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Montag, 11. Januar 2016

The Revenant - Der Rückkehrer (2015)




THE REVENANT – DER RÜCKKEHRER
(The Revenant)
USA 2015
Dt. Erstaufführung: 06.01.2016
Regie: Alejandro G. Iñárritu

Ein Abspann kann manchmal verräterisch sein. So kann man nach 2 ½ Stunden The Revenant lesen, dass der Film auf Teilen des Buches von Michael Punke basiert. Unweigerlich stellt sich die Frage: warum nur auf Teilen? Hätte man ein im englischen Original gerade einmal 272 Seiten starkes Buch nicht komplett in einem Film dieser Länge unterbringen können? Da der von Alejandro G. Iñárritu inszenierte Film wie Punkes Buch auf einer wahren Geschichte basiert, bietet sich natürlich an, wieder einmal das übliche anzunehmen: dass sich der Film nur auf die leinwandtauglichen Aspekte konzentriert und die Geschichte in seinem Sinne umschreibt. Dem ist auch so: was in der Wirklichkeit mehr eine ziemlich beeindruckende Überlebensgeschichte und erst in zweiter Linie die Suche nach einer gestohlenen Waffe ist, wird im Film zu einer Mission der Blutrache. Dagegen ist zunächst nichts zu sagen, wer sich für die historischen Ereignisse interessiert, dem stehen ja diverse Informationskanäle offen, und ein Spielfilm dieses Kalibers eignet sich ohnehin nur bedingt als Geschichtsstunde. Was man The Revenant und vor allem seinem Regisseur aber vorwerfen muss, ist seine mangelnde Handhabung sowohl der wahren wie der erfundenen Elemente. The Revenant ist ein visuell beeindruckender Film, der aber komplett auf der technischen Ebene verharrt und kaum emotionalen Resonanzraum bietet.

1823 geraten Trapper Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) und sein Sohn Hawk (Forrest Goodluck), den er zusammen mit einer Frau vom Ureinwohner-Stamm der Pawnee hat und die beide als Einzige einen Angriff auf ihr Dorf überlebt haben, zusammen mit einem Trupp Pelzjäger und –händler in der Wildnis Nordamerikas in einen Hinterhalt der Arikara. Auf ihrem anschließenden Treck zurück zu einem ihrer Außenposten wird Glass von einer Bärin attackiert und schwer verletzt. Nachdem sich sein Transport als zunehmend schwierig erweist, wird er mit drei Mann Bewachung zurückgelassen. Doch nachdem der wenig vertrauenserweckende John Fitzgerald (Tom Hardy) zunächst Hawk getötet und den dritten Mann, den jungen Jim Bridger (Will Poulter), davon überzeugt hat, dass sich Arikara-Krieger ihrer Position nähern, wird Glass ohne Verpflegung und Waffen endgültig aufgegeben. Dieser kämpft sich fortan entgegen aller Wahrscheinlichkeit durch die raue Landschaft, angetrieben von dem Wunsch, Rache an Fitzgerald zu nehmen, der aller Welt erzählt, Glass wäre in seinem Beisein gestorben.

The Revenant ist ein wunderschöner Film. Die Landschaften, die beeindrucken und gleichzeitig erschrecken, bedeuten sie doch ungeahnte Gefahren, sind pittoresk ins Szene gesetzt, die Kameraarbeit von Emmanuel Lubezki ist gewohnt fantastisch und einzelne Sequenzen sind so nah an den Protagonisten, dass die technische Umsetzung nur faszinieren kann. Doch, wie gesagt, darüber hinaus wagt sich der Film nicht. Allein durch seine visuelle Inszenierung spürt man die Wucht, die in der Geschichte steckt, doch Iñárritu löst sie nie ein. In aller Deutlichkeit: Glass‘ Schicksal, ob und wie er sein Ziel erreicht und wie es für die anderen Figuren ausgeht, interessiert nicht, weil es The Revenant nicht gelingt, seiner Geschichte die emotionale Tiefe zu geben, die er verdient hätte. Eine Familientragödie, der Wunsch nach Rache, der Kampf mit den Elementen – die Zutaten sind da, doch tonal ist der Film so nüchtern, dass der Funke nie überspringt. Dies liegt auch daran, dass Glass stets ein Fremder bleibt. Die Rückblenden sind kaum existent und vermischen sich lieber mit redundanten Visionen, nie erfährt der Zuschauer mehr über Glass jenseits der Basisfakten aus der Inhaltsangabe.

Das Schauspiel mag zu diesem Eindruck beitragen. Woher der Oscar-Buzz kommt, ist im Angesicht von DiCaprios Darbietung mehr als fraglich. Es gibt einen Unterschied zwischen zurückhaltendem und desinteressiertem Spiel und DiCaprio bleibt meistens auf der zweiten Seite. Seine Hingabe an die Rolle will niemand in Frage stellen, aber auch hier zeigt sich die mangelnde emotionale Tiefe. Es wirkt stets wie ein Schauspieler, der Strapazen darstellt, beeindruckend eine rasselnde Lunge imitiert, aber nie die existenzialistischen Bedrohungen darzustellen weiß, die die Rolle verlangt. Was Chiwetel Ejiofor in 12 Years a Slave oder Tom Hanks in Cast Away – Verschollen mit einem Blick transportierten, gelingt DiCaprio mit seiner ganzen Performance nicht. Es wirkt, als habe er darstellerisch aufgegeben, als würde er wissen, dass die körperlichen Anstrengungen allein ihm Aufmerksamkeit bei den internationalen Preisverleihungen garantieren würden. Ich stehe dem Ausdruck „Oscar Bait“ oft kritisch gegenüber, aber wenn er einmal anwendbar war, dann auf DiCaprio in The Revenant. So wirkt Glass‘ finaler Blick direkt in die Kamera auch nicht wie ein Blick in die Seele der Zuschauer, sondern wie DiCaprio, der von der Academy nach der begehrten Trophäe verlangt.

Besonders ärgerlich ist für einen Film dieser Art auch Iñárritus mangelndes Gespür für Raum und Zeit, was besonders grotesk wirkt, weil sein letztjähriger Film Birdman genau in diesen Kategorien minutiös geplant und durchgeführt wurde. Ein nicht unerheblicher Teil der zweifellos vorhandenen unfreiwilligen Komik, die The Revenant innewohnt (mal abgesehen von der punktgenau fallenden Bärin; auch die Schneeflocken-mit-der-Zunge-fangen-Szene ist nicht gemeint, ist dies doch einer der weniger genuine Momente des Films), erklärt sich dadurch. Bridger sucht beispielsweise Hawk, den Fitzgerald vorher ermordet hat, findet ihn aber nicht, obwohl er augenscheinlich offen in kleiner Entfernung des Lagers liegt. Glass hat auf jeden Fall keine Probleme, ihn zu entdecken. Ein anderes Mal überblickt der sich zunächst nur krabbelnd vorwärtsbewegende Glass einen Fluss von einem Berg, nach dem nächsten Schnitt liegt er am Ufer und trinkt. Eine beachtliche Leistung, die wohl zu beachtlich war, als dass man sie hätte illustrieren können. Später sucht Glass nach einem befreundeten Indianer, dessen Schwitzhütte ihm nicht nur die x-te Vision bescherte, sondern auch all seine Wunden kurierte, um ihn von Franzosen erhängt an einem Baum zu finden. In all diesen Situationen wird die Länge der Wege nie klar, die Landschaft, so wunderschön sie anzusehen ist, verkommt dabei zu einer Aneinanderreihung von Hindernissen wie in einem Videospiel, ohne dass Entfernungen oder zeitliche Einordnungen eine Rolle spielen.

Will man sich nun mit einer an die Visionen angelehnte traumwandlerische Intention herausreden, verkennt der Film beide Ansätze: als Film zwischen Traum und Realität ist The Revenant zu sehr einer realistischen, raubeinigen Darstellung verpflichtet, als möglichst realistischer Survivalfilm (und das ist in diesem Kontext sehr weit zu verstehen, auch wenn die Realität augenscheinlich vieles von dem, was dem Film-Glass widerfährt, unterstützt) ist er durch solche Fahrigkeiten eben nicht sorgfältig genug. Hinzu kommt das Artifizielle, das den Film trotz des Realismus der Elemente umgibt. In der Welt von The Revenant ist alles ziemlich aufgeräumt, selbst wenn Glass ein Pferd ausnimmt, um in dessen Innern zu übernachten (oder, in der Lesart des wirren Zeitverständnisses auch möglich, zu überwintern), wirken die Organe wie ein sorgfältig zusammengepacktes Geschenk, dass man nur greifen muss. Krähen sitzen auf Bäumen und es sind keine echten Tiere, sondern Computeranimationen, Bisonherden werden nicht etwas digital aus echten Aufnahmen zusammengesetzt, sondern kommen komplett aus dem Rechner. Auch hier stoßen die möglichen Lesarten Realismus vs. Traumwandel gnadenlos aufeinander, ohne zu einem sinnigen Ganzen zu finden.

The Revenant ist ein emotionales Vakuum mit fragwürdigen dramaturgischen Entscheidungen, einer mitunter sehr langatmig geratenen Inszenierung, die eben wegen dem Vakuum so in der Luft hängt und allenfalls auf der technischen/administrativen Ebene überzeugend. Aber Location Scouts werden ja nicht mit Preisen bedacht. Wenn am Ende der kopflose Subplot mit dem Häuptling, der seine Tochter sucht, dahingehend aufgelöst wird, dass die Ureinwohner als quasi göttliche Handlanger dargestellt werden („Rache liegt nicht in der Hand der Menschen, sondern bei Gott.“), dann hat sich der Film endgültig in eine Abstreichliste für Dinge verwandelt, die bei Festivals allem Anschein nach gut ankommen. Das ist zwar für keine der beteiligten Figuren schön (wenn schon, spielt Tom Hardy als Ekel, dass man zu hassen liebt, alle weiteren Darsteller an die Wand), scheint aber auch niemanden wirklich zu stören. In Zeiten unvermeidlicher Fortsetzungen ist es eigentlich nur noch eine Frage, bis The Revenant 2 herauskommt. In dem nehmen dann die Bärenkinder Rache an Glass für den Mord an ihrer Mutter, unterstützt von den Freunden des Pferdes, das er ins Verderben reitet. Unausgegorener als dieser Film kann es ohnehin nicht mehr werden.






Mittwoch, 14. Oktober 2015

Die Rückkehr der reitenden Leichen (1973)




DIE RÜCKKEHR DER REITENDEN LEICHEN
(El ataque de los muertos sin ojos)
Spanien 1973
Dt. Erstaufführung: 14.09.1973
Regie: Amando de Ossorio

…und da heißt es, die „Sequelitis“ sei eine moderne Krankheit.

Kurz nach dem Erfolg des zumindest atmosphärisch überzeugenden Erstlings Die Nacht der reitenden Leichen schickte Regisseur Amando de Ossorio seine untoten Tempelritter ein weiteres Mal auf die Leinwand. Gestaltungstechnisch kann er an das Original anknüpfen, auch wenn er sich durch den Wechsel der Hauptsets der herrlichen Ruine beraubt, inhaltlich und auch vom kruden Unterhaltungswert aus gesehen kann der pragmatisch betitelte Rückkehr der reitenden Leichen nicht mit seinem Vorgänger Schritt halten.

Erinnern Sie sich? Über den okkulten Templerorden, der dereinst für seine blutigen Opferungen von einem wütenden Mob gehängt wurde, sprach man in all den Jahrhunderten nach dem Ereignis nicht, zu groß war die Furcht vor dem Fluch, der mit dem Tod der Templer über die Gegend kam. Dies wird gleich zu Beginn obsolet: nach einer freundlichen Erinnerung des Effekteteams, warum diese Filme lange Zeit so einen schlechten Ruf hatten, werden die Templer von den Dorfbewohnern verbrannt und vorher geblendet (weniger Arbeit für die im ersten Teil erwähnten Krähen). 500 Jahre später feiert man diesen Sieg im Dorf noch immer, keine Spur also von der ängstlichen Verschwiegenheit des ersten Teils. Doch das aktuelle Jubiläum nehmen die reitenden Leichen zum Anlass, endlich ihre lang aufgeschobene Rache an den Dörflern zu nehmen und fallen mit der festen Absicht ein, alle Bewohner zu töten. Ein von außen gekommener Feuerwerksexperte, der die Feierlichkeiten pyrotechnisch begleiten soll, gerät zwischen die Fronten.

Man kann sich denken, was für einen Verlauf der Film nimmt und wahrlich spart er mit Überraschungen oder ähnlich unheilvoll aufgebauten Sequenzen wie in Teil Eins. Hinzu kommen die wieder einmal teilweise kaum zu ertragenden Figuren und de Ossorios nicht gerade starke Charakterregie. Die Menschen sind fast allesamt triebgesteuerte Idioten, selbst die angedachten Sympathieträger sind uninteressant.
Interessanter sind da schon die sichtbaren Mechanismen der Fortsetzung. Die Rückkehr der reitenden Leichen ist größer als sein Vorgänger, die Antagonisten morden ausführlicher, der Actiongehalt wurde nach oben geschraubt. Konkret bedeutet dies, dass die reitenden Leichen ein ganzes Dorf terrorisieren dürfen und es fand sich sogar Platz für eine kleine Autoverfolgungsjagd. Es ist erstaunlich, wie sehr der 1973 in die Kinos gekommene Film das Sequel-Denken des 21. Jahrhunderts vorweg nimmt, würde man ein Remake von Die Rückkehr der reitenden Leichen inszenieren, die Blaupause könnte nicht besser für moderne Vermarktungsmechanismen ausfallen.

Sieht man von diesen interessanten Beobachtungen und einigen launigen Sprüchen ab, so bietet diese Fortsetzung doch im Wesentlichen nur gepflegte Langeweile. Die Novität der titelgebenden Entitäten ist nicht mehr gegeben, der Film recycelt etwas zu sehr Begebenheiten und ganze Einstellungen aus Teil Eins, die Figuren treten wegen der nicht mehr so ausgeprägten Atmosphäre störender ins Rampenlicht. Hinzu kommt ein Ende, dass nicht so recht weiß, was es eigentlich bezwecken soll (vergehen die Leichen, sobald sich die Sonne ankündigt? Zeigen sie sich generös gegenüber Überlebenden, die nicht ganz so große Mistkerle sind wie der Rest der Besetzung?). Die Rückkehr der reitenden Leichen ist, außer für de Ossorio-Fans und ganz harte Freunde der titelgebenden Figuren nicht wirklich von Interesse.





Sonntag, 10. Mai 2015

Das Relikt - Museum der Angst (1997)




DAS RELIKT - MUSEUM DER ANGST
(The Relic)
USA 1997
Dt. Erstaufführung: 01.05.1997
Regie: Peter Hyams

Wenn die Filmkritik ernst genommen werden will, muss sie frei von Anekdoten, frei von dem Eingeständnis sein, nicht objektiv daher zu kommen. So scheint es zumindest. Die Analyse kann noch so durchdacht sein, sobald sich der Rezensent auf eine privatere, persönliche Ebene „hinab begibt“ umweht sie der diskrete Duft der Unprofessionalität, zumindest im deutschsprachigen Raum, nicht zuletzt durch die in ihren Anfangszeiten extrem biederen Besprechungen der katholischen Filmarbeit. Ein Roger Ebert, der gern auch mal im jovialen Ton über einen Film sprach und – das klassische Bildungsbürgertum darf nun zusammenzucken – gern Scherze einbaute, scheint auch im Jahr 2015 noch ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, gerade im Hinblick auf die etablierten Medien. Man kann dies bedauern oder in dem eigenen bescheidenden Rahmen versuchen, daran etwas zu ändern. Denn eins zeigt die stetig wachsende Zahl der Internetkritiker, die mit einem gewissen Anspruch an ihr Sujet herangehen, deutlich: die Sphären der vermeintlich objektiven Kritik und die der subjektiven Erfahrung sind verschmelzbar, ohne einen eklatanten Qualitätsverlust in Kauf nehmen zu müssen. Was hat dies alles nun als Einleitung zu einem Monsterfilm auf den späten 1990er zu suchen? Ganz einfach: für mich war Das Relikt einer der ersten Filme, die ich mit der entsprechenden Altersfreigabe gesehen habe und er war bis dato einer der gewalttätigsten, aber auch spannendsten Filme an meinem stetig wachsenden Horizont. Das Entdecken von Klischees brachte mir Freude, ebenso der Vergleich mit der lesenswerten Romanvorlage von Douglas Preston und Lincoln Child. Ich habe Das Relikt oft gesehen und auch meine Freunde genötigt, ihn zu sehen, ich wollte den Film teilen. Darum sei es mir verziehen, dass der von Peter Hyams inszenierte Film hier besser davonkommt, als er es wohl verdient hat. Das Relikt ist standardisierte Genrekost, keine Frage, aber er hat nun mal einen besonderen Platz in meinem Herzen, das die Aufregungen eines Sechszehnjährigen noch nicht komplett verdrängt hat.

Im Museum für Naturkunde in Chicago stirbt ein Wachmann auf besonders brutale Weise – ihm wird das Gehirn aus dem Schädel entfernt. Als ein gesuchter Obdachloser in den Museumskatakomben erschossen wird, scheint der Fall geklärt, zumal eine große Ausstellungseröffnung ins Haus steht und der Museumsleitung negative Publicity gar nicht gelegen kommt. Die Bedenken des abergläubischen Polizisten D’Agosta (Tom Sizemore) werden ignoriert, bis am Eröffnungsabend plötzlich alles schief geht, was nur schief gehen kann und sich eine Gruppe Eingeschlossener bald mit der Tatsache konfrontiert sieht, dass eine bisher unbekannte Kreatur Jagd auf sie macht…

Das Relikt ist dahingehend ungewöhnlich, als dass es seinem Antagonisten einen Grund für seinen Appetit auf Menschen gibt: das Monster ist de facto ein Drogenabhängiger, der die im menschlichen Gehirn produzierten Hormone braucht. Die Erklärung ist sogar noch weitreichender und beinhaltet eine durchgeknallte, Fuck-you-Science-Konstruktion über Mutationen und Hormone, die gleichzeitig Monster erschaffen und sie am Leben erhalten (und ihnen augenscheinlich Detailinformationen über den menschlichen Körpern implantieren). Es ist besser, wenn man nicht zu sehr über die Unmöglichkeiten nachdenkt als sich lieber ganz in die sympathisch altmodisch gestaltete Geschichte zu geben. Im eng gesteckten Rahmen eines Genrefilms ist die Mär vom Drogenmonster nämlich besser als nichts oder etwas noch generischeres.

Das Relikt hat, bei allen Strapazen, die diese Metapher mitgemacht hat, so tatsächlich etwas von einer Achterbahnfahrt: es ist nüchtern betrachtet Quatsch, der nicht existieren müsste, macht aber dennoch unter gegebenen Umständen viel Spaß. Nicht unerheblich daran ist Hyams Gespür für Atmosphäre, dass er als sein eigener Kameramann zudem auch ansprechend bebildert. Oft ist man nah dran an den Figuren, denen ob der angespannten Situation auch mal der Schweiß auf der Stirn stehen darf, und dennoch verliert man nie den Überblick über das Geschehen. Einzig im dritten Akt kann man ins grübeln kommen, an wie vielen Orten das Monster mehr oder weniger gleichzeitig auftritt: egal ob im ebenerdigen Labortrakt oder der großen Ausstellungshalle oder in den unterirdischen Kohletunneln – das Wesen, das auf den Namen Kothoga hört, ist stets vor Ort, um vielen Charakteren buchstäblich eine Last von den Schultern zu nehmen (und dann natürlich nicht die Gehirne zu fressen – man kennt so etwas ja aus Gareth Edwards Godzilla – Filmkreaturen haben nur eine vorgeschobenen Hunger). Man merkt, man kann Das Relikt kaum ohne eine gewisse Ironie besprechen, dafür sind die vielen Klischees zu offensichtlich, aber es sollte auch nicht vergessen werden, wie effektiv Hyams die schnörkellose Geschichte in Szene setzt – trotz Jump Scares aus dem 1:1 des Horrorfilms und launigen Onelinern. Es gibt genügend Sequenzen, die genuin spannend sind und die praktischen Monstereffekte aus dem Hause Stan Winstons sind gewohnt gut und werden durch annehmbare Computereffekte unterstützt (man hat Ende der 90er schlimmeres gesehen).

Das Relikt weiß mit jeder Faser seiner Existenz um sein Dasein als Film mit der simplen Prämisse „Monster mit Appetit nachts im Museum“ (Ben Stiller ist leider nicht zugegen, um aus der Sicht von 1997 vorsorglich gefressen zu werden) und tut niemals, er wäre mehr als die Summe seiner Teile. Diese Teile sind allerdings so sicher inszeniert und das Ergebnis so ehrlich-unterhaltsame Genrekost, dass Das Relikt besser daherkommt als sein Ruf als ereignisloses Creature-Feature. Sicher, man wird kaum neues entdecken in diesem wilden Trip der rollenden Köpfe, aber er ist in dem ihm gegebenen Rahmen eines der besseren Beispiele für den Monsterfilm, vielleicht auch, weil er sich atmosphärisch an die Klassiker der 1950er anlehnt. Spricht da wieder mein 16-jähriges Ich? Womöglich, aber es kann nun mal einem guten Monsterfilm nicht widerstehen, auch nicht im Körper eines 30-jährigen.




Montag, 1. September 2014

Monty Python - Die Ritter der Kokosnuß (1975)




MONTY PYTHON – DIE RITTER DER KOKOSNUß
(Monty Python and the Holy Grail)
Großbritannien 1975
Dt. Erstaufführung: 13.08.1976
Regie: Terry Gilliam & Terry Jones

Da ist er wieder, der britische Humor, möchte man im Angesicht von Die Ritter der Kokosnuß ausrufen. Denn der Ansatz, den die Komikertruppe Monty Python für ihren zweiten Kinofilm findet, ist recht ähnlich zu ihrem vorangegangenen Werk, dem Kompilationsfilm Die wunderbare Welt der Schwerkraft – man bewerfe den Zuschauer einfach mit solch einer Flut an Absurditäten in der Hoffnung, dass für jeden etwas dabei ist. Zwar bemüht man sich um eine inhaltlich geschlossene Erzählung, indem man dem Ganzen einen festen Rahmen und Setting verleiht, aber ganz kann man den Sketchcharakter nicht abstreifen. Das ist cineastisch mitunter etwas holprig, wird aber mit so viel Elan und ehrlicher Spielfreude gelöst, dass man auch hier darüber gern hinwegsieht. Die Ritter der Kokosnuß ist, um es einmal so auszudrücken, einfach zu saukomisch, als dass man ihn wegen mangelnder erzählerischer Kohärenz verglichen mit anderen Filmen kritisieren kann. It’s all very british, indeed. But so what?

England im Jahre 932: König Artus (Graham Chapman) ist auf der Suche nach tapferen Rittern, die mit ihm auf die Suche nach dem Heiligen Gral gehen, um England zu vereinen. Er findet ein paar tapfere Spießgesellen in Form von Sir Lancelot (John Cleese), Sir Robin (Eric Idle), Sir Bedevere (Terry Jones) und Sir Galahad (Michael Palin). Gemeinsam (und nach einem Aufteilen der Gruppe auch jeder für sich) erleben sie allerlei abstruse Abenteuer auf ihrer Mission.

Die Ritter der Kokosnuß mag narrativ eher dem Aneinanderreihen von Sketchen entsprechen als einem gänzlich geschlossenem Film, doch diese Struktur ermöglicht es auch, allerlei satirische Seitenhiebe wie zufällig in die Episoden einzubauen. So begegnet Artus Bauern, die bei sinnlosen Beschäftigungen revolutionäre Reden schwingen, Sir Bedevere findet "logische" Erklärungen für Absurditäten und das englisch-französische Verhältnis wird zum vulgären Rundumschlag. Erneut gilt, dass nicht alles mit Gold aufzuwiegen ist, die Trefferquote aber doch beachlich daherkommt. Denn über mangelnde Kreativität kann man sich wahrlich nicht beschweren, schon gar nicht darüber, dass Budget-bedingte Einschränkungen süffisant übertüncht werden. So ist der Running-Gag des Films, dass die Ritter nicht auf Pferden reiten sondern ihre Knappen zwei Kokosnusshälften zusammenschlagen, um Hufgeklapper zu simulieren, dem Umstand geschuldet, dass nicht genug Geld für Pferde und Reitstunden für alle Pythons vorhanden war.

Dabei ist es durchaus bemerkenswert, was der Film mit seinem geringen Budget auf die Beine stellt. Die Kulissen sind liebevoll ausgestattet, ebenso die Kostüme und der Soundtrack steht im wunderschönen Kontrast zu den Bildern, die oftmals gar keine heroischen Heldentaten zeigen, wie es die Musik suggeriert.
Das Element, dass Die Ritter der Kokosnuß immer wieder um eine Metaebene bereichert und ganz nebenbei auch noch für einige der besten Gags verantwortlich ist, ist aber das Spiel mit der filmischen und erzählerischen Realität. Zunächst schleichend ("It's only a model", bemerkt Kanppe Patsy, wenn die Ritter Camelot bewundern), dann immer offensichtlicher bis zur vollständigen Verschmelzung zweier Ebenen betreibt der Film sein Spiel mit der suggestiven Künstlichkeit des Medium Films. So wird ein in BBC-Manier dozierender Historiker in der Gegenwart von einer der Figuren aus der (im Sinne der Geschichte) Vergangenheit ermordet, was zu einer Ermittlung führt, die schließlich in der Verhaftung der verbleibenden Ritter und einem grandiosen Anti-Klimax gipfelt. Die Ebene der filmischen Erzählung und die der Gegenwart der Zuschauer des Jahres 1975 interagieren auf eine Weise miteinander, die die Künstlichkeit des Mediums augenzwinkernd entblößt und dem Publikum sehr deutlich vor Augen führt, dass es sich willentlich einer Illusion hingibt. Nur in dieser Funktion ist es fernerhin möglich, dass der plötzliche Tod eines Animators die Ritter rettet, da sie zuvor von einem Zeichentrickmonster verfolgt wurden.

So gewinnt unter diesem Gesichtspunkt auch die episodenhafte Struktur wieder an Bedeutung, parodieren die Begebenheiten doch auch die gängigen Erzählmuster des Fantasygenres, welches sich ja mit Vorliebe in einem mittelalterlichen Setting ansiedelt. So hat Die Ritter der Kokosnuß durch internationale Megaerfolge die die Herr der Ringe-Trilogie sogar noch an Bedeutung hinzugewonnen, treibt er die hinlänglich bekannten Elemente wie Heldenprüfungen, Bewährungen und Begegnungen mit phantastischen Gegnern doch zu wunderbar-absurden Blüten. Das Killerkaninchen ist ein näherer Verwandte der Riesenspinne, die Frodo einwickelt, als man auf den ersten Blick meinen mag, das Schloss williger Frauen hat ungeahnte Parallelen zu Gollum.

Die Ritter der Kokosnuß ist Nonsens auf einem Niveau, von dem beispielsweise die deutsche Fernsehunterhaltung mit ihren sogenannten Comedysendungen nur träumen kann. Anarchisch und respektlos, absurd und stolz darauf, liebevoll inszeniert in seinem Wahnsinn und dabei bemerkenswert oft einfach grandios-witzig, ist der Film nicht nur exzellent gealtert, er schafft es darüber hinaus, sogar die veränderte Medienlandschaft des 21. Jahrhunderts zu kommentieren. Die Ritter der Kokosnuß versteckt hinter seinen manchmal vielleicht etwas unbedarften Absurditäten einen wachen Geist, der so hervorragend um die Mechanismen seines Mediums weiß, dass er imstande ist, sie geradezu kongenial zu brechen. Der Film ist wie das trojanische Kaninchen: plakativ von außen, aber mit ungeahnter Durchschlagskraft.