Donnerstag, 26. Februar 2015

When Animals Dream (2014)




WHEN ANIMALS DREAM
(Når dyrene drømmer)
Dänemark 2014
Regie: Jonas Alexander Arnby
Dt. Erstaufführung: 21.08.2014

Die Pubertät, ewiger Quell von Grauen und Inspiration. Der widersprüchliche Lebensabschnitt, der gleichermaßen die Individualität erblühen lässt und größtmögliche Konformität einfordert, der den Menschen vor Idealismus bersten und am Weltschmerz verzweifeln lässt, ist ein dankbares Motiv im internationalen Kino. Während die Welt der Erwachsenen recht eindeutig definiert zu sein scheint und sich in den Pfaden bewegt, die in der Jugend eingeschlagen wurden, ist dass Teenageralter auch im Film ein uneindeutiges Gebilde, in dem jegliche Gangart und –richtung möglich und denkbar ist. Unausgegorene Menschen treffen auf das, was als Leben gleichzeitig verstörend wie betörend daherkommt. Es ist kein Wunder, dass im Horrorfilm vornehmlich junge Leute den Tod finden – es ist eben alles möglich, auch die unvorteilhafte Begegnung mit einem Waffenschwingenden Wahnsinnigen. When Animals Dream geht allerdings eleganter zu Werke als ein vergleichbares US-Produkt und schielt unzweifelhaft auf das Publikum, dass schon So finster die Nacht wohlwollend aufnahm, auch wenn dieser Film immer noch an seiner geradezu grotesken Blutleere (im emotionalen Sinn, lieber Genrefreund) leidet. Doch die Parallelen sind eindeutig, auch wenn der dänische Beitrag zum Subgenre des übernatürlichen Coming-of-Age insgesamt involvierender daherkommt.

Die junge Marie (Sonia Suhl) lebt in einer trostlosen Gemeinde, in der die einzige Arbeit für junge Leute ein wenig einladender Job in der lokalen Fischfabrik zu sein scheint. Ihre Mutter (Sonja Richter) ist gelähmt und wird von ihrem Vater (Lars Mikkelsen) liebevoll umsorgt, doch so ganz ist Marie die Natur der Erkrankung nicht gewahr. Dies ändert sich, als auch sie Veränderungen an sich bemerkt: ihr beginnt ein Pelz zu wachsen, ihre Emotionen lassen sich nicht mehr im Zaum halten und durch äußere Trigger beginnt eine buchstäbliche Verwandlung: Marie ist ein Werwolf und schon bald sieht sie diesen Umstand nicht mehr als Fluch, sondern als Gabe an…

Die Verbindung zwischen Pubertät und Lykanthropie ist recht eindeutig und geradezu lehrbuchhaft: Es wachsen Haare an neuen Stellen, Stimmungsschwankungen werden sich einstellen, das Verhältnis zu den Eltern wird schwieriger. Es bedarf keines Dechiffrierungsgenies, um den zugrundeliegenden Code von When Animals Dream zu knacken. Auch der altbekannte Konflikt zwischen progressiver Jungend (Marie nimmt ihr Wesen an, stellt es irgendwann gar offen zur Schau und denkt nicht daran, sich der Masse unterzuordnen) und konservativen Altvorderen (für die Erwachsenen stellt Marie eine Bedrohung dar, die beherrscht oder ausgemerzt werden muss) ist eindeutig und wird durch einen Horrorfilm gerechten Showdown gelöst – wer die Jugend nicht versteht, der wird durch sie beseitigt. Darin steckt selbstredend einiges an Ermächtigungsphantasie, was aber in einer Coming-of-Age-Geschichte schon fast zwingend erwartet wird. Und letztlich will auch der Werwolf nichts anderes als jeder Teenager: Zugehörigkeit, Liebe und dem örtlichen Rowdy eins auswischen. Letzteres geschieht zwar auf endgültigere Weise als in einem Film wie Angus – Voll cool, aber auch das war und ist erwartbar.

So bietet When Animals Dream auf der Deutungseben nicht viel, was über das Offensichtliche hinaus geht und die pubertäre Sprachlosigkeit, die zwischen Eltern und Kind herrscht, ist weitestgehend aufgesetzt und forciert – gerade Lars Mikkelsen als Vater ist mitunter enervierend stumm. Was den Film aber sehenswert macht, ist seine Atmosphäre. Regieneuling Jonas Alexander Arnby schafft ein kleinbürgerliches Klima, aus dem auch der Zuschauer auszubrechen gesucht, zusammen mit der Protagonistin sprengt er quasi die Grenzen, in denen man sich wiederfindet. Hier liegt der Schlüssel zum Erfolg jeder Art von Teenagergeschichte: das unmittelbare Erfahrbar machen der jugendlichen Situation. Für die Dauer des Films ist man wieder in der Pubertät gefangen, durchlebt die Hoch und Tiefs, mit denen man sich konfrontiert sah und spürt förmlich den Konformismusdruck. Wie heilsam ist da die stellvertretende Metamorphose, die Marie durchlebt.

When Animals Dream ist kein perfekter Film, aber als Erstlingswerk, das mit einer beneidenswert sicheren handwerklichen Qualität und einem ebensolchen Sinn für Atmosphäre aufwarten kann, ist er auch für jene Zuschauer einen Blick wert, die um das Horrorgenre sonst einen Bogen machen – weniger, weil der Film mit Gewalt geizt, sondern weil er erkannt hat, dass der wahre Horror in jenem Lebensabschnitt liegt, in dem alles und nichts sicher zu sein scheint. Hormone sind nun einmal furchteinflößender als alles andere.





Kommentare:

  1. Während ich deine Meinung zu "So finster die Nacht" nicht wirklich nachvollziehen kann, teile ich sie komplett zu diesem Film. Ich mochte ihn auch, weil er ein schönes Plädoyer für die Toleranz von Andersartigkeit ist, aber ich habe mich doch ein wenig gewundert, dass er sooo gut aufgenommen wurde. Über das Offensichtliche geht er – wie du schreibst – auch meiner Ansicht nach nicht hinaus. Ein wenig weniger Weichzeichner und eine etwas steilere Spannungskurve hätten ihm bestimmt gut getan.

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    1. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Danke für die Ergänzung der etwas zu flachen Spannungskurve. :-)

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  2. Für mich hat vor allem die visuelle Umsetzung auf der atmosphärischen Ebene gewirkt. Dieses grau in grau, das die Trostlosigkeit der Gegend und auch der Personen, symbolisiert, wird bei "When animals dream" wunderbar eingefangen.

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    1. Ging mir auch so. Atmosphärisch ein großartiger Film, keine Frage.

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