Samstag, 28. Mai 2016

The Witch - Eine Volkssage aus Neuengland (2015)




THE WITCH – EINE VOLKSSAGE AUS NEUENGLAND
(The Witch: A New England Folktale)
USA 2015
Dt. Erstaufführung: 19.05.2016
Regie: Robert Eggers

In The Witch geht es nicht um eine Hexe, ebenso wenig wie es im letztjährigen Der Babadook wirklich um eine schattenhafte Präsenz ging, die eine überforderte Witwe und ihren Sohn heimsuchte. Heimsuchungen sind zwar auch im Regiedebüt von Robert Eggers ein wichtiges Thema, aber einmal mehr generiert sich das Grauen weniger aus einer wirklich greifbaren Bedrohung sondern aus den Dämonen, die aus den Menschen selbst geboren werden. Und anders als der Babadook, dessen Kreation von unkontrollierbaren äußeren Umständen bedingt wurde, ist es hier die selbstgewählte Geißelung, die ins Verderben führt. The Witch ist ein analysefreudiger Film, dessen bedrohliche Stimmung auf billige Jump Scares verzichtet, der immer dann am schwächsten ist, wenn er zu konkret wird. Dem Gesamteindruck eines hervorragenden Genrebeitrags tun aber selbst solche Zugeständnisse nicht weh.

Neueungland im 17. Jahrhundert: Aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen, weil sie selbst für die Puritaner zu puritanisch sind, sucht eine kürzlich aus England übergesiedelte Familie ihr Heil in der Wildnis. Das Vorhaben, Mais anzubauen wird durch das feuchte Klima vereitelt, der Kontakt mit anderen Menschen ist auf ein kaum existentes Maß zurückgeschraubt. Als dann auch noch der jüngste Sohn Samuel verschwindet, beginnt ein Leidensweg. Die Eltern sind davon überzeugt, ein Wolf habe das Baby verschleppt, während die Kinder glauben, eine Hexe, die in den düsteren Wäldern haust, habe ihn geholt. Der Sog aus Trauer, Existenzangst und Suggestion wird immer stärker …

The Witch ist die Geschichte einer religiös induzierten Psychose. Die frömmelnde Familie, die sich stets von Gott geprüft sieht und den Misserfolg nur schwer in Einklang mit ihrer Vorstellung einer grundsätzlich wohlwollenden Macht bringen kann, erlebt durch den Verlust des jüngsten Familienmitgliedes einen solch herben Rückschlag, dass die Mär von einer externen Gefahrenquelle in Form der Hexe wie zu einer Art selbstzerstörerischen Anker wird. Die Migration, die Landnahme, der Missionsdruck – all dies sind Faktoren, die aus dem Wald die Schrecknisse gebären, denen sich die Siedler ausgesetzt fühlen. Neben der Erzählung über desaströse Nebenwirkungen der Religion kann man The Witch auch als Geschichte über die Vertreibung und Enteignung der amerikanischen Ureinwohner lesen. Die Verbreitung des Evangeliums ist zwar eins der erklärten Ziele von Vater William (Ralph Ineson), aber die Ereignisse des Films lassen auch die Erklärung eines tief sitzenden, nicht bewussten Schuldeingeständnis zu, eine Ahnung, dass das Land, dass er versucht zu bestellen, eine unheilvolle Geschichte hat und seine Anwesenheit dort nicht so „gottgefällig“ ist, wie er es sich ausmalt. So bedarf es nicht einmal des Kontaktes mit Mitgliedern der ansässigen Stämme, die Verfehlungen der Europäer liegen wie schwerer Nebel in den Wäldern, die das karge Anwesen der Familie umgeben. So passt es ebenso, dass William am Ende von den Früchten seiner nicht von ungefähr als „typisch männlich“ konnotierten Übersprunghandlung, dem Holzhacken, erschlagen wird.

Überhaupt geht es in The Witch auch um Geschlechterrollen und der Film versteht es, hier ebenso Klischees zu umschiffen wie in der Ausgestaltung seines Horroraspektes. Der Vater ist streng, gesteht seinen Kindern aber ohne Scheu seine Liebe. Die Mutter Katherine (Kate Dickie) ist noch strenger und wird bewusst nicht als „typisch weibliches“ Gegenstück zu der gängigerweise als männlich kodifizierten Gewalt inszeniert, die über allem schwebt. Eher wird die in die Pubertät kommende Tochter Thomasin (Anya Taylor-Joy) als Bedrohung gesehen, während der heranreifende Sohn Caleb (Harvey Scrimshaw) überhöht wird. Tiefenpsychologen dürften einen guten Tag erleben, wenn sie sich The Witch ansehen. Am Ende zieht der Vater seinen „gerechten Zorn“ dann wieder aus der Religion, deren Verquickung mit dem Aberglauben einige Jahre nach der Handlung zu den berühmt-berüchtigten Hexenprozessen von Salem führen sollte.

Wie bereits erwähnt ist dies aber das Hauptaugenmerk des Films: wie religiös gerechtfertigte Geißelung, so sehr sie in bestimmten Situationen erbauliche Erklärungsmuster liefern kann, auch schnell in das Gegenteil umschlagen kann. Wird Samuel von einer Hexe geholt oder doch von einem Wolf? Schließlich findet man sogar eine entsprechende Fährte. Sind die alptraumhaften Bilder im Wald ein Ausdruck einer filmischen Realität oder Illustration der Vorstellungskraft der Kinder, die vor den Erwachsenen den Forst mit Monstren füllen (dies ist eine der Sequenzen, die dem Film eher schadet als nützt)? Es ist sicherlich kein Zufall, dass die (vermeintliche) Hexe Caleb in Form einer verführerischen Frau gegenübertritt, wenn dieser, in Ermangelung von Alternativen, beginnt, seinen voyeuristischen Blick auf seine ältere Schwester zu richten.
Fluch oder Lungenentzündung? Okkultes oder Natürliches? Psychose oder Wahrheit? The Witch lässt beide Argumentationen zu, ist aber stärker, wenn man sich von der Vorstellung einer „wirklichen“ Hexe verabschiedet. So bietet der rigorose Glauben, der allein in der Wildnis nicht automatisch zum Heil führt, eine Blaupause für die Geschehnisse des Films. Zumal die Geschichte einer Familie, die durch all die Entbehrungen, die auch von Gotteanrufungen nicht gelindert werden, langsam in den kollektiven Wahn verfällt, interessanter ist als wenn The Witch den einfachen, den plakativen Weg gegangen wäre.

Unter diesen Gesichtspunkten wird das Ende zum endgültigen Test. Favorisiert man die okkulte Erklärung, zeigt The Witch das Bild von europäischen  Frauen, die mit dem Leben in Neuengland nicht zurechtkommen und lieber als Hexenkommune nackt im Wald leben. Im allegorischen Sinn begibt sich Thomasin endgültig auf den paranoiden Pfad ihrer Familie, verliert sich und stirbt verwirrt im Wald, der Hexenflug wird also zur Himmelsfahrt, die ebenso imaginiert ist: die letzten Bilder eines sterbenden Gehirns, dass sein ganzes Leben mit christlicher Ikonographie indoktriniert wurde, wie aber auch als letztes Zugeständnis des Regisseurs und Drehbuchautors, dass in der Religion zumindest für das Individuum das Heilsversprechen nicht ausgeschlossen werden kann, gelesen werden könnte.

The Witch ist nicht per se antireligös, der Film offeriert aber einen distanzierten Blick auf jene Auswüchse, die in kontemporären Werken wie Paradies: Glaube schnell überzogen wirken. In einer Welt, die unter dem religiösen Fanatismus leidet, zeigt The Witch auf die Fallstricke allzu strenger Denkmuster, die sich durch den Verweis auf Gott oder andere übergeordnete Platzhalter legitimieren. Die Welt wird hier nicht ins Unglück gerissen, wohl aber das Wohlergehen von Menschen, die letztlich die Welt bilden, die sie mit ihrer Frömmigkeit auf ihrer Seite wähnten. Dass der Film mit seiner durchgehend unheimlichen Atmosphäre, den wohlkomponierten Bildern und dem Soundtrack dann auch noch ansehnlich und kurzweilig daherkommt, wirkt bei solchen Subtexten dann schon fast wie ein schmückendes Beiwerk.



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