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Montag, 18. August 2014

Planet der Affen - Revolution (2014)




PLANET DER AFFEN – REVOLUTION
(Dawn of the Planet of the Apes)
USA 2014
Dt.
Erstaufführung: 07.08.2014
Regie: Matt Reeves

Das Mensch und Menschenaffe äußerst nahe Verwandte sind, ist ja immer wieder beschämend - für den Affen. Wer würde schon gern mit Cousins zu tun haben, die einem beharrlich die Intelligenz und das Einfühlungsvermögen absprechen? Solche Überlegungen wurden 2011 in Planet der Affen - Prevolution verhandelt, dem, es muss einfach mal gesagt werden, besten Teil der Saga seit 1968 Pierre Boulles Roman zum ersten Mal als Vorlage zu einem Blockbuster diente. Das Reboot war nicht nur intelligenter, sondern auch ruhiger als der gängige US-Sommerhit. Bis zur Entladung des gerechten Zorns auf der Golden Gate Bride in San Francisco war Prevolution ziemlich sparsam mit dem Einsatz von gängigen Adrenalinfördernden Maßnahmen, zumindest nach dem Maßstab des Blockbusterkinos. Der Fokus lag vielmehr auf dem endgültigen Erwachen einer nicht-menschlichen Intelligenz und der Film wurde dadurch nur umso stärker.
Viel Vertrauen hatten die Marketingspezialisten von 20th Century Fox allerdings nicht in das Projekt, nach immer schlechter werdenden Originalfilmen und einem wahrlich grausigen Remake-Versuch von Tim Burton hatte der Name Planet der Affen keinen guten Klang mehr. Dementsprechend niedrig war das Werbeetat, Prevolution wurde regelrecht versteckt. Doch da sich Qualität manchmal durchsetzt wurde der Film zu einem Überraschungshit und die Fortsetzung, die sich aufgrund des Endes geradezu aufzwang, bekam grünes Licht. Das Ergebnis, Planet der Affen - Revolution, fällt zwar etwas hinter dem Setup ab, offeriert aber immer noch ein gelungenes Filmerlebnis, wenngleich man nach dramaturgischen Kniffen vergeblich sucht.

Zehn Jahre sind vergangen, seit der im Labor geborene Virus, der eigentlich degenerative Hirnerkrankungen heilen sollte, entwich und sein wahres Gesicht zeigte: Während er Menschenaffen intelligenter machte, raffte er Menschen schlicht dahin. Caesar (Andy Serkis), der Ausgangspunkt für die Befreiung der Affen aus dem Raum San Francisco, lebt inzwischen mit den Seinen im Wald außerhalb der Stadtruinen. Die äffische Kultur entfaltet sich und die Menschen wurden seit zwei Jahren nicht mehr gesichtet, gelten also als ausgestorben. Dies muss revidiert werden, als eines Tages Malcolm (Jason Clarke) und eine Handvoll anderer menschlicher Überlebender vor Caesar und seiner Sippe stehen: sie kommen aus den nahe gelegenen Resten San Franciscos und wollen einen im Wald gelegenen Staudamm wieder in Betrieb nehmen, um ihre Enklave mit Strom zu versorgen. Auf beiden Seiten herrscht Skepsis, ob man der jeweils anderen Partei trauen kann, doch schließlich entscheidet sich Caesar dazu, den Menschen zu helfen. Das weckt nicht nur das Misstrauen von Dreyfus (Gary Oldman), der zusammen mit Malcolm als Bürgermeister der Menschenkolonie fungiert, sondern auch von Caesars rechter Hand Koba (Toby Kebbell), der als ehemaliges Versuchstier nur das Böse im Homo sapiens sieht...

Es ist gleichzeitig Segen und Fluch: die Affen sind selbstredend das Interessanteste am ganzen Film. Damit ist gar nicht die - absolut hervorragende - Technik gemeint, mit der Andy Serkis und Co. ihr Schauspiel auf digitale Avatare übertragen konnten und die sich seit dem letzten Affen-Film nochmals verbessert hat, sondern auch die Entwicklung ihrer Gesellschaft. Man wird sofort in diese Kultur hineingezogen, in dieses gelichzeitig vertraute wie fremdartige Gebaren von Spezies', die uns so nah sind, dass es für manchen Zeitgenossen bereits zu erschreckend ist. Die Welt der mit Gesten und Mimik kommunizierenden Affen ist vom ersten Moment an so stark, dass die Menschen im doppelten Sinne wie Eindringlinge wirken - sie stören nicht nur die Kreise der nicht-menschlichen Charaktere, sondern auch die wunderbare Narrative von der aufstrebenden Kultur. Nun gut, es ist das Gesetz des Spielfilms, dass hier greift, nur leider wird den menschlichen Protagonisten bis zum Schluss das Manko der Farblosigkeit anhaften. Es mag daran liegen, dass das Fremde im Film immer etwas faszinierender daherkommt als das Bekannte, aber die Versuche, Malcolm und die Seinen interessant zu machen, wirken eben genau so: wie Versuche, die eher halbherzig daherkommen. Man streut einen kleinen Dialog über eine tote Tochter oder eine tote Frau ein, lässt den bemerkenswert unterbeschäftigten Gary Oldman kurz seine Filmsöhne beweinen und meint dann, es wäre damit erledigt. Man wird regelrecht unruhig, sobald sich der Film länger ausschließlich den Menschen widmet - man will einfach mehr von Caesar sehen. Selbst ein normaler Alltag wäre genug, weil man sich eben so gern in den Sog der Darstellung von Evolution begibt.

So mag man konstatieren, dass die Mensch/Affe-Beziehungen in Prevolution besser funktionierten, dem allgemeinen Unterhaltungswert tut dies kein Leid an. Revolution ist mit etwas über zwei Stunden zwar (notorisch) etwas zu lang geraten und der 3D-Effekt wird in keinster Weise genutzt, aber dennoch bewegt sich der Film flott genug, dass kein Leerlauf aufkommt. Es ist ein bisschen wie bei James Camerons Kassenschlager Avatar - Aufbruch nach Pandora: eine hinlänglich bekannte Geschichte, die dramaturgisch keinerlei Überraschungen bietet, wird so involvierend erzählt, dass man diesen Punkt wohlwollend übersehen kann. Man muss nur eine Handvoll Blockbuster gesehen haben, um die Wege, die das Drehbuch einschlagen wird, vorauszusehen: der Verrat, das Dilemma, die Konfrontation, der Sündenfall - Revolution funktioniert narrativ wie eine Blaupause für das Mainstream-Kino.

So sind es die Nuancen, mit denen Regisseur Matt Reeves (Cloverfield) die Dramaturgie aufpeppt, die, ähnlich wie die Affen-Protagonisten an sich, eine nicht unerhebliche Faszination ausüben. Kobas Camouflage etwa, die zwei Wachleute in Sicherheit wiegen soll, kleine Momente der Annäherung zwischen den Arten und schließlich eine einfaches, aber großartiges visuelles Bonmot, wenn Malcolm als Mensch langsam im Schatten verschwindet, um die Bühne den Affen zu überlassen. Der erzählerischere Kreis schließt sich hier im Übrigen auch nicht weiter als bei Prevolution, die Ansatzpunkte für eine Fortsetzung sind Legion und Caesar hat bestenfalls einen Etappensieg (oder Etappenniederlage, es hängt vom Standpunkt ab) erreicht.

Planet der Affen- Revolution ist ein Spektakel, ohne Frage, eine Leistungsschau der Tricktechnik, vom Aufbau und Durchführung leicht goutierbar und deutlich mehr auf ein besonders großes Publikum schielend als sein Vorgänger. Doch es ist auch ein Film mit mehr Denkanstößen als der übliche Popcornüberflieger, der Evolutionstheorien wie die "Zivilisation aus dem Flaschenhals" ebenso einfließen lässt wie Überlegungen zu Machtverhältnissen und Kulturgeschichte. Revolution bleibt das Fortsetzungsschicksal  wie dereinst dem leicht kruden Rückkehr zum Planet der Affen erspart und das mag für manchen Fan schon der guten Nachrichten genug sein.



Montag, 5. Mai 2014

Die Prophezeiung (1979)




DIE PROPHEZEIUNG
(Prophecy)
USA 1979
Dt. Erstaufführung: 20.09.1979
Regie: John Frankenheimer

Das Konzept der „Rache der Natur“-Filme würde nicht existieren, wenn Menschen sich nicht zumindest unbewusst darüber im Klaren wären, dass sie ihren Heimatplaneten nicht so gut behandeln, wie sie es sollten. Der fortschreitende Raubbau und die bemerkenswert konsistente Weigerung, Alternativen für bestehende Probleme zu finden, kanalisieren sich in diesen Filmen in einer meist lokal begrenzten Racheaktion – die Natur und ihre als genuin verstandenen Bewohner wissen sich nicht mehr zu helfen und greifen zu drastischen Maßnahmen, um den verursachenden Menschen entgegenzutreten. Allein diese Versus-Konstellation macht schon deutlich, dass der Mensch nicht mehr als Teil der natürlichen Umwelt angesehen wird. Diese Vorstellung wird in einem Film wie Die Prophezeiung korrigiert und auch wenn der Subtext einiges an interessantem Material hergibt, ist der von John Frankenheimer inszenierte Film reichlich holprig, oft unfreiwillig komisch, geraten. Das suggestive Filmplakat reizt mehr zum Gruseln als die etwas langatmig ausgewalzte Handlung.

Dr. Robert Verne (Robert Foxworth) und seine schwangere Frau Maggie (Talia Shire) werden nach Maine beordert, um im Gebiet um eine Papierfabrik Umweltuntersuchungen durchzuführen. In der Gegend, in der Abholzungen vorgenommen werden und wogegen die Ureinwohner protestieren, sind in letzter Zeit mehrere Menschen verschwunden. Während die Führungsriege der Fabrik die Indianer unter der Anweisung von John Hawks (Armand Assante) dahinter vermutet und dementsprechend ruppig mit ihnen umgeht, entdeckt Verne bald die wahre Ursache: Quecksilber, dass ungefiltert in die Umwelt abgegeben wurde, führt zu Mutationen und Verhaltensänderungen in der ansässigen Tierwelt. Unter anderem entstand so ein grausam entstelltes Bärenmonster, das sich als größte Gefahr für alle im Gebiet anwesenden entpuppt…

John Frankenheimer, der 2002 verstorbene Regisseur von Der Mann, der zweimal lebte und Ronin, sollte sich 1996 erneut an einem Monsterfilm versuchen: D.N.A. – Experiment des Wahnsinns, eine fiebrige Neuauflage von H.G. Wells Die Insel des Dr. Moreau. Dabei hatte er doch mit Die Prophezeiung bereits 1979 bewiesen, dass ihm diese spezielle Filmgattung nicht sonderlich liegt.
Die Prophezeiung zieht alle bekannten Register, vom mysteriösen Opening Kill über die subjektive Kamera bis zum nach vorhersehbaren Mustern funktionierende Ausdünnen der Charaktere im Showdown. Das ist alles auf leidliche Art unterhaltsam, aber es verläuft ein Bruch zwischen Anspruch und Ausführung. Will heißen: vor allem die Effekte können mit dem vollkommen ernst durchgespielten Plot nicht mithalten. Im gleichen Jahr, in dem Ridley Scott mit weniger Budget den bis heute beeindruckenden Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt ins Kino brachte und ein vollkommen überzeugendes und inzwischen ikonenhaftes Monster erschuf, wird hier ein wild fuchtelnder Bärenmutant augenscheinlich auf Rollbrettern über das Set gefahren und sieht dabei aus wie ein überdimensionaler Nachtmull. Es gilt der alte Grundsatz, dass je weniger man von der Kreatur sieht, desto furchteinflößender kommt sie daher. Auf Suggestion verlässt sich Frankenheimer jedoch nicht, bei ihm ist, vor allem im Finale, alles überlebensgroß und eben unfreiwillig komisch. Das hat seine ganz eigene, trashige Qualität, gereicht dem Film aber nicht zu Horrorehren.

Außerdem leidet Die Prophezeiung unter dem unkonzentrierten Drehbuch von David Seltzer (Das Omen). So wird sehr viel Zeit darauf verwendet, eine Erklärung für die Mutanten zu finden, die zudem Maggies ungeborenes Kind in Gefahr bringt. Zusammen mit dem Filmplakat entsteht so ein reichlich unangenehmes Kopfkino. Doch all dies führt zu nichts, am Ende sind die Helden in Sicherheit (ich glaube kaum, dass dies als Spoiler durchgeht), es gibt einen letzten bemühten Schockeffekt und die sich potenziell entwickelnde Schrecklichkeit in Maggies Gebärmutter ist vergessen. Dies zeugt nicht nur von einer dramaturgischen Fahrigkeit, sondern auch von einem gewissen Desinteresse an den Charakteren, was auch davon untermauert wird, dass Seltzer mindestens einer Figur das Überleben verweigert, die sich am wenigstens schuldig gemacht hat und auch am wenigstens die üblichen dummen Genrefehler begangen hat. Hauptsache, der weiße Doktor, der den Grund für die Angriffe des Bären über weite Teile des letzten Aktes mit sich schleppt (im Dienste der Wissenschaft, natürlich), überlebt…

Glaubt man zeitgenössischen Rezensionen, wirkte Die Prophezeiung bereit bei seinem Erscheinen altbacken, kann er dem Monsterfilm doch keinerlei neue Impulse verleihen. Das alles hat seinen Trash-Charme, unbestreitbar, und Richard Dysart hat sehr viel Freude an seiner Rolle als leicht rassistischer Fabrikchef. Die Geschichte ist kaum von Elan geprägt, wohl aber von einer engagierten Kinematographie. So gibt es zumindest ein paar schöne Landschaftsaufnahmen, die dann irgendwann von einem stets zweibeinig umher watschelnden Riesennacktmull unterbrochen werden, der Figuren wie Puppen durch die Gegend schleudert (und Schlafsäcke explodierten in den Siebzigern offensichtlich). Das ist alles nicht weltbewegend und auch nicht um eine geschlossene Stimmigkeit bemüht, in seiner bierernsten Haltung auch im Anbetracht seiner alberneren Momente aber nicht so katastrophal wie diverse andere Monsterfilme.



Dienstag, 29. April 2014

Höllenbrut (1998)




HÖLLENBRUT
(Progeny)
USA 1998
Dt. Erstaufführung: 03.01.2000 (Video-Premiere)
Regie: Brian Yuzna

Als Produzent war Brian Yuzna in den 1980er Jahren erfolgreicher als später auf dem Regiestuhl. Zu dem von ihm produzierten Filmen gehören nicht nur Horrorfilme wie Der Re-Animator und C2 – Killerinsekt, sondern kurioserweise auch der Familienfilm Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft. Als Regisseur drehte er Fortsetzungen von Re-Animator, The Dentist, Rottweiler (in dem der titelgebende Hund von kybernetischer Natur war) und eben Höllenbrut, der bemerkenswerterweise auf dem Filmfestival von Cannes seine Uraufführung erlebte. In Deutschland erkannte man das limitierte Potenzial des Low-Budget-Films, im Kino eine nennenswerte Zuschauerzahl anzuziehen und veröffentlichte ihn gleich als Videopremiere. Denn Höllenbrut ist unverkennbarer Trash, allerdings nicht von der Sorte, die sich für einen beschwingten Filmabend eignet. Sicherlich gibt es einige unfreiwillig komische Szenen, der Großteil des Films aber ist ein kalter, nihilistischer Thriller mit einigen wahrlich schauerlichen Einfällen, die trotz der begrenzten handwerklichen Mittel eine gewisse Wirkung entfalten.

Dr. Craig Burton (Arnold Vosloo) und seine Frau Sherry (Jillian McWhirter) haben gerade ihr neues Haus bezogen und versuchen, endlich schwanger zu werden. In einer der ersten Nächte im neuen Heim werden sie beim Sex von einem grellen Licht überrascht, anschließend fehlen ihnen zwei Stunden an Erinnerungen. Die Burtons versuchen, das seltsame Geschehen zu vergessen. Als Sherry schwanger wird, scheint das Glück perfekt, doch die verdrängten Erinnerungen an jene Nacht, die rechnerisch die Nacht der Empfängnis gewesen ist, lassen die Beiden nicht wirklich los. Zunächst mithilfe der Psychologin Dr. Susan Lamarche (Lindsay Crouse), dann mit Unterstützung des Parawissenschaftlers Dr. Clavell (Brad Dourif) gelangen immer mehr Details zurück in die aktive Erinnerung: Sherry wurde in jener Nacht von Außerirdischen entführt und vergewaltigt und was nun in ihrem Bauch wächst, ist alles andere als menschlich…

Höllenbrut wartet mit den üblichen Zutaten des Alien-Entführungsfilms auf. Die fremden Wesen entführen unbedarfte Menschen und missbrauchen sie für ihre (etwas nebulösen) Zwecke, die Opfer können sich zunächst an nichts erinnern und wenn sie anfangen, der Geschichte auf den Grund zu gehen, demonstrieren die Aggressoren beeindruckende Fähigkeiten in der Manipulation von menschlicher Technik wie Ultraschallgeräten und Herzschrittmachern (mit sowjetischen Videobändern scheinen sie hingegen Probleme zu haben, anders lässt sich die Existenz einer aufschlussreichen Aufnahme im Besitz von Dr. Clavell kaum erklären). Das ist alles wenig originell noch sonderlich spannend, auch wenn der Gedanke an die Existenz eines Videos, dass die „Geburt“ eines Aliens zeigt, durchaus für einen wohligen Schauer sorgen kann. Die Ausführung lässt zwar zu wünschen übrig, aber das tun die meisten Effekte in diesem Film. Mag man über die klischeehaften, ganz offensichtlich künstlichen Kreaturen anfangs noch geschmunzelt haben, dekliniert Höllenbrut gegen Ende einen Gedanken durch, der bereits 1989 in dem Christopher-Walken-Vehikel Die Besucher anklang: das Bild, dass man gemeinhin vom 08/15-Außeridischen hat (großer Kopf, kleiner Körper, riesige, mandelförmige schwarze Augen), ist ein Trugbild, eine Maskerade, weil das Gehirn mit dem wahren Grauen hinter der Fassade kaum umzugehen weiß. Wenn sich die Gummialiens am Ende in ein vergleichsweise aufwendiges Monster verwandeln, dass sich auf möglichst inhumane Weise an der Protagonistin vergeht, dann ist das ein durchaus erschreckende Vorstellung, die so gar nichts von den wohlmeinenden Kreaturen eines Steven Spielbergs hat. Es ist nur fraglich, ob jeder Zuschauer bis zu diesem Punkt durchhält, denn auch wenn Höllenbrut einige erschreckende Horrorbilder transportiert, muss man sich auch durch viel Mumpitz durchschlagen.

Es sind vor allem die schauspielerischen Leistungen, die abfallen. Vosloo und McWhirter geben ihr Bestes, kommen aber nicht über das übliche B-Movie-Niveau hinaus. Wilford Brimley holt sich stillschweigend seinen Gehaltsscheck ab und Brad Dourif ist eben Brad Dourif. Sein Dr. Clavell ist nur dazu da, Erklärungen in Richtung Publikum loszulassen und zieht sich am Ende schlicht aus der Handlung heraus. Für jemanden, der die Chance hat, ein Jahrtausendereignis auf Film zu bannen, ist er ziemlich flatterig. Hinzu kommen noch hölzerne Dialoge und diverse weniger gelungene visuelle Spielereien. Mit 2,5 Millionen Dollar Budget kann der Film seine bescheidenen Produktionsstandards kaum verbergen.

Am Ende ist Höllenbrut redlich um eine unheimliche Atmosphäre bemüht, was ihm zeitweise auch gelingt. Auf der einen Seite ein ehrlicher, no-nonsense B-Film, auf der anderen Seite durch die Beschränkungen der Produktion eben nicht no-nonsense, sondern albern, kommt der Film nie ganz zu einem kohärenten Ganzen zusammen. Es gibt Ideen und Ansätze in Höllenbrut, die es wert wären, sie weiterzuverfolgen – nur mit mehr Budget und weniger Trash.



Dienstag, 18. März 2014

Prisoners (2013)




PRISONERS
USA 2013
Dt. Erstaufführung: 10.10.2013
Regie: Denis Villeneuve

Den Vorwurf, wenig originelle Ideen auf die Leinwand zu bringen, muss sich Hollywood schon seit Ewigkeiten anhören. Bei all den Fortsetzungen, Reboots, Prequels und Remakes, bei all den Bearbeitungen von existierendem Material kommt man nicht umhin, dem phasenweise zuzustimmen. So ist auch Prisoners kein Film aus dem luftleeren Raum, sondern wirkt wie eine brachiale, auf den amerikanischen Markt zugeschnittene Neubearbeitung des dänischen Die Jagd. Dieser machte 2012 diverse Festivalrunden, auch im angelsächsischen Sprachraum, und wurde im Sommer 2013 schließlich limitiert in den USA aufgeführt. Gesehen haben dürften ihn dort wenige, Prisoners, der natürlich nicht verlangt, Untertitel zu lesen, umso mehr. Die Filme sind inhaltlich so nah verwandt, dass man kaum anders kann, als Parallelen zu ziehen. Beide handeln von den Untiefen, die sich auftun, wenn Kinder mit einer feindseligen Umwelt außerhalb des ihnen gesellschaftlich zugedachten Schutzraums konfrontiert werden, beide handeln von falschen Schuldzuweisungen, Hysterie und Verzweiflung. Die Jagd ist sicherlich der elegantere, intelligentere Film des Duos, aber Prisoners verkommt glücklicherweise nicht zum Plagiat. Wenn sich Drehbuchautor Aaron Guzikowski (Contraband) von Die Jagd hat inspirieren lassen, dann gelingt es ihm dennoch, das Sujet in andere Bahnen zu lenken.

Die Familien Dover und Birch feiern zusammen Thanksgiving. Im Laufe des Tages wollen die beiden jüngsten Töchter der Familien, Anna (Erin Gerasimovich) und Joy (Kyla Drew Simmons) vom Haus der Birchs in das der Dovers wechseln. Kein Problem, die beiden liegen nur unweit auseinander an derselben Straße. Doch auf dem Weg verschwinden die Mädchen spurlos. Einziger Anhaltspunkt ist ein schmuddeliges Wohnmobil, das zu diesem Zeitpunkt in der Straße parkte. Der ermittelnde Detective Loki (Jake Gyllenhaal) kann als Fahrer schnell Alex Jones (Paul Dano) ausmachen, der sich aber als geistig eingeschränkt auf dem Level eines 10jährigen bewegt. Ohne Beweise muss Alex wieder frei gelassen werden und die Ermittlungen beginnen bei null. Vor allem der verzweifelte Vater von Anna, Keller (Hugh Jackman), ist aber nicht von der Unschuld Alex‘ überzeugt. Kurzerhand kidnappt er ihn und versteckt ihn im ehemaligen Wohnhaus seines Vaters. Dort beginnt eine Tortur sowohl für Alex, der durch Folterungen zum Reden animiert werden soll, als auch für den zunehmend ungehaltenen Keller…

Wenn Kinder zu Opfern werden, gibt es kein Halten mehr. Der Zusammenprall zwischen der behüteten Welt, die sich die Erwachsenen für ihren Nachwuchs erträumen und idealisieren und den Grausamkeiten vor der eigenen Haustür öffnet scheinbar gerechtfertigter Gewalt Tür und Tor. Während Die Jagd dieses gesellschaftliche Zerwürfnis als moderne Hexenjagd schilderte, in der ein Unschuldiger sich den Aggressionen seiner Mitmenschen ausgesetzt sieht, die gerade wegen des Bezugs aufs Kind legitimiert wurden, mischt Prisoners noch eine weitere Sprengstoffkomponente mit ein: Religion.
Keller Dover ist ein Reaktionär, der ans Prinzip „Auge um Auge“ glaubt, die Endzeit als reelle Bedrohung ansieht und nur oberflächlich in einen Konflikt ob der Folterungen gerät. Er fragt zwar rhetorisch, warum er so handeln muss, im tiefsten Innern aber ist er überzeugt von der innewohnenden Gerechtigkeit seines Handelns. Als guter Christ kann man auch einen geistig minderbemittelten foltern, solange es nur des höheren Ziels dient. Unverkennbar ist Keller ein Produkt der Post-9/11-Paranoia und einer noch weiter zurückliegenden Gun Ho!-Mentalität. Quälereien sind nicht in Ordnung, es sei denn, man kann damit potenzielles Leid verhindern. In dieser Denkart gefangen (der Titel Prisoners ist auf jede Figur bezogen neu zu interpretieren) stört es ihn auch nicht, auf welch wackeligen Indizien er sein Tun stützt. Alex ist die Massenvernichtungswaffe, die gar nicht existiert.
So heißt Prisoners auch die von ihm gezeigten Misshandlungen nicht gut, obschon es ihm an mancher Stelle reflexartig vorgeworfen wurde. Auch aalt er sich nicht in kleinteiligen Schilderungen der Folterungen, viel mehr wendet er eher den Blick ab, deutet an und lässt den Zuschauer selbst die Bilder im Kopf generieren.

Letztlich hat alles in Prisoners eine irgendwie geartete religiöse Färbung und vor allem die beiden im Entführungsfall direkt aufeinandertreffenden Protagonisten rechtfertigen ihr Handeln mit Verweisen auf Gott. Ob dabei auf seine angebliche Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit Bezug genommen wird, ist dabei fast egal. Gott ist an allem schuld, so oder so, ein nicht weiter beweisbares Wesen dient als Katalysator für ganz irdische zwischenmenschliche Katastrophen. So liegt die Tragik nicht nur in der Schlechtigkeit der Welt, sondern auch darin, dass mit der Religion ein weiteres Werkzeug zur Rechtfertigung des moralisch verwerflichen in die Welt kam. Prisoners zumindest agnostische Lesart ist ebenso deutlich wie die manchmal übers Ziel hinausschießende Symbolik (Stichwort: Schlangen).

Neben den reichhaltigen Interpretationsmöglichkeiten ist Prisoners ein technisch äußerst versierter Film. Die Kamera hat oft etwas lauerndes, wie ein kalter Beobachter wandert sie über Szenerien und Menschen, die Bilder, die sie einfängt, sind wohlkomponiert. Die Sets haben wenig hoffnungsfrohes, selbst beim Familienfest am Anfang legt sich die düstere, nie weichende Atmosphäre der Wintertage über alles. Und inmitten all dieser detailliert geplanten Sequenzen bewegen sich hervorragende Schauspieler. Hugh Jackman ist effektiv als getriebener Keller, unter dessen Oberfläche es auch schon vor dem Verschwinden der Tochter brodelte. Jake Gyllenhaal spielt einen ganz ähnlichen Charakter, einen Polizisten, der ebenso schnell zu explodieren droht wie Keller. Vor allem der gespielte nervöse Tick wird bei Gyllenhaal bemerkenswert selbstverständlich zum Bestandteil seines Repertoires. Viola Davis und Terrence Howard sind zurückhaltend, aber nicht minder präsent als Ehepaar Birch, dass durch sein Nichteingreifen an entscheidender Stelle Schuld auf sich lädt. Und Paul Dano bekommt mal wieder einen Gehaltsscheck dafür, sich eine Abreibung zu holen.

Prisoners ist ein involvierender Thriller und ein kompetent erzähltes Drama, welches zum Schluss vielleicht etwas zu sehr auf die Genrekonventionen zurückgreift. Als Abhandlung über die menschliche Natur, die allzu schnell die ihr von Gesetzt und Gesellschaft auferlegten Schranken missachtet, um auf archaischere Mittel, gerade wenn sie religiös legitimiert sind, zurückzugreifen, ist er ein Erfolg.