparodie Kick-Ass (und ein Stück weit sogar im dann irgendwann ins sadistische abgleitenden Super) aufgebrochen wurde, bleibt bei Deadpool so penetrant bestehen, dass man sich fragt, für wen dieser Film eigentlich gedacht sein soll. Grölende Scharen, die sich an einfachen Welt- und Filmbildern ergötzen und denen man nicht einmal ansatzweise eine Reflexionsebene jenseits der hanebüchenen popkulturellen Referenz zumutet? Ein unschöner Gedanke.

Denn Deadpool richtet sich explizit an die Zuschauer, die sich darin bestärkt fühlen können, den Lauf des Hasen zu kennen. Indem seine Kommentare sich an die Vermarktung und Rezeptzion von Superheldenfilmen wenden, müssen sie sich keine Gedanken über die Wirkmechanismen innerhalb des Konstrukts machen. Demzufolge ist auch das Hinweisen auf Schwachpunkte, nur um sie danach einfach so zu übernehmen, nicht clever, sondern nur ermüdend. Deadpool ist wie ein erzkonservativer Politiker, der plötzlich versucht zu rappen, um „die Kids“ zu erreichen.

Letztlich bleibt der Eindruck eines größtenteils ziemlich peinlichen Films, der die großen Themen [wirkliche Auseinandersetzung mit den hinterfragungswürdigen „tropes“ des Genres oder auch – mein Favorit – der Plot mit der künstlichen Erschaffung von Mutanten, um sie zu versklaven (!). Niemand will sich dessen annehmen? Große Sache und so, wahrlich dunkle Ecke des MARVEL-Universums? Nein? Meh.] außen vor lässt. So ähnlich wie Deadpools Leben nicht viel wert ist, weil er sich ständig regeneriert (und dies nicht zu Auseinandersetzungen wie bei Wolverine führt), ist es auch der Film, dessen Beliebigkeit gleichermaßen erstaunt wie entsetzt. Der Zuschauer hat dabei die Position des Mitgefangenen in Francis‘ Folterkeller inne: es wird ihm weiß gemacht, Wilson sei ein Kumpel, aber am Ende lässt er ihn doch sterben, um selbst zu entkommen. Reue? Gedanken? Reflektionen? Wer braucht das schon, wenn man sich darüber lustig machen kann, dass es nun zwei Kino-X-Men-Zeitlinien gibt. Oder wenn man mal wieder Deadpools Penis ins Gespräch bringen könnte. Ästhetisch einfallslos (einzig die Animation von Deadpools  ist gelungen, schafft sie es doch, den Comiclook von einem Medium ins andere zu übertragen), intentionell vollkommen fehlgeleitet und dramaturgisch ohne Elan ist Deadpool vor allem eins: vergeudete Lebenszeit. Warum die selbsternannten Parodien des Superheldenfilms meistens so abdriften müssen (ein weiteres Beispiel wäre der Comic The Boys von Garth Ennis), ist indes eine Frage, die auch hier unbeantwortet bleiben muss.






Sonntag, 4. September 2016

The Shallows - Gefahr aus der Tiefe (2016)




THE SHALLOWS – GEFAHR AUS DER TIEFE
(The Shallows)
USA 2016
Dt. Erstaufführung: 25.08.2016
Regie: Jaume Collet-Serra

Die Welt wartet auf so vieles. Der Weltfrieden ist ein beliebter Traum, das Besiegen von Hunger und Armut weitere Kandidaten. Im filmischen Kontext wartet die Welt auch nach dem Erscheinen von The Shallows noch auf einen passablen Hai-Film. Das Subgenre des Tierhorrors (seinerseits eine Unterabteilung des Horrorfilms), 1975 von Steven Spielberg und seinem massiv überschätzten Der weiße Hai aus der Taufe gehoben und inzwischen dank Sharknado und Co. ihren Trashfaktor gar nicht mehr verbergend, ist keine Sache von Subtilität. An sich keine schlimme Sache, würde nicht auch The Shallows aus einem durchaus furchterregenden, letztlich aber recht unbescholtenen realen Tier eine fast unbesiegbar erscheinende Killermaschine mit persönlicher Vendetta machen, ganz so, als hätten die verlachten Fortsetzungen des Spielberg’schen Wasserschockers nie existiert. Und ganz wie der kleine Felsen, auf den sich die Protagonistin hier vor dem Fisch in Sicherheit bringt, ist dies nur die Spitze eines ganzen Fragenkatalogs, die der als ernstzunehmender Thriller getarnte Quatsch an den Strand der enttäuschten Filmhoffnungen spült.

Studentin Nancy (Blake Lively) befindet sich nach dem Tod ihrer Mutter in einer Sinnkrise und begibt sich nach Mexiko an den Strand, an dem diese einst zum letzten Mal surfte, bevor sie Nancy zur Welt brachte. Dort genießt sie die Wellen, bis von einem Weißen Hai angegriffen wird, der, angelockt durch einen Walkadaver, seinen Weg in die abgelegene Bucht gefunden hat. Nancy kann sich auf einen winzigen, nur bei Ebbe über dem Wasser liegenden Felsen retten, eine verletzte Möwe als einzigen Kompanion. 180 Meter trennen sie vom Strand und der patrouillierende Hai denkt gar nicht daran, die einfache Beute einfach davonkommen zu lassen …

The Shallows existiert in einem Universum, in dem es keine periphere Wahrnehmung gibt. Menschen schauen an toten Walen, schreienden Menschen und zerteilten Körpern vorbei, obwohl alles in der überschaubaren Bucht schwimmt bzw. dort am Strand liegt. Das Konzept des „suspension of disbelief“, also dem oft benötigten Willen des Publikums, auch unwahrscheinliche Dinge im Dienste der guten Geschichte zu akzeptieren beziehungsweise wohlwollend zu übersehen, wird hier derart überstrapaziert, dass der von Actionroutinier Jaume Collet-Serra (Non-Stop) inszenierte Film oft unfreiwillig komisch wirkt – schon bevor eine Boje sich gegen ihre Mechanik verhält und ein wildgewordener Hai alles daran setzt, eine dünne Surferin fressen zu können, obwohl immer noch ein nahrhafter Wal in der Bucht schwimmt.

Das könnte man unter Trash-Gesichtspunkten ja durchaus amüsant finden, würde sich The Shallows nicht selbst auf geradezu irritierende Art ernst nehmen. Collet-Serra und sein Drehbuchautor Anthony Jaswinski (Die Herrschaft der Schatten) wollen einerseits, das machten bereits die eher suggestiven Trailer klar, aus der Asylum-Ecke des Haifilms und seinem immerwährenden Strom an Material für Die schlechtesten Filme aller Zeiten heraus, bedienen dann aber aus einer seltsamen Haltung dem Publikum gegenüber („Die wollen das bestimmt so!“) jede Menge Klischees – der Hai brennt, der Hai riskiert für einen betrunkenen Happen, zu stranden, der Hai weiß, wo sich Nancy aufhält und will sie unbedingt verspeisen. Das ist oft so frustrierend blöd, dass man sich fragt, warum man die beständig nagende Stimme so konsequent ignoriert, die fragt: „Was hätte Hitchcock getan?“ 

Die Prämisse hatte das Potenzial, zu einem eher psychologischen Duell zwischen Mensch und Natur zu werden, zu einem Szenario, in dem der Hai vielleicht nach seinem ersten Angriff gar nicht hätte physisch anwesend sein müssen. So aber richtet sich The Shallows auf der einfachsten, der massentauglichsten Ebene ein. Die hübsche Kinematographie (die allerdings Lively etwas zu aufdringlich über den Körper streift) und das engagierte Spiel der Hauptdarstellerin stehen so in einem Kontrast zu dem hanebüchenen Script. Anstatt der (irrationalen) menschlichen Angst vor Haien eine gewinnbringende Form zu geben, entscheidet sich auch dieser Film für den Weg der unwillkommenen Verleumdung, die gar nicht versucht, dem tierischen Antagonisten irgendwie gerecht zu werden – The Shallows ist näher an Deep Blue Sea oder Shark Attack als an Der weiße Hai, der im direkten Vergleich bei allen Fehlern nur gewinnen kann. 

Schwimmen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen.




Dienstag, 26. Juli 2016

Star Trek: Beyond (2016)




STAR TREK: BEYOND
USA 2016
Dt. Erstaufführung: 21.07.2016
Regie: Justin Lin

Eine kleine Einordnung zu Beginn: Kurz bevor ich Star Trek: Beyond sah, habe ich – mehr durch Zufall – ein paar Folgen der 1990er-TV-Serie Star Trek – Deep Space Nine wiedergesehen. Darunter waren unter anderem die „kontroverse“ Episode mit Symbiontin Jazida Dax und der Behandlung von geschlechtlicher Identität und die unterhaltsame Zeitreise von Quark und seiner Ferengi-Familie auf die Erde der 1950er Jahre – in einen Ort namens Roswell. Sieht man diese Trek-Inkarnationen kurz hintereinander, dann wird (wieder einmal) gewahr, wie wenig Star Trek in der 2009 initiierten Reboot-Reihe von J.J. Abrams steckt. Wie ein hormongeschwängerter Teenager nutzt auch Justin Lin als Nachfolger auf dem Regiestuhl das Franchise nur als Hintergrund für einen mitunter bemerkenswert langweiligen Science-Fiction-Film mit viel Action, aber wenig Substanz – als würde man, um bei Deep Space Nine zu bleiben, nur Folgen wie Empok Nor zu Rate ziehen und eben weniger die sozialen, charakterlichen und philosophischen Fragen, die das Gro der anderen Episoden aufwerfen. Manchmal, selten, blitzt etwas Geist der Vorlage auf, gerade so viel, dass es bequem in den Trailer passte und den geneigten Fan auf eine falsche Fährte locken konnte. Es mag manchem unfair erscheinen, die neuen Trek-Filme ständig mit der Vergangenheit abzugleichen: „Sie sind doch ein Reboot, etwas Neues, die auch als eigenständige Werke gesehen werden wollen!“ Einerseits muss sich eine Neuauflage natürlich immer mit ihren Vorgängern messen, andererseits kokettiert auch Beyond ständig mit „Old Star Trek“, was seine eigenen Defizite nur stärker zum Vorschein treten lässt. So offenbart sich gerade in dem Hinweis auf trashige Elemente der Originalserie wie die grüne Hand im Weltraum etwas, was der neuen Trek-Generation fehlt: der Mut zum Experiment, zum Leben jenseits der kalkulierten „Crowd Pleaser“ vom Flipchart.

Bei einem Zwischenstopp auf einer Raumstation der Föderation kommt die Crew des Raumschiffs Enterprise in Kontakt mit einer Flüchtigen, die die Mannschaft um Hilfe für ihre auf einem unzugänglich gelegenen Planeten festgehaltenen Leute bittet. Der leicht ausgebrannte Captain Kirk (Chris Pine) und die Seinen nehmen die Mission an und navigieren sich durch unwegsamen Raum bis zum Ziel durch, wo die Enterprise prompt von einem Schwarm Raumschiffe attackiert und größtenteils zerstört wird. Die Mannschaft strandet auf dem Planeten, auf dem ein Megalomane namens Krall (Idris Elba) einen Schlag gegen die ihm verhasste Föderation vorbereitet …

In einem Moment gelingt es Star Trek: Beyond, in einem Gesprächswechsel zwischen Kirk, Spock (Zachary Quinto) und Dr. McCoy (Karl Urban) über ein von Uhura (Zoe Saldana) getragenes Schmuckstück mit besonderen Eigenschaften, eine der Quintessenzen der klassischen Serie einzufangen: ehrlich witzig, neckisch und mit dem Hinweis auf eine Vertrautheit zwischen den Charakteren, die sonst im Film nur als Verweis auf Shatner, Nimoy und Kelley, weniger aus sich selbst heraus, funktioniert. Es ist ein kleiner Hoffnungsschimmer in einem ansonsten grandios-generischen Durcheinander, dass gerade im Mittelteil sehr viel mehr langweilt als unterhält, weil sich Beyond kaum Zeit für Irgendetwas jenseits der nächsten Explosion nimmt. Wenn die Enterprise zerstört wird, hat dies denn auch nicht einmal annähernd den Effekt des Crashs in Treffen der Generationen, weil ihm kein „Build-Up“ über Jahre hinweg vorangegangen ist. Wir kennen das Schiff ebenso wenig wie seine Mannschaft jenseits ihrer Funktion als Platzhalter – „Wenn Sie die TV-Serie kennen, dann …“
Das Gehetze von einer „aufregenden“ Sequenz zur nächsten ist ermüdend und wenn im Finale erst das Weltall von den Beastie Boys erfüllt wird, um dann in einem Showdown ohne Sinn und Verstand und in gestalterischem Recycling des Vorgängers Star Trek: Into Darkness zu enden (die Raumstation und die auf ihr stattfindenden Konfrontationen sind ästhetisch und inszenatorisch ein einziges Déjà Vu), dann kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass alles schon mal irgendwo gesehen zu haben (auch hier ist die Verwendung des „Magic Carpet Rides“ in Der erste Kontakt die charmantere Möglichkeit, populäre Erdenmusik mit Star Trek in Verbindung zu bringen). Im Grunde weiß man, dass es um den Film nicht allzu gut bestellt ist, wenn selbst der charismatische Idris Elba kaum etwas aus seiner holprig motivierten Schurkenrolle herausholen kann.

Dabei steckt gerade in Krall etwas, dass auch mit den Klingonen als geupdatetes Feindbild funktioniert hätte: eine kritische Auseinandersetzung mit der Föderation, ihren mitunter durchaus imperialistisch anmutenden Tendenzen und Fragen nach der grundsätzlichen Funktionsweise dieser Zukunftsvision. Doch weder Kirk noch Krall werden in diese Richtung gebracht, der eine verharrt in rein persönlichen Problemen (inwiefern er z.B. die Sternenflotte für den Tod seines Vaters verantwortlich machen könnte, wird nicht einmal angedacht), der andere bedient ein diffuses Feindbild eines Fanatikers, der nur durch die komplette physische Auslöschung (hier durchaus wörtlich gemeint) gestoppt werden kann. Es steckt einiges an Das unentdeckte Land in Star Trek: Beyond, ohne dass sich der Film den Dämonen stellen würde, die er geradezu läppisch heraufbeschwört. Die Gedanken, dass das Wort mächtiger sein könnte als das Schwert, dass Vorurteile und Hass keine unumstößlichen Monolithen sein müssen, ist diesem Film vollkommen fern, eher sieht er in rein militärischen Lösungen ein zweifelhaftes Heilsversprechen. Das unangenehme Gefühl, als Captain Picard den Antagonisten am Ende von Der Aufstand geradezu kaltblütig seinem Schicksal überließ - es kehrt hier äußerst präsent zurück.

Nochmals: Ist das alles zu harsch? Schließlich kann man Star Trek: Beyond trotz allem einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen, unter anderen Vorzeichen würde man sicherlich gnädiger sein und selbst die Beastie Boys durchwinken. Der Film ist zweifelsohne auf visueller Ebene interessant, die Make-Up-Effekte sind hervorragend, einige Einfälle zeugen von genrewürdigem Einfallsreichtum. Aber das Produkt trägt dennoch immer noch ein Label vor sich her, dem es, ungeachtet aller Ausrutscher, die sich die anderen Filme und Serien geliefert haben, nicht gerecht wird. Das Poster zu Star Trek: Beyond ist unverkennbar ein Hinweis auf die Gestaltung selbigen zu Star Trek – Der Film. Eine Sequenz wie jene, in der Kirk in einem Shuttle geradezu elegisch an der Enterprise vorüberfliegt und der Zuschauer die Größe, die Kraft des Raumfahrzeugs und die Freude des Captains über das Wiedersehen selbst spüren kann, ist hier aber vollkommen undenkbar. Star Trek: Beyond ist, wie die anderen Teile der Reboot-Reihe, ein Lippenbekenntnis.




Samstag, 28. Mai 2016

The Witch - Eine Volkssage aus Neuengland (2015)




THE WITCH – EINE VOLKSSAGE AUS NEUENGLAND
(The Witch: A New England Folktale)
USA 2015
Dt. Erstaufführung: 19.05.2016
Regie: Robert Eggers

In The Witch geht es nicht um eine Hexe, ebenso wenig wie es im letztjährigen Der Babadook wirklich um eine schattenhafte Präsenz ging, die eine überforderte Witwe und ihren Sohn heimsuchte. Heimsuchungen sind zwar auch im Regiedebüt von Robert Eggers ein wichtiges Thema, aber einmal mehr generiert sich das Grauen weniger aus einer wirklich greifbaren Bedrohung sondern aus den Dämonen, die aus den Menschen selbst geboren werden. Und anders als der Babadook, dessen Kreation von unkontrollierbaren äußeren Umständen bedingt wurde, ist es hier die selbstgewählte Geißelung, die ins Verderben führt. The Witch ist ein analysefreudiger Film, dessen bedrohliche Stimmung auf billige Jump Scares verzichtet, der immer dann am schwächsten ist, wenn er zu konkret wird. Dem Gesamteindruck eines hervorragenden Genrebeitrags tun aber selbst solche Zugeständnisse nicht weh.

Neueungland im 17. Jahrhundert: Aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen, weil sie selbst für die Puritaner zu puritanisch sind, sucht eine kürzlich aus England übergesiedelte Familie ihr Heil in der Wildnis. Das Vorhaben, Mais anzubauen wird durch das feuchte Klima vereitelt, der Kontakt mit anderen Menschen ist auf ein kaum existentes Maß zurückgeschraubt. Als dann auch noch der jüngste Sohn Samuel verschwindet, beginnt ein Leidensweg. Die Eltern sind davon überzeugt, ein Wolf habe das Baby verschleppt, während die Kinder glauben, eine Hexe, die in den düsteren Wäldern haust, habe ihn geholt. Der Sog aus Trauer, Existenzangst und Suggestion wird immer stärker …

The Witch ist die Geschichte einer religiös induzierten Psychose. Die frömmelnde Familie, die sich stets von Gott geprüft sieht und den Misserfolg nur schwer in Einklang mit ihrer Vorstellung einer grundsätzlich wohlwollenden Macht bringen kann, erlebt durch den Verlust des jüngsten Familienmitgliedes einen solch herben Rückschlag, dass die Mär von einer externen Gefahrenquelle in Form der Hexe wie zu einer Art selbstzerstörerischen Anker wird. Die Migration, die Landnahme, der Missionsdruck – all dies sind Faktoren, die aus dem Wald die Schrecknisse gebären, denen sich die Siedler ausgesetzt fühlen. Neben der Erzählung über desaströse Nebenwirkungen der Religion kann man The Witch auch als Geschichte über die Vertreibung und Enteignung der amerikanischen Ureinwohner lesen. Die Verbreitung des Evangeliums ist zwar eins der erklärten Ziele von Vater William (Ralph Ineson), aber die Ereignisse des Films lassen auch die Erklärung eines tief sitzenden, nicht bewussten Schuldeingeständnis zu, eine Ahnung, dass das Land, dass er versucht zu bestellen, eine unheilvolle Geschichte hat und seine Anwesenheit dort nicht so „gottgefällig“ ist, wie er es sich ausmalt. So bedarf es nicht einmal des Kontaktes mit Mitgliedern der ansässigen Stämme, die Verfehlungen der Europäer liegen wie schwerer Nebel in den Wäldern, die das karge Anwesen der Familie umgeben. So passt es ebenso, dass William am Ende von den Früchten seiner nicht von ungefähr als „typisch männlich“ konnotierten Übersprunghandlung, dem Holzhacken, erschlagen wird.

Überhaupt geht es in The Witch auch um Geschlechterrollen und der Film versteht es, hier ebenso Klischees zu umschiffen wie in der Ausgestaltung seines Horroraspektes. Der Vater ist streng, gesteht seinen Kindern aber ohne Scheu seine Liebe. Die Mutter Katherine (Kate Dickie) ist noch strenger und wird bewusst nicht als „typisch weibliches“ Gegenstück zu der gängigerweise als männlich kodifizierten Gewalt inszeniert, die über allem schwebt. Eher wird die in die Pubertät kommende Tochter Thomasin (Anya Taylor-Joy) als Bedrohung gesehen, während der heranreifende Sohn Caleb (Harvey Scrimshaw) überhöht wird. Tiefenpsychologen dürften einen guten Tag erleben, wenn sie sich The Witch ansehen. Am Ende zieht der Vater seinen „gerechten Zorn“ dann wieder aus der Religion, deren Verquickung mit dem Aberglauben einige Jahre nach der Handlung zu den berühmt-berüchtigten Hexenprozessen von Salem führen sollte.

Wie bereits erwähnt ist dies aber das Hauptaugenmerk des Films: wie religiös gerechtfertigte Geißelung, so sehr sie in bestimmten Situationen erbauliche Erklärungsmuster liefern kann, auch schnell in das Gegenteil umschlagen kann. Wird Samuel von einer Hexe geholt oder doch von einem Wolf? Schließlich findet man sogar eine entsprechende Fährte. Sind die alptraumhaften Bilder im Wald ein Ausdruck einer filmischen Realität oder Illustration der Vorstellungskraft der Kinder, die vor den Erwachsenen den Forst mit Monstren füllen (dies ist eine der Sequenzen, die dem Film eher schadet als nützt)? Es ist sicherlich kein Zufall, dass die (vermeintliche) Hexe Caleb in Form einer verführerischen Frau gegenübertritt, wenn dieser, in Ermangelung von Alternativen, beginnt, seinen voyeuristischen Blick auf seine ältere Schwester zu richten.
Fluch oder Lungenentzündung? Okkultes oder Natürliches? Psychose oder Wahrheit? The Witch lässt beide Argumentationen zu, ist aber stärker, wenn man sich von der Vorstellung einer „wirklichen“ Hexe verabschiedet. So bietet der rigorose Glauben, der allein in der Wildnis nicht automatisch zum Heil führt, eine Blaupause für die Geschehnisse des Films. Zumal die Geschichte einer Familie, die durch all die Entbehrungen, die auch von Gotteanrufungen nicht gelindert werden, langsam in den kollektiven Wahn verfällt, interessanter ist als wenn The Witch den einfachen, den plakativen Weg gegangen wäre.

Unter diesen Gesichtspunkten wird das Ende zum endgültigen Test. Favorisiert man die okkulte Erklärung, zeigt The Witch das Bild von europäischen  Frauen, die mit dem Leben in Neuengland nicht zurechtkommen und lieber als Hexenkommune nackt im Wald leben. Im allegorischen Sinn begibt sich Thomasin endgültig auf den paranoiden Pfad ihrer Familie, verliert sich und stirbt verwirrt im Wald, der Hexenflug wird also zur Himmelsfahrt, die ebenso imaginiert ist: die letzten Bilder eines sterbenden Gehirns, dass sein ganzes Leben mit christlicher Ikonographie indoktriniert wurde, wie aber auch als letztes Zugeständnis des Regisseurs und Drehbuchautors, dass in der Religion zumindest für das Individuum das Heilsversprechen nicht ausgeschlossen werden kann, gelesen werden könnte.

The Witch ist nicht per se antireligös, der Film offeriert aber einen distanzierten Blick auf jene Auswüchse, die in kontemporären Werken wie Paradies: Glaube schnell überzogen wirken. In einer Welt, die unter dem religiösen Fanatismus leidet, zeigt The Witch auf die Fallstricke allzu strenger Denkmuster, die sich durch den Verweis auf Gott oder andere übergeordnete Platzhalter legitimieren. Die Welt wird hier nicht ins Unglück gerissen, wohl aber das Wohlergehen von Menschen, die letztlich die Welt bilden, die sie mit ihrer Frömmigkeit auf ihrer Seite wähnten. Dass der Film mit seiner durchgehend unheimlichen Atmosphäre, den wohlkomponierten Bildern und dem Soundtrack dann auch noch ansehnlich und kurzweilig daherkommt, wirkt bei solchen Subtexten dann schon fast wie ein schmückendes Beiwerk.