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Donnerstag, 6. Oktober 2016

Deadpool (2016)




DEADPOOL
USA 2016
Dt. Erstaufführung: 11.02.2016
Regie: Tim Miller

Wo soll man nur beginnen? Vielleicht bei den positiven Aspekten? Nun gut: nach knapp 75 Minuten leistet sich Deadpool die einzig wirklich gute Dialogzeile: „Ich würde dich ja begleiten aber … ich will nicht.“ Lakonisch vorgetragen, gleichzeitig irrelevant wie bestens zur Narrative passend – es ist ein winziger Moment inmitten eines Taifuns aus cineastischen Zumutungen. Denn der massiv erfolgreiche Film, enfant terrible des MARVEL Cinematic Universe (zumindest möchte er so gesehen werden, auch wenn er lizenzrechtlich wohl zunächst nicht auf die Avengers treffen wird), ist vor allem ein selbstreferenzielles Vakuum, erstarrt in einem schon fast nicht mehr pubertär zu nennenden Verständnis der eigenen Coolness. Prä-Pubertär trifft es wohl eher, das filmische Äquivalent zu dem noch nicht in den Stimmbruch gekommenen Halbstarken, der gern über Dinge erzählt, von denen er bestenfalls eine vage theoretische Ahnung hat – aber das Ganze natürlich so lauthals, dass es jeder Umstehende ungefragt mitbekommen muss. Es hagelt Verweise und Sprüche im Sekundentakt, nicht umsonst wird die Figur Deadpool „the merc with a mouth“ genannt. Das Ganze ist aber so beliebig, so wenig fokussiert, dass der Film Deadpool am Ende des Tages wie eine Twittertimeline gefüllt mit den schlimmsten Nerds, die man sich vorstellen kann, wirkt: alles wird kommentiert, was schnell in 140 Zeichen passt, egal, ob es sinnvoll ist oder nicht – der schnelle Lacher ist wichtiger als jede wie auch immer geartete weitere Ebene. Das sich ausgerechnet der Film, der vorgibt, sich über die eine breite Angriffsfläche bietenden Superheldenfilme á la MARVEL lustig zu machen, der mit Abstand schlechteste Vertreter der leidlichen Bande entpuppt, ist dann auf schräge Art wieder im Sinne des postmodernen Selbstempfindens des Ganzen – wenn denn die „I don’t give a fuck“-Attitüde wirklich ernst gemeint wäre. Denn wie der laute „Whatever“-Pubertätsanwärter aus dem obigen Beispiel ist Deadpool natürlich gar nicht tief unter seiner Oberfläche über alle Maßen von sich überzeugt, was seine Sympathiepunkte nicht gerade steigert.

Wade Wilson (Ryan Reynolds) ist ein ewig plappernder Söldner, der sein privates Glück mit einer sich prostituierenden Stripperin Vanessa (Morena Baccarin) gefunden hat. Als bei ihm jedoch Krebs im Endstadium festgestellt wird und er das dubiose Angebot eines sinistren Agenten erhält, er könne diesen besiegen und gleichzeitig auch noch seine körperlichen Fähigkeiten enorm steigern, zögert er nur kurz. Dummerweise erweist sich die Behandlung als ethisch verwerflicher Versuch, in „normalen“ Menschen die im MARVEL-Universum hinlänglich bekannten X-Gene zu aktivieren, um aus ihnen Mutanten mit besonderen Fähigkeiten zu machen – und sie dann in die Sklaverei zu verkaufen. Aus Wilson wird der entstellte Deadpool, ausgestattet mit beeindruckenden Regenerationskräften und so de facto unsterblich. Auf der Suche nach dem Wissenschaftler Francis (Ed Skrein), der ihn der schmerzhaften Prozedur unterzogen hat, und nach einem Hoffnungsschimmer, seine Freundin zurückzuerobern, mordet er sich durch die Gegend und wehrt die Überredungsversuche von X-Men Colossus (Stefab Kapicic) und Negasonic Teenage Warhead (Brianna Hildebrand) ab, sich auf die gute, sprich nicht anarchistische, Seite des Superheldentums zu schlagen.

Deadpool weiß nichts mit sich anzufangen, auch wenn das Spektakel dem Publikum etwas anderes suggerieren soll. Hinter den Phrasen gibt es den üblichen MARVEL-Ballast aus Entstehungsgeschichte und generischem Geplänkel, todlangweiligem Bösewicht und vorhersehbarer Dramaturgie. Das ist aber natürlich alles total „edgy“, weil Wilson in einer Kampfszene nackt ist und man Ansätze eines Penis sieht und er am Ende die große Heldenansprache von Colossus auf denkbar rüde Art unterbricht. Dazwischen schneidet er sich die Hand ab, nur um den Zuschauer kurz darauf aufzuklären, dass er sich mit der nachwachsenden Miniextremität selbst befriedigen wird. So ist auch das, was der Film zeigt, keine Liebes-, sondern eine reine Lustgeschichte. Deadpool, der Film und der Charakter, sind nur auf die Befriedigung der immer gleichen eigenen Triebe aus. Ein Stück weit menschlich, ohne Frage, aber indem der Film nie etwas darüber hinausgehendes anbietet, suggeriert er eben eine selbstzufriedene Bräsigkeit, die nur noch besser hätte illustriert werden können, wenn Wilsons blinde Mitbewohnerin anstelle von IKEA-Möbeln eine Fliesentisch zusammenbauen würde. Der Segen der Ignoranz, der in der zwar auch problembelasteten, aber sehr viel besseren Superheldenparodie Kick-Ass (und ein Stück weit sogar im dann irgendwann ins sadistische abgleitenden Super) aufgebrochen wurde, bleibt bei Deadpool so penetrant bestehen, dass man sich fragt, für wen dieser Film eigentlich gedacht sein soll. Grölende Scharen, die sich an einfachen Welt- und Filmbildern ergötzen und denen man nicht einmal ansatzweise eine Reflexionsebene jenseits der hanebüchenen popkulturellen Referenz zumutet? Ein unschöner Gedanke.

Denn Deadpool richtet sich explizit an die Zuschauer, die sich darin bestärkt fühlen können, den Lauf des Hasen zu kennen. Indem seine Kommentare sich an die Vermarktung und Rezeptzion von Superheldenfilmen wenden, müssen sie sich keine Gedanken über die Wirkmechanismen innerhalb des Konstrukts machen. Demzufolge ist auch das Hinweisen auf Schwachpunkte, nur um sie danach einfach so zu übernehmen, nicht clever, sondern nur ermüdend. Deadpool ist wie ein erzkonservativer Politiker, der plötzlich versucht zu rappen, um „die Kids“ zu erreichen.

Letztlich bleibt der Eindruck eines größtenteils ziemlich peinlichen Films, der die großen Themen [wirkliche Auseinandersetzung mit den hinterfragungswürdigen „tropes“ des Genres oder auch – mein Favorit – der Plot mit der künstlichen Erschaffung von Mutanten, um sie zu versklaven (!). Niemand will sich dessen annehmen? Große Sache und so, wahrlich dunkle Ecke des MARVEL-Universums? Nein? Meh.] außen vor lässt. So ähnlich wie Deadpools Leben nicht viel wert ist, weil er sich ständig regeneriert (und dies nicht zu Auseinandersetzungen wie bei Wolverine führt), ist es auch der Film, dessen Beliebigkeit gleichermaßen erstaunt wie entsetzt. Der Zuschauer hat dabei die Position des Mitgefangenen in Francis‘ Folterkeller inne: es wird ihm weiß gemacht, Wilson sei ein Kumpel, aber am Ende lässt er ihn doch sterben, um selbst zu entkommen. Reue? Gedanken? Reflektionen? Wer braucht das schon, wenn man sich darüber lustig machen kann, dass es nun zwei Kino-X-Men-Zeitlinien gibt. Oder wenn man mal wieder Deadpools Penis ins Gespräch bringen könnte. Ästhetisch einfallslos (einzig die Animation von Deadpools  ist gelungen, schafft sie es doch, den Comiclook von einem Medium ins andere zu übertragen), intentionell vollkommen fehlgeleitet und dramaturgisch ohne Elan ist Deadpool vor allem eins: vergeudete Lebenszeit. Warum die selbsternannten Parodien des Superheldenfilms meistens so abdriften müssen (ein weiteres Beispiel wäre der Comic The Boys von Garth Ennis), ist indes eine Frage, die auch hier unbeantwortet bleiben muss.






Sonntag, 13. September 2015

Kingsman - The Secret Service (2014)




KINGSMAN – THE SECRET SERVICE
Großbritannien/USA 2014
Dt. Erstaufführung: 12.03.2015
Regie: Matthew Vaughn

Mark Millar schreibt furchtbare Comics.
Ja, es musste in aller Deutlichkeit gesagt werden. Wieder einmal. Denn auch der Überraschungshit Kingsman basiert auf einer von ihm geschriebenen Geschichte und wie der unsägliche Kick-Ass 2 (der erste Teil ist im Vergleich noch sehenswert) und der beeindruckend dumme Wanted ist dies eine Verschwendung von Talent, Ressourcen und Zeit. Reaktionär, kleingeistig und – zur „Würzung“ im rechten Moment – „ironisch-sexistisch“ ist Kingsman einer der bisher schlechtesten Filme des Jahres. Viel Geld einzuspielen ist eben kein Kriterium.

Um eine alte Schuld wiedergutzumachen rekrutiert der Gentleman-Agent Galahad (Colin Firth) den Proletarier Eggsy (Taron Egerton), um ihn bei den „Kingsmen“, einer – wie könnte es anders sein – strenggeheimen Vereinigung unterzubringen, die im Verdeckten turnusmäßig die Welt rettet. Und gerade als der vorgebliche Philanthrop Richmond Valentine (Samuel L. Jackson) mit einem kruden Plan die Menschheit zu Gunsten des Planeten fast vollständig ausradieren will, kann Eggsy zeigen, was er kann.

Gar nicht so tief unter seiner Oberfläche schlummert in Kingsman eine süffisante Agentenfilmparodie. Der Plan des Facebook-Moguls Marc Zuckerberg nachempfundenen Velntine ist derartig wahnwitzig und obskur, dass er, auch und gerade wegen seiner planerischen Plotholes, sofort als parodistisches Element zu durchschauen ist. Das gleiche gilt für die satirischen Bestandsteile – ein Schelm, wer böses dabei denkt, dass das Ende der Menschheit durch einen Internetmilliardär und dessen vermeintlich saubere und freundliche Technik ausgelöst werden soll. In seinem Größenwahn ist dies der Stoff, aus dem schon in den 1960er Jahren Pulp-Antagonisten geboren wurden. So weit, so schön.

Doch schnell wird gewahr, dass es hier weniger um die genüssliche Dekonstruktion von Genre-Klischees geht, sondern um das Abspielen der altbekannten Exzesse, die schon Wanted oder den ähnlich hohlen Shoot `em up kennzeichneten. Kingsman labt sich an seiner Gewalt, bleibt stets auf der Ebene eines unreflektierten Cartoons, präsentiert „coole“ Gefechte, die dem menschlichen Körper nicht gut tun und redet sich damit heraus, dass es ja nur die bad guys trifft. Wenn sich Colin Firth durchaus beeindruckend choreographiert durch den Mob einer Hate Church kämpft, dann trifft es in der Logik des Films selbstredend nur „die Richtigen“, das weiterreichende satirische Element wie in dem von der Intention ähnlich gelagerten God Bless America geht verloren (dabei ist diese Szene im Gegensatz zum Comic noch „entschärft“, weil es Rassisten und Homophobe trifft und nicht die Teilnehmer einer Massenhochzeit). Es sind weniger die Gewaltdarstellungen an sich sondern der Umgang damit, denn anders als beispielsweise Quentin Tarantino weiß Vaughn seine Exzesse in keinerlei Kontext zu setzen.

Wer moderne Actionfilme wegen ihrer Nichtachtung menschlichen Lebens kritisiert, der wird in der Welt von Mark Millar wie auch ihrer filmischen Interpretationen keine Freude haben, auch wenn alles unter dem Deckmantel der Parodie stattfindet. Die Frage ist nur, was genau parodiert werden soll, denn derartig explizite Gewalt gehörte nie zum Fundus der James Bond-Filme, die materialbedingt das Hauptangriffsziel von Kingsman sind. Und selbst wenn man dies verzeihen mag – es ist einfach weder unterhaltsam noch witzig, manchmal ist es regelrecht unangenehm. So gibt es, zur primitiven Befriedigung, gegen Ende eine von Valentine initiierte weltweite gewalttätige Enthemmung und nur weil es dem Protagonisten beispielsweise gelingt, ein Kleinkind vor dem Zugriff seiner rasenden Mutter zu bewahren, bedeutet das nicht, dass in diesem Tumult nicht sehr viele unschuldige Menschen sterben. Im Dienste der seichten Unterhaltung wird also quasi der gesamte Erdball traumatisiert und anders als beispielsweise der (gute) Zombiefilm interessiert sich Kingsman nicht im Geringsten für die Auswirkungen. Viel wichtiger ist es, dass der Held von der schwedischen Kronprinzessin mit einer Analsex-Ausübungserlaubnis belohnt wird. WTF?!

So laviert sich der Film in erster Linie durch eine inhaltliche Ödnis, die erstaunlich ist. Mit Ausnahme einiger weniger visueller Zitate wird viel auf James Bond verwiesen, ohne auch nur einmal das charmante Moment zu erreichen, wenn Daniel Craig sich in Casino Royale nicht für die Zubereitung des berühmten Martinis interessiert. Ansonsten gibt es die Genrestandardsituationen, die kaum gebrochen werden. Interessant wird Kingsman nur, wenn Samuel L. Jackson mit sichtlicher Freude seinen lispelnden Schurken gibt, der zwar Menschen töten lässt, aber kein Blut sehen kann – nicht einmal sein eigenes. Ansonsten ist der Film trotz seines Bombasts seelenlos und dementsprechend wenig involvierend.

Zusammen mit den bereits erwähnten Elementen ergibt dies ein Konglomerat des Scheiterns, sowohl als Actionfilm wie als Komödie, zumal sich zu dem „coolen“ Zynismus auch noch eine entmündigende Haltung gegenüber den Menschen offenbart, die nicht zu dem reichlich verkommenden System „Kingsmen“ gehören. Wie erwähnt, die Menschen werden traumatisiert, aber am Ende zählt ausschließlich die Psyche der Elite, repräsentiert durch den protegierten Eggsy. Da hilft es auch nicht, wenn man vorher Korruption und Egoismus der herrschenden Eliten buchstäblich in die Luft sprengt. So taugt Kingsman auch nicht als Anstoß eines politischen Diskurses, weil er, anders als beispielsweise der ebenfalls dem Comic entsprungene V wie Vendetta, sich jenseits der affektiven Ebene nicht für Politik interessiert. In einer Welt, in der gerade der satirische Blick auf den glorifizierenden Agentenfilm viel Material anbietet, ist Kingsman schlicht zu kurz gegriffen.





Donnerstag, 29. Januar 2015

Baymax - Riesiges Robowabohu (2014)




BAYMAX – RIESIGES ROBOWABOHU
(Big Hero 6)
USA 2014
Dt. Erstaufführung: 22.01.2015
Regie: Don Hall & Chris Williams

Wer den Zeiten nachhängt, in denen mehrere unabhängige Medienhäuser die Menschen mit Unterhaltung versorgten, dem dürfte der Disney-Konzern ein Dorn im Auge sein. Inzwischen hat sich der Entertainmentriese die ehemalige Konkurrenz PIXAR, die Rechte an der Weltraumoper Star Wars und den Comicriesen MARVEL einverleibt. Dies ist unter Diversitätsansprüchen natürlich nicht schön, lässt sich aber wohl kaum rückgängig machen. Zumal die McDonaldisierung der Medienwelt schon vor den Megadeals begonnen hat. Unter diesen Gesichtspunkten ist Baymax, die erste Kollaboration zwischen der Disney Trickfilmabteilung und MARVEL ein erwartbares Konglomerat aus technisch perfekter Animation und Superheldenthematik. Und bei allen Bedenken, die man haben kann, wenn man sich die wirtschaftliche Entstehungsgeschichte des Werkes ansieht, muss man auch folgendes konstatieren: nach langen Jahren der Mittelmäßigkeit hat die CGI-Abteilung Disneys auch ohne PIXARS Hilfe einen passablen Film zustande gebracht. Vergessen sind die Längen von Ralph reichts, die süßliche Bedeutungslosigkeit von Die Eiskönigin oder die seltsamen Experimente á la Himmel & Huhn. Baymax, über dessen deutschen Untertitel ich mich lieber nicht äußern möchte, erfindet keins seiner ihn vorwärts tragenden Räder neu, aber er ist so involvierend und findet vor allem eine angenehme Mischung aus Spektakel und Emotionalität, dass man nur allzu gern auf diesen Trip geht.

In der Megametropole San Franstokyo, einem kulturellen und archetektonischen Schmelztiegel aus Ost und West, verschwendet der junge Überflieger Hiro sein Zeit mit illegalen Roboterkämpfen, bis ihm sein großer Bruder Tadashi die Augen für die Möglichkeiten öffnet, sie sich ihm an der Uni und im Bereich Robotik bieten würden. Hiro entwickelt ein bahnbrechendes Projekt, dass er im Rahmen eines Auswahlverfahrens vorstellt, als ein Feuer das Leben von Tadashi und Hiros Idol Professor Callaghan fordert. Von Trauer übermannt zieht sich Hiro zurück und legt den Plan, an der Uni zu studieren trotz der steten Ermutigungen von Tadashis Kommilitonen auf Eis, bis er mit Hilfe von Baymax, einem von Tadashi entwickelten, gutmütigen Krankenpflegeroboters, dahinter kommt, dass seine Erfindung, sich durch Gedankenkraft beliebig organisierende Miniroboter, nicht wie gedacht im Feuer vernichtet wurden. Vielmehr hat ein mysteriöser Schurke mit einer Kabuki-Maske, der augenscheinlich nichts Gutes im Schilde führt, sie entwendet. Zusammen mit Baymax, der so ziemlich die einzige Interaktionsmöglichkeit mit Tadashi Andenken darstellt, macht sich Hiro daran, den Maskenträger dingfest zu machen – doch dafür braucht er Hilfe. Und wer wäre dafür besser geeignet als ein Truppe Uni-Nerds?

In punkto animierte Superheldenfilme muss Baymax hinter dem künstlerisch und inhaltlich noch etwas ambitionierteren Die Unglaublichen – The Incredibles zurückstecken, so viel sei vorweg gesagt. Dennoch kommt der Film mit einer beachtlichen Energie daher, vor allem aber mit einem konstanten Tempo und einem sicheren Händchen für die emotionale Tragweite seines zentralen Konfliktes. Denn so sehr sich Tadashi und Hiro als Brüder auch verstehen mögen, im Kern von Baymax steht ein Bruderzwist dahingehend, dass Hiro seinem Bruder Vorwürfe macht, gegangen zu sein. Diese werden nie explizit ausgesprochen, äußern sich aber in Handlungen. So ist eine der wichtigsten Szene, in denen Hiro Baymax‘ friedvolle Programmierung umgeht, nicht nur aus der oberflächlich erkennbaren Situation der Sequenz zu erklären, sondern schildert auch Hiros Wut über das sinnlose Ableben des Bruders, zu dem er sich – so die Logik der Überlebenden – entschieden hat, zumindest aber die Möglichkeit akzeptierte. Das Ende ist in dieser Kausalkette dann auch der Abschied von dem Baymax, der Tadashi verinnerlicht hat, damit Hiro dem neuen Modell unvoreingenommen begegnen kann. Tadashis Tod kann so akzeptiert werden und der neue Baymax kann, sollte es Fortsetzungen geben, als vom Geist des Schöpfers befreite Entität anfangen zu existieren. Das Motiv des Verlustes, der Trauer und auch der Wut auf den Verstorbenen wird auf geglückte Weise gleichzeitig subtil wie plakativ behandelt, funktioniert also auf unterschiedlichen Ebenen für Zuschauer jeder Altersklasse. Bei so viel Verve ist es auch verzeihlich, dass die Dramaturgie mitunter sehr nach Lehrbuch abläuft (z.B. lass nach dem Trauerfall nicht zu viel Zeit verstreichen, um möglichst viele lockernde, erheiternde Szenen nachzuschieben). Ebenfalls gelungen ist die Charakterisierung von Baymax selbst, die den Zuschauer lange im Unklaren lässt, wie autonom der Roboter wirklich agieren kann. Gerade als man Bedenken hegt, Baymax könnte einfach nur ein mechanischer Sklave sein, der jedem Wunsch seines menschlichen Gegenübers nachkommen muss, beweist er in einem verweigernden Akt seine Fähigkeit zur kleinen Rebellion, die zwar auch aus Tadashis Programmierung heraus erklärbar scheint, aber ebenso illustriert, wie lernfähig Baymax letztlich ist.

Neben dem gelungenen emotionalen Kern der Geschichte ist Baymax auch schlicht eine unterhaltsame Angelegenheit voller visueller Bonmots. Vor allem die Metropolis ist ein wahnwitziger Mix aus allen Großstädten der Welt, von den namensgebenden San Francisco und Tokyo über Dubai bis Paris. Und das alles in der umweltfreundlichen Version. Die Stilverschmelzung zwischen den Himmelrichtungen findet auch eine für einen US-Film erstaunliche selbstverständliche Entsprechung auf der ethischen Darstellungsebene. Hiro und Tadashis Eltern sind augenscheinlich asiatischer und kaukasischer Abstammung, aber der Film hält es nicht für nötig, dies auch nur ansatzweise zu thematisieren. Diese Sensibilität findet man sonst vornehmlich bei skandinavischen Kinderfilmen, die, anders als deutsche Produktionen, keine schulmeisterlichen Erklärungen für die Diversität der Spezies Mensch brauchen.
Das Figurendesign ist eine sichere Bank, aber niemand hat wohl von Disney Experimente erwartet, wie sie das Studio Laika (Die Boxtrolls) wagt. Die technische Umsetzung ist gewohnt hervorragend und wieder werden die Möglichkeiten der Computeranimation etwas weiter erforscht. Der Hyperrealismus bei gleichzeitiger Abstraktion (es ist ein Segen, dass man Verirrungen wie Final Fantasy: The Spirits Within oder Der Polarexpress wohl nun endlich hinter sich gelassen hat) eignet sich dabei besonders gut für die Superheldenthematik, kämpfen Realverfilmungen bei aller Ernsthaftigkeit doch immer mit dem albernen Momentum, wenn sich Menschen in Spandex zwängen. Und enervierende Füllmaterialsongs, wie sie noch in Die Eiskönigin gefühlt alle zwei Minuten auftauchten, sucht man hier vergeblich, lediglich der passende Immortal von Fall Out Boy ist zu hören.

Baymax ist kinetisch, hervorragend getimt (gerade im Hinblick auf den physischen Humor des titelgebenden Protagonisten), witzig und hat – um diese an sich ausgelutschte Phrase einmal mehr zu verwenden – das Herz am rechten Fleck. Gerade wegen letzterem wirkt er weniger austauschbar als beispielsweise sein unmittelbarer Vorgänger, der Gefühle eher ironisch zu brechen versuchte und erst am Ende einen befriedigenden Ton anschlug. Bei Baymax ist man durchgehend involviert. Man könnte noch eine Diskussion darüber lostreten, ob es richtig ist, den knuddeligen Baymax in eine Kampfrüstung zu stecken, doch der Film macht deutlich, dass dies einerseits nur Mittel zum Zweck ist, zum anderen eher eine negative Konnotation mit sich bringt. Der Film ist ständig in der Diskussion darüber, ob das Herunterladen von Kampfsporteinheiten auf einen Gesundheitshelfer überhaupt vertretbar ist. Zumal die Rüstung auch als Schutzschild fungiert in einer Welt, in der nicht alle dem leicht zu „verletzenden“ Baymax wohlgesonnen sind. Diese Generosität ist dem Zuschauer dieses gelungenen Spektakels vorbehalten.




Dienstag, 27. Mai 2014

X-Men - Zukunft ist Vergangenheit (2014)




X-MEN - ZUKUNFT IST VERGANGENHEIT
(X-Men: Days of Future Past)
USA 2014
Dt. Erstaufführung: 22.05.2014
Regie: Bryan Singer

Die Screen Junkies konnten passenderweise in ihrem neusten Honest Trailer zu den bisherigen X-Men-Filmen die Frage nicht beantworten, warum die Mutanten und ihre Fähigkeiten von der Gesellschaft oftmals abgelehnt und angefeindet, während Helden wie Spider-Man, Iron Man und der Hulk im gleichen Universum gefeiert werden. An dieser simplen Fragestellung lässt sich bereits ablesen, dass a) die X-Men vor dem langsam aus allen Nähten platzenden „cinematic MARVEL universe“ das Licht der Leinwand erblickten und b) man es mit diesem ganzen Comic-Mumbo-Jumbo wohl nicht so genau nehmen sollte. Es ist recht praktisch, dass die X-Men-Filme (noch) nicht in den Rest des MARVEL-Universums eingemeindet wurden, denn sie haben wahrlich genug mit sich selbst zu tun.
Das stellenweise überbordende Lob, dass dem neusten Franchisebeitrage Zukunft ist Vergangenheit entgegenschlägt, lässt zudem die Vermutung aufkommen, dass die X-Men mehr wegen ihren Möglichkeiten denn wegen der Filme an sich geliebt werden. Als Projektionsfläche sind die Mutanten grandios, die inzwischen sieben in diesem Kosmos angesiedelten Filme kommen qualitativ sehr unterschiedlich daher. Nach einem sehr holprigen Start 2000 folgte mit X-Men 2 ein erfolgreicherer Beitrag, nur um danach von X-Men – Das letzte Gefecht konterkariert zu werden. Die zwei Solo-Abenteuer von Wolverine waren beide vergessenswerte Zuschauerbeleidigungen, bis 2011 mit X-Men – Erste Entscheidung ein Prequel in die Kinos kam, dass zwar erzählerisch nicht allzu viel neues bot, aber sehr viel energetischer und unterhaltsamer als die meisten anderen Beiträge zur Reihe daherkam. X-Men - Zukunft ist Vergangenheit ist nun ein Versuch, die beiden Erzählstränge zusammenzuführen, also die Riege der „alten“ X-Men aus den ersten drei Teilen mit ihren jüngeren Inkarnationen aus Erste Entscheidung zu vereinen.

In einer nicht allzu fernen Zukunft haben die Sentinels, hochentwickelte Kampfmaschinen, die Erde in eine Ödnis verwandelt. Einst geschaffen, um Mutanten aufzuspüren und unschädlich zu machen, wandten sie sich bald auch gegen normale Menschen, die Mutanten halfen oder die potenziell mutierte Kinder bekommen könnten. Die letzten Reste der X-Men kämpfen einen aussichtslos erscheinenden Kampf und schicken schließlich Wolverine (Hugh Jackman) zurück in die 1970er Jahre, um den jungen Charles Xavier (James McAvoy) mit seinem Erzfreund Erik Lehnsherr (Michael Fassbender) zu vereinen. Denn nur gemeinsam können sie ihre ehemalige Freundin Mystique (Jennifer Lawrence) aufhalten, die den Schöpfer der Sentinels, den Industriellen Dr. Bolivar Trask (Peter Dinklage) erschießen will und damit den Lauf der Geschichte erst richtig in Fahrt bringt. Keine einfache Aufgabe für den ungeduldigen Grantler und auch keine einfache Aufgabe für die zerstrittenen Freunde, die einst Professor X und Magneto sein werden…

X-Men – Zukunft ist Vergangenheit ist unbestreitbar ein ambitionierter Film, der sichtlich Lust an dem Spiel mit Zeitebenen, an ihrer Dekonstruktion und ihrer Neuschöpfung, hat. Kontinuitätsfreunde werden sich grausen und ein bisschen faul ist der Film in der Hinsicht auf die offensichtlichsten Fragen (wie Magnetos wiedergewonnene Kräfte und Prof. X‘ pure Existenz nach dem Ende von X-Men – Das letzte Gefecht), auch wenn sich die Fans im Internet genügend holprige Erklärungen für all die plot holes zusammenschustern. Man darf wohl annehmen, dass Zukunft ist Vergangenheit als eine Art Reboot funktionieren soll, das viele, wenn nicht gar alle, Ereignisse aus den bisherigen Filmen (mit Ausnahme von Erste Entscheidung) als obsolet erklärt. Gerade im Hinblick auf Totalausfälle wie X-Men Origins: Wolverine ist das wohl eine gute Nachricht.

So unterhaltsam und kurzweilig der Film auch ist, ganz kann man das Gefühl nicht abschütteln, dass Zukunft ist Vergangenheit sich mehr vornimmt, als er abarbeiten kann. So ist er geradezu versessen darauf, sofort mit der Action zu beginnen und lässt die dystopische, an Der Terminator erinnernde Zukunft, links liegen. Schnell abgefrühstückte Expositionen werden anstelle einer sinnlich erfahrbaren Situation gesetzt, mit einem „world building“ hält sich der Film nicht auf, was auf Kosten der Dringlichkeit geht. Sicherlich, wir werden Zeuge von ziemlich gewalttätigen Vernichtungen vieler X-Men, aber die Chance zu zeigen, dass die Sentinels eine Bedrohung für alle Menschenformen sind und die von ihnen geschaffene Zukunft kein lebenswerter Ort für Alle ist, wird auf geradezu ärgerliche Weise verschenkt. Andere Konflikte, wie der zwischen Xavier und seiner Behandlung, die ihn zwar wieder laufen lässt, ihm aber auch seine Kräfte nimmt, werden angerissen und dann fallengelassen, die Loyalitäten ändern sich manchmal etwas zu schnell, neue Mutanten werden eingeführt und lediglich auf ihre Fähigkeiten reduziert [besonders schlimm trifft es Bishop (Omar Sy) und Quicksilver (Evan Peters), dem immerhin eine der schönsten Sequenzen des Films gewidmet wird]. Der innere Kampf von Mystique wird hingegen sehr gut verhandelt, ebenso die wechselvolle Dreiecksbeziehung, die sie mit Xavier und Erik verbindet.

Zukunft ist Vergangenheit muss sich auch die Frage gefallen lassen, ob die Geschichte zur rechten Zeit kommt. Erste Entscheidung war ein guter Ausgangspunkt für neue, frische, energiegeladene Abenteuer der X-Men, so dass die Zusammenführung mit der „alten“ Riege, die am Ende auch so enervierende Figuren wie Jean Grey (Famke Janssen) und Scott Summers (James Marsden) wieder auftauchen lässt, wie ein Bremsmanöver wirkt. In Zeiten von ständigen Neuauflagen ist es doch erstaunlich, dass sich eine Filmreihe wie diese um Dinge wie eine leidliche Kontinuität schert. Zumal man so fast alle Nebenfiguren aus Erste Entscheidung einfach für tot erklären kann. Außerdem drückt sich das Franchise wieder einmal darum, die Mutanten in einen gesellschaftlichen Kontext der Zeit zu stellen, ein Punkt, der schon im Vorgänger auffiel. In Zeiten der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, was hätte es da für Ansatzpunkte gegeben. Hier wird die Historie mit Hinweisen wie „John F. Kennedy war ein Mutant“ bedacht und dann ebenso vergessen wie viele andere Plotelemente. An großartigen Szenen vom Kaliber einer „Hast du schon einmal versucht, kein Mutant mehr zu sein“-Unterhaltung aus X-Men 2 mangelt es Zukunft ist Vergangenheit.

Handwerklich ist der Film selbstredend hervorragend und voller visueller Bonmots wie den multiplen Wurmlöchern, die von einer Mutantin erschaffen werden oder dem Design der Sentinel-Transportflugzeuge, die nicht von ungefähr an umgedrehte Särge erinnern. Auch eine Überschneidung zwischen „echtem“ Filmmaterial und „authentischen“ Super-8-Aufnahmen von Passanten ist ein herrlicher Einfall, ebenso die bereits erwähnte Quicksilver-Szene sich aller Register der Tricktechnik bedient, ohne dass es aufgesetzt oder protzig wirkt.
So ist X-Men – Zukunft ist Vergangenheit ein unterhaltsamer Popcornfilm mit mehr als den sonst im Superheldenfilm üblichen Ideen, die aber innerhalb der zwei Stunden Laufzeit etwas zu sehr miteinander konkurrieren. Regisseur Bryan Singer und Drehbuchautor Simon Kinberg fangen viel an, beenden wenig, setzten manchmal disharmonische Prioritäten, legen aber auch den Grundstein für interessante weitere Episoden aus dem Mutanten-Universum. Wenn man sich dann auch wieder mehr auf die Qualitäten von Erste Entscheidung konzentriert (sprich weniger „alte“ X-Men inklusive Wolverine und noch mehr Fassbender, Lawrence und McAvoy), stehen die Chancen gut, dass die wirklich großartigen Franchisebeiträge noch kommen werden.