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Freitag, 16. Oktober 2015

Chillerama (2011)




CHILLERAMA
USA 2011
Dt. Erstaufführung: 11.04.2013 (DVD-Premiere)
Regie: Adam Green, Joe Lynch, Bear McCreary, Adam Rifkin & Tim Sullivan

Ziemlich zum Beginn von Chillerama gibt es eine Szene, in der sich der alternde Filmvorführer Cecil Kaufman (Richard Riehle) zu einem Poster von Orson Welles lehnt und ihm sein Leid über die moderne Medienwelt klagt, in der der nicht digital aufgemotzte Film und auch das Kino als der Ort des Filmgenusses zunehmend an Bedeutung verlieren. Es ist ein bittersüßer Monolog und Chillerama will, nicht zuletzt durch seine Tagline („The ultimate Midnight-Movie.“), genau dieses Gefühl zurück bringen – eine Wertschätzung des Films, auch und gerade des Trashs, und seiner Kultstätten, in diesem Fall sowohl das Autokino als auch das „normale“ Kino mit Sonderprogrammierung. Es ist ein schönes Unterfangen, auch wenn es letztlich die Sinnfrage provoziert. Denn Chillerama ist ein Anthologiefilm, der in diversen Episoden den Horror- und Monsterfilm der 1950er bis 1980er parodiert, dabei die Vorbilder um ihre Doppeldeutigkeit beraubt und mit mehr Sex und Gewalt anreichert, als diese jemals besaßen. Codes werden plakativ, der ehrliche Trash wird zum Kalkül, zur „ironischen“ Kommentierung. Gelobt sei das Kino, dass die originalen B-Movies der Ären wieder heraus kramt, denn Chillerama ist, bei allen gelungenen Details, nur ein billiger Abklatsch, dessen Unterhaltungswert innerhalb der zwei Stunden (!) Laufzeit doch deutlich nach unten sinkt.

Eingebettet in eine Rahmenhandlung in einem Autokino, dass irgendwann von sexgierigen Zombies überrannt wird, welche die Menschen zu Tode kopulieren, werden in Chillerama drei Kurzfilme gezeigt. In einem führt eine Behandlung eines Mannes mit niedriger Spermienzahl zu einem immer weiter wachsenden Riesenspermium, dass irgendwann New York City bedroht. In Nummer Zwei wird ein Teenager bei einem Ringkampf in den Hintern gebissen und verwandelt sich so in einen homosexuellen Werbär, während in Geschichte Drei ein von den Nazis erweckter Golem Amok läuft.
Es bedarf keiner tieferen Analyse, um zu erkennen, dass es sich hier um Schrott allererster Güte handelt. Die Vorbilder sind schnell erkannt: der US-Monsterfilm der 1950er Jahre, The Lost Boys und die Naziploitation-Filme mit einem Schuss Das Ding aus einer anderen Welt anno 1951, während die Rahmenhandlung deutliche Anleihen an George A. Romeros Zombie macht. Clever ist dabei allenfalls das Spiel mit den vielfach lesbaren Codes speziell aus der 80er-Vampirstory The Lost Boys, die in I Was A Teenage Werebear eine diesmal deutlich ausformulierte Richtung bekommen. Beim Riesenspermium denkt man eher an Woody Allens Sexfilm-Parodie Was Sie schon immer über Sex wissen wollten (aber nicht zu fragen wagten), die Wadzilla eigentlich bereits alles sagend vorweg genommen hatte, während das Interesse bei The Diary of Anne Frankenstein bereist deutlich erlahmt, auch weil die Geschichte denkbar uninteressant erzählt wird. Hitler allein reicht eben nicht. Was der Blödsinn mit den sexhungrigen Zombies soll, weiß dann am Ende auch niemand.

Chillerama ist ein Fall von „trying to hard“. Seine Bestrebungen, möglichst viel unterzubringen kulminieren schlussendlich nur in eine Orgie der Belanglosigkeit. Es ist das generelle Problem mit der Inszenierung modernen Trashs mit den Mitteln des Vergangenheit: man beruft sich auf vermeintliche Darstellungsstandards und filtert sie durch die Augen des übersättigten „modernen“ Kinogängers. Was dabei herauskommt verweist zwar auf die Vorbilder, wird aber durch das „Mehr!“-Denken zu einem Zerrbild, zu einem Film, der den Trash nur an seinen Darstellungen festmacht, die ach so provokativ und albern sind. Dabei verkennt er, dass diese Art Filme nicht auf Zuruf entstanden sind – außer den Trash-Parodisten will ja niemand absichtlich einen schlechten und/oder unfreiwillig komischen Film drehen. Es ist vielmehr eine schräge Kombination aus Unvermögen, unglücklichen Umständen gepaart mit Herzblut, die solche Filme entstehen lassen. Wohl auch deshalb ist es so schwierig, in der modernen, durchgestylten Filmwelt ein Werk zu drehen, das man getrost als Trash bezeichnen kann – und nicht einfach nur als schlechten Film. Der sympathische Low-Budget-Abenteuerfilm Coronado ist so ein Beispiel – tongue-in-cheek, aber sehr wohl darauf bedacht, auch einen irgendwie ansehnlichen Film abzuliefern. Oder der Gagtrailer des deutschen Regisseurs Mathias Dinter, der den Monsterfilm der 50er in The Attack of the Incredible, Blood-Sucking, Radioactive Garbadge Monster From the Deep Part 2 in knapp drei Minuten vielsagender auf die Schippe nimmt als das Regisseur-Konvolut hier in 120 Minuten.

Chillerama ist ein kruder Film, sehr von seiner eigenen (behaupteten) Cleverness eingenommen, sporadisch witzig, visuell stellenweise durchaus einfallsreich, manchmal sogar treffsicher, im Großen und Ganzen aber zu lang und zu fahrig inszeniert. Wieder einmal zeigt es sich die gewisse Sinnlosigkeit dieser plakativen Trash-Reinszenierung (diese Besprechung entstand 2015, dem Jahr, in der das Netz in Anbetracht des ähnlich ermüdenden Kurzfilms Kung Fury in Begeisterungsstürme ausbrach). Man kann den Machern kaum Unkenntnis der Materie vorwerfen, wohl aber eine nicht von der Hand zu weisende Unschlüssigkeit, wie damit umgegangen werden sollte. Trash wirkt eben dann am besten, wenn man ihn nicht (durchgängig) ironisch versteht, sondern mit dem nötigen Ernst – so paradox das auch klingen mag.




Dienstag, 10. März 2015

Chappie (2015)




CHAPPIE
USA/Mexiko/Südafrika 2015
Regie: Neill Blomkamp
Dt. Erstaufführung: 05.03.2015

Der südafrikanische Regisseur Neill Blomkamp ist in gewisser Weise ein Pendant zum US-Amerikaner J.J. Abrams, indem er sich munter aus dem Fundus der genrespezifischen Popkultur der letzten Jahrzehnte bedient und sie neu zusammensetzt: ein Mash-Up-Regisseur, sozusagen. Doch während Abrams sich weitestgehend auf bloße Hommagen und eklatante Missachtung des Ausgangsmaterials konzentriert (Star Trek – Into Darkness ist immer noch in schlechter Erinnerung und den neuen Star Wars-Ausgaben kann man unter diesen Vorzeichen auch nicht sonderlich unbelastet entgegensehen), versucht Blomkamp wenigstens, seiner Zitatmaschinerie einen eigenen Anstrich zu verleihen. Sein Spielfilmdebüt District 9 war ein wilder Trip, der soziale Allegorie, Buddymovie, Thriller und Science-fiction-Action auf furiose Weise mischte, mit Anleihen an Alien Nation und RoboCop, das alles in einem interessanten visuellen Gewand. Letzteres wurde für den Nachfolger Elysium beibehalten, der Film selbst kam allerdings nicht so gut davon wie sein Vorgänger. Inzwischen hat sich selbst Blomkamp selbst eingestanden, dass er mit Elysium nicht den großen Wurf gelandet hatte, den er wohl im Sinn hatte. Nun stellt sich die bange Frage: kann Chappie das Ruder herumreißen? Es sei gesagt: Blomkamps dritter Film ist besser als Elysium, aber von District 9 weit entfernt. Zumal sich das Plündern des Genrefundus diesmal sehr viel deutlicher in den Vordergrund schiebt: Chappie ist eine nach Südafrika verpflanzte Version von (wieder einmal) RoboCop, dessen unterschätztes Remake noch gar nicht so lange her ist. Ähnlich wie dieses erzählt auch Chappie einiges über die Zeit, aus der er stammt und könnte in einigen Jahrzehnten wohlwollender aufgenommen werden als zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung. Denn hinter der manchmal etwas holprigen Narrative stellt Chappie erstaunlich viele Fragen, die vom Zuschauer auch eigenständig beantwortet werden wollen.
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In einer alternativen Realität hat die Polizei von Johannisburg als erste der Welt Roboterpolizisten, sogenannte Scouts im Einsatz, als unfehlbar und unbestechlich geltende Maschinen ohne künstliche Intelligenz, wohl aber einsetzbar als schier unzerstörbare Schutzschilde für menschliche Gesetzeshüter. Entwickelt wurden sie vom jungen Computergenie Deon (Dev Patel), der sich insgeheim aber an die Entwicklung von echter künstlicher Intelligenz gemacht hat, quasi der menschliche Geist mit all seinen Fähigkeiten verpackt in eine Computerdatei. Als das Experiment gelingt, entwendet er einen im Kampf schwer beschädigten Scout, um an ihm seine Entdeckung zu testen, wird aber auf dem Heimweg von zwei Kleinkriminellen (Ninja & Yo-landi, Rapper der südafrikanischen Band Die Antwoort) entführt, die glauben, er hätte die Macht, alle Scouts auf einmal abzustellen, um ihnen so einen großen Raubzug zu ermöglichen. Doch es kommt so, wie es kommen muss: Deon aktiviert den Scout mitsamt künstlicher Intelligenz und die Gangster sehen ihre Chance, mit dessen Hilfe noch viel größere Coups landen zu können. Doch der sehr schnell Chappie getaufte Roboter hat zunächst das Bewusstsein eines Kleinkindes und muss erst einen (beschleunigten) Lernprozess durchlaufen. Dabei gerät er in einen Konflikt zwischen den bald als Familie angesehenen Gangster und ihren Werten und jenen, die Deon von ihm verlangt. Und dann wäre da noch Vincent (Hugh Jackman), einer von Deons Kollegen und Erfinder eines ungleich klobigeren Robotersystems, dem die Vorstellung von künstlicher Intelligenz so zuwider ist, dass er alles daran setzt, Chappie zu vernichten…

Als Film über die Menschwerdung einer Maschine, über den Unterschied zwischen Emotionalität und Rationalität, über die Diskrepanz zwischen technisch machbaren und der ethischen Vertretbarkeit ist Chappie überfordert, aber er hat zumindest den Mut, hinter dem Spektakel dem Zuschauer die Fragen danach ans Herz zu legen. Das Blomkamp ein Verfechter einer Ethik, ja eines Humanismus ist, der über den Menschen hinausgeht, wurde bereits in District 9 deutlich. Egal ob Alien oder Roboter – Bewusstsein verpflichtet. Chappie lässt dabei auch einige der metaphysischen Fragen nicht außer Acht, die bei solch einem Stoff unweigerlich aufkommen. So ist der religiöse Part, die Gott-Frage, auch das potenteste Element des ganzen Films. Selbstredend ist Jackmans Part als Antagonist plakativ angelegt, wenn er Chappie auch aus dem Grund ablehnt, weil er nicht in sein Menschen- und damit Gottesbild passt. Vincent bekreuzigt sich gern, nennt den Roboter-Protagonisten gottlos – es ist nicht schwer, darin einen fundamentalen Konflikt zu sehen, der sich auch in der Konstellation Deon/Chappie fortsetzt und dabei einige Probleme der transhumanistischen Ethik überraschend deutlich anspricht. Chappies Körper ist fehlerhaft, seine Batterie kann weder entfernt noch aufgeladen werden, er ist dazu verdammt, innerhalb weniger Tage wieder dahinzuscheiden. Deon, der in dieser Sache durchaus ambivalent dargestellt wird, hat als Schöpfer, als Gott, keine Antwort auf die Frage nach dem Warum: Warum erschafft er Leben, wenn es doch nur dazu verdammt ist, zu sterben? Daran schließt sich ein ganzer Rattenschwanz an Fragen an, z.B. danach, ob, nur weil etwas möglich ist, man es auch tun sollte und wie sich der Mensch im Angesicht von eigenhändig erschaffender Intelligenz überhaupt definieren soll. Das Ende, unter anderen Gesichtspunkten sicherlich nicht ohne Probleme, kann denn auch als Aufruf verstanden werden, die Götter wieder auf die eigene Ebene zurückzuholen. Above us only sky.

Chappie ist ein plakativer Film, keine Frage. Subtilität ist nicht gerade seine Stärke und dennoch funktioniert das Ganze doch erstaunlich gut, trotz einer ganzen Palette an geradezu dreisten Ungereimtheiten (die bloße Darstellung der Erschaffung künstlicher Intelligenz beispielsweise, die Tatsache, dass die Roboterfirma das mieseste Sicherheitssystem der Welt hat oder auch, dass Deon Chappie einfach den Gangstern überlässt und unbehelligt nach Hause fährt – weil die Gang es ihm so gesagt hat). Doch ähnlich wie der sich nach den Anforderungen der Sequenz verändernde Stil in District 9 stört dies kaum den Handlungsfluss. Blomkamp weiß, wie er Geschichten am Laufen halten kann, selbst Elysium konnte noch von dieser Fertigkeit profitieren. Hinzu kommen die einmal mehr grandiosen Effekte, die in keiner Sekunde Zweifel daran aufkommen lassen, dass Chappie und die menschlichen Akteure wirklich zusammen am Set zugegen waren.

Chappie ist eine Art guilty pleasure-Film, ein Werk, von dem man weiß, dass es sich an allen möglichen Töpfen bedient (Vincents Kampfroboter ist auch optisch direkt Paul Verhoevens RoboCop entlehnt), massive narrative Schwächen aufweist, Schauspieler geradezu vergeudet (Sigourney Weaver ist lediglich da, um ihren Gehaltscheck abzuholen) und die meisten der aufkeimenden Fragen im Bezug auf sein Sujet nicht direkt oder nur sehr halbherzig anspricht, aber dennoch, wie durch ein Wunder, funktioniert das Ganze auf der reinen Popcorn-Ebene dann doch ganz ordentlich. Zumal er als Grundlage für eine anschließende Diskussion über Ethik und Philosophie ebenfalls genug Raum bietet. Chappie ist kein großer Wurf, dafür hat der geneigte Zuschauer schon zu viel in diese Richtung gesehen, aber er ist auch nicht der Schritt nach unten, den man nach dem halbherzigen Elysium befürchten konnte. Zumal ein Film, der in seiner Hauptactionszene die Snowden-Enthüllungen ins Gedächtnis ruft und wie auf Videos festgehalten wurde, wie das Töten von Menschen zum Videospiel wurde (hier mit Vincent und seinem Moose-Kampfroboter als Stand-In), der ist einer flächendeckenden Lobotomie ohnehin unverdächtig.




Freitag, 10. Oktober 2014

Christine (1983)




CHRISTINE
USA 1983
Dt. Erstaufführung: 16.03.1984
Regie: John Carpenter

Der junge Mann und sein Auto. Gerade in der US-amerikanischen Kultur ist dieses Bild tief verankert, bedeutet das Auto doch die Verheißung von Freiheit und Unabhängigkeit, einen nicht zu unterschätzenden Prestigegewinn und die Schenkung eines Wagens durch die Eltern geht in der Moderne schon fast als Initiationsritus durch. In Deutschland ist die mythische Aufladung des Automobils gerade unter jungen Menschen weit weniger stark ausgeprägt, doch man muss nur aus einem Flächenland wie etwa Niedersachsen stammen, um zu verstehen, dass man nicht alle Ziele mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen kann. Dennoch fällt das endgültige Verständnis für die Fetischisierung eines Fortbewegungsmittels wie dem Auto vielen Menschen, die sich außerhalb der Liebhaberkreise bewegen, schwer, und ein Stück weit ist dies auch ein Problem bei Christine, John Carpenters Version eines amerikanischen Mythos. Selbstredend hat das Auto bei ihm nicht nur das Potenzial eines Freiheitskatalysators, sondern ihm wohnt auch eine dämonische Kraft inne. Bei Carpenter ist der Geist zu Gast in der Maschine und es ist keine freundliche Entität.

Arnie Cunningham (Keith Gordon) ist die Art Jugendlicher, wie man sie aus Filmen kennt: schmächtig, bebrillt, sanft und intellektuell – kurzum: das perfekte Opfer für die Anfeindungen und Demütigungen des lokalen Rowdys Buddy (William Ostrander) und seiner Spießgesellen. Doch alles soll sich ändern, als Arnie durch Zufall auf ein altes Auto auf dem Grundstück des Bruders des verstorbenen Erstbesitzers stößt und sich Hals über Kopf in das Gefährt verliebt. Er kauft dem alten Mann den Plymouth ab, der auf den Namen Christine „hört“ und restauriert ihn in liebevoller Kleinarbeit. Der Besitz des Autos macht Arnie selbstsicherer, aber auch arroganter und gerade Buddy kann mit dieser Veränderung nicht umgehen. Er und seine Freunde demolieren Christine, haben die Rechnung aber ohne die jenseitige Kraft gemacht, die den Wagen beseelt. Schon bald regeneriert sich der Plymouth wie durch Geisterhand und macht unter Arnies Absegnung Jagd auf die tumbe Truppe…

Christine, basierend auf dem Roman von Stephen King und in Produktion gegangen, bevor das Buch überhaupt veröffentlicht wurde, ist ein handwerklich superber Film, der mit verblüffenden Effekten (Christines Regeneration ist schlicht atemberaubend) und einer äußerst liebevollen Kameraarbeit aufwarten kann. Was ihm allerdings fehlt ist eine inhaltliche Tiefe wie etwa der ebenfalls auf King basierende Carrie – Des Satans jüngste Tochter, auch eine Verbindung von pubertärer Rachefantasie und übernatürlichen Elementen. Die unerfreuliche Verquickung von Bigotterie und aufkeimender Sexualität, Mobbing und unkontrollierter Rache wird hier durch einen bewusst männlich konnotierten Materialfetischismus ersetzt. Man kann natürlich die Beziehung von Arnie und dem dämonischen Auto mit dem Frauennamen als sublimiert sexuelle lesen, das Auto als ganz persönliche Amazone, die nicht nur die körperlichen Gelüste (in diesem Fall das Fahren und das erotisierte Schrauben am Objekt), sondern auch die Gewaltfantasien befriedigt. Für diese „perfekte Frau“ vernachlässigt Arnie sogar die lange umworbene Leigh (Alexandra Paul). Der Film selbst interessiert sich für diese Sichtweisen allerdings nur peripher. Vielmehr teilt er Arnies tiefgehende Bewunderung für das Auto als solches und die zerstörerische Kraft, die die Beziehung entfaltet, wird nur bedingt als negativ angesehen. So ganz kann sich Christine nicht durchringen, die Geschehnisse als komplett negativ zu schildern. Sehr viel mehr als bei Carrie frönt er der Lust an der Rache, in der das Auto, trotz einer selbsttätigen Mordlust, die bereits ab Werk begann, als exekutive Verlängerung von Arnie begriffen wird.

So ist einer der größten Minuspunkte, die der elegant inszenierte Film einheimst, die menschliche Hauptfigur selbst. Arnie ist ein 80er-Nerd, allerdings gibt ihn Carpenter in dieser Rolle nicht der Lächerlichkeit preis, sondern wahrt einen geradezu liebevollen Blick auf den sozial Marginalisierten. Umso abrupter kommt die Wandlung, vom Paulus zum Saulus sozusagen, daher. Der Film gibt sich kaum die Muße einer Transition, einer subtilen und konstanten Persönlichkeitsveränderung, Arnie ist fast auf Knopfdruck ein arroganter Idiot, bei dem man sich fragen muss, ob man in dieser Erscheinung noch das nötige Quäntchen Verständnis aufbringen kann, wenn es an den Racheplot geht. Denn im Grunde kämpft so ein „Jock“ gegen andere „Jocks“. Der moralische Konflikt, der hätte entstehen können, wenn sensibler Teenager auf dämonische Maschine trifft, die für ihn ein ungeahntes Gewaltmonopol mit sich bringt, wird recht achtlos ignoriert.

Nach dem zunächst durchgefallenen Das Ding aus einer anderen Welt ist Christine ein sehr viel zurückhaltender Film ohne gerade die Effekt-Extravaganzen des Vorgängers. Dafür ist er auch atmosphärisch weit weniger dicht und vor allem in der Geschichte holpriger, trotz der traumwandlerisch-sicheren Regie Carpenters. Der Film sieht gut aus, entbehrt selbstredend nicht eines befriedigenden Unterhaltungswertes und hätte doch, ganz so wie ein Auto für den Liebhaber, mehr sein können als die Summe seiner Teile.



Donnerstag, 15. Mai 2014

C.H.U.D. - Panik in Manhattan (1984)




C.H.U.D. – PANIK IN MANHATTAN
(C.H.U.D.)
USA 1984
Dt. Erstaufführung: März 1985 (Video-Premiere)
Regie: Douglas Cheek

Mit Kultfilmen ist es ja so eine Sache. Während bei manchen die Elemente, die sie zu solchen machten, unübersehbar sind (Napoleon Dynamite), steht man bei anderen vor einem Rätsel. C.H.U.D. ist solch ein Beispiel. In den USA hat der Film trotz größtenteils negativer Kritik bei seiner Veröffentlichung 1984 über die Jahre eine solide Fanbasis aufgebaut und taucht immer wieder als Pointe in der Popkultur auf. Sogar die renommierte Criterion Collection ließ sich 2011 zu einem Aprilscherz hinreißen und behauptete eine bevorstehende Neuveröffentlichung des Films auf DVD und Blu-Ray. Es besteht kein Zweifel daran, dass C.H.U.D. ein durchaus augenzwinkernder B-Horrorfilm ist, aber er ist so fahrig inszeniert und so vorhersehbar, dass der Spaß auf der Strecke bleibt.

In Manhattan verschwinden immer mehr Menschen spurlos von den Straßen, wenn sie wiederaufgefunden werden, sind sie schrecklich zugerichtet. Unter den Vermissten ist auch die Frau des Polizisten Bosch (Christopher Curry), der auf eigene Faust ermittelt, nachdem der Bürgermeister von New York eine Untersuchung der Fälle untersagt hat. Bei seiner Recherche tut er sich mit dem exzentrischen Suppenkoch A.J. (Daniel Stern) zusammen, der ihm von Gerüchten berichtet, nachdem unheimliche Kreaturen aus der Kanalisation die Obdachlosenbevölkerung der Stadt dezimieren. Zur gleichen Zeit befindet sich auch der Fotograf George Cooper (John Heard), der vor kurzem eine Reportage über die sogenannten „mole people“, die unterirdisch lebenden Obdachlosen, auf die Beine gestellt hat, auf der Spur, die in das weitverzweigte Kanalsystem unter der Metropole führt. Bald finden sie alle mehr, als ihnen lieb ist, erweisen sich die Gerüchte doch als wahr: durch radioaktiven Giftmüll, der in der Kanalisation gelagert wurde, sind blutrünstige Monster entstanden, die sogenannten C.H.U.D.s (Cannibalistic Humanoid Underground Dweller), die sich anschicken, nun auch oberirdisch Jagd auf Menschen zu machen.

Das interessanteste an C.H.U.D. ist die Handhabung seines Schauplatzes. New York gleicht einem Moloch, einer alles verzehrenden Stadthölle, die durch die in ihr begangenen Unrechtmäßigkeiten quasi zwangsläufig Monstren gebiert. In der Logik der Zeit (in den 1980er-Jahren war New York noch nicht ganz die Glitzermetropole heutiger Interpretation) ist das Grauen, dass aus dem verdrängten Untergrund steigt, ein geradezu unvermeidbarer Automatismus. Eine solche Umgebung kann gar nicht anders, als sich irgendwann gegen ihre Bewohner zu richten.
Soweit zum durchaus diskussionswürdigen Subtext. Man mag C.H.U.D. eine gewisse historische Bewandtnis zugestehen, was vielleicht seinen Status als Kultfilm mit erklären kann, losgelöst davon, als reines Filmerlebnis, ist er weit weniger erfolgreich.

Das größte Vergehen ist sicherlich, dass der Film streckenweise recht langweilig ist, er unterhält eigentlich nur, wenn die titelgebenden Monster einen Auftritt haben oder wenn Daniel Stern eine Szene bestreitet. George ist ein unsympathischer Charakter und seine Freundin Lauren (Kim Greist) darf erst spät im Film aufdrehen und für solch einen Film überraschend besonnen einen der Mutanten zur Strecke bringen. Bosch bleibt trotz seiner tragischen Hintergrundgeschichte blass, einzig Stern gelingt es, eine schillernde, freilich etwas stereotype, Figur zu erschaffen, die als größter Kontrastpunkt zu der korrupten Politik dasteht, die die Entstehung der Monster überhaupt erst möglich machte. Die Grabenkämpfe zwischen progressiv und konservativ machen auch vor einem Film wie diesem nicht halt, A.J. wird gar als „Hippie“ beschimpft.

Die Attacken der Ungeheuer laufen nach Schema F ab, aber wer erwartet von einem 1984er-B-Horrorfilm auch schon große Innovationen? Vom „opening kill“ über den „mid-movie-kill“ bis zum Finale, in dem man beachtlich wenig von den C.H.U.D.s sieht, ist alles dabei, so wie die im deutschen Untertitel angekündigte „Panik in Manhattan“ auch eher behauptet wird. Ein paar Monster überfallen ein Diner, ohne dass diese Szene ausgeführt zu sehen ist (Budgetprobleme?) und Laurens Kampf mit einer der Kreaturen soll wohl exemplarisch für die ganze Stadt sein. Die C.H.U.D.s sind derweil in ihrem Design ziemlich einfallslos und erinnern mit ihren leuchtenden Augen, die nach dem Tod wie durchgebrannte Scheinwerfer erlöschen, ein wenig an die Morlocks in der 1960er-Filmversion von H.G. Wells Die Zeitmaschine.

Es ist zu konstatieren, dass C.H.U.D. – Panik in Manhattan ein äußerst genügsamer Horrorfilm ohne wirkliche Spannung ist, der nach den gängigen Schemata seine im Grunde interessante Geschichte herunterspult und unter seinem überschaubaren Budget leidet. Sequenzen werden begonnen, enden dann aber oft im Nichts, die Regie wirkt unkonzentriert. Manchmal horcht man dennoch auf, wenn beispielsweise John Goodman in einer seiner frühsten Kinorollen als Streifenpolizist auftaucht oder ein bisschen Gas einen Wagen sofort zum Explodieren bringt. Ansonsten ist C.H.U.D. nicht weiter bemerkenswert. Ob der Pulp-Charakter allein reicht, um den Kult zu rechtfertigen, sei dahingestellt.