Sonntag, 4. September 2016

The Shallows - Gefahr aus der Tiefe (2016)




THE SHALLOWS – GEFAHR AUS DER TIEFE
(The Shallows)
USA 2016
Dt. Erstaufführung: 25.08.2016
Regie: Jaume Collet-Serra

Die Welt wartet auf so vieles. Der Weltfrieden ist ein beliebter Traum, das Besiegen von Hunger und Armut weitere Kandidaten. Im filmischen Kontext wartet die Welt auch nach dem Erscheinen von The Shallows noch auf einen passablen Hai-Film. Das Subgenre des Tierhorrors (seinerseits eine Unterabteilung des Horrorfilms), 1975 von Steven Spielberg und seinem massiv überschätzten Der weiße Hai aus der Taufe gehoben und inzwischen dank Sharknado und Co. ihren Trashfaktor gar nicht mehr verbergend, ist keine Sache von Subtilität. An sich keine schlimme Sache, würde nicht auch The Shallows aus einem durchaus furchterregenden, letztlich aber recht unbescholtenen realen Tier eine fast unbesiegbar erscheinende Killermaschine mit persönlicher Vendetta machen, ganz so, als hätten die verlachten Fortsetzungen des Spielberg’schen Wasserschockers nie existiert. Und ganz wie der kleine Felsen, auf den sich die Protagonistin hier vor dem Fisch in Sicherheit bringt, ist dies nur die Spitze eines ganzen Fragenkatalogs, die der als ernstzunehmender Thriller getarnte Quatsch an den Strand der enttäuschten Filmhoffnungen spült.

Studentin Nancy (Blake Lively) befindet sich nach dem Tod ihrer Mutter in einer Sinnkrise und begibt sich nach Mexiko an den Strand, an dem diese einst zum letzten Mal surfte, bevor sie Nancy zur Welt brachte. Dort genießt sie die Wellen, bis von einem Weißen Hai angegriffen wird, der, angelockt durch einen Walkadaver, seinen Weg in die abgelegene Bucht gefunden hat. Nancy kann sich auf einen winzigen, nur bei Ebbe über dem Wasser liegenden Felsen retten, eine verletzte Möwe als einzigen Kompanion. 180 Meter trennen sie vom Strand und der patrouillierende Hai denkt gar nicht daran, die einfache Beute einfach davonkommen zu lassen …

The Shallows existiert in einem Universum, in dem es keine periphere Wahrnehmung gibt. Menschen schauen an toten Walen, schreienden Menschen und zerteilten Körpern vorbei, obwohl alles in der überschaubaren Bucht schwimmt bzw. dort am Strand liegt. Das Konzept des „suspension of disbelief“, also dem oft benötigten Willen des Publikums, auch unwahrscheinliche Dinge im Dienste der guten Geschichte zu akzeptieren beziehungsweise wohlwollend zu übersehen, wird hier derart überstrapaziert, dass der von Actionroutinier Jaume Collet-Serra (Non-Stop) inszenierte Film oft unfreiwillig komisch wirkt – schon bevor eine Boje sich gegen ihre Mechanik verhält und ein wildgewordener Hai alles daran setzt, eine dünne Surferin fressen zu können, obwohl immer noch ein nahrhafter Wal in der Bucht schwimmt.

Das könnte man unter Trash-Gesichtspunkten ja durchaus amüsant finden, würde sich The Shallows nicht selbst auf geradezu irritierende Art ernst nehmen. Collet-Serra und sein Drehbuchautor Anthony Jaswinski (Die Herrschaft der Schatten) wollen einerseits, das machten bereits die eher suggestiven Trailer klar, aus der Asylum-Ecke des Haifilms und seinem immerwährenden Strom an Material für Die schlechtesten Filme aller Zeiten heraus, bedienen dann aber aus einer seltsamen Haltung dem Publikum gegenüber („Die wollen das bestimmt so!“) jede Menge Klischees – der Hai brennt, der Hai riskiert für einen betrunkenen Happen, zu stranden, der Hai weiß, wo sich Nancy aufhält und will sie unbedingt verspeisen. Das ist oft so frustrierend blöd, dass man sich fragt, warum man die beständig nagende Stimme so konsequent ignoriert, die fragt: „Was hätte Hitchcock getan?“ 

Die Prämisse hatte das Potenzial, zu einem eher psychologischen Duell zwischen Mensch und Natur zu werden, zu einem Szenario, in dem der Hai vielleicht nach seinem ersten Angriff gar nicht hätte physisch anwesend sein müssen. So aber richtet sich The Shallows auf der einfachsten, der massentauglichsten Ebene ein. Die hübsche Kinematographie (die allerdings Lively etwas zu aufdringlich über den Körper streift) und das engagierte Spiel der Hauptdarstellerin stehen so in einem Kontrast zu dem hanebüchenen Script. Anstatt der (irrationalen) menschlichen Angst vor Haien eine gewinnbringende Form zu geben, entscheidet sich auch dieser Film für den Weg der unwillkommenen Verleumdung, die gar nicht versucht, dem tierischen Antagonisten irgendwie gerecht zu werden – The Shallows ist näher an Deep Blue Sea oder Shark Attack als an Der weiße Hai, der im direkten Vergleich bei allen Fehlern nur gewinnen kann. 

Schwimmen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen.




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