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Freitag, 8. April 2016

Mitten in Deutschland: NSU (2016)



MITTEN IN DEUTSCHLAND: NSU
Deutschland 2016
Dt. Erstaufführung: 30.03./04.04/06.04.2016 (TV-Filme)
Regie: Christian Schwochow/Züli Aladag/Florian Cossen

(Die folgenden Kurzbesprechungen zu den drei Filmen der Reihe Mitten in Deutschland: NSU wurden vorab auf letterboxd veröffentlicht.)


DIE TÄTER - HEUTE IST NICHT ALLE TAGE

Der erste von drei Filmen über den rechtsextremen Terror, der 2011 als sogenannter „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) bekannt wurde, ist gleich ein großer Griff ins Leere. Angefangen mit der fragwürdigen formalen Entscheidung, den Reigen mit den Tätern zu beginnen, bietet der Film darüber hinaus nicht viel mehr als das übliche rechte Gruselkino á la „Kriegerin“. Eine fahrige Wackelkamera soll Authenzität vermitteln, wenn das Nazitrio Stichworte abfeuert, sich immer wieder von völkischer Musik aufgeilen lässt oder – daran haben Neonazifilme augenscheinlich ein besonderes Interesse – unfotogenen Sex hat. Dabei ist der Film gar nicht an irgendetwas jenseits des altbekannten interessiert. Da er gleich zu Beginn klar macht, sich sehr viel mehr als Spielfilm denn als dokumentarisch angehauchte Aufarbeitung zu verstehen, erzählt er spekulatives über das arme, schlichte, verführte Mädchen Beate Zschäpe, die in den Wirren der Wendezeit an die falschen Typen gerät und eigentlich mal eher politisch links zu verorten war. Da Zschäpe, wie es sich für eine 08/15-Dramaturgie gehört, als menschlicher Ankerpunkt für den Zuschauer fungiert, redet der Film, bei aller Drastik einzelner Szenen (episodenhaft werden Mütter mit Babys bedroht, Fußgelenke gebrochen und Zähne ausgeschlagen), rechte Gesinnung ein Stück weit klein - die beiden dumpfen Uwes als die Verführer.

Der Film mag ja laut Aussagen von Szeneaussteigern den Weg ins rechtsextreme Milieu recht akkurat darstellen, aber eben weil der Film so sehr Spielfilm ist, oft geradezu in den Darstellungen angespannter Körper schwelgt, offenbart er auch, dass seine Zeit noch nicht gekommen ist. Wer exemplarisch den Weg in eine mörderische, rassistische Gesellschaft zeigen will, der wäre hier mit einem gänzlich fiktiven Werk wohl besser aufgehoben. So werden Vermutungen und Spekulationen, die eigentlich erst im noch laufenden Verfahren gegen Zschäpe aufgearbeitet werden sollen, durch die Macht des Films zu Wahrheiten. Die Täter – Heute ist nicht alle Tage spielt damit auch der Überlebenden des Trios in die Hände, die sich den medialen Sexismus ja schon zunutze machte und sich selbst als „armes Frauchen“ stilisierte. Die richtig Schlimmen, dass sind immer die Anderen. Der Film ist, obwohl die öffentlich-rechtlichen Sender auch schon differenzierte Dokus zu dem Thema produziert haben, ein Zugeständnis an ein unterstelltes Zuschauerinteresse, dass Geschichte nur in fiktionalisierter Form goutieren kann und will. Quintessenz: der NSU ist (noch) in Dokumentationen besser aufgehoben, Rechtsextremismus im Film sollte sich von der Legitimation durch derartige reale Ereignisse ein Stück weit emanzipieren – Strukturen und Mechanismen lassen sich genauso gut offenlegen, wenn man sich nicht aus einem wie auch immer gearteten Realitätsanspruchs der Namen realer Täter bedient.
So gibt es in „Die Täter“ denn auch lediglich eine Sequenz, die auf eine Kraft hindeutet, die ihm durch solch eine Loslösung hätte gegeben werden können: als im Fernsehen über die Einschränkung des Asylrechts von staatlicher Seite gesprochen wird, sind die Neonazis begeistert: „Genau unsere Worte!“ Zu Zeiten, in denen Rechtspopulisten und Rechtsextreme in ganz Europa einen ungesunden Zulauf erleben, hätte ein Film mit diesem Sujet durch solche Szenen mehr erreichen können als durch das episodische Abspielen von widerwärtigen Taten, ausgeübt von widerwärtigen Menschen.





DIE OPFER – VERGESST MICH NICHT

Der zweite Teil der Trilogie Mitten in Deutschland: NSU über die Gräueltaten des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ ist eine einzige Entschuldigung für den fehlenden Fokus des ersten Teils über die Täter, schon allein weil er die lange Zeit marginalisierte und kriminalisierte Seite der Opfer erzählt. Mit einer beängstigenden Beiläufigkeit fallen Urteile wie „Aufenthalt in den Niederlanden = Drogenhandel“ oder Nebensätze wie „Ohne Hakenkreuze keine Nazis“, die eine rassistisch geprägte Engstirnigkeit der Behörden offenbart, die das dadurch verursachte Leid der Familien mit einer für einen ARD-Film doch beachtliche Intensität erfahrbar macht. Die Opfer macht wütend, so einfach ist es.
Exemplarisch an der Familie des ersten Mordopfers, des Blumenhändlers Enver Simsek, erzählt, schildert der Film lange Jahre der Verdächtigungen, Anschuldigungen, geradezu monströsen Manipulationsversuchen und einem nie plakativ werdenden Abfall vom Glauben an die deutschen Behörden. Die am Ende geäußerte Entschuldigung eines gegen Windmühlen kämpfenden Mitarbeiters wirkt an diesem Punkt wie ein denkbar schwacher Trost. Es ist ein Kampf Davids gegen Goliath, obwohl Goliath doch eigentlich zum Schutz dieses Davids da sein sollte.

Filmisch mitunter auch etwas zu sehr auf eine pseudo-authentische Wackelkamera setzend und an einer entscheidenden Stelle eine unpassenden Schnitt setzend (vgl. Blood Diamond) inszeniert Regisseur Züli Aladag aber insgesamt konzentriert, emotional ohne ins melodramatische abzudriften und weiß vor allem seine engagierten Darsteller gut in Szene zu setzen. Vor allem Almila Bagriacik ist großartig in ihrem ewigen Wechsel – mal spaßige Schwester, mal emotionaler Punchingbag für die Mutter, mal großartig selbstbewusst („Sprechen Sie deutsch?“ – Natürlich. Sie auch?“), mal so am Rande des Zusammenbruchs, als wäre der Zuschauer mit ihr in einem Raum, inmitten der Situation.

Die Opfer ist ein hervorragender Film, der das Spielfilmformat auch sehr viel sinnvoller zu nutzen weiß als Die Täter. Während der eine nichts über die Mechanismen des Hasses erzählen kann, erzählt der andere alles über die Mechanismen der Trauer und des Verlustes. Es ist ein respektvoller Film (erwähnenswert ist auch, dass er nicht alle Passagen in türkischer Sprache untertitelt – Familienalltag ähnelt sich doch überall frappierend und bedarf keiner Übersetzung), sehr viel besser als man erhoffen durfte. Er stellt den kalten Fakten und auch dem kalten Hass etwas entgegen, dass allzu oft in Geschrei, Hysterie und Angst untergeht: menschliche Empathie.





DIE ERMITTLER – NUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH

Als Abschluss der Spielfilmbearbeitung der NSU-Morde steht Die Ermittler, ähnlich wie die involvierten Protagonisten, zwischen den Stühlen. Er ist nicht so nichtssagend wie Die Täter, aber auch bei weitem nicht so involvierend wie Die Opfer. Er besitzt die der Thematik angemessene Konzentration, verfängt sich aber filmisch immer wieder in allzu plakative Stilgriffe, dem „provozierenden“ Blickes Beate Zschäpes direkt in die Kamera von Die Täter nicht unähnlich. Dialoge wirken hölzern, die Verknüpfung mit lyrischem Kulturgut arg bemüht, die dramaturgische Entscheidung, einen Teil des Films quasi in einem „exposition dialogue“ Revue passieren zu lassen, holprig.
Von großer Schlagkraft ist aber auch hier die Beiläufigkeit, mit der Ungeheuerlichkeiten illustriert werden: der Tatort, der willentlich so rüde behandelt wird, dass er zu nichts mehr zu gebrauchen ist, die Vernichtung von Akten in trostlosen Kellerräumen, die Verbindung von Staatsschutz und Neonazis. Vieles wirkt zwar wie eine Degeto-Version eines Agententhrillers, eine filmische Entsprechung einer Fleißarbeit, der die persönliche Nähe von Die Opfer abgeht, doch wenn am Ende ein Zeuge auf mysteriöse Weise stirbt weist der Film auch darauf hin, dass er zum jetzigen Zeitpunkt wohl nur der fragmentarischste Beitrag zur Trilogie sein kann.
Hass ist ebenso real wie Trauer, das kolossale Versagen der Behörden dürfte durch eine geschickte Verschleierungstaktik wohl noch lange auf eine vollständige Aufarbeitung warten müssen – wenn sie denn jemals gänzlich zu Ende geführt werden kann.
Die Ermittler ist trotz der Brisanz seines Sujets, trotz Ausbrüchen von Nazigewalt und einigen Einstellungen, die einen gewissen Kunstwillen erkennen lassen (der Ausflug in die Welt von Eyes Wide Shut muss dennoch als nicht gänzlich gelungen bewertet werden), der nüchternste Film der Reihe. Zwischen den anderen Teilen, zwischen völkischem Gruselkabinett und menschlicher Aufrichtigkeit, versucht er sich an einer Objektivität, die in ihrer Gänze einerseits durch das laufende Verfahren noch nicht hergestellt werden, zum anderen wohl erst danach einen Spielfilm dieses Kalibers entstehen lassen kann. Die Ermittler – Nur für den Dienstgebrauch ist ein Justizthriller, dessen Verhandlungspunkt gerade noch von der Justiz mühsam bearbeitet wird. Es wird spannend sein, ihn in vielleicht zehn, zwanzig Jahren noch einmal herauszukramen.





Abschließende Gedanken zur gesamten Trilogie: Gut gemeint und zumindest partiell gut gemacht. Am Ende erweist sich die Menschlichkeit als der stärkste Faktor in diesem Reigen, was eine zumindest etwas tröstliche Note hat. Züli Aladag hat den besten Film abgeliefert, Christian Schwochow den schwächsten. Das Nazi-Problem bleibt in Deutschland nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im Film bestehen, dafür marginalisiert man ausnahmsweise nicht die Opfer. Filmisch hätte alles noch schlimmer kommen können, doch das Gefühl bleibt, dass die Zeit noch nicht ganz reif ist, das Thema NSU sinnstiftend im Spielfilm zu behandeln. Ein interessanter, nur zu einem Drittel wirklich erfolgreicher Ansatz, der immerhin als Aufhänger für Diskussionen gut sein könnte.

Donnerstag, 18. Februar 2016

Entity - Es gibt kein Entrinnen vor dem Unsichtbaren, das uns verfolgt (1982)




ENTITY – ES GIBT KEIN ENTRINNEN VOR DEM UNSICHTBAREN, DAS UNS VERFOLGT
(The Entity)
USA 1982
Dt. Erstaufführung:20.01.1983
Regie: Sidney J. Furie

Die ständigen Querverweise im Internet und gerade in den Filmblogger-Kreisen können mitunter anstrengend sein. Da erweist sich die eine Sequenz aus jenen Film als eine Reminiszenz an jenen Film, den man noch nicht gesehen hat, oder dieser Film trägt viel DNA von diesem anderen Film in sich, der auch schon seit einer gefühlten Ewigkeit auf der Watchlist versauert. Im Gefühl, nie ganz alles von Belang übersehen zu können verkleinert sich besagte Liste denn auch eher in Gletschergeschwindigkeit. Doch manchmal stößt man so auch auf eine Perle an einem Ort, an dem man sie nie für möglich gehalten hätte. So gab der schnöde Wikipedia-Artikel zu dem Überraschungshit It Follows den Hinweis, die Verbindung Sex/Paranormale Aktivität sei bereits 1982 in dem wenig bekannten Film Entity (der monströse deutsche Untertitel wird hier ausschließlich oben bei den Basisdaten genannt) durchexerziert worden. Nun gut, wie empfehlenswert sollte schon ein Film sein, der auch als der versaute kleine Bruder von Steven Spielbergs/Tobe Hoopers Poltergeist durchgehen könnte? Die Antwort, um es im Neusprech des enervierenden Online-Clickbaitings zu formulieren, wird Sie überraschen.

Carla (Barbara Hershey) ist in ihren 30ern, alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Mädchen und einem pubertierenden Jungen und setzt alles daran, durch Weiterbildungsmaßnahmen einen besseren Job ergattern zu können. Der Stress lässt nie nach, doch Carla gibt ihr Bestes. Doch etwas in ihrem Haus ist ganz und gar nicht an ihrem Wohlergehen interessiert, im Gegenteil: eines Abends wird die junge Frau von einer unsichtbaren Gestalt angegriffen und vergewaltigt. Vollkommen verstört versucht sie, das Erlebte zu vergessen, doch die Entität lässt sie sehr bald durch eine erneute Vergewaltigung wissen, dass es eben nicht nur ein böser Traum war. Als sich die Situation immer weiter zuspitzt, die psychologische Beratung wirkungslos bleibt und das Wesen sogar beginnt, Carla vor ihren Kindern anzugreifen, gerät sie durch Zufall an ein Team von Parawissenschaftlern der örtlichen Universität, die sich ihres Falles annehmen. Ihr Plan: die bösartige Erscheinung mithilfe von flüssigem Helium in der Welt der Menschen zu bannen …

Entity beruht auf – bitte tief einatmen und aufseufzen – „realen Ereignissen“. Eine Doris Bither erlebte angeblich in den 1970er Jahren eine Heimsuchung durch mehrere Poltergeister, von denen sie einer auch wiederholt vergewaltigt haben soll. Ein Team von Wissenschaftlern versuchte denn auch wirklich, dem Spuk irgendwie habhaft zu werden. So soll sich die Filmszene, in der eine Silhouette inmitten eines Indoor-Gewitters mit grünen Blitzen erscheint, so ähnlich auch in der Realität zugetragen und zur Ohnmacht einer der wissenschaftlich Beteiligten geführt haben. Nun sollte man nicht außer Acht lassen, dass Bither starke Alkoholikerin war, in einem vollkommen verwahrlosten Haus lebte und die Beziehung zwischen ihr und ihren drei Söhnen von einer permanenten Atmosphäre der Aggression geprägt war. Ihr Filmpendant ist weitaus angenehmer und der paranormale Befall wird eher zu einem willkürlichen (und damit weitaus erschreckenderen) Phänomen als etwas, dass man küchenpsychologisch auch auf ganz andere Faktoren zurückführen könnte.

Dementsprechend gut man gut daran, Entity wie alle Filme dieser Art einfach als Gruselmär zu sehen, denn als solche funktioniert er zudem ausgezeichnet. Entity erschafft eine Atmosphäre der Angst, ein beinahe permanentes Unbehagen, bei dem man sich nie sicher sein kann, was als nächstes passieren könnte. Die Angriffe sind unendlich bösartige Attacken und Barbara Hershey macht mit ihrer engagierten Darbietung sowohl sie als auch Carlas Leben im ständigen Ausnahmezustand erfahrbar. Man spürt die Angst, die Erschöpfung, aber auch den Kampfgeist, sich nicht von dem Erlebten bis zum Äußeren vereinnahmen zu lassen. Im Kern ist Entity demnach auch ein feministischer Film: eine vergewaltigte Frau zwingt ihre Umwelt dazu, ihre Erfahrung anzuerkennen und lässt sich nicht mit den üblichen Plattitüden und Beschwichtigungen abspeisen. Der Aggressor mag außerweltlicher Natur sein, die Mechanismen, denen sich Carla nach ihrer Vergewaltigung ausgesetzt sieht, sind nur allzu weltlich. Diesen Kampf verkörpert Hershey mit Bravour, ebenso wie sie ohne Mühe zwischen Carlas gesellschaftlichen Rollen changiert. Es ist eine Figur, die weitaus komplexer daherkommt als beispielsweise die All-American-Family in Poltergeist.

Subtextlich reich beschenkt, glaubwürdig gespielt und atmosphärisch dicht inszeniert ist Entity auch im Hinblick auf die handwerkliche Qualität bemerkenswert. Es gibt Effekte in dem Film, die dem Zuschauer den Mund offenstehen lassen, mehr als einmal fragt man die altbekannte Frage „Wie haben die das bloß gemacht?“ (es ist eine rein rhetorische Frage, bitte nicht das Staunen durch nüchterne Fakten zerstören – ich weiß auch, dass die Antwort wahrscheinlich bemerkenswert einfacher Natur sein würde). Entity wirkt nie billig, weder von der Machart noch inhaltlich, obwohl sich die Prämisse auch zu einem hemmungslosen Exploitationfilm eignen würde. Doch alle Beteiligten nehmen ihr Sujet so ernst, dass Entity nie zur Lachnummer verkommt. Der Film mag unbekannt, ja fast vergessen, sein – es ist an der Zeit, Entity neu zu entdecken: als einen der besten, durchdachtesten und spannendsten Filme seiner Zunft.





Mittwoch, 6. Mai 2015

Ex Machina (2015)




EX MACHINA
Großbritannien 2015
Dt. Erstaufführung: 23.04.2015
Regie: Alex Garland

ACHTUNG! Diese Besprechung enthält Spoiler!
Der Mensch setzt sich gern in Relation. Lange Zeit war dies auf die biologische Welt beschränkt und von einem spezieistischen Absolutismus geprägt: der Mensch sah sich den anderen Tieren grundsätzlich und unumstößlich überlegen. So sehr dieser lange als Wahrheit angesehene Umstand durch die Erkenntnisse der Verhaltens- und Kognitionsforschung immer mehr in Frage gestellt wird, fordert die weiterlaufende Technikevolution eine Auseinandersetzung mit einer ähnlichen Prämisse: was, wenn der Mensch irgendwann einmal Maschinen erschafft, die ihm überlegen sind, die die Biologie obsolet machen? Die Transhumanisten beispielsweise fordern geradezu eine Verschmelzung von Mensch und Maschine, einerseits, um uns nicht überflüssig zu machen, andererseits, weil für sie die Vorteile die Nachteile überwiegen. In Zeiten von Abhörskandalen ist die Vorstellung einer auch in ihrem, im wahrsten Sinne, Innersten vernetzten Menschheit zwar mehr als fragwürdig, die Fragestellungen, die daraus erwachsen, sind allerdings unbestreitbar potent. Das Regiedebüt von Autor Alex Garland (28 Days Later, The Beach) stellt die Fragen nach der Relation der Existenzen auf eine bemerkenswerte Weise, indem es die Hochglanzoptik und die technische Virtuosität eines gängigen Mainstreamfilms mit einer Sensibilität für das Thema verknüpft, die, gerade im Hinblick auf jüngste Maschinenintelligenzfilme wie Chappie und Transendence, über die erste Ebene hinausgeht. Dramaturgisch hat Ex Machina mit ein paar Schwächen zu kämpfen, doch es ist endlich wieder ein Science-Fiction-Film mit größerer Reichweite, der sein Publikum als mitdenkende Erwachsene ernst nimmt.

Der junge Programmierer Caleb (Domhnall Gleeson) erhält die Chance, seinen Vorgesetzten Nathan (Oscar Isaac), den exzentrischen Erfinder der führenden Internetsuchmaschine, kennenzulernen und besucht ihn in seinem hochtechnisierten Anwesen inmitten der (norwegischen) Wildnis. Dort erfährt Caleb den Grund seines Besuchs: er soll die von Nathan entwickelte künstliche Intelligenz testen, die im verführerischen Körper von Ava (Alicia Vikander) schlummert. Es ist die altbekannte Frage, ob Ava wirklich Intelligenz besitzt oder nur sehr, sehr gut programmiert ist. Während Caleb in therapieartigen Sitzungen dieser Frage nachgeht, wird er immer mehr mit Nathans Machenschaften im Hintergrund als auch der schieren Tragweite seiner Aufgabe konfrontiert.

Ex Machina ist ein intelligenter Film über Intelligenz, der nie den Fehler begeht, all seine Karten offen zu legen. Es gibt einige haarsträubende Drehbuchkniffe, die verpuffen [sollte es wirklich eine Überraschung sein, dass Kyoko (Sonoya Mizuno) auch ein Roboter ist? Dies und der Sklavereiaspekt waren doch von ihrem ersten Auftritt an klar], auch um Nathans wenig vertrauenswürdiges Wesen wird keinerlei Hehl gemacht, aber der Kern – Avas Intelligenz – wird nie in all ihren Facetten offenbart. So bleibt es letztlich offen, ob sie durch Algorithmen gesteuert wird, die dank ihrer Programmierung einige Variablen selbst berechnen oder genuin eigenständige, von ihrer maschinellen Existenz losgelöste Entscheidungen trifft. Dies führt zwangsläufig zu einem Diskurs über das menschliche Wesen, ob nicht auch wir nur Produkte einer biologischen Programmierung sind, die uns nur scheinbar eine Wahl lassen. Ist Nathans Alkoholsucht nicht auch nur ein Ergebnis eines „Bugs“ in seinem Kopf, eine Struktur, ein chemisches Ungleichgewicht, das ihn zwingt zur Flasche zu greifen und ihm das „Ich kann jederzeit aufhören, wenn ich will“-Mär nur vorgaukelt? Und kann Caleb überhaupt anders, als etwas für Ava zu empfinden, wenn sie nach seinen sexuellen Vorlieben gestaltet ist? Lässt der Roboter so nicht die aus Hormonen und Botenstoffen zusammengewürfelte Programmierung der Menschen deutlich hervortreten, wird so zum einzig rationalen Wesen im Haus? Doch kann etwas, dass von Menschen geschaffen wurde, überhaupt rational sein, zumal Ava, Kyoko und die anderen Androiden doch in erster Linie das Produkt eines misogynen Sexbesessenen sind? Die Roboter in Ex Machina verdanken ihre Existenz nicht einem kanalisierten Forscherdrang, eines Ausloten der technischen Möglichkeiten, sondern dem unverhohlenen Drang Nathans, sich willentliche Sexsklaven zu erschaffen. Von wegen schöne neue Welt, dem technischen Wunder liegt der heterosexuelle männliche Wunsch nach einer möglichst perfekten Liebhaberin zugrunde. Nicht von ungefähr ist Nathan ein Internet-Mogul, schildert sich darin doch nicht nur die Verfügbarkeit der Daten, sondern auch die Verfügbarkeit der Körper. Es gibt immer noch etwas Besseres, nur einen Mausklick entfernt. Dieses Heilsversprechen des Onlinedatings findet so Entsprechung in der Schaffung von Wesen, die ein Konglomerat aus all den personenbezogenen Daten darstellen, die mehr oder minder freiwillig im Internet preisgegeben werden. All die scheinbar stets verfügbaren Traumpartner, zusammengezogen in einem einzelnen, künstlichen Körper, der zudem dank Software stets sexuell zu Diensten sein kann – Ex Machina ist neben der Science-Fiction-Story auch eine radikale, süffisante und zudem beängstigende Satire auf die Welt von „Big Data“ und der gläsernen Bürger.

So ist es sicherlich als besonders augenzwinkernder Kommentar Garlands zu verstehen, wenn sich die Illusion von reuefreier Versklavung letztlich gegen ihre Erschaffer und Nutznießer wendet. Es gibt nichts umsonst, weder soziale Netzwerke noch Roboter, die eher zufällig in ihrer Evolution voranschreiten. Nicht ohne Grund hat Nathan relativ wenig Interesse an der Erforschung der Intelligenz als vielmehr an Vorträgen über künstliche Vaginas.
So bietet Ex Machina auf inhaltlicher Ebene ein ganzes Füllhorn an Diskussionsgrundlagen, und auch auf der rein technischen Ebene wird der Zuschauer nicht enttäuscht. Während im Kino nebenan der Effektregen eines Avengers – Age of Ultron niedergeht, zeigt Garland, zu welch erstaunlichen Bildern zurückhaltende visuelle Bonmots fähig sind, vor allem aber, weil Alicia Vikander nicht hinter den Effekten, die sie in ein Halbwesen verwandeln, zurückstecken muss. Der Computer unterstützt hier den Charakter, den Vikander superb erschafft, anstatt ihn zu dominieren. Überhaupt sind die Schauspieler großartig und erschaffen glaubwürdige, nachvollziehbare Charaktere jenseits reiner Stichwortgeber. Hinzu kommt eine subtil aufgebaute Spannung, die von dem atonalen Soundtrack unterstützt wird, das hervorragende Produktionsdesign und, in den wenigen Außenaufnahmen, auch ein Gespür für die Phänomene der natürlichen Welt, das an Akira Kurosawa und Die sieben Samurai erinnert. Wenn der Wind durch die Gräser streicht, spürt man ihn unwillkürlich auf der Haut und erinnert sich schnell daran, wie sehr die Realität doch sonst im Genrekino exkludiert wird.

Ex Machina ist das beeindruckende Regiedebüt eines talentierten Erzählers, eine sorgfältig konstruierte Geschichte über das technisch machbare und die unvorhergesehenen Wege, die eine Entwicklung manchmal einschlagen kann. Vor allem aber gibt Garland der filmischen Repräsentation künstlicher Intelligenz eine Autonomie zurück, die überrascht und wirft so einen Diskurs in Gang, an dem man sich nur allzu gerne beteiligt. Denn Ex Machina nimmt Intelligenz, egal ob künstlich oder nicht, ernst und schon allein deshalb gebührt ihm Respekt.





Montag, 2. März 2015

Enemy (2014)




ENEMY
Kanada/Spanien 2014
Regie: Denis Villeneuve
Dt. Erstaufführung: 22.05.2014

Denis Villeneuve darf sich wohl inzwischen Liebling der Kritiker nennen. Nach dem massiv gefeierten Prisoners, einer um einen religiösen Aspekt erweiterten Pseudo-US-Version des dänischen Die Jagd konnte auch Enemy, der eigentlich vor dem erzählerisch konventionelleren Prisoners entstand, einiges an Lob auf sich ziehen. Ob es die Nachwehen von Prisoners waren und wie die Reaktion ausgefallen wäre, wenn die Filme in „korrekter“ Reihenfolge erschienen wären, muss dem Reich der Spekulationen überlassen werden. Schließlich darf man auch Kritiker nicht eine gewisse Generosität absprechen, wenn sie einen Regisseur erst einmal in ihr Herz geschlossen haben. Denn so sehr sich Enemy auch bemüht, er ist ein etwas zu offensichtlicher David Lynch-Abklatsch, ein zu sehr auf dann doch recht einfach zu entschlüsselnde Mindfuck-Momente ausgelegter Film, der durch die Dechiffrierung paradoxerweise nicht gewinnt, sonder abbaut.

Der in seinem Alltagstrott gefangene Uniprofessor Adam (Jake Gyllenhaal) entdeckt in einem Film, der ihm empfohlen wurde, sein perfektes Ebenbild in einer kleinen Nebenrolle. Dies wirft ihn völlig aus der Bahn, er beginnt, Nachforschungen anzustellen und forciert schließlich sogar ein Treffen mit dem wenig erfolgreichen Mimen Anthony (ebenfalls Gyllenhaal). Dieser entpuppt sich als unberechenbar und mit dem gegenseitigen Wissen um die Existenz des jeweils anderen entspinnt sich ein Psychospielchen, in dem die Wahrhaftigkeit der Realität immer wieder hinterfragt und auf den Kopf gestellt wird.

Enemy ist einer dieser Filme, der für jeden Zuschauer eine eigene Interpretation bereit hält. Darum ist auch die folgende nicht in  Stein gemeißelt, orientiert sich aber an der Aussage Villeneuves, es ginge in seinem Film um einen bald zum Vater werdenden Ehebrecher. Folgt man diesem Ansatz, entschlüsselt sich die Handlung wie folgt: Anthony, der Schauspieler, ist der eigentliche Protagonist, Adam nur seine „sanfte Seite“, die sich, entgegen seiner wahren Natur, über die Schwangerschaft seiner Frau zu freuen imstande ist. Beide Pole umkreisen sich, testen die Grenzen aus, müssen eine Art Ko-Existenz finden. Der Film ist also nicht Abbild einer filmisch aufbereiteten Realität, sondern mehr Illustration des Unterbewusstseins von Gyllenhaals getriebenen Charakters.

Was sich so als durchaus interessantes Gedankenspiel liest, wird unter dem Vorzeichen Villeneuves zu einer recht unangenehmen Sache, weil der Protagonist schlussendlich vor allem als eins dasteht: als wankelmütiger Beziehungsphobiker, der eine Frau schwängert, mit der anderen eine freudlose Affäre hat und insgesamt recht ziellos durchs Leben wandert. Anthony ist im Grunde ein ähnlich schwer zu ertragender Charakter wie die Hipster in Frances Ha. Natürlich liegt auch in der Verleumdung der intellektuellen-sanften Seite, denn nichts anderes ist Adam, eine gehörige Portion Tragik, aber letztlich ist Enemy die Geschichte eines – pardon – Idioten, dem eine gewisse misogyne Seite nicht abgesprochen werden kann. Dass Villeneuve diesen latenten Hass Frauen gegenüber auch mit der Gleichsetzung von Weiblichkeit und Insekten und Spinnentieren bebildert, verbessert den Eindruck nicht. Die Mutter als riesige Spinne, die haushoch über Adams/Anthonys gesamter Welt wandelt, das Ende, dass, obgleich für sich genommen ein grandioser Moment, andeutet, dass die Wandlung der Hauptfigur nur temporärer Natur sein wird, weil die alte Angst vor Frauen und ihrer Gebärfähigkeit wieder zum Vorschein kommt. Ein Mann hat Angst vor Frauen und vor der Verantwortung, die die Vaterschaft mit sich bringt – mehr hat Enemy nicht zu erzählen und er interessiert sich auch nicht für irgendwie geartete menschliche Lösungsansätze. Am Ende hat „unser Held“ immer noch irrationale Furcht, nichts ist gewonnen. Natürlich muss nicht immer alles in Wohlgefallen enden, aber Enemy tritt auf penetrante Weise auf der Stelle.

Doch hat diese Interpretation einen Sinn? Freunde des Films werden dies selbstredend sofort verneinen, aber auch sonst ist der Film derartig offen gestaltet, dass er mehrere Lösungen bereithält. Dieses sich absolut auf nichts festlegen wollen kann man nun gleichermaßen als genial wie plakativ empfinden. Macht was ihr wollt, es ist mir egal, wahrscheinlich stimmt alles. Dies zeigt sich schon darin, dass Villeneuve seiner Geschichte gar keinen Anker in der Realität geben will. Die Stadt ist meistens menschenleer, Figuren verhalten sich möglichst weit von jeder normalen Reaktion entfernt – schlich sich bei Hitchcock die Ebene hinter dem Offensichtlichen gern langsam in den Vordergrund ist bei Enemy von vornherein klar – hier ist alles seltsam. Viel zu oft drängt sich der Eindruck auf, Villeneuve drehe diesen Film nur wegen des Effekts, den Mindfuck um des Mindfucks Willen.

Also eine gänzlich gescheiterte Angelegenheit? Nein. Handwerklich ist der Film ein Paradebeispiel mit kafkaesken Bildern, hervorragenden Effekten, die behutsam eingesetzt werden (offiziell ist Enemy ein Thriller, bietet aber genügend Alptraumbilder wie ein zünftiger Horrorfilm) und einer durchaus involvierenden Atmosphäre. Auch wenn man enttäuscht wird, man wollte dennoch stets wissen, wohin die Reise geht. Die Schauspieler geben ihr Bestes, um gegen das aufgesetzte Drehbuch anzukommen.
Enemy ist, was der Zuschauer daraus macht. Das gilt zwar für alle Filme, aber in diesem Fall besonders. Was für den einen (wie mich) ein misogynes, fragwürdiges Kuriosum ist, ist für den anderen vielleicht eine komplett stimmige Auseinandersetzung mit (männlichen) Ängsten. Oder etwas ganz anderes.