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Mittwoch, 2. März 2016

The Wave - Die Todeswelle (2015)




THE WAVE – DIE TODESWELLE
(Bølgen)
Norwegen 2015
Dt. Erstaufführung: 24.02.2016 (DVD-Premiere)
Regie: Roar Uthaug

Der tief ins Festland reichende Geirangerfjord ist eine der größten Touristenattraktionen Norwegens. In der Hauptsaison wird der kleine Ort ständig von Kreuzfahrtschiffen belagert, aus deren Innern sich Ströme von Besuchern ergießen, die mit Bussen die schmalen Straßen hinauf gekarrt werden, um von den Aussichtsplattformen ein Foto von ihrem unten im Fjord  liegenden Schiff zu schießen. Der Campingplatz des Ortes bietet Wohnmobilfahrern VIP-Plätze mit Blick auf das Schiffspektakel an und aus eigener Anschauung weiß ich, dass eine der Hauptsorgen der Kreuzfahrer ist, ob nach den Ausflügen denn noch genug Zeit bleibt, um im großzügigen Souvenirshop etwas Geld unters Volk zu bringen. Die fantastische Natur, die sich, wie so oft in Norwegen, in ihrer vollen, atemberaubenden Schönheit erst abseits der Straßen erschließt, scheint hier nur Staffage zu sein. Geiranger ist ein hübscher, aber auch seltsamer Ort. Und er ist akut gefährdet, sind sich Geologen doch einig, dass eine der beeindruckenden Felsformationen irgendwann abbrechen und in den Fjord stürzen wird. Die damit ausgelöste Flutwelle könnte verheerende Folgen haben und es wäre nicht das erste Mal, dass Norwegen von solch einer Naturkatstrophe heimgesucht werden würde. Kurzum, es ist das perfekte Setting für den ersten Katastrophenfilm des Landes, der bei allen genrekonformen Elementen und ziemlich unecht aussehendem CGI-Wasser auf einer unterhaltsamen Ebene besser ist, als man erwarten durfte (auch wenn das Poster ein Kreuzfahrtschiff verspricht, dieses aber nicht im Film vorkommt). The Wave, in Deutschland direkt auf Heimmedien gewandert und mit einem Untertitel versehen, der auch dem letzten Zuschauer verständlich macht, um was es geht, ist all das, was man von einem Film dieses Kalibers erwartet, nur mit weniger cheese als seine US-amerikanischen Cousins.

Für den leicht zerstreuten Geologen Kristian (Kristoffer Joner) und seine Familie, die Hotelmanagerin Idun (Ana Dahl Torp) und die Kinder Sondre (Jonas Hoff Ostebro) und Julia (Edith Haggenrud-Sande) steht der Abschied von Geiranger bevor. Nach Jahren als Mitarbeiter des örtlichen Überwachungsteams für die gefährdeten Felsformationen rund um den Fjord wurde er von der Ölindustrie abgeworben, der Umzug nach Stavanger steht kurz zuvor. Doch in der letzten Nacht im Ort passiert das, was lange prognostiziert wurde: die Felsen geben nach, krachen in den Fjord und jagen einen viele Meter hohen Tsunami Richtung Geiranger. Nach dem Alarm bleiben Kristian nur zehn Minuten, um sich, seine Familie und möglichst viele weitere Menschen auf eine sichere Höhe zu bringen. Doch kann man den Wettlauf mit einer Naturgewalt überhaupt gewinnen?

The Wave gelingt es schnell, Sympathien für seine Figuren zu generieren. Kristian ist kein Nerd, wie ihn Hollywood produzieren würde. Er überlässt zwar seiner Frau die handwerklichen Aufgaben im Haushalt (auch ein Ausdruck der selbstverständlichen Gleichberechtigung in Norwegen) und geht vor allem in seinem Metier auf, aber er verhält sich wie ein normaler, liebenswerter Mensch und nicht wie eine trottelige Karikatur. Die Kinder verhalten sich ebenso wie normale Kinder, die Beziehung der Erwachsenen ist auf eine Art gewöhnlich wie sie im Kontext des Genres geradezu erfrischend daherkommt. Auch werden unserem Protagonisten nicht umständlich behördliche oder zwischenmenschliche Steine in den Weg gelegt, wenn er die Katastrophe prophezeit geht niemand großspurig über ihn hinweg oder ein bornierter Bürgermeister fürchtet um ein anstehendes Fest. Kristian ist lediglich vorsichtiger als andere und auch dies trägt dazu bei, dass The Wave sich nicht im Netz seiner offensichtlichen Vorbilder verheddert. Hier ist alles etwas gesetzter, unaufgeregter, menschlicher.

So kann man mit den Charakteren durch die Handlung wandern und auch deren Dramaturgie mittragen, die sich bei aller zwischenmenschlichen Liebe natürlich nicht von der üblichen Drei-Akt-Struktur unterscheidet: Nach dem Setup kommt die Katstrophe und dann die Rettung. In jedem Akt gibt es etwas, dass den Film sehenswert macht, besonders hervorzuheben ist eine wahrlich gespenstische Szene gegen Ende, die sich ebenso gegen die üblichen Klischees stemmt wie die Figurenzeichnung und die einen Bus involviert.
Das Herzstück des Films, die hereinbrechende Katstrophe, wird erstaunlicherweise zur Zäsur für den in seinem Entstehungsland ziemlich erfolgreichen Film. Mit der nötigen emotionalen Nähe kann das Adrenalin hier wirklich fließen, wer mehr darauf achtet, wie schwer es immer noch ist, glaubwürdiges Wasser im Computer entstehen zu lassen, der wird womöglich mehr amüsiert sein. Die monströse Naturkraft sieht gerade bei ihrem ersten Shot genauso aus – wie ein Monster, dem die Animatoren gar nicht genug Wirbel, Wellen und Schaumkronen geben konnten. Wahrscheinlich sollte man froh sein, dass die Welle nicht auch noch ein Löwengebrüll anstimmt wie der Wirbelsturm in Twister. Die eigentliche Zerstörung Geirangers ist dann kurz, heftig, trotz CGI-Wassers besser gelungen und auch das Bild, wie sich die Wassermassen um eine Fjordbiegung schieben, ist Stoff für Alpträume. In der Logik des Geschehens gibt es zudem nicht unzählige Nachkatastrophen, die Welle trifft, zerstört und hat ihr Werk damit getan.

The Wave ist kein überragender Film und wirklich verwundert darüber, warum er hierzulande nur auf Heimmedien erschien, ist wohl auch niemand. Aber er hat – und das ist bei Katastrophenfilmen kein Standard – das Herz am rechten Fleck. Tiefenanalytisch ist es wohl konservativ, eine generische Familie in den Mittelpunkt zu stellen und darüber hinaus alle anderen Charaktere ein Stück weit zu negieren, aber eben weil der Film so unangestrengt dabei ist, uns Kristian und die Seinen als beachtenswert zu verkaufen, verdient er Respekt. Kann das Spektakel mitunter unfreiwillig komisch wirken? Ja. Zieht der Film im dritten Akt ein paar klischeehafte Register zu viel? Auf jeden Fall. Wartet er mit mehr Unterhaltungswert auf, als man ihm hätte zutrauen können? Auch das ist wahr. The Wave ist ein Genrefilm für alle, die von den markigen Heldenposen á la San Andreas und 2012 und ihrem unstillbaren Durst nach totaler Zerstörung inzwischen eher angeödet denn unterhalten sind.




Dienstag, 23. Februar 2016

Bone Tomahawk (2015)




BONE TOMAHAWK
USA 2015
Dt. Erstaufführung: 21.01.2016 (DVD-Premiere)
Regie: S. Craig Zahler

Die Zeiten des Unterkomplexen sind eigentlich vorbei. TV-Serien sind ohne folgen- bzw. staffelübergreifende Handlungsstränge kaum noch denkbar und Filme ohne eine zumindest rudimentäre Reflexionsebene werden in Zeiten des dankbaren Meinungspluralismus schnell demaskiert. Umso erstaunlicher, wie wenig der in Deutschland gleich auf Heimmedien erschienene Horrorwestern Bone Tomahawk in seinen Subtext investiert. Gerade in seiner Grundidee liegt im Kern ein Kommentar zur Xenophobie des Westerngenres, ein Nachdenken über den Hurra-Patriotismus einer Filmgattung, die die „Eroberung“ eines Kontinents und die damit einhergehende Enteignung und Entmenschlichung der indigenen Bevölkerung lange Zeit relativ kritiklos als „Abenteuer“ inszeniert hat. Doch das Regiedebüt von S. Craig Zahler ist weit entfernt von solchen Brechungen, es fehlt ihm der Mut zum Subversiven, eben zur Reflexion jenseits des Boulevardblatt-Charakters seines Sujets. Das Ganze ist zwar stilistisch bemerkenswert sicher und gekonnt inszeniert und Zahler hat eindeutig ein Händchen für Dialoge, aber am Ende des Tages ist Bone Tomahawk ein Film, der allzu leichtfertig lediglich auf die Symbiose zweier Genres hin konzipiert wurde. Cannibal Holocaust trifft auf Tombstone ist als einzig tragendes Element der Handlung dann doch etwas wenig.

Im verschlafenen Westernstädtchen Bright Hope kommt eines Abends ein Fremder an, der sich als Buddy (David Arquette) vorstellt, durch seine Art aber sofort das Misstrauen des Sheriffs Hunt (Kurt Russell) und seines schlichten Deputys Chicory (Richard Jenkins) auf sich zieht. Schnell bewahrheitet sich der Verdacht, denn ein Clan kannibalistischer Indianer verfolgt Buddy, weil er ihre Grabstätte entweiht hat und entführt kurzerhand nicht nur ihn, sondern auch den zweiten Deputy (Evan Jonigkeit) und die Ärztin des Ortes, Samantha (Lili Simmons). Hunt, Chicory, der Pseudo-Gentleman Brooder (Matthew Fox) und der dank eines gebrochenen Beines eigentlich ziemlich immobile Mann Samanthas, Arthur (Patrick Wilson) nehmen die Verfolgung auf, in der Hoffnung, die Entführten noch zu retten, bevor sie in den Mägen der in Höhlen hausenden Antagonisten enden.

Bone Tomahawk will nicht als rassistisch, auch nicht als ein bisschen xenophob, gelten. So trauern die ausnahmslos weißen Protagonisten offensiv um einen schwarzen Stallburschen, der von den Indianern getötet wurde und der wie ein Feigenblatt daherkommende Ureinwohner mit Sprechrolle soll klar machen, dass die Höhlenbewohner jenseits jeder menschlicher Ordnung, ob nun indianisch oder europäisch, stehen. Man kämpft in dieser Logik nicht mit Menschen, sondern mit Monstern. Die Entmenschlichungsbestreben sind eines Eli Roth würdig, der Film setzt viel daran, die komplette Vernichtung des Stammes zu legitimieren. Nun ist es wahrlich kein feiner Zug, Gefangene bei lebendigen Leib in der Mitte zu zerteilen, um sie hernach zu kochen, aber irgendwie wirkt alles wie ein Vorwand, mal wieder zum Stereotyp des „Wilden“ zurückzukommen, der nicht Zivilisationsfähig ist und durch seine Handlungen den Tod verdient hat. Wenn schon die anderen First Nations nicht mit ihnen klar kommen und sie außerdem mit Vorliebe Weiße verspeisen, ist doch alles klar, oder? Gerade im letzten Fakt, der beiläufig eingestreut wird, blitzt etwas von der Subversivität auf, die Bone Tomahawk hätte kennzeichnen können – die Antagonisten als Antwort auf die Landnahme, die die Aggressoren in einem Akt der Verzweiflung verschlingen wie diese es vorher mit ihrer Lebensgrundlage und Kultur getan haben. Ansätze, die Bone Tomahawk zugunsten des plakativen Horroraspekts vollkommen außer Acht lässt. Man wartet ständig auf einen Twist, auf eine clevere Brechung im Portrait der Kannibalen, die niemals eintritt. Die Troglodyten genannten Schurken bleiben kulturlose Heiden (was auch nicht aufgeht, weil der Film ihnen zu dramaturgischen Zwecken eine Spiritualität und beeindruckende chirurgische  Kenntnisse andichtet), ihr Tod ist gerecht, zumal sie auch ihre Frauen nicht so zuvorkommend behandeln wie der weiße Mann (vgl. eine der letzten Szenen in der Höhle). Say what?

Wenn man in der Lage ist, all diese soziologischen und gesellschaftlich frustrierenden Implikationen außer Acht zu lassen, der bekommt mit Bone Tomahawk immerhin einen sauber in Szene gesetzten Film mit detailverlebter Ausstattung und jenen deftigen Effekten, die die Gorehounds anlocken sollen, vorgesetzt. Die Dialoge erinnern in ihren besten Momenten an die Wortwechsel bei Quentin Tarantino (wenn auch hier mit weniger Schimpfwörtern) und die Dramaturgie setzt Wert darauf, die Länge und Strapazen der Reise zu zeigen. Die bereits angesprochenen Gorehounds könnten dabei leicht ungeduldig werden, dabei ist Bone Tomahawk dann am besten, wenn er sich seinen Figuren und ihren Beziehungen widmet. Gerade weil sich der Film in seinem Mittelteil größtenteils so gut macht wirken das Finale und der xenophobische Impetus (natürlich wird man unterwegs auch von Mexikanern überfallen) wie ein nachträglich eingeworfener Zweitgedanke, wie einer Selbsterinnerung, dass man ja hier einen modernen Exploitationfilm drehen wollte.

Bone Tomahawk ist ein sehr unausgegorener Film, der eindeutig inszenatorisches Potenzial seitens Zahler erkennen lässt, aber auch zu sehr einem unreflektierten Horroraspekt huldigt, der in dieser Form dem Film eher schadet als das er ihn aufwertet. Oder sollte das ganze Unterfangen etwa eine Origin-Story für die US-amerikanische „culture of fear“ darstellen?




Sonntag, 20. Dezember 2015

Dellamorte, Dellamore (1994)




DELLAMORTE, DELLAMORE
Italien 1994
Dt. Erstaufführung: 10.09.1999 (DVD-Premiere)
Regie: Michele Soavi

Diese Besprechung ist Teil der Adventsaktion „Wünsch dir ein Review!“ und wurde von Peter Schneider von Mostly Movies gewünscht.

Der italienische Horrorfilm, irgendwo zwischen genuinen Giallo, schamlosem Rip-Off und Pseudo-Fortsetzung, ist immer für eine Überraschung gut. So ist Dellamorte, Dellamore beileibe nicht der übliche 08/15-Zombiefilm, den man zunächst mit dem Genreoutput des europäischen Landes assoziiert. Gestaltungstechnisch bekommt der Zuschauer hier einiges geboten, der Film ist visuell und in diversen Details sehr einfallsreich und mit sichtlichem Elan inszeniert. Leider ist er zudem wirr und setzt mit fortschreitender Laufzeit immer mehr auf in der Luft hängende Grotesken, so dass er nicht imstande ist, das Interesse wach zu halten. Kurz gesagt: Dellamorte, Dellamore entwickelt sich dank seines wenig kohärenten Drehbuchs (was ja nicht einmal eine unabdingbare Voraussetzung für einen Film ist) zu einem ziemlichen Langweiler. Und das ist gerade im Hinblick auf den Willen zum Spiel mit Versatzstücken wirklich zu bedauern.

Franceso Dellamorte (Rupert Everett) ist Totengräber und Friedhofswärter in einer kleinen italienischen Gemeinde, in der die Toten sieben Tage nach ihrem Ableben wieder auferstehen. Manche sind hirnlose Zombies, andere können sprechen und denken und sich an ihr vorheriges Leben erinnern – notfalls auch ohne Körper. Seine Aufgabe sieht Francesco darin, sie endgültig ins Jenseits zu befördern, unterstützt wird er dabei von seinem tumben Gehilfen Gnaghi (François Hadji-Lazaro). Als Francesco sich in eine trauernde Witwe (Anna Falchi) verliebt und sie beim Sex mit ihm auf dem Friedhof von einem Zombie angenagt wird, verfällt der Totengräber zusehends in eine Sinnkrise, die ihn nach und nach immer weiter aus der Realität entfernt und ihn Pläne schmieden lässt, seine Tätigkeit als Untotenkiller an den Nagel zu hängen …

Jenseits jeglicher Billigproduktion wartet Dellamorte, Dellamore mit ergebenen Darstellern und sehr gute Effekten auf (besonders ansehnlich ist eine Vision des Todes geraten, die zu Francesco spricht). Für den durchschnittlichen Genrefan gibt es einiges an Gewalt und freizügigen Sex, angereichert ist alles mit einem galligen Humor, der vor allem im ersten Drittel des Films hervorragend funktioniert. Je weiter sich der Film allerdings von einer zusammenhängenden Erzählung entfernt und zusehends nur noch traumartige Sequenzen aneinanderhängt, umso uninteressanter wird das Ganze. Irgendwann ist der Film nur noch eine Entschuldigung für blutige Effekte. Ich kannte mal einen Menschen, für den das einzige Qualitätsurteil die Anzahl der Toten in einem Film war und ob sie möglichst graphisch zu Tode kommen. Je länger Dellamorte, Dellamore läuft, desto mehr wird er zu einem Film, der diesem „Cineasten“ gefallen hätte – egal, ob das Ganze dramaturgisch notwendig ist oder nicht.

Dellamorte, Dellamore ist ein seltsamer Versuch, dass Zombiegenre mit einer Art Fantasy-Arthouse zu kreuzen. Die zusehends traumartige Gestaltung und Verhaltensweise der Figuren haben zwar einen ganz eigenen Charme, aber die vielen Elemente kommen nie ganz zusammen. Was als Offbeat-Charmeur beginnt verheddert sich in weitestgehend langweilige Eskapaden, was auch an dem recht unsympathischen Hauptcharakter liegt. Schwerlich lassen sich für Francesco so etwas wie echte Gefühle entwickeln, selbst eine schicksalshafte Enthüllung wird ziemlich emotionsfrei gehandhabt. Der Film vertraut so sehr auf seinen schwarzen Humor und seine morbiden Effekte, dass er das menschliche Element darüber hinaus weitestgehend vergisst. Es bleibt dabei: so sehr man Dellamorte, Dellamore mögen möchte, eben weil er die ausgetretenen Pfade verlässt und vor allem mit einem Ende gesegnet ist, dass in einem Film mit sicherer tonaler Gestaltung ein echter Knaller gewesen wäre, siegt doch die Gestaltung so sehr über den Inhalt, dass man ihn eher respektiert als aktiv mag. Technisch ist an Dellamorte, Dellamore nicht auszusetzen. Wenn das Drehbuch seinen Pfiff der ersten – sagen wir – dreißig Minuten durchgehend hätte bewahren können, der Status als Kultfilm wäre auch jenseits des Versuchs, mit dem Zombiemotiv etwas anderes anzufangen, gerechtfertigt gewesen. Und wer eine Genrefilm zum analysieren sucht (Dellamorte, Dellamore scheint genug Anhaltspunkte zu bieten, um ihn beispielsweise als Kommentar zum italienischen Faschismus zu lesen), der ist mit Produktionen wie Pontypool besser bedient.


 

Sonntag, 29. November 2015

Sam Hell ist Der Jäger (1988)




SAM HELL IST DER JÄGER
(Hell comes to Frogtown)
USA 1988
Dt. Erstaufführung: Mai 1988 (Videopremiere)
Regie: Donald G. Jackson und R.J. Kizer

Diese Besprechung ist Teil der Adventsaktion „Wünsch dir ein Review!“ und wurde von Filmschrott gewünscht.

Geht man davon aus, dass das Medium Film zuerst für die Eröffnung anderer Welten da ist und dem Zuschauer bisher unbekannte Einsichten vermitteln soll, dann sind einige Genres dafür prädestinierter als andere. Sicher entführt auch ein existenzialistisches Drama in eine Welt, die nicht jedem im Publikum gänzlich geläufig ist, aber die phantastischen Genres, Science-Fiction, Fantasy und Horror, sind da gemeinhin expliziter. Dafür sind sie denn auch eins: anfälliger für Albernheiten. Nüchtern betrachtet sind auch die großen Namen ein einziges Kuriositätenensemble, findet man keinen Zugang steht es um eine positive Rezeptzion schlecht. Kann man keinen Mann, der mit einem anderen Mann in einem 2-Meter-Fellanzug umherzieht oder eine Gruppe künstlich perspektivisch verschobener Gefährten mit Make-Up-Prothesen akzeptieren, die Genres können schnell zu einer Lachnummer werden – zu Trash: Dämlich, aber vergnüglich. In genau diese Kategorie fällt Sam Hell ist Der Jäger, dereinst auf VHS auch unter dem Titel The Hunter – Ein erbarmungsloser Jäger vertrieben, eine wahnsinnige Quasi-Parodie auf B-Filme mit all dem Charme, der zu solchen Produktionen dazugehört.

Nach einem Atomkrieg hat sich die Welt gewandelt: nuklearer Fallout hat Frösche zu anthropomorphen Wesen mutieren lassen, die von den Menschen in die Wüste verbannt wurden. Die allermeisten Männer sind unfruchtbar, was für den Fortbestand der Art nicht gerade förderlich ist. Umso wertvoller wird der Vagabund Sam Hell (Roddy Piper), als sich herausstellt, dass er noch genau dazu imstand ist – und mit seiner 80er Matte auf dem Kopf ist er selbstredend der attraktivste Mann in der ganzen Postapokalypse. Widerwillig lässt er sich mit den Resten der Regierung ein, die ihn gern als „Zuchtvater“ einsetzen würden. Zuvor aber wird er noch mit einer Mission betraut: eine Gruppe äußerst fruchtbarer junger Frauen zu retten, die das Schicksal nach Frogtown, die Enklave der Mutanten, verschlagen hat und die dort als Sexsklavinnen gehalten werden.

Was soll man sagen, was soll man schreiben? Sam Hell ist genau so, wie es die Inhaltsbeschreibung vermuten lässt: ein hemmungsloser Exploitationfilm, der Sex und Gewalt aber zugunsten eines schrägen, leicht parodistischen Tons, im Zaum hält. Dementsprechend fallen viele Elemente nicht so schwerwiegend auf, wie sie es bei einem „ernsten“ Film getan hätten. Kein Wort über die Traumatisierung, von einer nicht-menschlichen Intelligenz zwecks Sex gefangen gehalten zu werden, keine Auseinandersetzung damit, dass auch bei den Menschen Vergewaltigung eine augenscheinlich von höchster Stelle genehmigte Praxis ist, wenig Hintergrundwissen zur Geschichte der Menschen und Froschmutanten (obwohl sich der Film mehr Gedanken darüber macht, als man erwarten durfte – die Historie hängt also nicht völlig im luftleeren  Raum). Es ist viel harter Tobak, der der luftig-leichter Verpackung daherkommt. Davon mag man halten, was man will, aber Sam Hell schafft es, sich selbst immer wieder so ironisch zu brechen, dass der Film auf der Trash-Ebene durchaus funktioniert. So mag sich die Prämisse um eine leicht krude Männerphantasie herum entspinnen (Sex! Unmengen Sex! Aber natürlich nur zur Arterhaltung …), Sam selbst wird aber oft als Zauderer gezeigt, der nicht bei jeder Gelegenheit die Hose herunterlässt, während die Mitarbeiter einer weiblich dominierten Regierung ihre Libido nicht immer im Zaum haben. Durch die Umkehrung zeigt der Film recht vergnüglich die innewohnende Albernheit menschlicher Sexualitätsanbahnung auf – auch zwischenmenschliches hat Trash-Potenzial. Überhaupt versteht Sam Hell seine Genre-Spielart genau. Es ist so abgedreht, was hier teilweise passiert, dass man sich fragt, wie der Film überhaupt über den ersten Entwurf hinauskommen, geschweige denn als komplettes Werk das Licht der Welt erblicken konnte. Auf der anderen Seite  zeigt er das nötige Maß an Hingabe. Das Drehbuch versucht, den Wahnsinn zu erklären, die Spezialeffekte sind einfach, aber mit sichtlicher Liebe gemacht und der Showdown mit sage und schreibe zwei Autos in der Wüste hinter irgendeinem Supermarkt ist so beeindruckend popelig, dass man auch hier eher schmunzelt als sich betrogen vorkommt.

Negativ fällt in erster Linie der dramaturgische Leerlauf auf, wenn der Film nicht so recht in Fahrt kommen will und ganze Sequenzblöcke etwas unfokussiert umher mäandert. Sam Hell ist mit Liebe zum Subjekt, wohl aber nicht so flott erzählt, wie man es sich wünschen würde. Insgesamt aber ist diese Obskurität aus der Videotheken-Resterampe aber ein – zumindest für Trashfreunde – interessantes Werk, dass trotz eines gewissen Hangs zur Langatmigkeit einiges über die Hingabe erzählt, die das Medium Film seinen Erschaffern abverlangt. Am Ende können halt große Dramen stehen – oder Filme über sexgierige Froschmutanten, die gegen einen Wrestler mit beeindruckender Matte kämpfen. Und das schönste: beides hat seine Berechtigung.