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Donnerstag, 5. März 2015

Boyhood (2014)




BOYHOOD
USA 2014
Dt. Erstaufführung: 05.06.2014
Regie: Richard Linklater

Langzeitstudien haben einen besonderen Reiz, weil sie Dinge sichtbar machen, die sonst im Verborgenen bleiben. Das fängt bei Zeitrafferaufnahmen in der Sendung mit der Maus an, geht über Internetvideos von Kindern, die einmal pro Woche von ihren Eltern gefilmt werden, um Jahre der Entwicklung in vier Minuten mit anzusehen und endet bei Michael Apteds Up-Reihe, die seit 1964 ihre Protagonisten alle sieben Jahre besucht, um ihr Leben dokumentarisch zu begleiten. In narrativer Form verfolgt Richard Linklater dies seit 1993 mit seiner Before-Serie in ähnlicher Form. Mit mittlerweile drei Filmen hat er eine bemerkenswerte Beziehungschronologie geschaffen, stets getragen von den grandiosen Dialogen, die Linklater seinen Figuren in den Mund legt. Boyhood möchte nun nach ähnlichen Maßstäben funktionieren, wieder ist das Thema Zeit präsent und der Entstehungsprozess ist an sich schon eine beachtliche Leistung: man sieht, wie die Protagonisten aufwachsen – und zwar nicht durch die Macht der Montage und des Castings, sondern weil sie wirklich vor unseren Augen wachsen. Boyhood hatte eine Produktionszeit von zwölf Jahren, immer wieder traf sich das Team, um diese Coming-of-Age-Geschichte auf Film zu bannen. Das ist an sich eine großartige Idee, ein mit Risiken behaftetes Unterfangen, von dem man durchaus fasziniert sein kann, dass es sich überhaupt zu einem homogenen Ganzen zusammenfügt. Doch kurioserweise liegt darin einer der Hauptgründe dafür verborgen, dass Boyhood hinter den Erwartungen zurückbleibt: es ist alles zu homogen, zu glatt, ja zu beliebig. Es ist alles auf durchaus charmante Art fluffig anzuschauen, aber es fehlen die definierenden Elemente und auch der emotionale Anker. Denn Mason, der Junge, um den sich die ganze Aufregung dreht, bleibt den Film über blass, ja, er verliert sogar immer, wenn Ethan Hawke auf der Bildfläche erscheint und ihn gegen die Wand spielt. Der fehlende emotionale Resonanzboden sorgt schlussendlich dazu, dass Boyhood ein bisschen wie eine Mogelpackung daherkommt.

Mason (Ellar Coltrane) ist sechs, als wir ihm zum ersten Mal begegnen. Die folgenden Jahre, bis er das Elternhaus verlässt und aufs College geht, werden wir uns immer wieder in sein Leben schalten, werden sehen, was seine Mutter (Patricia Arquette) für ein Händchen dabei beweist, sich immer wieder Alkoholiker als Ehemänner anzulachen, wie sein Vater (Ethan Hawke) sich neu verliebt und ihn und seine Schwester um einen Halbbruder bereichert und wie Mason mit den Tücken der Erwachsenwerdens konfrontiert wird.

Der Erfolg der Before-Reihe hängt nicht unerheblich damit zusammen, dass Linklater in jedem Film einen Lebensabschnitt verdichtet und auf den Punkt bringt. In den wenigen Stunden, die man die Protagonisten begleitet, findet sich die Weisheit, die Anmaßung, die Freude und der Schmerz einer ganzen Phase, sei es die hoffungsfrohe Melancholie der Zwanziger oder die einsetzende Midlifecrisis der Vierziger. Es hätte nicht geschadet, wenn Linklater in punkto Boyhood diesen Weg einfach erneut eingeschlagen hätte. Sicherlich wäre der Turnus ungleich höher gewesen, aber was für ein unglaublicher Triumph wäre es gewesen, wenn man 12 Jahre an der Entwicklung Masons in Spielfilmform hätte teilhaben können? Dies mag utopisch sein, vielleicht sogar anmaßend, diese Herkulesaufgabe überhaupt in den Raum zu werfen, doch Boyhood hätte so seiner Beliebigekeit womöglich entfliehen können. Mit einem Spielfilm in jedem Jahr, der ähnlich wie die Before-Filme konzentriert von einem Lebensabschnitt berichtet hätte, hätte Linklater nicht nur eine Art Ergänzung zu der Geschichte von Jessie und Celine geschaffen (die beiden lernte der Zuschauer erst kennen, als sie Anfang 20 waren), es hätte vielleicht auch die Wirkung gehabt, die man bei Boyhood augenscheinlich erzielen wollte. Zumal eine gewisse Dramatisierung des Ganzen durchaus angebracht gewesen wäre.
Boyhood ist voller großer Geschichten: die elterliche Scheidung, die Probleme mit dem ersten Stiefvater, die Selbstfindung der Mutter, die Probleme, die Mason als sensibler Künstler (so ziemlich seine einzige ausformulierte Charakteristika) hat, weil sie nun einmal auftreten, wenn man in einer Kultur aufwächst, die das Machogehabe noch nicht vollständig abgelegt hat. Ausformuliert wird wenig und wenn man ein Problem nicht lösen möchte, erlöst ein Schnitt, der ein Jahr überspringt, Linklater von der Verantwortung. Dadurch entsteht die angesprochene Beliebigkeit, der Unwille, in die Tiefe zu gehen, was Boyhood letztlich oberflächlich macht. Der Rahmen ist gigantisch, aber konzentriertere Coming-of-Age-Stories wie Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers oder die deutsche, sträflich unbekannte Produktion Fickende Fische sind Boyhood dann doch überlegen, weil sie sich mit Haut und Haar auf die Figuren einlassen, auf ihre Gefühle, ihre Ängste, ihre Leben. Linklater beobachtet hier nur, dokumentiert das Alltägliche und kurioserweise werden die inszenatorischen Elemente zum Stolperstein, weil man den Ausgang ja kennt – es geht weiter, egal, wie grauenhaft der Stiefvater sich benimmt oder wie sehr Mason über ein Liebescomeback für seine Eltern spekuliert. Das auch mit Klischees gearbeitet wird, ist in Ordnung, weil ja auch das Heranwachsen immer etwas Klischeehaftes hat, weil jede Generation im Grunde die gleichen Fehler macht (machen muss), um aus ihnen zu lernen. Dass sie mitunter mit einer vehementen Unlust präsentiert werden, ist dabei weniger erfreulich.

Es mag vielleicht genau diese Uneindeutigkeit sein, die zum Erfolg von Boyhood beiträgt. Jeder Zuschauer kann so viel hineininterpretieren, wie er oder sie will und womöglich ist auch die Poesie des Normalen ein nicht zu unterschätzender Faktor. Hinzu kommt adaptierbare Nostalgie und ein ständiges Stichwortwerfen, dass die Erinnerung an Teile der eigenen Jugend triggern soll. Dies funktioniert manchmal sogar, eine gewisse Universalität ist dem Film nicht abzusprechen, aber es sind stets nur kleine Augenblicke im 2 ½ Stunden-Mammutwerk, dass gleichzeitig zu lang und zu kurz wirkt. Zu lang, weil manchmal der quasi nicht-existente Plot zu sehr durchscheint, zu kurz, weil vieles von dem, was der Film anspricht, eigentlich ein eigenes 90-Minuten-Werk wert gewesen wäre.
Boyhood wird wahrscheinlich lange Zeit für seinen Entstehungsprozess in Erinnerung bleiben. Es ist unbestreitbar faszinierend, einen Menschen aufwachsen zu sehen, schon allein, weil man es selbst nicht in dieser Form erleben kann – als Betroffener ist man einfach zu sehr „in der Materie“. Doch lässt man dies außer Acht, was zugegebenermaßen schwer fällt, weil der Prozess ein so elementarer Bestandteil der Werks ist, ist Boyhood ein recht wenig pointiertes Drama, dass auch durch die Passivität seiner Hauptfigur zu einer bloßen Abfolge von Stichworten wird. Man will den Film mit jeder Faser seines Herzens lieben und es ist sicherlich keine Zeitverschwendung, ihn sich zu Gemüte zu führen, aber am Ende wartet man doch lieber auf den nächsten Beitrag zur Before-Reihe. Boyhood ist kein Meisterwerk und es ist ähnlich frustrierend wie die Pubertät, sich dies eingestehen zu müssen.




Donnerstag, 26. Februar 2015

When Animals Dream (2014)




WHEN ANIMALS DREAM
(Når dyrene drømmer)
Dänemark 2014
Regie: Jonas Alexander Arnby
Dt. Erstaufführung: 21.08.2014

Die Pubertät, ewiger Quell von Grauen und Inspiration. Der widersprüchliche Lebensabschnitt, der gleichermaßen die Individualität erblühen lässt und größtmögliche Konformität einfordert, der den Menschen vor Idealismus bersten und am Weltschmerz verzweifeln lässt, ist ein dankbares Motiv im internationalen Kino. Während die Welt der Erwachsenen recht eindeutig definiert zu sein scheint und sich in den Pfaden bewegt, die in der Jugend eingeschlagen wurden, ist dass Teenageralter auch im Film ein uneindeutiges Gebilde, in dem jegliche Gangart und –richtung möglich und denkbar ist. Unausgegorene Menschen treffen auf das, was als Leben gleichzeitig verstörend wie betörend daherkommt. Es ist kein Wunder, dass im Horrorfilm vornehmlich junge Leute den Tod finden – es ist eben alles möglich, auch die unvorteilhafte Begegnung mit einem Waffenschwingenden Wahnsinnigen. When Animals Dream geht allerdings eleganter zu Werke als ein vergleichbares US-Produkt und schielt unzweifelhaft auf das Publikum, dass schon So finster die Nacht wohlwollend aufnahm, auch wenn dieser Film immer noch an seiner geradezu grotesken Blutleere (im emotionalen Sinn, lieber Genrefreund) leidet. Doch die Parallelen sind eindeutig, auch wenn der dänische Beitrag zum Subgenre des übernatürlichen Coming-of-Age insgesamt involvierender daherkommt.

Die junge Marie (Sonia Suhl) lebt in einer trostlosen Gemeinde, in der die einzige Arbeit für junge Leute ein wenig einladender Job in der lokalen Fischfabrik zu sein scheint. Ihre Mutter (Sonja Richter) ist gelähmt und wird von ihrem Vater (Lars Mikkelsen) liebevoll umsorgt, doch so ganz ist Marie die Natur der Erkrankung nicht gewahr. Dies ändert sich, als auch sie Veränderungen an sich bemerkt: ihr beginnt ein Pelz zu wachsen, ihre Emotionen lassen sich nicht mehr im Zaum halten und durch äußere Trigger beginnt eine buchstäbliche Verwandlung: Marie ist ein Werwolf und schon bald sieht sie diesen Umstand nicht mehr als Fluch, sondern als Gabe an…

Die Verbindung zwischen Pubertät und Lykanthropie ist recht eindeutig und geradezu lehrbuchhaft: Es wachsen Haare an neuen Stellen, Stimmungsschwankungen werden sich einstellen, das Verhältnis zu den Eltern wird schwieriger. Es bedarf keines Dechiffrierungsgenies, um den zugrundeliegenden Code von When Animals Dream zu knacken. Auch der altbekannte Konflikt zwischen progressiver Jungend (Marie nimmt ihr Wesen an, stellt es irgendwann gar offen zur Schau und denkt nicht daran, sich der Masse unterzuordnen) und konservativen Altvorderen (für die Erwachsenen stellt Marie eine Bedrohung dar, die beherrscht oder ausgemerzt werden muss) ist eindeutig und wird durch einen Horrorfilm gerechten Showdown gelöst – wer die Jugend nicht versteht, der wird durch sie beseitigt. Darin steckt selbstredend einiges an Ermächtigungsphantasie, was aber in einer Coming-of-Age-Geschichte schon fast zwingend erwartet wird. Und letztlich will auch der Werwolf nichts anderes als jeder Teenager: Zugehörigkeit, Liebe und dem örtlichen Rowdy eins auswischen. Letzteres geschieht zwar auf endgültigere Weise als in einem Film wie Angus – Voll cool, aber auch das war und ist erwartbar.

So bietet When Animals Dream auf der Deutungseben nicht viel, was über das Offensichtliche hinaus geht und die pubertäre Sprachlosigkeit, die zwischen Eltern und Kind herrscht, ist weitestgehend aufgesetzt und forciert – gerade Lars Mikkelsen als Vater ist mitunter enervierend stumm. Was den Film aber sehenswert macht, ist seine Atmosphäre. Regieneuling Jonas Alexander Arnby schafft ein kleinbürgerliches Klima, aus dem auch der Zuschauer auszubrechen gesucht, zusammen mit der Protagonistin sprengt er quasi die Grenzen, in denen man sich wiederfindet. Hier liegt der Schlüssel zum Erfolg jeder Art von Teenagergeschichte: das unmittelbare Erfahrbar machen der jugendlichen Situation. Für die Dauer des Films ist man wieder in der Pubertät gefangen, durchlebt die Hoch und Tiefs, mit denen man sich konfrontiert sah und spürt förmlich den Konformismusdruck. Wie heilsam ist da die stellvertretende Metamorphose, die Marie durchlebt.

When Animals Dream ist kein perfekter Film, aber als Erstlingswerk, das mit einer beneidenswert sicheren handwerklichen Qualität und einem ebensolchen Sinn für Atmosphäre aufwarten kann, ist er auch für jene Zuschauer einen Blick wert, die um das Horrorgenre sonst einen Bogen machen – weniger, weil der Film mit Gewalt geizt, sondern weil er erkannt hat, dass der wahre Horror in jenem Lebensabschnitt liegt, in dem alles und nichts sicher zu sein scheint. Hormone sind nun einmal furchteinflößender als alles andere.





Montag, 27. Januar 2014

The Breakfast Club - Der Frühstücksclub (1985)




THE BREAKFAST CLUB – DER FRÜHSTÜCKSCLUB
(The Breakfast Club)
USA 1985
Dt.
Erstaufführung: 05.07.1985
Regie: John Hughes

Ein Problem mit Genre-definierenden Filmen ist, dass sie durch die Flut an Nachahmern an Strahlkraft verlieren können. Es ist leider eine Tatsache, dass in manchen Kreisen ein Werk wie Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt nicht den Respekt bekommt, dass es verdient – unzählige mehr oder minder offensichtliche Plagiate, die womöglich „schneller“ daherkommen als das sich mehr auf Atmosphäre denn plumpe Schocks verlassene Original, haben die Wahrnehmung getrübt (über Hardcore-Fans von It! The Terror from beyond Space wollen wir an dieser Stelle gar nicht erst reden). The Breakfast Club ist ein ähnlicher Fall: die unglaubliche Flut an Teeniekomödien, die sich mal mehr, mal weniger auf John Hughes Instant-Klassiker berufen, verstellen manchmal den Blick auf einen der vielleicht ehrlichsten Vertreter des Subgenres. Doch während viele Nachfolger die Klischees, mit denen Hughes spielt, aufgreifen und sie als Stereotype stehen lassen, bricht The Breakfast Club genüsslich mit ihnen. Es gibt sehr viel Material in diesem Film, für das die Amerikaner den schönen Ausdruck cheesy haben – latent peinliche Szenen, die durch Nostalgie besser davon kommen als sie eigentlich dürften. Aber unter der Oberfläche liegt ein Film, dessen Verständnis für pubertierende Gehirne so unverkrampft und wahr daherkommt, dass The Breakfast Club auch jenseits der 1980er Jahre noch etwas zu sagen hat.

März 1984, eine High School in Illinois, USA, Samstagmorgen: Fünf sehr unterschiedliche Charaktere, jeder aus einer anderen „Kaste“ der Schule, müssen sich um 7 Uhr in der Bibliothek einfinden, um dort wegen verschiedener Vergehen nachzusitzen. Die Gruppe besteht aus Andrew (Emilio Estevez), Mitglied der Ringermannschaft, dem beliebtesten Mädchen der Schule, Claire (Molly Ringwald), dem Nerd Brian (Anthony Michael Hall), dem Rebell John (Judd Nelson) und der sehr eigenen Außenseiterin Allison (Ally Sheedy). Beaufsichtigt vom kleinkarierten Lehrer Richard Vernon (Paul Gleason) sollen sie einen Aufsatz zum Thema „Wer bin ich?“ schreiben. Doch ihrer Identität sind sie sich nur oberflächlich bewusst, offerieren die Stunden der Zwangsgemeinschaft doch nach und nach neue, ungeahnte Einblicke in den Charakter des jeweils anderen…

…und entlarvt nebenher das Artifizielle des „Kastensystems“ an amerikanischen High Schools. Es kommt wohl auf die Schulform und die einzelnen Klassen an, inwieweit sich dies auch auf deutsche Schulen übertragen lässt, aber in der Quintessenz hat The Breakfast Club etwas bemerkenswert Universelles an sich. So interessiert sich Hughes sehr für das Innenleben seiner Figuren und nimmt die Stereotypen nur als Aufhänger. Die Konstellation des Breakfast Club wurde bereits massenhaft kopiert, Hughes erforscht aber die Figuren hinter dem Klischee und begnügt sich nicht mit der Ausstellung des Status Quo. Cliquendenken wird hier genauso infrage gestellt wie Hughes, bei der Veröffentlichung des Films immerhin 35 Jahre alt, eine ungeheure Sicherheit in der Zeichnung seiner jugendlichen Figuren beweist. Alle Protagonisten sind bereits über die I know it all-Phase der frühen Pubertät hinaus, der „Ernst des Lebens“ schleicht sich unaufhörlich heran und diese Erkenntnis sorgt bei allen für eine bittersüße Grundstimmung. Denn allen ist klar, dass sie langsam ihr Leben selbst verhandeln müssen, was zu inneren Konflikten zwischen Sehnsucht und Pragmatismus führt. Wenn Andrew offenbart, dass er sein Sportlerimage nur seinem Vater zuliebe pflegt, er sich eigentlich etwas anderes für sein Leben vorstellt (was, das kann er, ganz Teenager, nicht wirklich benennen), seinen Vater und seine Werte verachtet und von seinen eigenen Taten bestürzt ist, dann dürfte dies eine der besten Darstellungen von teen angst sein, die je auf Film gebannt wurde. Die Furcht, so zu werden wie die eigenen Eltern, wird ohnehin nie an Brisanz verlieren, zumal die Diskussionen, die die Figuren in diesem Film führen, in der Realität mitunter noch Jahre jenseits der Adoleszenz weitergesponnen werden. So ist es auch nur folgerichtig, dass sich Brian mit Selbstmordgedanken wegen einer schlechten Zensur (in Werken!) trägt. Für einen Erwachsenen mag das befremdlich sein („Davon geht die Welt doch nicht unter…“), aber in der Logik der Pubertät ist es tatsächlich für manchen eine Option, die durchgespielt wird. Hughes, in den USA ohnehin auf Ewigkeiten mit dem Ruf des „ewigen Teenagers“ tituliert, weiß ganz genau, wie Menschen in diesem Alter ticken und es ist eine zusätzliche Leistung, dass The Breakfast Club auch noch für Zuschauer jenseits des Kernpublikums funktioniert. Der Film ist äußerst sorgfältig inszeniert.
Dabei sollte auch erwähnt werden, dass sich der Film auch nicht auf eine simple Schwarz/Weiß bzw. Oben/Unten Schilderung verlässt, die (wenigen) Erwachsenen im Film also nicht als bloße Antagonisten zeichnet. Vernon ist ein kleinkarierter Bürokrat, jene Sorte negativer Lehrer, die wohl jeder während seiner Schulzeit hatte. Doch Hughes lässt ihn nicht zum zahnlosen Schurken verkommen. Sicher, Vernon nutzt seine Machtposition, die sich natürlich nicht durch Können oder zwischenmenschliche Qualifikationen erklären lässt, aus, aber der Film gibt ihm darüber hinaus einen Grund dafür. Dieser muss zwar durch den Hausmeister Carl (John Kapelos) hinterfragt werden, aber Vernon wird dadurch (in Verbindung mit einigen weiteren Details) zu mehr als einem bloßen Abziehbild.

Man wünscht sich eine ähnliche Sensibilität im Umgang, wie sie The Breakfast Club zeigt, für die Realität. Es ist schwierig zu sagen, ob sich ein jugendliches Publikum heute noch genauso für den Film erwärmen könnte wie in den 1980er Jahren, denn er ist dank Musik und Kostümen eindeutig ein Kind seiner Zeit. Allerdings spricht sein pures Verständnis für die Figuren sehr für ihn. Die Parameter mögen sich ändern, der Kern bleibt davon aber unangetastet. The Breakfast Club ist ein sehr viel intelligenterer Film, als man ihm auf den ersten Blick zutrauen würde und er hat das unbestreitbare Potenzial, dass ich auch noch sehr viele künftige Generationen von Filmfreunden die Frage stellen werden: Was passiert am Montag?




Mittwoch, 11. September 2013

Ginger & Rosa (2012)




GINGER & ROSA
Großbritannien/Dänemark/Kanada/Kroatien 2012
Dt. Erstaufführung: 11.04.2013
Regie: Sally Potter

Ginger & Rosa ist ein Film, dem man unbedingt lieben will. Leider gelingt dies nur bedingt. Und es ist ein großes „leider“, denn mit der großartigen Elle Fanning in der Hauptrolle, einer begnadeten Kameraarbeit und einem interessanten Subtext sollte dieser Film eigentlich ein großes Ereignis sein. Dass er es letztlich nicht ist, liegt vor allem an Sally Potters dermaßen zurückhaltenden Regie, dass man das Gefühl bekommt, sie wolle ihren Film gar nicht so recht mit Leben füllen. Während ein Film wie The Loneliest Planet eben von dieser Zurückhaltung profitiert, leidet Ginger & Rosa unter ihr. Dies ist eine Geschichte voller Leben, die in einen streckenweise sehr leblosen Film gezwängt wurde.

Ginger (Elle Fanning) und Rosa (Alice Englert) wurden 1945 beide etwa zeitgleich geboren, als die Atombombe auf Hiroshima fiel. Unzertrennliche Freundinnen seit dem, wird ihre Beziehung keine 20 Jahre später, 1962, auf harte Proben gestellt. Während die politisch interessierte, Gedichte schreibende Ginger sich zunehmend Gedanken um den Zustand der Welt macht, gegen das Wettrüsten demonstriert und ihr Leben im Zeichen der Kubakrise bald von einem nuklearen Falloutzerstört sieht, beginnt Rosa eine Affäre mit Gingers idealistischem Vater Roland (Alessandro Nivola).

Der Film heißt zwar Ginger & Rosa, aber Ginger mit ein bisschen Rosa wäre passender gewesen. Wir erfahren sehr viel über Ginger, aber kaum etwas über ihre so wichtige Freundin. Und auch wenn Elle Fanning, die jüngere Schwester von Dakota Fanning, ohnehin fast alle an die Wand spielt, ist dem Film die eigentlich zentrale Beziehung der beiden Mädchen erstaunlich egal. Es geht viel um Gingers Ängste, Träume und Hoffnungen und da Alice Englert als Rosa schauspielerisch Fanning ohnehin nicht das Wasser reichen kann, bekommt man fast den Eindruck, dies sei eine nachträgliche Entscheidung. Da Sally Potter sowohl Regie führte als auch das Drehbuch schrieb hätte es an dieser Front ohnehin keine Probleme gegeben. Die Einzigen, die neben Fanning bestehen, sind ihre Patenonkel Mark (Timothy Spall) und Mark Zwei (Oliver Platt), die zusammen mit Mark Zweis Frau Bella (Annette Bening) die interessantesten Figuren neben Ginger darstellen. Als der Stoff, aus dem auch die heutigen 68er sind, geben sie Ginger emotionalen Halt und intellektuelle Nahrung in einem Maße, zu dem ihre Eltern nicht in der Lage sind. Gingers Vater, ein vordergründiger Idealist, der seine revolutionären Ansprachen aber letztlich nur zum Selbstzweck einsetzt, eingenommen.

Die Coming-of-Age-Geschichte ist im Grunde trotz der zeitlichen Einordnung von universeller Qualität. Die Abnabelung bei gleichzeitiger emotionaler Bedürftigkeit vom Elternhaus, die Orientierung an anderen Familienmitgliedern, der Weltschmerz und die gleichsam verzweifelten wie hoffungsvollen Versuche, die Welt zum Besseren zu verändern, als dies sind wieder einmal die Punkte, die jeder Pubertierender für sich neu verhandeln muss. Es gibt kein Patentrezept fürs Erwachsenwerden, dass zeigt auch Ginger & Rosa ziemlich deutlich. Auch darum ist es umso frustrierender, dass der Film als solcher das eigentliche Drama scheut. Die Inszenierung ist so zurückhaltend, dass der Film erst in der finalen Konfrontation die so bitter benötigte Lebendigkeit ausstrahlt, die er über weite Teile vermissen lässt. Es geht um die Angst vor der Atombombe und einen familiären Super-GAU, aber der Film lässt die nötige Dringlichkeit vermissen. Immerhin hält sich auch der Soundtrack zurück, denn mit einer melodramatischen Musikuntermalung bei gleichzeitig mangelnder Regie wäre Ginger & Rosa bedrohlich nahe an Seifenopern-Gebiet geraten.

Ginger & Rosa ist dank Elle Fannings herausragender Leistung und den teilweise wirklich wunderschön geratenden Bildern durchaus sehenswert, aber Sally Potters Zurückhaltung im Angesicht der vielen ernsten Themen, die sie anstößt, gleichermaßen irritierend wie ärgerlich. Letztlich wünscht man sich, dass der Film genau die Dringlichkeit, genau die Lebensenergie zeigen würde, die seinem Sujet eigentlich angemessen wäre.