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Montag, 26. September 2016

Die Kommune (2016)




DIE KOMMUNE
(Kollektivit)
Dänemark/Schweden/Niederlande 2016
Dt. Erstaufführung: 21.04.2016
Regie: Thomas Vinterberg

ACHTUNG! In folgender Besprechung werden ein paar „plot points“ verraten bzw. angedeutet.

Erstaunlich, dass dieser Film vom gleichen Regisseur wie der hervorragende Die Jagd stammt. Was sich auf dem Papier interessant liest, wird in Thomas Vinterbergs Film zu einem inkohärenten Ganzen, in dem vor allem die mitunter furchtbar geschriebenen Figuren sauer aufstoßen.

Um ein geerbtes, über alle Maßen großzügiges Haus halten zu können beschließt eine Kleinfamilie aus Dänemark Ende der 1960er Jahre, sich zahlende Mitbewohner in selbiges zu holen – sie gründen eine Kommune. Zunächst sind Vater Erik (Ulrich Thomsen), Mutter Anna (Tine Dyrholm) und die vierzehnjährige Tochter Freja (Martha Sofie Wallstrøm Hansen) noch sehr glücklich mit ihrer Entscheidung, unter anderem mit langjährigen Familienfreunden unter einem Dach zu wohnen. Nach und nach stoßen im gemeinsamen Zusammenleben jedoch Idealbild und Realität aufeinander.

Vor allem der Familienvater, der zunächst noch gegen die Kommune ist, sich dann aber eine junge Studentin anlacht und das Prinzip der freien Liebe den Anderen de facto aufoktroyiert, ist wirr. Wutausbrüche kommen unmotiviert aus dem Nichts, seine Liebschaft ebenfalls, die Argumentationsweise der Figur und sein Auftreten lassen jegliches rationales Maß vermissen. Wenn dies irgendwie im Charakter begründet läge, wäre dies eine Sache, aber --- leidet wie der gesamte Film unter einem anorganischen Fluss. Genuin fühlt sich hier nichts an, vielmehr hat man das Gefühl, Vinterberg und sein Ko-Drehbuchautor Tobias Lindholm würden mit einer Checkliste neben ihrem Film sitzen und einen Pflichtpunkt nach dem Anderen abhaken. Montage vom Finden der Kommune? Check. Erster Eindruck einer tollen Zeit? Check. Erste kleinere Probleme, die in ihrer plakativen Gestaltung später im größeren Rahmen wieder auftauchen? Check. Die Kommune fühlt sich dank dieser „Malen nach Zahlen“-Dramaturgie nur in wenigen Sequenzen natürlich an (eine positive Ausnahme ist der Zusammenbruch des kleinen Jungen an Weihnachten, der dank der Inszenierung, die in diesem Moment an Vinterbergs beste Arbeiten erinnert, tatsächlich funktioniert).

Die Figuren sind denn auch größtenteils das, was man im internationalen Programmkino so als „quirky“ und „edgy“ ansieht. Die weitestgehend stumme Tochter, die einen unbekannten Jungen verführt (schön übrigens auch die Reaktion des männlichen Gegenübers. Nach dem Namen oder der Motivation fragen? Warum, es gibt ja Sex …) und so wohl als Abziehbild für jugendliche Rebellion gelesen werden will, der frühreife Junge, der allen erzählt, dass er mit Neun sterben wird (und dann an gebrochenem Herz geradezu eingeht – oh, the Smacht), der eine Mitbewohner, der gern das Eigentum anderer Leuten verbrennt, der andere Mitbewohner, der ständig weinen muss – das Figurenpanoptikum definiert sich entweder aus einer einzigen Eigenschaft heraus oder gar nicht. Einige Kommunenmitglieder laufen Gefahr, schon vergessen zu werden, während der sich ziehende Film noch läuft.

Einzig Anna, die als Initiatorin der Kommune irgendwann mit den Entwicklungen hadert und an der psychischen Belastung zu zerbrechen droht, wäre von größerem Interesse, wenn ihre Geschichte nicht der faden Charakterisierung und der beliebigen Regie bei allen anderen gegenüberstehen würde, sie also gegen eine Wand aus Script agiert. Trine Dyrholm spielt denn auch mit sehr viel mehr Einsatz als es Die Kommune verdient hat.

Die Themen liegen ja quasi auf der Hand: die (Un-)Möglichkeiten alternativer Lebensentwürfe, wirkliche zwischenmenschliche Verwicklungen – Die Kommune sollte eigentlich ein soziologischer Leckerbissen von Film sein. Doch weder die Figuren noch der Regisseur interessieren sich wirklich für die gesamte Bandbreite der Prämisse, warum sollte es also das Publikum tun. Die Kommune hinterfragt so gut wie nichts, weiß nicht, wohin er eigentlich will, seine Leerstellen bleiben genau dies. Dieser Film gibt nur vor, zu atmen, zu leben und zu denken.




Samstag, 29. August 2015

Höhere Gewalt (2014)




HÖHERE GEWALT
(Turist)
Schweden/Frankreich/Norwegen/Dänemark 2014
Dt. Erstaufführung: 20.11.2014
Regie: Ruben Östlund

Die kontrollierte Lawine bewegt sich rasend gen Tal, von der Terrasse des Bergrestaurants hat man einen Panormablick auf das von Menschen inszenierte „Natur“schauspiel. Doch die Lawine erweckt schnell den Eindruck, dass sie außer Kontrolle geraten ist. Die Kinder der schwedischen Familie, die sich zum Mittagessen auf der Terrasse eingefunden hat, beginnen panisch zu werden, auch die Eltern reagieren innerhalb von Sekunden weit weniger selbstsicher als noch Augenblicke zuvor. Als die Schneemassen scheinbar unmittelbar davor stehen, die Menschen zu begraben, schnappt sich der Familienvater Tomas (Johannes Bah Kuhnke) Handschuhe und Mobiltelefon und rennt um sein Leben – seine Frau Ebba (Lisa Loven Kongsli) und die Kinder Harry (Vincent Wettergren) und Vera (Clara Wettergren) zurücklassend. Als kurz darauf klar wird, dass lediglich etwas Schneestaub das Restaurant eingenebelt hat, kehrt er zurück und setzt sich wieder an den Tisch zu seiner Familie, so, als wäre nichts gewesen.

Dies ist die Schlüsselszene von Höhere Gewalt, ein an sich filmisches Kleinod, eine perfekt inszenierte Momentaufnahme von großer Wucht und genau dem sozialen Zündstoff, mit dem sich der Film in der Folge beschäftigen möchte. Einzig, es fehlt ihm an wahrer Zündkraft, denn unter der fast schon gespenstisch ruhigen Inszenierung und den dazu passenden Bildern von zusammenbrechenden Familienglück und geradezu verzweifelten Naturbeherrschungsphantasien zementiert Höhere Gewalt eher Klischees durch den kleinsten gemeinsamen Nenner anstatt sich auf wirklich interessantes Terrain zu wagen. Der Film denkt entschieden zu kurz.

Nach der Sache mit der Lawine versucht die Touristenfamilie zunächst, den schönen Schein zu wahren, es gibt mehrere halbherzige Versuche der Ehepartner, das Geschehene aufzuarbeiten, der Mann versucht sich herauszureden, seine Frau möchte die Sache gern ausführlich mit Freunden besprechen. Langsam beginnt die gutbürgerliche Fassade zu bröckeln, was den Film aber nirgends hinführt. Die Prämisse ist grandios, doch spürt man stets, wie viel mehr in Höhere Gewalt drin gewesen wäre. Es ist immer frustrierend, dem Film nachzutrauern, den es nicht gibt anstatt sich auf das zu konzentrieren, was geboten wird, aber Regisseur Ruben Östlund stolpert so eklatant bei den wichtigsten Aspekten – der Figurenzeichnung und einem stimmigen Drehbuch, dass einer Analyse standhält – dass man kaum umhin kommt, dies zu tun.

Sein Protagonist ist ein Mann der Mittelklasse ohne Eigenschaften und jegliches Profil. Man erfährt nichts über sein Leben vor dem Urlaub, generisch wird einmal von „zu viel Arbeit“, ein anderes Mal von einer außerehelichen Affäre gesprochen, ansonsten bleibt er blass. Das Aufgeben der Familie fällt auf keinen fruchtbaren Boden, egal wie superb die Szene darüber hinaus inszeniert ist. Die Dekonstruktion von Männlichkeit, um die es Östlund geht (und darum, die Scheidungsraten zu erhöhen, wie er in einem leicht kruden Interview freimütig erläutert), findet ein leicht angreifbares Opfer. Dieser Mann war in seiner uninteressanten Schwäche augenscheinlich schon immer wenig zuverlässig, so will es der Film zumindest suggerieren. Tomas ist wie der Bomberjacken-Neonazi im deutschen Kino: leicht zu identifizieren, leicht zum abarbeiten, die womöglich gravierenderen (und vor allem zeitgemäßeren) Probleme völlig außer Acht lassend. Wäre der liebende, fürsorgliche und umsichtige Ehemann, der in der Ausgangssituation dann so handelt, nicht sehr viel interessanter? Die Wirkmacht von archaischen Männlichkeitsidealen bis in die moderne Paarbeziehung hinein, die damit einhergehende Sinnkrise des modernen Mannes, die intrafamiliäre Auseinandersetzung – eine potentere Variante von Höhere Gewalt schreibt sich quasi von selbst. Doch Östlund entscheidet sich unisono für den Weg des geringsten Widerstands und des einfachsten Drehbuchs. Unweigerlich wird man an den weitaus durchdachteren The Loneliest Planet von Julia Loktev erinnert, in dem die Regisseurin durch eine Fülle von Details mehr über ihre Figuren, ihre Dynamiken und die emotionalen wie sozialen Wirkmechanismen erzählt als es Östlund mit seinen teilweise sehr plakativ dahingeklatschten Platzhaltern tut. Es ist bemerkenswert, wie sehr sich die Filme im Ansatz ähneln, wie sehr ihnen gleiche Überlegungen zugrunde liegen und wie unterschiedlich die Ergebnisse sind. Es ist vielleicht zu wenig, um nach dem Plagiat zu schreien, aber es fällt auch ins Auge, wie sehr sich die Filme bis zur künstlerischen Gestaltung (Stichwort Musik) ähneln.

Der Mann als Schwächling, die Frau als gefühlskalte Rechthaberin (die Szene, in der sie die Panik ihrer Kinder ob des sich im Zimmers befindlichen Reinigungspersonals ignoriert ist nicht ganz so intensiv wie die Lawinensequenz, wohl aber genauso bezeichnend), die Kinder als vom Drehbuch ziemlich negierte Handlungsspielbälle (ja, ich weiß, ein „Kommentar“ zur über allem schwebenden Scheidungsthematik) – Höhere Gewalt fährt schwere Geschütze auf, um dann unfokussiert in der Gegend herumzuballern, interessiert sich aber auch nicht wirklich für seine Figuren oder deren Konflikte. Es gibt Szenen von unglaublicher Sprengkraft, etwas wenn Tomas seine Flucht vehement verneint, nur um dann durch einen „Videobeweis“ überführt zu werden, die aber aufgrund der bereits genannten Punkte nicht ihre volle Wirkung entfalten. So dekonstruiert Östlund weit weniger, als er uns weiß machen will, weil er einfach mit Augenbinde Hiebe in alle Richtungen verteilt, anstatt gezielte Treffer zu landen. Das Unglück trifft teilnahmslose Langeweiler, wen soll es also kümmern? Östlund vermeidet nicht nur gezielte Hiebe, er hat auch ein reichlich unterentwickeltes Verständnis von Paarbeziehungen. Die massive Sprachlosigkeit, die auch The Loneliest Planet nicht immer gut zu Gesicht stand, wirkt einmal mehr derartig überzogen, dass man sich fragt, ob der Regisseur überhaupt schon mal eine längere Beziehung geführt hat (auch hier gibt ein Interview partielle Auskunft: er lebt allein als „perfekter Konsument“ – nun gut). Wirkliche, nachvollziehbare Emotionen gibt es bei Östlund nicht, weil er seinen Figuren keine Tiefe zutraut und dem Zuschauer im Umkehrschluss ebenso nicht.

So führt auch dies nur weiter zur Quintessenz des ganzen Unterfangens: Figuren, sie sich im Endeffekt in ihren Rollen bestätigen (gerade auch durch das Ende, in dem ein „klassisches“ Heldentum wieder bestärkt und Ebba einmal mehr in die Rolle eines undankbaren Stereotyps gedrängt wird) wandeln durch einen Film, der sich selbst für sehr viel subversiver hält, als er ist. Es gibt tonnenweise Ansatzpunkte, die kaum genutzt werden, durchaus Momente von nicht wegzudiskutierender Schönheit und inszenatorischer Kraft, sehr viel Handwerkskunst und dadurch eben auch viel Diskussionsstoff. Die Sichtweisen auf den Film sind de facto interessanter als der Film selbst, der sich nicht traut, wirklich dorthin zu gehen, wo es weh tut. Höhere Gewalt könnte viel zum Geschlechterverhältnis, zum Stand moderner Ehen, zur „Krise der Männlichkeit“ sagen. Dass er es nicht tut, sondern dies nur oberflächlich behauptet, sollte ihm entschiedener angekreidet werden. Denn im Endeffekt ist es ein Rant ohne Fokus im Gewand eines ziemlich zahnlosen Papiertigers.





Donnerstag, 26. Februar 2015

When Animals Dream (2014)




WHEN ANIMALS DREAM
(Når dyrene drømmer)
Dänemark 2014
Regie: Jonas Alexander Arnby
Dt. Erstaufführung: 21.08.2014

Die Pubertät, ewiger Quell von Grauen und Inspiration. Der widersprüchliche Lebensabschnitt, der gleichermaßen die Individualität erblühen lässt und größtmögliche Konformität einfordert, der den Menschen vor Idealismus bersten und am Weltschmerz verzweifeln lässt, ist ein dankbares Motiv im internationalen Kino. Während die Welt der Erwachsenen recht eindeutig definiert zu sein scheint und sich in den Pfaden bewegt, die in der Jugend eingeschlagen wurden, ist dass Teenageralter auch im Film ein uneindeutiges Gebilde, in dem jegliche Gangart und –richtung möglich und denkbar ist. Unausgegorene Menschen treffen auf das, was als Leben gleichzeitig verstörend wie betörend daherkommt. Es ist kein Wunder, dass im Horrorfilm vornehmlich junge Leute den Tod finden – es ist eben alles möglich, auch die unvorteilhafte Begegnung mit einem Waffenschwingenden Wahnsinnigen. When Animals Dream geht allerdings eleganter zu Werke als ein vergleichbares US-Produkt und schielt unzweifelhaft auf das Publikum, dass schon So finster die Nacht wohlwollend aufnahm, auch wenn dieser Film immer noch an seiner geradezu grotesken Blutleere (im emotionalen Sinn, lieber Genrefreund) leidet. Doch die Parallelen sind eindeutig, auch wenn der dänische Beitrag zum Subgenre des übernatürlichen Coming-of-Age insgesamt involvierender daherkommt.

Die junge Marie (Sonia Suhl) lebt in einer trostlosen Gemeinde, in der die einzige Arbeit für junge Leute ein wenig einladender Job in der lokalen Fischfabrik zu sein scheint. Ihre Mutter (Sonja Richter) ist gelähmt und wird von ihrem Vater (Lars Mikkelsen) liebevoll umsorgt, doch so ganz ist Marie die Natur der Erkrankung nicht gewahr. Dies ändert sich, als auch sie Veränderungen an sich bemerkt: ihr beginnt ein Pelz zu wachsen, ihre Emotionen lassen sich nicht mehr im Zaum halten und durch äußere Trigger beginnt eine buchstäbliche Verwandlung: Marie ist ein Werwolf und schon bald sieht sie diesen Umstand nicht mehr als Fluch, sondern als Gabe an…

Die Verbindung zwischen Pubertät und Lykanthropie ist recht eindeutig und geradezu lehrbuchhaft: Es wachsen Haare an neuen Stellen, Stimmungsschwankungen werden sich einstellen, das Verhältnis zu den Eltern wird schwieriger. Es bedarf keines Dechiffrierungsgenies, um den zugrundeliegenden Code von When Animals Dream zu knacken. Auch der altbekannte Konflikt zwischen progressiver Jungend (Marie nimmt ihr Wesen an, stellt es irgendwann gar offen zur Schau und denkt nicht daran, sich der Masse unterzuordnen) und konservativen Altvorderen (für die Erwachsenen stellt Marie eine Bedrohung dar, die beherrscht oder ausgemerzt werden muss) ist eindeutig und wird durch einen Horrorfilm gerechten Showdown gelöst – wer die Jugend nicht versteht, der wird durch sie beseitigt. Darin steckt selbstredend einiges an Ermächtigungsphantasie, was aber in einer Coming-of-Age-Geschichte schon fast zwingend erwartet wird. Und letztlich will auch der Werwolf nichts anderes als jeder Teenager: Zugehörigkeit, Liebe und dem örtlichen Rowdy eins auswischen. Letzteres geschieht zwar auf endgültigere Weise als in einem Film wie Angus – Voll cool, aber auch das war und ist erwartbar.

So bietet When Animals Dream auf der Deutungseben nicht viel, was über das Offensichtliche hinaus geht und die pubertäre Sprachlosigkeit, die zwischen Eltern und Kind herrscht, ist weitestgehend aufgesetzt und forciert – gerade Lars Mikkelsen als Vater ist mitunter enervierend stumm. Was den Film aber sehenswert macht, ist seine Atmosphäre. Regieneuling Jonas Alexander Arnby schafft ein kleinbürgerliches Klima, aus dem auch der Zuschauer auszubrechen gesucht, zusammen mit der Protagonistin sprengt er quasi die Grenzen, in denen man sich wiederfindet. Hier liegt der Schlüssel zum Erfolg jeder Art von Teenagergeschichte: das unmittelbare Erfahrbar machen der jugendlichen Situation. Für die Dauer des Films ist man wieder in der Pubertät gefangen, durchlebt die Hoch und Tiefs, mit denen man sich konfrontiert sah und spürt förmlich den Konformismusdruck. Wie heilsam ist da die stellvertretende Metamorphose, die Marie durchlebt.

When Animals Dream ist kein perfekter Film, aber als Erstlingswerk, das mit einer beneidenswert sicheren handwerklichen Qualität und einem ebensolchen Sinn für Atmosphäre aufwarten kann, ist er auch für jene Zuschauer einen Blick wert, die um das Horrorgenre sonst einen Bogen machen – weniger, weil der Film mit Gewalt geizt, sondern weil er erkannt hat, dass der wahre Horror in jenem Lebensabschnitt liegt, in dem alles und nichts sicher zu sein scheint. Hormone sind nun einmal furchteinflößender als alles andere.





Freitag, 9. Mai 2014

Reptilicus (1961)



REPTILICUS
Dänemark/USA 1961
Dt. Erstaufführung: bisher nicht in Deutschland veröffentlicht
Regie: Sidney W. Pink

Reptilicus ist ein seltsamer Fall, wurde der 1961 als dänisch-amerikanische Co-Produktion entstandene Film doch nie synchronisiert und in Deutschland zur Aufführung gebracht. In einem Land mit auch in den 1960er Jahren vielen potentiellen Zuschauern durchaus erstaunlich. Vielleicht wurde der Film von einem möglichen Verleih begutachtet und man kam zu dem Schluss, dass der Film einerseits zu erschreckend sei (es gibt Szenen, die in ihrer Schonungslosigkeit im Kontext der Entstehungsperiode überraschen), andererseits zu albern (die Effekte sind sehr schlecht). Was auch immer der Grund war, inzwischen besteht für den neugierigen Fan die Möglichkeit, dank DVD-Importen und YouTube auch ein Werk wie Reptilicus zu sichten. Und der Grund, dies zu tun, liegt auf der Hand: der Film gehört in eine ganz spezielle Kategorie, denn er ist so schlecht, dass er schon wieder viel Spaß bringt. Reptilicus ist Mumpitz der allerfeinsten Sorte.

Bei Bohrungen in Lappland wird der tief unter der Erde eingefrorene Teil eins bisher unbekannten prähistorischen Reptils gefunden und zur Untersuchung in Aquarium nach Kopenhagen gebracht. Durch Unachtsamkeit taut das als Teil eines Schwanzes identifizierte Stück auf und beginnt, sich zu regenerieren. Das wissenschaftliche Interesse weicht blanker Furcht, als aus dem Schwanz wieder ein vollständiges, riesenhaftes Tier geworden ist, dass beginnt, eine Spur der Zerstörung durch die Ostsee und dann Kopenhagen zu legen. Eine militärische Intervention erscheint wenig ratsam, denn aus jedem abgesprengten Teil des „Reptilicus“ getauften Monsters regeneriert sich eine neue Kreatur…

Das Drehbuch zu Reptilicus stammt von Sidney W. Pink (der auch die Regie übernahm) und Ib Melchior, dem „Dremteam“, dass sich auch für den kultigen Science-Fiction-Klassiker Weltraumschiff MR-1 gibt keine Antwort verantwortlich zeichneten. Ihre dramaturgischen Vorlieben demonstrieren sie auch anhand dieses „Creature Features“: ältere Männer mit Herzanfällen, gepflegter Sexismus, unlustige „comic reliefs“ und ein unbedingter Glaube an die Geschichte, die von der Ausführung konterkariert wird. Was durchaus gut funktioniert ist die Spannungskurve in der ersten Hälfte des Films. Wie das Monster entdeckt wird, wie es zunächst zu Untersuchungen kommt und sich die Gefahr langsam aufbaut ist ansprechend und flott erzählt. Alles andere in Reptilicus ist eher unfreiwillig komisch und zwar weitaus mehr, als es in Weltraumschiff MR-1 der Fall war.

Nach den Regeln des „richtigen“ Kinos müsste Reptilicus eigentlich vollkommen durchfallen. Die Schauspieler sind mies, vor allem Carl Ottosen als Mark Grayson ist eine Zumutung. Oft hat man auch den Eindruck, die Darsteller würden ihre Texte von schwer lesbaren Tafeln, die irgendwo in der Ferne stehen, entziffern. Über allem hängt ein jovialer Chauvinismus, Frauen kommen nur am Rande vor und wenn nicht, ist dies ein Grund zur höchsten Verwunderung („I’m not used to that such a beautiful woman has anything to do with science!“) und der intelligenzgeminderte Hausmeister (Dirich Passer) ist die „lustige Nebenfigur“.
Ähnlich schlecht sind die Effekte. Lässt der Beginn noch hoffen, sind die Stücke des Monsters doch gut in Szene gesetzt, sind diese Vorschusslorbeeren sobald „Reptilicus“ in Gänze auftritt, verspielt. Das Ungeheuer, dass ständig grünen Zeichentrick-Schleim hochwürgt und durch die Gegend spuckt, stümpert sich durch eine Spielzeuglandschaft und bewegt sich dabei wie eine Puppe der Augsburger Puppenkiste, die von einem äußerst talentfreien Spieler geführt wird. Eins der großen Experimente der Natur, wie der Film über sein Monster urteilt, sieht definitiv anders aus.

So versagt der Film also auf zwei der wichtigsten Gebiete. Dennoch ist Reptilicus unterhaltsam, eben weil er so billig inszeniert ist. Der Ernst, mit der der Angriff einer unkoordinierten Marionette durchgespielt wird, ist geradezu bewundernswert und entfaltet eben jenen Trash-Charme, den moderne Monsterfilme kaum noch bieten können. Und dann werden urplötzlich Szenen wie jene mit einer Zugbrücke eingestreut, die, hochgezogen um dem Monster den Weg abzuschneiden, diversen Kopenhagener Passanten zum Verhängnis wird und sie in ihren Tod stürzen. Diese Sequenz ist in ihrer Rohheit überraschend effektiv, auch wenn man zwischendurch immer wieder Komparsen mit einem breiten Grinsen im Gesicht sieht, die in den Massenszenen vor der Kreatur durch die Straßen der dänischen Hauptstadt fliehen. Auch dass „Reptilicus“ zwischendurch einen Familienvater verspeist und die Badegäste eines Strandes verätzt gibt der Theorie Aufschwung, dass der Film wegen seiner vergleichsweise drastischen Gewalt nicht für eine Auswertung in der BRD in Betracht gezogen wurde. Wirklich geschockt wird heute niemand mehr davon sein, in den 1960er Jahren war dies gewiss anders, trotz der sonst holprigen Ausführung.

Am Ende ist Reptilicus ein großer Spaß für Freunde des B- bis C-Films, ein Werk, das mit Mitteln der gängigen Kritik kaum zu fassen ist. Gerade in seiner innewohnenden Verzweiflung zwischen epischen Anspruch (die Panikszenen in Kopenhagen waren sicherlich nicht „mal eben“ im Kasten) und hanebüchen-schlechter Tricktechnik liegt ein schräges Vergnügen. Reptilicus ist weder gute Phantastik noch generell gutes Kinos, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Im generösen Blick zurück aber offeriert sich ein ambitionierter Film, der zwar den Subtext seines Vorbildes Godzilla von 1954 nicht ganz verstanden hat, aber trotzdem sein Möglichstes versucht. Mit höherem Budget und besseren Darstellern wäre vielleicht etwas herausgekommen, das jenseits des puren Trashs Bestand hat.