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Sonntag, 25. September 2016

Wintergast (2015)




WINTERGAST
Schweiz 2015
Dt. Erstaufführung: 21.01.2016
Regie: Matthias Günter und Andy Herzog

ACHTUNG! Die folgende Besprechung diskutiert das Ende des Films mit einigen Details, die manche wohl als „Spoiler“ ansehen würden.

Cineasten beschwören es ja immer wieder: großartige Filme findet man häufig eher in den Nischen und weniger im Multiplex. Kaum ein anderer Film in diesem Jahr zeigt dies so gut wie Wintergast, eine kleine Produktion aus der Schweiz, die dank Untertiteln und den monochrom gehaltenen Bildern gleich zwei „Hürden“ für den Massenmarkt anbietet. Doch Wintergast ist auch eine präzise beobachtete Studie über die Schwierigkeiten des kreativen Schaffensprozess und die mit ihm kollidierenden diffusen Lebensziele, ohne dabei in schale Hipster-Posen abzugleiten - quasi eine europäische Version von Frances Ha ohne die enervierenden Elemente.

Stefan Keller (Andy Herzog) hat vor sieben Jahren einen vielbeachteten Kurzfilm gedreht und wurde mit Preisen geehrt. Eine begeisterte Produzentin (Susann Rüdlinger) bot ihm sogleich aufgrund einer Grundprämisse für einen Spielfilm einen Vertrag an. Sieben Jahre später steht die Deadline vor der Tür und das Treatment für den Film über vertauschte Koffer ist immer noch nicht fertig. Im Grunde hat Stefan in all den Jahren nichts weiter als den ersten Satz zu Papier bringen können. Ein One-Hit-Wonder also, dessen Freundin eine Auszeit verlangt, weil sie sich darüber klar werden muss, ob sie mit ihm ein Kind haben soll. Aus finanzieller Not (denn auch seine Eltern haben kein Interesse mehr daran, den 39-jährigen durchzufüttern) nimmt Stefan einen Job als Jugendherbergentester an. Jetzt, im Winter, ist er oft der einzige Gast und auch aus der erhofften Muße für sein Script wird nichts – und der Abgabetermin lässt sich mit Notlügen auch nicht ewig weiter aufschieben.

Jeder, der schon einmal regelmäßig kreativ tätig war (oder es beruflich oder ausbildungsbedingt sogar sein musste), kennt sicherlich das Vakuum, welches sich mitunter auftun kann. Ideen wollen nicht reifen, die Arbeit stockt, der Blick verengt sich, triviale Ablenkungen werden nur allzu gern angenommen – morgen ist ja auch noch ein Tag. Wintergast weiß diesen Zustand unaufgeregt zu schildern und schafft es dennoch, so etwas wie innere Anspannung zu generieren. Somit wird der Film für Menschen, die diesen Zustand kennen, wohl besser funktionieren als für jene, denen er weitestgehend fremd ist, auch wenn Wintergast durch seine unaufdringlich-involvierende Art eigentlich jedwedes Publikum ansprechen sollte.

Dabei löst Wintergast auch das gerade durch Filme verbreitete Mantra des unbedingten Erfolges auf. Anders als in der Wunschvorstellung führt eben nicht jeder Weg genau zu dem Ziel, dass man vielleicht anstrebt. Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne machst? Definitiv. Am Ende hat Stefan Keller ein augenscheinlich gutes Werk abgeliefert, zumindest hat er es sich im wahrsten Sinne von der Seele geschrieben, die brach liegende Kreativität hat durch die nicht immer angenehme Realität einen Katalysator bekommen, der die seit sieben Jahren dahinsiechende Idee des abstrakten Konzeptes Koffertausch dahin fegt – und dann scheitert es an den Vorstellungen des „Marktes“ in Person von Stefans Produzentin. Erfreulich? Wohl kaum, aber nicht nur Keller sondern auch das Publikum muss im Laufe des Films erkennen, dass die durch einen sicherlich verdienten Erfolg angestrebte Karriere vielleicht nichts für ihn ist. Talent ist das eine, Durchsetzungsvermögen, auch gegenüber dem eigenen Selbst, etwas anderes.

Dementsprechend ist das Ende auch nicht so nüchtern, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Stefan Keller ist kein Regisseur, aber er hat einen Job, der ihn erdet und der ihm genügend Raum gibt, etwaige weitere Schritte sorgfältiger zu planen. Und an der Beziehungsfront offeriert der Film auch noch einen kleinen Hinweis auf einen möglichen Neuanfang. So ist Wintergast kein Film darüber, dass man seine Träume aufgeben soll (wie er sicherlich von manchen auch gelesen werden könnte), sondern eher ein gutgemeinter Vorschlag, nicht ausschließlich in Luftschlössern zu leben. Das mag manchem wie der joviale Rat eines Erziehungsberechtigten an einen bockigen Teenager erscheinen, aber ist das so weit ab von der Realität? Auch wenn sie immer weiter hinausgezögert wird, die Jugend mit all ihren mitunter radikalen Idealen endet irgendwann. Allen Unkenrufen zum Trotz ist dies keine Assimilierung in „bürgerliche Werte“ sondern ein Entwicklungsprozess, der nicht automatisch bedeutet, zu einer leeren Hülle seines Selbst zu werden. Keller ist 39 und bereit, Erwachsen zu werden. Was das im Einzelnen bedeutet, ist dann ja immer noch jedem selbst überlassen.

So wird Herzogs/Günters Werk zu einem Film über das Leben, die Veränderungen und wie Widerstand gegen diese nur zu Lähmungen führt, die ihrerseits ein aktives Gestalten verhindern – also ein vielseitig interpretierbares Konzept. Wintergast ist großes kleines Kino.





Samstag, 28. Mai 2016

The Witch - Eine Volkssage aus Neuengland (2015)




THE WITCH – EINE VOLKSSAGE AUS NEUENGLAND
(The Witch: A New England Folktale)
USA 2015
Dt. Erstaufführung: 19.05.2016
Regie: Robert Eggers

In The Witch geht es nicht um eine Hexe, ebenso wenig wie es im letztjährigen Der Babadook wirklich um eine schattenhafte Präsenz ging, die eine überforderte Witwe und ihren Sohn heimsuchte. Heimsuchungen sind zwar auch im Regiedebüt von Robert Eggers ein wichtiges Thema, aber einmal mehr generiert sich das Grauen weniger aus einer wirklich greifbaren Bedrohung sondern aus den Dämonen, die aus den Menschen selbst geboren werden. Und anders als der Babadook, dessen Kreation von unkontrollierbaren äußeren Umständen bedingt wurde, ist es hier die selbstgewählte Geißelung, die ins Verderben führt. The Witch ist ein analysefreudiger Film, dessen bedrohliche Stimmung auf billige Jump Scares verzichtet, der immer dann am schwächsten ist, wenn er zu konkret wird. Dem Gesamteindruck eines hervorragenden Genrebeitrags tun aber selbst solche Zugeständnisse nicht weh.

Neueungland im 17. Jahrhundert: Aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen, weil sie selbst für die Puritaner zu puritanisch sind, sucht eine kürzlich aus England übergesiedelte Familie ihr Heil in der Wildnis. Das Vorhaben, Mais anzubauen wird durch das feuchte Klima vereitelt, der Kontakt mit anderen Menschen ist auf ein kaum existentes Maß zurückgeschraubt. Als dann auch noch der jüngste Sohn Samuel verschwindet, beginnt ein Leidensweg. Die Eltern sind davon überzeugt, ein Wolf habe das Baby verschleppt, während die Kinder glauben, eine Hexe, die in den düsteren Wäldern haust, habe ihn geholt. Der Sog aus Trauer, Existenzangst und Suggestion wird immer stärker …

The Witch ist die Geschichte einer religiös induzierten Psychose. Die frömmelnde Familie, die sich stets von Gott geprüft sieht und den Misserfolg nur schwer in Einklang mit ihrer Vorstellung einer grundsätzlich wohlwollenden Macht bringen kann, erlebt durch den Verlust des jüngsten Familienmitgliedes einen solch herben Rückschlag, dass die Mär von einer externen Gefahrenquelle in Form der Hexe wie zu einer Art selbstzerstörerischen Anker wird. Die Migration, die Landnahme, der Missionsdruck – all dies sind Faktoren, die aus dem Wald die Schrecknisse gebären, denen sich die Siedler ausgesetzt fühlen. Neben der Erzählung über desaströse Nebenwirkungen der Religion kann man The Witch auch als Geschichte über die Vertreibung und Enteignung der amerikanischen Ureinwohner lesen. Die Verbreitung des Evangeliums ist zwar eins der erklärten Ziele von Vater William (Ralph Ineson), aber die Ereignisse des Films lassen auch die Erklärung eines tief sitzenden, nicht bewussten Schuldeingeständnis zu, eine Ahnung, dass das Land, dass er versucht zu bestellen, eine unheilvolle Geschichte hat und seine Anwesenheit dort nicht so „gottgefällig“ ist, wie er es sich ausmalt. So bedarf es nicht einmal des Kontaktes mit Mitgliedern der ansässigen Stämme, die Verfehlungen der Europäer liegen wie schwerer Nebel in den Wäldern, die das karge Anwesen der Familie umgeben. So passt es ebenso, dass William am Ende von den Früchten seiner nicht von ungefähr als „typisch männlich“ konnotierten Übersprunghandlung, dem Holzhacken, erschlagen wird.

Überhaupt geht es in The Witch auch um Geschlechterrollen und der Film versteht es, hier ebenso Klischees zu umschiffen wie in der Ausgestaltung seines Horroraspektes. Der Vater ist streng, gesteht seinen Kindern aber ohne Scheu seine Liebe. Die Mutter Katherine (Kate Dickie) ist noch strenger und wird bewusst nicht als „typisch weibliches“ Gegenstück zu der gängigerweise als männlich kodifizierten Gewalt inszeniert, die über allem schwebt. Eher wird die in die Pubertät kommende Tochter Thomasin (Anya Taylor-Joy) als Bedrohung gesehen, während der heranreifende Sohn Caleb (Harvey Scrimshaw) überhöht wird. Tiefenpsychologen dürften einen guten Tag erleben, wenn sie sich The Witch ansehen. Am Ende zieht der Vater seinen „gerechten Zorn“ dann wieder aus der Religion, deren Verquickung mit dem Aberglauben einige Jahre nach der Handlung zu den berühmt-berüchtigten Hexenprozessen von Salem führen sollte.

Wie bereits erwähnt ist dies aber das Hauptaugenmerk des Films: wie religiös gerechtfertigte Geißelung, so sehr sie in bestimmten Situationen erbauliche Erklärungsmuster liefern kann, auch schnell in das Gegenteil umschlagen kann. Wird Samuel von einer Hexe geholt oder doch von einem Wolf? Schließlich findet man sogar eine entsprechende Fährte. Sind die alptraumhaften Bilder im Wald ein Ausdruck einer filmischen Realität oder Illustration der Vorstellungskraft der Kinder, die vor den Erwachsenen den Forst mit Monstren füllen (dies ist eine der Sequenzen, die dem Film eher schadet als nützt)? Es ist sicherlich kein Zufall, dass die (vermeintliche) Hexe Caleb in Form einer verführerischen Frau gegenübertritt, wenn dieser, in Ermangelung von Alternativen, beginnt, seinen voyeuristischen Blick auf seine ältere Schwester zu richten.
Fluch oder Lungenentzündung? Okkultes oder Natürliches? Psychose oder Wahrheit? The Witch lässt beide Argumentationen zu, ist aber stärker, wenn man sich von der Vorstellung einer „wirklichen“ Hexe verabschiedet. So bietet der rigorose Glauben, der allein in der Wildnis nicht automatisch zum Heil führt, eine Blaupause für die Geschehnisse des Films. Zumal die Geschichte einer Familie, die durch all die Entbehrungen, die auch von Gotteanrufungen nicht gelindert werden, langsam in den kollektiven Wahn verfällt, interessanter ist als wenn The Witch den einfachen, den plakativen Weg gegangen wäre.

Unter diesen Gesichtspunkten wird das Ende zum endgültigen Test. Favorisiert man die okkulte Erklärung, zeigt The Witch das Bild von europäischen  Frauen, die mit dem Leben in Neuengland nicht zurechtkommen und lieber als Hexenkommune nackt im Wald leben. Im allegorischen Sinn begibt sich Thomasin endgültig auf den paranoiden Pfad ihrer Familie, verliert sich und stirbt verwirrt im Wald, der Hexenflug wird also zur Himmelsfahrt, die ebenso imaginiert ist: die letzten Bilder eines sterbenden Gehirns, dass sein ganzes Leben mit christlicher Ikonographie indoktriniert wurde, wie aber auch als letztes Zugeständnis des Regisseurs und Drehbuchautors, dass in der Religion zumindest für das Individuum das Heilsversprechen nicht ausgeschlossen werden kann, gelesen werden könnte.

The Witch ist nicht per se antireligös, der Film offeriert aber einen distanzierten Blick auf jene Auswüchse, die in kontemporären Werken wie Paradies: Glaube schnell überzogen wirken. In einer Welt, die unter dem religiösen Fanatismus leidet, zeigt The Witch auf die Fallstricke allzu strenger Denkmuster, die sich durch den Verweis auf Gott oder andere übergeordnete Platzhalter legitimieren. Die Welt wird hier nicht ins Unglück gerissen, wohl aber das Wohlergehen von Menschen, die letztlich die Welt bilden, die sie mit ihrer Frömmigkeit auf ihrer Seite wähnten. Dass der Film mit seiner durchgehend unheimlichen Atmosphäre, den wohlkomponierten Bildern und dem Soundtrack dann auch noch ansehnlich und kurzweilig daherkommt, wirkt bei solchen Subtexten dann schon fast wie ein schmückendes Beiwerk.



Mittwoch, 2. März 2016

The Wave - Die Todeswelle (2015)




THE WAVE – DIE TODESWELLE
(Bølgen)
Norwegen 2015
Dt. Erstaufführung: 24.02.2016 (DVD-Premiere)
Regie: Roar Uthaug

Der tief ins Festland reichende Geirangerfjord ist eine der größten Touristenattraktionen Norwegens. In der Hauptsaison wird der kleine Ort ständig von Kreuzfahrtschiffen belagert, aus deren Innern sich Ströme von Besuchern ergießen, die mit Bussen die schmalen Straßen hinauf gekarrt werden, um von den Aussichtsplattformen ein Foto von ihrem unten im Fjord  liegenden Schiff zu schießen. Der Campingplatz des Ortes bietet Wohnmobilfahrern VIP-Plätze mit Blick auf das Schiffspektakel an und aus eigener Anschauung weiß ich, dass eine der Hauptsorgen der Kreuzfahrer ist, ob nach den Ausflügen denn noch genug Zeit bleibt, um im großzügigen Souvenirshop etwas Geld unters Volk zu bringen. Die fantastische Natur, die sich, wie so oft in Norwegen, in ihrer vollen, atemberaubenden Schönheit erst abseits der Straßen erschließt, scheint hier nur Staffage zu sein. Geiranger ist ein hübscher, aber auch seltsamer Ort. Und er ist akut gefährdet, sind sich Geologen doch einig, dass eine der beeindruckenden Felsformationen irgendwann abbrechen und in den Fjord stürzen wird. Die damit ausgelöste Flutwelle könnte verheerende Folgen haben und es wäre nicht das erste Mal, dass Norwegen von solch einer Naturkatstrophe heimgesucht werden würde. Kurzum, es ist das perfekte Setting für den ersten Katastrophenfilm des Landes, der bei allen genrekonformen Elementen und ziemlich unecht aussehendem CGI-Wasser auf einer unterhaltsamen Ebene besser ist, als man erwarten durfte (auch wenn das Poster ein Kreuzfahrtschiff verspricht, dieses aber nicht im Film vorkommt). The Wave, in Deutschland direkt auf Heimmedien gewandert und mit einem Untertitel versehen, der auch dem letzten Zuschauer verständlich macht, um was es geht, ist all das, was man von einem Film dieses Kalibers erwartet, nur mit weniger cheese als seine US-amerikanischen Cousins.

Für den leicht zerstreuten Geologen Kristian (Kristoffer Joner) und seine Familie, die Hotelmanagerin Idun (Ana Dahl Torp) und die Kinder Sondre (Jonas Hoff Ostebro) und Julia (Edith Haggenrud-Sande) steht der Abschied von Geiranger bevor. Nach Jahren als Mitarbeiter des örtlichen Überwachungsteams für die gefährdeten Felsformationen rund um den Fjord wurde er von der Ölindustrie abgeworben, der Umzug nach Stavanger steht kurz zuvor. Doch in der letzten Nacht im Ort passiert das, was lange prognostiziert wurde: die Felsen geben nach, krachen in den Fjord und jagen einen viele Meter hohen Tsunami Richtung Geiranger. Nach dem Alarm bleiben Kristian nur zehn Minuten, um sich, seine Familie und möglichst viele weitere Menschen auf eine sichere Höhe zu bringen. Doch kann man den Wettlauf mit einer Naturgewalt überhaupt gewinnen?

The Wave gelingt es schnell, Sympathien für seine Figuren zu generieren. Kristian ist kein Nerd, wie ihn Hollywood produzieren würde. Er überlässt zwar seiner Frau die handwerklichen Aufgaben im Haushalt (auch ein Ausdruck der selbstverständlichen Gleichberechtigung in Norwegen) und geht vor allem in seinem Metier auf, aber er verhält sich wie ein normaler, liebenswerter Mensch und nicht wie eine trottelige Karikatur. Die Kinder verhalten sich ebenso wie normale Kinder, die Beziehung der Erwachsenen ist auf eine Art gewöhnlich wie sie im Kontext des Genres geradezu erfrischend daherkommt. Auch werden unserem Protagonisten nicht umständlich behördliche oder zwischenmenschliche Steine in den Weg gelegt, wenn er die Katastrophe prophezeit geht niemand großspurig über ihn hinweg oder ein bornierter Bürgermeister fürchtet um ein anstehendes Fest. Kristian ist lediglich vorsichtiger als andere und auch dies trägt dazu bei, dass The Wave sich nicht im Netz seiner offensichtlichen Vorbilder verheddert. Hier ist alles etwas gesetzter, unaufgeregter, menschlicher.

So kann man mit den Charakteren durch die Handlung wandern und auch deren Dramaturgie mittragen, die sich bei aller zwischenmenschlichen Liebe natürlich nicht von der üblichen Drei-Akt-Struktur unterscheidet: Nach dem Setup kommt die Katstrophe und dann die Rettung. In jedem Akt gibt es etwas, dass den Film sehenswert macht, besonders hervorzuheben ist eine wahrlich gespenstische Szene gegen Ende, die sich ebenso gegen die üblichen Klischees stemmt wie die Figurenzeichnung und die einen Bus involviert.
Das Herzstück des Films, die hereinbrechende Katstrophe, wird erstaunlicherweise zur Zäsur für den in seinem Entstehungsland ziemlich erfolgreichen Film. Mit der nötigen emotionalen Nähe kann das Adrenalin hier wirklich fließen, wer mehr darauf achtet, wie schwer es immer noch ist, glaubwürdiges Wasser im Computer entstehen zu lassen, der wird womöglich mehr amüsiert sein. Die monströse Naturkraft sieht gerade bei ihrem ersten Shot genauso aus – wie ein Monster, dem die Animatoren gar nicht genug Wirbel, Wellen und Schaumkronen geben konnten. Wahrscheinlich sollte man froh sein, dass die Welle nicht auch noch ein Löwengebrüll anstimmt wie der Wirbelsturm in Twister. Die eigentliche Zerstörung Geirangers ist dann kurz, heftig, trotz CGI-Wassers besser gelungen und auch das Bild, wie sich die Wassermassen um eine Fjordbiegung schieben, ist Stoff für Alpträume. In der Logik des Geschehens gibt es zudem nicht unzählige Nachkatastrophen, die Welle trifft, zerstört und hat ihr Werk damit getan.

The Wave ist kein überragender Film und wirklich verwundert darüber, warum er hierzulande nur auf Heimmedien erschien, ist wohl auch niemand. Aber er hat – und das ist bei Katastrophenfilmen kein Standard – das Herz am rechten Fleck. Tiefenanalytisch ist es wohl konservativ, eine generische Familie in den Mittelpunkt zu stellen und darüber hinaus alle anderen Charaktere ein Stück weit zu negieren, aber eben weil der Film so unangestrengt dabei ist, uns Kristian und die Seinen als beachtenswert zu verkaufen, verdient er Respekt. Kann das Spektakel mitunter unfreiwillig komisch wirken? Ja. Zieht der Film im dritten Akt ein paar klischeehafte Register zu viel? Auf jeden Fall. Wartet er mit mehr Unterhaltungswert auf, als man ihm hätte zutrauen können? Auch das ist wahr. The Wave ist ein Genrefilm für alle, die von den markigen Heldenposen á la San Andreas und 2012 und ihrem unstillbaren Durst nach totaler Zerstörung inzwischen eher angeödet denn unterhalten sind.




Sonntag, 22. März 2015

Willow Creek (2013)




WILLOW CREEK
USA 2013
Regie: Bobcat Goldthwait
Dt. Erstaufführung: [bisher nicht in Deutschland veröffentlicht]

Für Monsterfans und Kryptozoologen (was eigentlich gleichbedeutend ist) wären die Independentproduktionen Willow Creek und Letters from the Big Man ein lohnendes, auf jeden Fall ein interessantes Double-Feature. Beide behandeln die Legende vom nordamerikanischen Bigfoot, beide allerdings auf sehr unterschiedliche Weise. Und beide haben vorher augenscheinlich ein bisschen Recherche betrieben, verarbeiten sie doch diverse Aspekte, die in der Fachliteratur erwähnt werden, in der generellen „Berichterstattung“ über den Riesenprimaten aber verloren gehen. Letters spielt mit dem Gedanken, dass Bigfoot ein vernunftbegabtes Wesen ist, dass aber außerhalb unserer fassbaren Realität existiert, während sich Willow Creek auf die – nun, seien wir ehrlich – reißerischen Aspekte der Geschichte konzentriert. So kommt es denn auch dazu, dass Letters ein ungewöhnliches Filmerlebnis darstellt, während man hier nur leicht goutierbare Durchschnittsware serviert bekommt. Willow Creek ist nicht der schlechteste Found-Footage-Film auf dem Markt, aber in der Verbindung zwischen Stilmittel und mythologischem Monster wäre wohl etwas mehr drin gewesen. Die unterschwellige Komik, die sich auch in der Hauptterrorszene manifestiert, darf man derweil wohl als nur halb unfreiwillig erachten, bewies Regisseur Bobcat Goldthwait doch mit World’s Greatest Dad und God Bless America bereits zuvor seinen Hang zum abseitigen Humor.

Das junge Pärchen Jim (Bryce Johnson) und Kelly (Alexie Gilmore) machen sich auf in den Six Rivers National Forest und heften sich an die Spur von Patterson und Gimlin, jenen zwei Männern, die 1967 die wohl berühmteste Aufnahme eines angeblichen Bigfoots gemacht haben – jene, in der ein Gorillartiges Wesen mit bestimmten Schritt an den Ufern des Bluff Creek vor dem Objektiv der beiden Jäger zu entkommen versucht. Jim möchte eine Dokumentation über ihre Suche drehen, ergo läuft ihre Kamera immer mit, wenn sie über die (Un-)Möglichkeit der Existenz von Bigfoot reden, die vielen Wege erkunden, aus der Legende Geld zu generieren und wie sie sich schließlich in den Wald schlagen, um den Originalschauplatz des Patterson/Gimlin-Film zu suchen. In der Nacht werden sie von seltsamen Geräuschen geweckt und es wird schnell unmissverständlich klar, dass der dichte Wald bei weitem kein sicherer Ort ist...

Allein durch das Setting ist Willow Creek regelrecht dazu verdammt, bisweilen wie ein Echo des Blair Witch Projects daherzukommen. Junge ambitionierte Filmemacher gehen in den Wald, werden mit unheimlichen Geräuschen und Begebenheiten konfrontiert und am Ende bleibt die Kamera einsam auf dem Boden liegen und hofft darauf, irgendwann von irgendjemanden gefunden zu werden, der die Aufnahmen dann „an die Öffentlichkeit“ bringt. Dramaturgisch bietet Willow Creek dem Zuschauer einen wohligen Mantel des Erwartbaren an, wer Innovationen sucht, ist hier definitiv fehl am Platz. Mit in den Ring werden vernachlässigbare Aufnahmen von Einheimischen geworfen, die irgendwie um die Gefahren im Wald wissen und das Pärchen aufzuhalten versuchen. Es ist was faul im Staate Kalifornien. Auch ist es nett von Bigfoot, sich gleich in der ersten Nacht so eindeutig zu erkennen zu geben – wie viele Menschen mögen schon in Sasquatch-Wäldern gecampt haben, ohne auch nur die Spur eines Beweises mit nach Hause bringen zu können. Doch wenn eine Kamera dabei ist, wittert der große Kerl, auch im Hinblick auf die endliche Akkulaufzeit, augenscheinlich seine Chance, ein Horrorfilm-Bewerbungsvideo inszenieren zu können.
Das ist im Untergrund genauso albern, wie es sich liest, funktioniert auf der „primitiven“ Angst-Ebene aber zumindest auf annehmbare Weise. Man ist vom echten Terror in Willow Creek stets entfernt, aber immerhin das Ende ist einigermaßen bösartig und grauenvoll. [Achtung, es folgen Spoiler zum Filmende] In von der US-amerikanischen Regenbogenpresse dankbar aufgenommenen Gruselgeschichten entführt Bigfoot manchmal menschliche Frauen, um sie – schönfärberisch ausgedrückt – zu seinen „forest brides“ zu machen. Kelly und Jim stoßen am Ende auf eine ebensolche, die sie in der Stadt noch auf einem Vermisstenplakat gesehen hatten, dann greift etwas aus dem Off an, tötet Jim und nimmt Kelly gefangen. Der Chor der Bigfoots, der danach einsetzt, kündigt demnach wohl so etwas wie eine Massenvergewaltigung durch die Kreaturen an – wenn das nicht eine genrekonforme Scheußlichkeit ist. [Spoiler aus.]

Was hat Willow Creek, abgesehen vom Ende, also außer den üblichen Found-Footage-Klischees zu bieten? Getragen wird der Film von seinen beiden Hauptdarstellern, die ihn denn auch vor einem Totalausfall bewahren. Kelly und Jim sind sympathisch, ihre Gespräche und ihr ganzes Verhalten wirkt authentisch, sie reden miteinander, wie es Pärchen nun einmal tun und verleihen dem Film so eine Erdung, die beispielsweise Cloverfield durch seine enervierenden Charaktere nie erreichte. Willow Creek ist ein moderner Horrorfilm, in dem man nicht möchte, dass die Figuren den Tod oder ein anderes grausames Schicksal finden. Das ist für eine Low-Budget-Produktion, in der des Nachts ein in seinen Verhaltensweisen deutlich an den Gorilla angelehnte Bigfoot gegen Zelte drückt, durchaus eine Leistung. Die vielzitierten Räder bekommen von Goldthwait kein neues Design, drehen sich aber immerhin so zuverlässig, dass Willow Creek zumindest für Genrefreunde und Bigfootfans einen Blick wert sein dürfte.