Dienstag, 18. März 2014

Prisoners (2013)




PRISONERS
USA 2013
Dt. Erstaufführung: 10.10.2013
Regie: Denis Villeneuve

Den Vorwurf, wenig originelle Ideen auf die Leinwand zu bringen, muss sich Hollywood schon seit Ewigkeiten anhören. Bei all den Fortsetzungen, Reboots, Prequels und Remakes, bei all den Bearbeitungen von existierendem Material kommt man nicht umhin, dem phasenweise zuzustimmen. So ist auch Prisoners kein Film aus dem luftleeren Raum, sondern wirkt wie eine brachiale, auf den amerikanischen Markt zugeschnittene Neubearbeitung des dänischen Die Jagd. Dieser machte 2012 diverse Festivalrunden, auch im angelsächsischen Sprachraum, und wurde im Sommer 2013 schließlich limitiert in den USA aufgeführt. Gesehen haben dürften ihn dort wenige, Prisoners, der natürlich nicht verlangt, Untertitel zu lesen, umso mehr. Die Filme sind inhaltlich so nah verwandt, dass man kaum anders kann, als Parallelen zu ziehen. Beide handeln von den Untiefen, die sich auftun, wenn Kinder mit einer feindseligen Umwelt außerhalb des ihnen gesellschaftlich zugedachten Schutzraums konfrontiert werden, beide handeln von falschen Schuldzuweisungen, Hysterie und Verzweiflung. Die Jagd ist sicherlich der elegantere, intelligentere Film des Duos, aber Prisoners verkommt glücklicherweise nicht zum Plagiat. Wenn sich Drehbuchautor Aaron Guzikowski (Contraband) von Die Jagd hat inspirieren lassen, dann gelingt es ihm dennoch, das Sujet in andere Bahnen zu lenken.

Die Familien Dover und Birch feiern zusammen Thanksgiving. Im Laufe des Tages wollen die beiden jüngsten Töchter der Familien, Anna (Erin Gerasimovich) und Joy (Kyla Drew Simmons) vom Haus der Birchs in das der Dovers wechseln. Kein Problem, die beiden liegen nur unweit auseinander an derselben Straße. Doch auf dem Weg verschwinden die Mädchen spurlos. Einziger Anhaltspunkt ist ein schmuddeliges Wohnmobil, das zu diesem Zeitpunkt in der Straße parkte. Der ermittelnde Detective Loki (Jake Gyllenhaal) kann als Fahrer schnell Alex Jones (Paul Dano) ausmachen, der sich aber als geistig eingeschränkt auf dem Level eines 10jährigen bewegt. Ohne Beweise muss Alex wieder frei gelassen werden und die Ermittlungen beginnen bei null. Vor allem der verzweifelte Vater von Anna, Keller (Hugh Jackman), ist aber nicht von der Unschuld Alex‘ überzeugt. Kurzerhand kidnappt er ihn und versteckt ihn im ehemaligen Wohnhaus seines Vaters. Dort beginnt eine Tortur sowohl für Alex, der durch Folterungen zum Reden animiert werden soll, als auch für den zunehmend ungehaltenen Keller…

Wenn Kinder zu Opfern werden, gibt es kein Halten mehr. Der Zusammenprall zwischen der behüteten Welt, die sich die Erwachsenen für ihren Nachwuchs erträumen und idealisieren und den Grausamkeiten vor der eigenen Haustür öffnet scheinbar gerechtfertigter Gewalt Tür und Tor. Während Die Jagd dieses gesellschaftliche Zerwürfnis als moderne Hexenjagd schilderte, in der ein Unschuldiger sich den Aggressionen seiner Mitmenschen ausgesetzt sieht, die gerade wegen des Bezugs aufs Kind legitimiert wurden, mischt Prisoners noch eine weitere Sprengstoffkomponente mit ein: Religion.
Keller Dover ist ein Reaktionär, der ans Prinzip „Auge um Auge“ glaubt, die Endzeit als reelle Bedrohung ansieht und nur oberflächlich in einen Konflikt ob der Folterungen gerät. Er fragt zwar rhetorisch, warum er so handeln muss, im tiefsten Innern aber ist er überzeugt von der innewohnenden Gerechtigkeit seines Handelns. Als guter Christ kann man auch einen geistig minderbemittelten foltern, solange es nur des höheren Ziels dient. Unverkennbar ist Keller ein Produkt der Post-9/11-Paranoia und einer noch weiter zurückliegenden Gun Ho!-Mentalität. Quälereien sind nicht in Ordnung, es sei denn, man kann damit potenzielles Leid verhindern. In dieser Denkart gefangen (der Titel Prisoners ist auf jede Figur bezogen neu zu interpretieren) stört es ihn auch nicht, auf welch wackeligen Indizien er sein Tun stützt. Alex ist die Massenvernichtungswaffe, die gar nicht existiert.
So heißt Prisoners auch die von ihm gezeigten Misshandlungen nicht gut, obschon es ihm an mancher Stelle reflexartig vorgeworfen wurde. Auch aalt er sich nicht in kleinteiligen Schilderungen der Folterungen, viel mehr wendet er eher den Blick ab, deutet an und lässt den Zuschauer selbst die Bilder im Kopf generieren.

Letztlich hat alles in Prisoners eine irgendwie geartete religiöse Färbung und vor allem die beiden im Entführungsfall direkt aufeinandertreffenden Protagonisten rechtfertigen ihr Handeln mit Verweisen auf Gott. Ob dabei auf seine angebliche Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit Bezug genommen wird, ist dabei fast egal. Gott ist an allem schuld, so oder so, ein nicht weiter beweisbares Wesen dient als Katalysator für ganz irdische zwischenmenschliche Katastrophen. So liegt die Tragik nicht nur in der Schlechtigkeit der Welt, sondern auch darin, dass mit der Religion ein weiteres Werkzeug zur Rechtfertigung des moralisch verwerflichen in die Welt kam. Prisoners zumindest agnostische Lesart ist ebenso deutlich wie die manchmal übers Ziel hinausschießende Symbolik (Stichwort: Schlangen).

Neben den reichhaltigen Interpretationsmöglichkeiten ist Prisoners ein technisch äußerst versierter Film. Die Kamera hat oft etwas lauerndes, wie ein kalter Beobachter wandert sie über Szenerien und Menschen, die Bilder, die sie einfängt, sind wohlkomponiert. Die Sets haben wenig hoffnungsfrohes, selbst beim Familienfest am Anfang legt sich die düstere, nie weichende Atmosphäre der Wintertage über alles. Und inmitten all dieser detailliert geplanten Sequenzen bewegen sich hervorragende Schauspieler. Hugh Jackman ist effektiv als getriebener Keller, unter dessen Oberfläche es auch schon vor dem Verschwinden der Tochter brodelte. Jake Gyllenhaal spielt einen ganz ähnlichen Charakter, einen Polizisten, der ebenso schnell zu explodieren droht wie Keller. Vor allem der gespielte nervöse Tick wird bei Gyllenhaal bemerkenswert selbstverständlich zum Bestandteil seines Repertoires. Viola Davis und Terrence Howard sind zurückhaltend, aber nicht minder präsent als Ehepaar Birch, dass durch sein Nichteingreifen an entscheidender Stelle Schuld auf sich lädt. Und Paul Dano bekommt mal wieder einen Gehaltsscheck dafür, sich eine Abreibung zu holen.

Prisoners ist ein involvierender Thriller und ein kompetent erzähltes Drama, welches zum Schluss vielleicht etwas zu sehr auf die Genrekonventionen zurückgreift. Als Abhandlung über die menschliche Natur, die allzu schnell die ihr von Gesetzt und Gesellschaft auferlegten Schranken missachtet, um auf archaischere Mittel, gerade wenn sie religiös legitimiert sind, zurückzugreifen, ist er ein Erfolg. 


Keine Kommentare:

Kommentar posten