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Samstag, 28. Mai 2016

The Witch - Eine Volkssage aus Neuengland (2015)




THE WITCH – EINE VOLKSSAGE AUS NEUENGLAND
(The Witch: A New England Folktale)
USA 2015
Dt. Erstaufführung: 19.05.2016
Regie: Robert Eggers

In The Witch geht es nicht um eine Hexe, ebenso wenig wie es im letztjährigen Der Babadook wirklich um eine schattenhafte Präsenz ging, die eine überforderte Witwe und ihren Sohn heimsuchte. Heimsuchungen sind zwar auch im Regiedebüt von Robert Eggers ein wichtiges Thema, aber einmal mehr generiert sich das Grauen weniger aus einer wirklich greifbaren Bedrohung sondern aus den Dämonen, die aus den Menschen selbst geboren werden. Und anders als der Babadook, dessen Kreation von unkontrollierbaren äußeren Umständen bedingt wurde, ist es hier die selbstgewählte Geißelung, die ins Verderben führt. The Witch ist ein analysefreudiger Film, dessen bedrohliche Stimmung auf billige Jump Scares verzichtet, der immer dann am schwächsten ist, wenn er zu konkret wird. Dem Gesamteindruck eines hervorragenden Genrebeitrags tun aber selbst solche Zugeständnisse nicht weh.

Neueungland im 17. Jahrhundert: Aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen, weil sie selbst für die Puritaner zu puritanisch sind, sucht eine kürzlich aus England übergesiedelte Familie ihr Heil in der Wildnis. Das Vorhaben, Mais anzubauen wird durch das feuchte Klima vereitelt, der Kontakt mit anderen Menschen ist auf ein kaum existentes Maß zurückgeschraubt. Als dann auch noch der jüngste Sohn Samuel verschwindet, beginnt ein Leidensweg. Die Eltern sind davon überzeugt, ein Wolf habe das Baby verschleppt, während die Kinder glauben, eine Hexe, die in den düsteren Wäldern haust, habe ihn geholt. Der Sog aus Trauer, Existenzangst und Suggestion wird immer stärker …

The Witch ist die Geschichte einer religiös induzierten Psychose. Die frömmelnde Familie, die sich stets von Gott geprüft sieht und den Misserfolg nur schwer in Einklang mit ihrer Vorstellung einer grundsätzlich wohlwollenden Macht bringen kann, erlebt durch den Verlust des jüngsten Familienmitgliedes einen solch herben Rückschlag, dass die Mär von einer externen Gefahrenquelle in Form der Hexe wie zu einer Art selbstzerstörerischen Anker wird. Die Migration, die Landnahme, der Missionsdruck – all dies sind Faktoren, die aus dem Wald die Schrecknisse gebären, denen sich die Siedler ausgesetzt fühlen. Neben der Erzählung über desaströse Nebenwirkungen der Religion kann man The Witch auch als Geschichte über die Vertreibung und Enteignung der amerikanischen Ureinwohner lesen. Die Verbreitung des Evangeliums ist zwar eins der erklärten Ziele von Vater William (Ralph Ineson), aber die Ereignisse des Films lassen auch die Erklärung eines tief sitzenden, nicht bewussten Schuldeingeständnis zu, eine Ahnung, dass das Land, dass er versucht zu bestellen, eine unheilvolle Geschichte hat und seine Anwesenheit dort nicht so „gottgefällig“ ist, wie er es sich ausmalt. So bedarf es nicht einmal des Kontaktes mit Mitgliedern der ansässigen Stämme, die Verfehlungen der Europäer liegen wie schwerer Nebel in den Wäldern, die das karge Anwesen der Familie umgeben. So passt es ebenso, dass William am Ende von den Früchten seiner nicht von ungefähr als „typisch männlich“ konnotierten Übersprunghandlung, dem Holzhacken, erschlagen wird.

Überhaupt geht es in The Witch auch um Geschlechterrollen und der Film versteht es, hier ebenso Klischees zu umschiffen wie in der Ausgestaltung seines Horroraspektes. Der Vater ist streng, gesteht seinen Kindern aber ohne Scheu seine Liebe. Die Mutter Katherine (Kate Dickie) ist noch strenger und wird bewusst nicht als „typisch weibliches“ Gegenstück zu der gängigerweise als männlich kodifizierten Gewalt inszeniert, die über allem schwebt. Eher wird die in die Pubertät kommende Tochter Thomasin (Anya Taylor-Joy) als Bedrohung gesehen, während der heranreifende Sohn Caleb (Harvey Scrimshaw) überhöht wird. Tiefenpsychologen dürften einen guten Tag erleben, wenn sie sich The Witch ansehen. Am Ende zieht der Vater seinen „gerechten Zorn“ dann wieder aus der Religion, deren Verquickung mit dem Aberglauben einige Jahre nach der Handlung zu den berühmt-berüchtigten Hexenprozessen von Salem führen sollte.

Wie bereits erwähnt ist dies aber das Hauptaugenmerk des Films: wie religiös gerechtfertigte Geißelung, so sehr sie in bestimmten Situationen erbauliche Erklärungsmuster liefern kann, auch schnell in das Gegenteil umschlagen kann. Wird Samuel von einer Hexe geholt oder doch von einem Wolf? Schließlich findet man sogar eine entsprechende Fährte. Sind die alptraumhaften Bilder im Wald ein Ausdruck einer filmischen Realität oder Illustration der Vorstellungskraft der Kinder, die vor den Erwachsenen den Forst mit Monstren füllen (dies ist eine der Sequenzen, die dem Film eher schadet als nützt)? Es ist sicherlich kein Zufall, dass die (vermeintliche) Hexe Caleb in Form einer verführerischen Frau gegenübertritt, wenn dieser, in Ermangelung von Alternativen, beginnt, seinen voyeuristischen Blick auf seine ältere Schwester zu richten.
Fluch oder Lungenentzündung? Okkultes oder Natürliches? Psychose oder Wahrheit? The Witch lässt beide Argumentationen zu, ist aber stärker, wenn man sich von der Vorstellung einer „wirklichen“ Hexe verabschiedet. So bietet der rigorose Glauben, der allein in der Wildnis nicht automatisch zum Heil führt, eine Blaupause für die Geschehnisse des Films. Zumal die Geschichte einer Familie, die durch all die Entbehrungen, die auch von Gotteanrufungen nicht gelindert werden, langsam in den kollektiven Wahn verfällt, interessanter ist als wenn The Witch den einfachen, den plakativen Weg gegangen wäre.

Unter diesen Gesichtspunkten wird das Ende zum endgültigen Test. Favorisiert man die okkulte Erklärung, zeigt The Witch das Bild von europäischen  Frauen, die mit dem Leben in Neuengland nicht zurechtkommen und lieber als Hexenkommune nackt im Wald leben. Im allegorischen Sinn begibt sich Thomasin endgültig auf den paranoiden Pfad ihrer Familie, verliert sich und stirbt verwirrt im Wald, der Hexenflug wird also zur Himmelsfahrt, die ebenso imaginiert ist: die letzten Bilder eines sterbenden Gehirns, dass sein ganzes Leben mit christlicher Ikonographie indoktriniert wurde, wie aber auch als letztes Zugeständnis des Regisseurs und Drehbuchautors, dass in der Religion zumindest für das Individuum das Heilsversprechen nicht ausgeschlossen werden kann, gelesen werden könnte.

The Witch ist nicht per se antireligös, der Film offeriert aber einen distanzierten Blick auf jene Auswüchse, die in kontemporären Werken wie Paradies: Glaube schnell überzogen wirken. In einer Welt, die unter dem religiösen Fanatismus leidet, zeigt The Witch auf die Fallstricke allzu strenger Denkmuster, die sich durch den Verweis auf Gott oder andere übergeordnete Platzhalter legitimieren. Die Welt wird hier nicht ins Unglück gerissen, wohl aber das Wohlergehen von Menschen, die letztlich die Welt bilden, die sie mit ihrer Frömmigkeit auf ihrer Seite wähnten. Dass der Film mit seiner durchgehend unheimlichen Atmosphäre, den wohlkomponierten Bildern und dem Soundtrack dann auch noch ansehnlich und kurzweilig daherkommt, wirkt bei solchen Subtexten dann schon fast wie ein schmückendes Beiwerk.



Mittwoch, 9. März 2016

Zoomania (2016)




ZOOMANIA
(Zootopia)
USA 2016
Dt. Erstaufführung: 03.03.2016
Regie: Byron Howard & Rich Moore

Es gibt ein Brettspiel für Kinder mit dem alles erklärenden Namen Tiere füttern, quasi die Fortsetzung des Besuchs im Zoo, Wald oder am Wildgatter für den heimischen Esstisch. Menschen, nicht nur die an Jahren junge, locken gerne andere Tiere mit Futter um sie eben zu füttern, zu streicheln, sie aus der Nähe zu sehen. Dabei steht weniger das Beobachten der schnöden Nahrungsaufnahme im Mittelpunkt, sondern vielmehr der Kontakt zu einem nicht-menschlichen Lebewesen. Der Mensch, quasi isoliert durch einen Evolutions- und Kulturprozess, der ihn immer weiter von den anderen Geschöpfen des Planeten entfernt, sehnt sich nach „den Anderen“. Dieses sich in Relation setzen kann natürlich gute wie schlechte Blüten treiben und man muss nur an das koloniale Klischee vom „edlen Wilden“ erinnern, um zu erkennen, dass die Suche sogar innerhalb der eigenen Art auf grausamste Spitzen getrieben werden kann. Umso erfrischender, dass Zoomania, der in der Zählweise des Disneystudios inzwischen 55. abendfüllende Animationsfilm, genau solch plumpe Zuschreibungen umgeht. Der Film ist cleverer, als wohl die Meisten erwartet haben dürften, geradezu wasserdicht handhabt er seinen Subtext, der über die einfache Rechnung „Vorurteile sind schlecht“ weit hinausgeht. Zoomania ist genau der richtige Film zur richtigen Zeit, eine im besten Sinne moderne Parabel in einer politisch vergifteten Zeit, in der die Differenzierung dem Stammtisch geopfert wird.

Zoomania (wer beim deutschen Verleih kam eigentlich auf die Idee, dass die Endung –mania für eine Stadt irgendwie sinnvoll wäre?)/Zootopia ist ein Schmelztiegel. Angesiedelt in einer parallelen Realität, in der allerlei Säugetierarten Intelligenz entwickelten und irgendwann das Fressen und Gefressen werden zugunsten eines friedlichen Miteinanders aufgaben, ist die Stadt das Sinnbild des gesellschaftlichen Fortschritts. Seit Kindertagen träumt das junge Kaninchen Judy Hopps davon, in der Metropole zu arbeiten – als Polizistin, obwohl dieser Job eher von größeren Tieren wie Büffeln, Elefanten und Tigern erledigt wird. Als ihr Traum gegen alle Widrigkeiten in Erfüllung geht, wird sie an ihrem ersten Tag zum Politessendienst verdonnert. Dort trifft sie den trickreichen Fuchs Nicholas Wilde, der nicht nur allerlei zwielichtigen Geschäften nachgeht, sondern Judy auch alsbald in einem Vermisstenfall widerwillig unterstützt: Immer mehr Säuger verschwinden spurlos, die Polizei steht vor einem Rätsel. Judy und Nicholas kommen bei ihren Nachforschungen einer ungeheuerlichen Verschwörung auf die Schliche, die schnell auch ihre eigene Sicherheit gefährdet …

Was hätte nicht alles schief laufen können: einzelnen Tiergruppen eine ethnische Entsprechung in der Menschenwelt zuschreiben, beispielsweise (erinnert sich noch jemand an den undurchdachten Blödsinn in Große Haie, kleine Fische?: „A lot of white fish can’t do it.“) oder eine allzu unterkomplexe Darstellung (und Resolution) sozialer Konflikte. Doch Zoomania schafft es, stets intelligent und so komplex zu sein, dass die größtenteils lieblich-belanglosen Produktionen der letzten Zeit (ja, Die Eiskönigin darf sich hier explizit angesprochen fühlen) gegen ihn verblassen.
Die Botschaft des Films, sich in seinem Urteil über Andere nicht von stereotypen Vorstellungen bis hin zu offenem Rassismus (ein Wort, das in einer Welt voller sprechender Tiere synonym zu verwenden ist) leiten zu lassen, wird mit Bravour durchexerziert. Die Figuren, auch die Sympathieträger, haben alle Vorurteile. Judy ist intelligent genug, die Ängste ihrer Eltern als Panikmache zu durchschauen und verallgemeinert ein negatives Erlebnis mit einem Fuchs in ihrer Kindheit nicht, ganz lösen kann sie sich aber zunächst dennoch nicht von dem Stereotyp, Füchse wären alle nicht vertrauenswürdig. Ihre erste Begegnung mit Nick wird gar durch dieses stereotype Misstrauen erst möglich. Nicks Vorstellung von „Kaninchen = dumm und nicht ernst zu nehmen“ bröckelt nur langsam und als die Sachlage ein schnelles Urteil erlaubt, zieht Zoomania durch die konstruierte Gleichung „Raubtier = potenzieller Gewalttäter“, die Judy sogar in einem unbedachten Moment mit ihren genetischen Veranlagungen erklärt, eine Parallele zur Rassenideologie menschlich-faschistischer Systeme, natürlich um derlei Unsinn schnell zu entkräften. Wer hier etwas problematisches sieht, eben weil der Film mit anthropomorphen Tieren arbeitet und Tieren bestimmte Instinkte zugeordnet werden, Zoomania die Vorstellung von genetischer Disposition zu bestimmten Verhalten also indirekt bekräftigen würde, der verkennt die ganze Prämisse des Films: ebenso wenig wie der Mensch von heute mit seinen Vorgängerspezies‘ zu vergleichen ist sind es die Wesen in Zoomania mit den Tieren, die wir heute auf der Erde finden. Der Film bestärkt niemals ein wie auch immer geartetes System der Abwertung, vielmehr legt er die Mechanismen, nach denen Schuldzuweisungen, Hysterie und Populismus funktionieren, auf so süffisante Art offen, dass man nur erstaunt sein kann, wie sehr versucht wird, Zoomania etwas zu unterstellen, dass der Film in keinster Weise unterstützt. Vielleicht ist es der Schock, dass ein Disneyfilm so etwas wie Rassenlehre, politischen Populismus und ethnische Typisierung so souverän zur Sprache bringt.

Neben dem soziologischen Aspekt ist Zoomania auch ein gelungener Polizeifilm. Der Fall, den es zu lösen gilt, setzt nicht darauf, von vornherein durchschaubar zu sein, die Ermittlungen sind wie der Rest des Films unterhaltsam und mit einem gebührenden Tempo inszeniert, dass nie außer Atem gerät und selbst in den üblichen dramaturgischen Kniffen (die Trennung der Hauptfiguren zu Beginn des dritten Aktes etwa) eine Notwendigkeit erkennt, die erstaunt. Das Überwinden von verletzenden Vorurteilen ist eben keine einfache Sache. Hinzu kommen die vielen visuellen Einfälle, die ein zweites und drittes Sehen fast obligatorisch machen und ein „World-building“, das hervorragend funktioniert. Zootopia ist ein Ort, der nach eigenen, aber dank des bildlichen Storytellings sofort nachvollziehbaren, Regeln in Gang gehalten wird [Für all diejenigen, die sich fragen, ob die Raubtiere sich nun vegetarisch ernähren: in dieser Welt haben nur (Land-)Säugetiere augenscheinlich Intelligenz entwickelt, es bleiben also noch Fische, Vögel, etc. Kentucky Fried Chicken ist auch in Zoomania denkbar …]. Diese Souveränität geht so weit, dass ein adipöser, augenscheinlich homosexueller Gepard von Judy darüber belehrt werden muss, dass das Wort „niedlich“ nur von anderen Kaninchen für Kaninchen verwendet werden darf, es aus dem Mund anderer Tiere aber einen fahlen Beigeschmack hat. Zoomania liefert ein Spiegelbild unserer Welt, ohne dabei auf einfache Analogien zurückzufallen. Dies geht so weit, dass auch Judy, um einen Punkt zu machen, mitunter auf Klischees zurückgreift („Wenn es eins gibt, in dem Kaninchen gut sind, dann ist es multiplizieren.“). Es ist wohl gerade die Anerkennung von Grauzonen, die Zoomania so lebendig macht.

Gewohnt augenfreundlich (wenn auch zugegebenermaßen gestalterisch recht konventionell) animiert, rasant erzählt, durchdacht und schlicht sympathisch ist Zoomania endlich, nach langem Warten, der Film, auf den man seit dem Start der hauseigenen Disney-CGI-Filme mit Himmel und Huhn gewartet hat. Sicherlich waren Baymax – Riesiges Robowabohu oder Rapunzel – Neu verföhnt unterhaltsam, aber erst die Geschichte von der Tierstadt schafft es, auf allen Ebenen zu überzeugen. Und, wie gesagt, in einer Welt, in der dumpfer Hass dank politischer Parteien und Agitatoren wieder salonfähig wird, ist Zoomania ohnehin der Film der Stunde. Wenn Fuchs und Hase zusammenleben können, dann sind Trump, Höcke und Petry obsolet – was für ein Hoffnungsschimmer in finsterer Zeit.





Freitag, 26. Februar 2016

Victoria (2015)




VICTORIA
Deutschland 2015
Dt. Erstaufführung: 11.06.2015
Regie: Sebastian Schipper

Nach etwa zwanzig Minuten Laufzeit gibt es den ersten und einzigen genuin wunderbaren Moment in Victoria: die Protagonistin und eine ihrer Zufallsbekanntschaften fahren auf einem Fahrrad eine nächtliche Berliner Straße hinunter, die anderen Neu-Freunde folgen, ebenso die Kamera, die den Anschein erweckt, nicht Schritt halten zu können. Die Tonspur blendet die Stimmen der Schauspieler aus und der traumwandlerische Soundtrack übernimmt. Es ist eine gleichzeitig beschwingte wie melancholische Situation, ein Augenblick, der in seiner Einfachheit eine bemerkenswerte Kaskade an Emotionen auslösen kann. Ärgerlich ist, dass der Film durch seine selbstauferlegte Existenzberechtigung, in einem einzigen Take gedreht worden zu sein, diesen Anflug der banalen Poesie schnell kaputt bekommt, weil sich zum Beispiel eine dann weitaus weniger schöne Aufzugfahrt anschließt und schnell auch wieder die enervierenden „Dialoge“ der Figuren zu hören sind. Und genau da liegt das Problem, dass den hochgefeierten Victoria durchzieht: man verbringt etwas über zwei Stunden mit unsympathischen – verzeihen Sie meine Ausdrucksweise – Volldeppen und einer schmerzlich naiven Hauptdarstellerin, die sich innerhalb dieser Zeit zum Kopf für durchdachte kriminelle Aktivitäten mausert. Der Film vertraut so sehr auf sein Gimmick und wohl auch darauf, dass der Zuschauer ständig die Augen nach Möglichkeiten offen hält, wo man doch einen unsichtbaren Schnitt hätte ansetzen können, dass er versäumt, seinen Figuren wirkliche Qualitäten mit auf den Weg zu geben. Victoria gibt alles für die logistische Herkulesaufgabe, lässt aber andere Qualitäten vermissen. Ein gleichermaßen langweiliger wie anstrengender Film ohne Liebe, die über die technische Umsetzung hinausgeht. Hätte er ein Schnittpult benutzt würde wohl niemand über ihn reden.

Eins Nachts gegen vier Uhr morgens verlässt die jungen Spanierin Victoria (Laia Costa) eine Disco in Berlin und macht sich auf den Weg zu dem Café, in dem sie arbeitet und das sie gegen sieben Uhr aufschließen muss. Ihr Weg wird von den angetrunkenen Freunden Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff) unterbrochen, die sie überreden, noch etwas mit ihnen zu trinken. Sie stehlen ein paar Biere aus einem Spätkauf, trinken sie auf einem Dach und Sonne begleitet Victoria schließlich zurück zu ihrem Café. Kurze Zeit später wird klar, dass Boxer in dieser Nacht noch etwas zu tun hat, er dafür vier Personen braucht, der völlig alkoholisierte Fuß aber unbrauchbar ist. Mehr Sonne zuliebe willigt Victoria ein, als Fahrerin zu fungieren, was sie mitten hinein in einen Banküberfall katapultiert …

Victorias Technik nötigt Respekt ab, ja sie lässt den Zuschauer sogar staunen. Minuziös durchgeplant, punktgenau inszeniert, die Kamera wie ein Handlungssubjekt inmitten des Geschehens, die Kopfbewegungen des Kameramanns Sturla Brandth Grøvlen als verlängertes Sein des eigenen Körpers: es ist eine Meisterleistung, die sich hier abspielt, auch weil die Crew trotz der gewissen Restunsicherheit stets unsichtbar bleibt. Und das alles steht im Dienste einer Geschichte, deren artifizielle Konstruktion stets unangenehm präsent ist. Kann man den ersten Akt noch als intimes Haupsstadtportrait durchwinken, verzettelt sich Victoria danach in einen banalen Krimiplot aus der Tatort-Nachwuchsschreibwerkstatt, der wie der Rest des Films niemals jene Sogwirkung bekommt, wie man es eigentlich erwarten würde.

Unangenehm viel Leerlauf, in der die tumben Charaktere nichts tun bzw. deren Darsteller über ihre nächste Improvisation nachdenken (das „Drehbuch“ umfasste nur zwölf Seiten), schafft es, beinahe jeden Part des Films das nötige Tempo zu nehmen. Erst in der Wohnung des Paares mit Baby liefert der Film einen gelungenen Spannungsbogen, der durch die an dieser Stelle bereits vollkommen eingebüßte Sympathie für irgendeine der Figuren allerdings auch schnell torpediert wird. Sonne und seine Kumpel als „herzensgut“ zu charakterisieren ist eine interessante Wortwahl für einen Haufen dumm daher schwätzender Proleten, die über lange Zeit eher wie potenzielle Vergewaltiger denn wie „nette Berliner Jungs“ wirken. Warum nur sollte Victoria auf ihre übergriffige Art eingehen? Natürlich weil sich Regisseur Sebastian Schipper auch nicht sonderlich um sie kümmert.

Victorias Darstellung ist so widersprüchlich, als habe man es mit zwei Varianten eines Drehbuchs zu tun. Auf der einen Seite auf eine Art naiv, wie sie ebenso unangenehm daherkommt wie das Gehabe und Boxer und Co. mit ihren ewigen „Digger!“-Rufen, auf der anderen Seite eine Virtuosin, deren Intelligenz in einem beachtlichen Missverhältnis zu ihren Taten steht. Der Film versucht gar nicht, ihre Motivationen nachvollziehbar zu gestalten und drängt die Figur in jeder Situation in einen andere Ecke, nur um das jeweilig dramaturgisch notwendige durchzuexerzieren. Victoria ist hervorragend am Klavier, damit Sonne über sie staunen kann. Victoria ist eine skrupellose Kidnapperin, weil sie damit ihre eigene Haut retten kann. Und dann ist sie wieder das gutgläubige Dummchen, das mit den Jungs feiern geht. Nun ist jeder Mensch keine monothematische Angelegenheit, aber etwas Grundstruktur wäre schon sinnvoll gewesen, um Victoria nicht wie einen Spielball der größtenteils doch erstaunlich vorhersehbaren Story zu machen.

Victoria ist ein Film, der bleiben wird. Doch ähnlich wie Avatar – Aufbruch nach Pandora wird es nicht wegen der ausgeklügelten Geschichte sein sondern ausschließlich wegen der eingesetzten Technik. Filmwissenschaftler und –studenten werden ihn analysieren und seine meisterhafte Inszenierung loben, noch viele Zuschauer werden in die Welt des nächtlichen Berlins hineingezogen werden. Doch sie werden dort immer die über alle Maßen anstrengenden und dummen Figuren, die ewig gleichen Dialoge und den stumpfen Krimiplot finden. Victoria ist entweder ein Drama, dass von einem generischen Thriller abgelöst wird oder ein leidlich interessanter Thriller, dem ein zumindest in Ansätzen interessantes Portrait der deutschen Großstadt und einer der vielen Millionen kleiner Geschichten, die tagtäglich in ihr geschehen, vorangeht. Der deutsche Film hat kein technisches Problem, er hat ein Protagonisten-Problem und Berlin pulsiert nicht, sondern gibt nur vor, wirklich am Leben zu sein. So will uns Victoria lediglich mit seinem One-Take-Ansatz überwältigen, wirklich etwas von Belang erzählen will er nicht. Sie können weitergehen, es gibt hier nichts zu sehen oder zu fühlen.





Donnerstag, 18. Februar 2016

Entity - Es gibt kein Entrinnen vor dem Unsichtbaren, das uns verfolgt (1982)




ENTITY – ES GIBT KEIN ENTRINNEN VOR DEM UNSICHTBAREN, DAS UNS VERFOLGT
(The Entity)
USA 1982
Dt. Erstaufführung:20.01.1983
Regie: Sidney J. Furie

Die ständigen Querverweise im Internet und gerade in den Filmblogger-Kreisen können mitunter anstrengend sein. Da erweist sich die eine Sequenz aus jenen Film als eine Reminiszenz an jenen Film, den man noch nicht gesehen hat, oder dieser Film trägt viel DNA von diesem anderen Film in sich, der auch schon seit einer gefühlten Ewigkeit auf der Watchlist versauert. Im Gefühl, nie ganz alles von Belang übersehen zu können verkleinert sich besagte Liste denn auch eher in Gletschergeschwindigkeit. Doch manchmal stößt man so auch auf eine Perle an einem Ort, an dem man sie nie für möglich gehalten hätte. So gab der schnöde Wikipedia-Artikel zu dem Überraschungshit It Follows den Hinweis, die Verbindung Sex/Paranormale Aktivität sei bereits 1982 in dem wenig bekannten Film Entity (der monströse deutsche Untertitel wird hier ausschließlich oben bei den Basisdaten genannt) durchexerziert worden. Nun gut, wie empfehlenswert sollte schon ein Film sein, der auch als der versaute kleine Bruder von Steven Spielbergs/Tobe Hoopers Poltergeist durchgehen könnte? Die Antwort, um es im Neusprech des enervierenden Online-Clickbaitings zu formulieren, wird Sie überraschen.

Carla (Barbara Hershey) ist in ihren 30ern, alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Mädchen und einem pubertierenden Jungen und setzt alles daran, durch Weiterbildungsmaßnahmen einen besseren Job ergattern zu können. Der Stress lässt nie nach, doch Carla gibt ihr Bestes. Doch etwas in ihrem Haus ist ganz und gar nicht an ihrem Wohlergehen interessiert, im Gegenteil: eines Abends wird die junge Frau von einer unsichtbaren Gestalt angegriffen und vergewaltigt. Vollkommen verstört versucht sie, das Erlebte zu vergessen, doch die Entität lässt sie sehr bald durch eine erneute Vergewaltigung wissen, dass es eben nicht nur ein böser Traum war. Als sich die Situation immer weiter zuspitzt, die psychologische Beratung wirkungslos bleibt und das Wesen sogar beginnt, Carla vor ihren Kindern anzugreifen, gerät sie durch Zufall an ein Team von Parawissenschaftlern der örtlichen Universität, die sich ihres Falles annehmen. Ihr Plan: die bösartige Erscheinung mithilfe von flüssigem Helium in der Welt der Menschen zu bannen …

Entity beruht auf – bitte tief einatmen und aufseufzen – „realen Ereignissen“. Eine Doris Bither erlebte angeblich in den 1970er Jahren eine Heimsuchung durch mehrere Poltergeister, von denen sie einer auch wiederholt vergewaltigt haben soll. Ein Team von Wissenschaftlern versuchte denn auch wirklich, dem Spuk irgendwie habhaft zu werden. So soll sich die Filmszene, in der eine Silhouette inmitten eines Indoor-Gewitters mit grünen Blitzen erscheint, so ähnlich auch in der Realität zugetragen und zur Ohnmacht einer der wissenschaftlich Beteiligten geführt haben. Nun sollte man nicht außer Acht lassen, dass Bither starke Alkoholikerin war, in einem vollkommen verwahrlosten Haus lebte und die Beziehung zwischen ihr und ihren drei Söhnen von einer permanenten Atmosphäre der Aggression geprägt war. Ihr Filmpendant ist weitaus angenehmer und der paranormale Befall wird eher zu einem willkürlichen (und damit weitaus erschreckenderen) Phänomen als etwas, dass man küchenpsychologisch auch auf ganz andere Faktoren zurückführen könnte.

Dementsprechend gut man gut daran, Entity wie alle Filme dieser Art einfach als Gruselmär zu sehen, denn als solche funktioniert er zudem ausgezeichnet. Entity erschafft eine Atmosphäre der Angst, ein beinahe permanentes Unbehagen, bei dem man sich nie sicher sein kann, was als nächstes passieren könnte. Die Angriffe sind unendlich bösartige Attacken und Barbara Hershey macht mit ihrer engagierten Darbietung sowohl sie als auch Carlas Leben im ständigen Ausnahmezustand erfahrbar. Man spürt die Angst, die Erschöpfung, aber auch den Kampfgeist, sich nicht von dem Erlebten bis zum Äußeren vereinnahmen zu lassen. Im Kern ist Entity demnach auch ein feministischer Film: eine vergewaltigte Frau zwingt ihre Umwelt dazu, ihre Erfahrung anzuerkennen und lässt sich nicht mit den üblichen Plattitüden und Beschwichtigungen abspeisen. Der Aggressor mag außerweltlicher Natur sein, die Mechanismen, denen sich Carla nach ihrer Vergewaltigung ausgesetzt sieht, sind nur allzu weltlich. Diesen Kampf verkörpert Hershey mit Bravour, ebenso wie sie ohne Mühe zwischen Carlas gesellschaftlichen Rollen changiert. Es ist eine Figur, die weitaus komplexer daherkommt als beispielsweise die All-American-Family in Poltergeist.

Subtextlich reich beschenkt, glaubwürdig gespielt und atmosphärisch dicht inszeniert ist Entity auch im Hinblick auf die handwerkliche Qualität bemerkenswert. Es gibt Effekte in dem Film, die dem Zuschauer den Mund offenstehen lassen, mehr als einmal fragt man die altbekannte Frage „Wie haben die das bloß gemacht?“ (es ist eine rein rhetorische Frage, bitte nicht das Staunen durch nüchterne Fakten zerstören – ich weiß auch, dass die Antwort wahrscheinlich bemerkenswert einfacher Natur sein würde). Entity wirkt nie billig, weder von der Machart noch inhaltlich, obwohl sich die Prämisse auch zu einem hemmungslosen Exploitationfilm eignen würde. Doch alle Beteiligten nehmen ihr Sujet so ernst, dass Entity nie zur Lachnummer verkommt. Der Film mag unbekannt, ja fast vergessen, sein – es ist an der Zeit, Entity neu zu entdecken: als einen der besten, durchdachtesten und spannendsten Filme seiner Zunft.