Posts mit dem Label I werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label I werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 15. Februar 2016

It Follows (2014)




IT FOLLOWS
USA 2014
Dt. Erstaufführung: 09.07.2015
Regie: David Robert Mitchell

Jugendliche haben es nicht leicht, besonders in Horrorfilmen. Sobald die Libido erwacht und den Körper mit Hormonen überflutet, die dann nur noch „das Eine“ suggerieren, führt das hemmungslose Nachkommen dieser Triebe meist zu einem schnellen Ableben. Nur wer keusch und in einem puritanischen Sinne „rein“ bleibt (dass das Überleben meist nur durch Gewaltanwendung möglich ist, eröffnet darüber hinaus einen Diskurs über eine Gesellschaft, in der Sex verpönt ist, Gewalt aber in all ihren Spielarten weniger Protest auslöst) hat die Chance auf ein Happy End. So weit, so konservativ. It Follows belegt nun den Geschlechtsakt an sich mit einem – nicht nur im übertragenden Sinne – Fluch. Es ist nicht mehr die ekstatische Unaufmerksamkeit, die es dem maskierten Killer ermöglicht, sich anzuschleichen, sonder im Akt selbst liegt gleichermaßen der Auslöser wie die Lösung für die Probleme der Protagonisten. „Der kleine Tod“ bekommt hier eine ganz neue Intention. Das ist nun ähnlich altbacken wie die Moral des Slasherfilms (wer keinen Sex hat, hat auch keine Probleme) und die Interpretationsmöglichkeiten liegen auf der Hand (sexuell übertragbare Krankheiten als offensichtlichstes Beispiel), aber als Horrorfilm, vor allem als überdeutliche Hommage an John Carpenter, funktioniert It Follows doch ziemlich gut. Und das ist viel gesagt, wenn sogar der Regisseur selbst zugibt, dass sich die Prämisse des Films laut ausgesprochen ziemlich hanebüchen anhört.

In einem Vorort von Detroit schläft die junge Jay (Maika Monroe) zum ersten Mal mit ihrem Freund Hugh (Jake Weary). Das Stelldichein nimmt ein jähes Ende, als er sie zuerst mit Chloroform betäubt, um ihr dann zu eröffnen, dass er sie mit etwas angesteckt hat. Nein, nicht mit einem Genitalpilz oder ähnlichem, sondern mit einer mörderischen Entität, einem Wesen, das sie nun verfolgen wird und dabei jede menschliche Gestalt annehmen kann. Es wird nicht eher ruhen, bis es sie erwischt und getötet hat, es sei denn, sie schläft mit jemand anderem und gibt so den Fluch weiter. Zunächst schenkt Jay dem Gesagten keinen rechten Glauben, doch als sie zusehends von Menschen verfolgt wird, die augenscheinlich nur sie sehen kann, bewahrheitet sich Hughs Prognose. Zunächst versucht Jay, eine andere Lösung für das Problem zu finden, auch, weil wenn derjenige, an den sie den Fluch weitergibt, von dem Wesen getötet wird, es wieder Jagd auf sie machen würde. Doch das Ding ohne Namen lässt sich nicht abschütteln und Jays Leben wird immer mehr zu einer Dauertortour.

It Follows hat den genreüblichen lustfeindlichen Ansatz, der sich allerdings nicht auf die Angstlust bezieht. Will meinen: der von David Robert Mitchell inszenierte Film ist ziemlich spannend geraten. Dank der unbehaglichen Atmosphäre, der suggestiven Kameraarbeit und der (zugegebermaßen mitunter etwas plakativ eingesetzten) Musik verbunden mit dem Auftreten des Wesens, dass gleichermaßen ruhig wie unaufhaltsam daherkommt, gelingt es It Follows, selbst dem versierten Genrefan noch den ein oder anderen Schreckensmoment abzutrotzen. Manchmal kann  sich Mitchell nicht zurückhalten (am Strand, wenn das Wesen kurz in den Modus des handelsüblichen Kinodämonen zurückfällt) und frei von Albernheiten (die High Heels des „opening kills“, die Jurassic World stolz machen) und groben Schnitten (die Sequenz im Schwimmbad hat keine sinnige Konklusion) ist sein Film auch nicht, aber auch dank der natürlich agierenden Darsteller gleitet It Follows nie in Gefilde ab, in denen man vollkommen aus der Geschichte katapultiert wird.

Dabei gibt es genügend Dinge, über die man nachgrübeln könnte. Der Film zeigt ausschließlich heterosexuelle Begegnungen. Heißt das, Homosexuelle sind vor dem Dämon sicher? Muss es ungeschützter Verkehr sein oder kann das Wesen Kondome und Pille umgehen? Gilt nur Penetration oder lässt das Ding auch beispielsweise Oralsex durchgehen? Fragen über Fragen … Immerhin lässt der Film die Frage nach dem Warum nicht unbeantwortet. Die Entität beraubt ihre Opfer, wenn sie sie einmal erreicht hat, deren – man muss es wohl so nennen – Lebensenergie und wird so zu einer modernen Interpretation des Sukkubus/Inkubus-Glaubens, jenen verführerischen Wesen, die seit jeher dem Menschen nachstellen. Eine sinnige Motivation ist ja heutzutage auch für außerweltliche Wesen von Belang. Und ist es Zufall, dass ein solches Etwas sein Unwesen nahe Detroit treibt, einer sich immer wieder am Abgrund befindlichen Stadt, in der kaum etwas sicher ist, weder die öffentliche Ordnung noch die ökonomische Existenz? Warum sollte es also der Sex sein? Neben der Angst vor Krankheiten (der Film lässt auf brillante Art den Handlungszeitraum im vagen, was zu einer universellen Anwendbarkeit führt) ist das Wesen als personifizierte Zukunftsangst (in diesem Kontext macht auch die anhaltende Gestaltwandlung durchaus Sinn – Teenagerprobleme sind nie gleich und wechseln ständig) sicherlich eine der interessantesten Lesarten.

In einer Zeit, in der der Vergangenheitsbezug zum Grundrepertoire gehört und die mediale Kindheit und Jugend der in den 1970ern/1980ern geborenen einer fortwährenden Revitalisierung unterliegt ist It Follows sicherlich eins der besten Beispiele, wie man eine Hommage generieren kann, ohne die eigene Identität vollkommen dranzugeben. John Carpenter ist allgegenwärtig, doch sklavisch kopiert wird er nie. Vielmehr dient sein Oeuvre (zumindest jenes bis Mitte der 80er Jahre) als Ankerpunkt, um eine neue Generation möglichst so zu schocken, wie es wohl Filme wie Halloween – Die Nacht des Grauens anno 1978 getan haben. Das Ergebnis ist ein gradliniger Horrorfilm, dessen Gerüst einer genaueren Prüfung zwar nicht standhält, der aber bessere Genreunterhaltung bietet, als es die Prämisse „Sexuell übertragbarer Dämon“ eigentlich zulassen dürfte. Nicht so durchdacht wie der andere große Horrorfilm des Jahres 2015, Der Babadook, wohl aber effektiv genug, um für Unbehagen in finsteren Korridoren zu sorgen.




Montag, 17. November 2014

Interstellar (2014)




INTERSTELLAR
USA 2014
Dt. Erstaufführung: 06.11.2014
Regie: Christopher Nolan

Das der Platz des Menschen im Universum mit den Mitteln des Films versucht wird zu verhandeln, ist ein konstantes, wenn auch relativ seltenes Ereignis im Science-Fiction-Genre. Die Filmart, die für viele lediglich mit dem Eskapismus des Star Trek und Star Wars-Franchises assoziiert wird, ist zu beachtlichen Leistungen fähig, wenn sie sich an die großen Fragen wagt, die interstellare Reisen zwangsläufig aufwerfen. Es sind Konzepte, die weit über das eigentliche menschliche Verständnis hinausreichen und vielleicht ist darin der Grund zu suchen, warum außer den großen Namen wie 2001 – Odyssee im Weltraum und Contact sich so wenige Genrefilme mit ihnen beschäftigen – die Prämisse ist nicht gerade der Garant für einen völlig konsequenzlosen, rein unterhaltenden Filmabend. Interstellar macht da keine Ausnahme, es ist ein erwachsener Film, der weit entfernt ist von den naiv-fröhlichen Weltraummärchen eines George Lucas. Sieht man ihn als Teil des Dreigestirns der genannten Filme, so muss man allerdings auch konstatieren, dass er der Schwächste der Drei ist, hauptsächlich, weil Regisseur und Drehbuchautor Christopher Nolan, der für Cineasten abwechselnd Messias und Antichrist darstellt, an entscheidenden Stellen patzt und den berauschenden Bildern auf inhaltlicher Ebene oftmals nur kruden Mumbo-Jumbo entgegenzusetzen hat. Interstellar ist ein gestalterisch großartiger Film und es ist schön, dass Nolan normale menschliche Emotionen nun endlich für sich entdeckt hat, aber die Reise an die Grenzen der menschlichen Erfahrungen hinterlässt ob ihrer nur behaupteten Tiefe einen schalen Beigeschmack.

In naher Zukunft ist die Menschheit dem Untergang geweiht: die natürlichen Ressourcen gehen zur Neige, Sandstürme fegen immer wieder über die Länder, der Anbau von Nahrungsmitteln wird immer schwieriger und selbst ehemalige Ingenieure müssen sich als Farmer verdingen, um den Bedarf zu decken. Einer von ihnen ist Cooper (Matthew McConaughey), ehemals einer der besten Piloten der NASA und vom stillen Wunsch beseelt, den Planeten zu verlassen. Die Gelegenheit bietet sich ihm, als eine Gravitationsanomalie ihn und seine Tochter Murph (Mackenzie Foy) zu einer geheimen Forschungseinrichtung führt, wo der geschrumpfte Rest der NASA unter der Leitung von Coopers ehemaligem Mentor Brand (Michael Caine) eine Mission zu einem augenscheinlich von jemanden gezielt platzierten Wurmloch in der Nähe des Saturns vorbereitet. Von der Weltöffentlichkeit verborgen sind bereits Menschen hindurch in eine andere Galaxie geflogen, um dort nach neuen, bewohnbaren Planeten zu fahnden. Die zweite Mission soll nun die Ergebnisse vor Ort auswerten und erste Schritte zu einer Kolonialisierung unternehmen. Cooper wird als Pilot angeworben, lässt seine Familie auf der Erde zurück und begibt sich auf eine Reise weiter und gefährlicher, als sie je ein Mensch vor ihm unternommen hat.

Die Prämisse von Interstellar ist atemberaubend und die Trailer taten einen hervorragenden Job dabei, sie zu verkaufen. Es ist nicht verwunderlich, dass Nolans Herzensprojekt zu einem der am meisten erwarteten Filme des Jahres werden sollte. Und zumindest visuell wird er dem Hype gerecht. Interstellar hat großartige Bilder zu bieten, einige davon in ihrer Größe und gleichzeitigen Simplizität emotional ausgenommen wuchtig, die Effekte sind erste Wahl (was man angesichts des Budgets wohl auch erwarten durfte) und sogar der vielgescholtene Hans Zimmer kann diesmal wieder mit einem rundum gelungenen Soundtrack überzeugen, der vor allem in den actionorientierten Sequenzen wohlplatziert ist, ähnlich wie Gravity im letzten Jahr nicht zuletzt durch die Musik lebte.

Doch so ganz will Interstellar bei aller Wucht nicht funktionieren. Die liegt vor allem darin, dass Nolan in seinen Charakteren keine Entsprechungen zu den grandiosen Bildern findet. Die Reise ins All wird von den recht blassen Figuren hingenommen, kaum ist etwas von ihrer Anspannung zu spüren, vom Sinn für Wunder, den eine solche Odyssee eigentlich besonders stimulieren sollte, auch nicht. Dennoch gelingt es ihm diesmal, eine grundlegende Gefühlsebene zu bedienen, denn einige Szenen sind emotional so befriedigend ausgefallen, wie man es von Nolan gar nicht gewohnt ist. Das Schablonenhafte der Figuren reicht an diesen Stellen, um eine Reaktion zu generieren, tiefer als eine rein beschreibende Oberfläche geht es meistens nicht, vor allem über Wes Bentleys Figur erfährt man atemberaubend wenig, während Anne Hathaway einen reichlich seltsamen Charakter mimt, der das Klischee der irrationalen Frau bedient und der trotz des letztendlich gerechtfertigten Payoffs dieser Emotionalität nie dreidimensional wird.

Hinzu kommt ein nicht zu leugnender Drang, dem Zuschauer alles erklären zu wollen. Nolan fürchtet sich vor einem wirklichen Interpretationsspielraum, wie ihn beispielsweise 2001 an den Tag legte, indem er nicht krampfhaft versuchte, alles in einen sinnigen Kontext zu bringen. Stanley Kubricks Film ist schon allein deshalb zeitlos, weil er dem Publikum eine individuelle Interpretation des Gesehenen nicht nur anbietet, sondern regelrecht abverlangt. Interstellar hat dafür viel zu viel Furcht vor der Leerstelle, vor dem, was jeder Zuschauer aus dem Film machen könnte – oder eben nicht. Um ja niemanden zu verwirren, verabreicht der Film brav Erklärungen, wenn sie gebraucht werden und versucht durch allerlei Techno-Palaver, wie es die Crew des Raumschiffs Enterprise nicht besser hätte aufsagen können, eine Art wissenschaftliche Legitimität aufzubauen. Wie viel davon (theoretischer) Fakt und was Fiktion ist, ist schwer zu sagen, denn es reicht Interstellar voll und ganz, sich im Vagen, im Ungefähren zu bewegen und dies als ausreichend zu verkaufen. So findet alles innerhalb der Narrative eine Begründung, eine Auflösung, und sei sie noch so vorhersehbar (das Rätsel um die Macht, die das Wurmloch „platziert“ hat, ist besonders plakativ und dürfte nicht nur für Genrefans ziemlich leicht lange vor Filmschluss zu erraten sein). So wird Interstellar auf dieser Ebene nichts Halbes und nichts Ganzes, weil er einerseits die Interpretation zu sehr fürchtet, zum anderen gleichzeitig zu hanebüchene und einfach zu verstehende Erklärungen anbietet. Strukturell ist Interstellar genau der richtige Film für Leute, die meinen, Inception wäre ein extrem verschachteltes, schwierig zu verstehendes Werk oder denen die Symbolik in The Dark Knight Rises nicht plakativ genug war.

Interstellar ist zudem an entscheidenden Stellen zu kurz und schafft es trotzdem, 2 ½ Stunden Laufzeit in die Waagschale zu werfen. Entscheidungsfindungen werden abgekürzt, eine ganzheitliche Betrachtungsweise konsequent ausgeblendet (man sieht ausschließlich die USA im Niedergang und auch die Mission ins All ist eine reine NASA-Angelegenheit und nicht etwa eine Teamangelegenheit wie die Erdverteidigung im unterschätzten Pacific Rim) und für einen Film, in dem das Konzept der Zeit eine sehr wichtige, ja zentrale Rolle spielt ist der Film nicht gut darin, das Vergehen selbiger erfahrbar zu machen. Auch hier bleibt der Film sehr oberflächlich, von der Weigerung einer globalen Schildrung der Menschheitssituation ganz zu schweigen (MRTs wurden abgeschafft? Bitte?).

Was bleibt? Interstellar verfehlt auf jeden Fall sein Ziel, in die Fußstapfen der großen Vorbilder zu treten, dafür ist er inhaltlich zu unausgegoren und schielt zu sehr auf eine unbedingte Befriedigung möglichst vieler Zuschauererwartungen, anstatt das Risiko eines wirklich herausfordernden Films zu suchen. Interstellar ist ein Mainstream-2001, auch wenn er selbstredend immer noch weit entfernt von den Spaß-Science-Fiction-Welten eines Star Trek-Reboots ist. Doch der Film geht zu sehr auf Nummer Sicher, sonnt sich etwas zu sehr in der Gewissheit, zumindest mehr Gesprächsstoff als die nächstbeste Space Opera zu bieten und bleibt so hinter seinen Möglichkeiten zurück. Interstellars handwerkliche Qualität ist teilweise atemberaubend, sein Inhalt wird der Prämisse und vor allen den geschürten Erwartungen nicht gerecht. Die Zeit wird, ähnlich wie beim von der Intention ähnlich gelagerten Tree of Life, zeigen, ob Nolans love child auch im Hinblick auf die starke Konkurrenz von Zemeckis und Kubrich das Zeug zum Klassiker hat.




Mittwoch, 3. September 2014

Im August in Osage County (2013)




IM AUGUST IN OSAGE COUNTY
(August: Osage County)
USA 2013
Dt. Erstaufführung: 06.03.2014
Regie: John Wells

Die Familie, gerade die dysfunktionale, ist ein dankbares Thema in Film und Fernsehen. Die Bandbreite reicht da von vollkommen harmlosen Schwanks in Seifenoper-Manier über Sitcoms, die den familiären Status Quo am Ende einer 22-Minuten-Folge wieder herstellen bis zu Werken, die sich ehrlich auch mit den Schattenseiten des Familienlebens auseinandersetzen. Nur weil Menschen genetisch verwandt sind oder sie sich irgendwann einander in Liebe zugewandt haben bedeutet das nicht, dass dies nicht die Keimzelle lebenslanger, womöglich unauflöslicher Konflikte sein kann. Und da Blut gemeinhin dicker ist als Wasser fällt eine Abgrenzung, geschweige denn eine Beziehungsaufgabe, besonders schwer. Im August in Osage County, von Tracy Letts nach ihrem eigenen Bühnenstück geschrieben, ist eindeutig eine Erzählung jenseits der rosaroten Brille. Es wird viel geschrien in diesem Film, sehr viel schmutzige Wäsche gewaschen, und auch wenn dem Werk insgesamt die Pointiertheit eines Nebraska fehlt, der sich in diesem Jahr auch von gewaltigen interfamiliären Konflikten berichtete, so ist der insgesamt doch erstaunlich nüchtern gehaltene Im August in Osage County ein interessanter Blick auf das vielleicht schwierigste Beziehungsgeflecht, dass Menschen eingehen können.

Beverly (Sam Shepard) ist verschwunden. Der Poet, der mit der grantigen, an Mundkrebs erkrankten Violet (Meryl Streep) seit Jahrzehnten verheiratet ist, kam von einem unangekündigten Spazierganz nicht zurück. Widerwillig reist die älteste Tochter Barbara (Julia Roberts) samt Bald-Ex-Mann (Ewan McGregor) und pubertierender Tochter (Abigail Breslin) an, um die einzig noch in der Nähe der Mutter wohnende Schwester Ivy (Julianne Nicholson) bei der Suche zu unterstützen. Man versichert sich, dass der Alkoholiker sicher nur an einem ruhigen Plätzchen entspannt, doch dann kommt die Hiobsbotschaft über die Familie: Beverly ist ertrunken. Zur Trauerfeier in jenem unerträglich heißem August im Mittleren Westen kommt die ganze Familie zusammen: Violets ebenfalls schwer erträgliche Schwester Mattie Fae (Margo Martindale) samt gutmütigem Ehemann Charlie (Chris Cooper) und hochsensiblen Sohn Charles (Benedict Cumberbatch), die dritte Schwester Karen (Juliette Lewis) samt neuen Freund (Dermot Mulroney). Alte Kränkungen werden neu aufgelegt, lang vergrabene Unstimmigkeiten angesprochen und als die Tablettensucht der Mutter aufs Trapez kommt, ist der Eklat vorprogrammiert...

Kernstück des Films ist ein ausgedehntes Familienessen nach der Beerdigung Beverlys, das seine Theaterherkunft nicht verneinen kann. Es ist wohl diese Sequenz, an der sich das Publikum von Im August in Osage County in zwei Lager teilt, denn so superb die Darsteller agieren, wie bissig die Dialoge auch sind, das Ganze ist auch mitunter enervierend schrill und grob. Nein, man muss die meisten Figuren nicht mögen und wer ein Problem mit keifenden Darbietungen hat, die vielleicht manchmal schon zu viel der Realität sind, der wird womöglich weniger Freude mit dem Film haben. Im August in Osage County ist fordernd, durchaus anstrengend, legt aber auch mit einer Treffsicherheit den Finger in Wunden, dass es schwer ist, sich ihm zu entziehen.

Wie gesagt, man kann und muss die meisten Figuren nicht mögen, auch wenn man dabei mit einem interessanten Betrachtungswinkel konfrontiert wird: die Männer kommen insgesamt besser weg als die Frauen. Unter anderen Umständen hätte das etwas Misogynes gehabt, doch DrehbuchautorIN Letts versteht sich darauf, ihre weiblichen Figuren eher als Chance zur Demaskierung gängiger Geschlechterklischees zu begreifen. Es sind hier die Männer, die Vermittlerrollen einnehmen, die einschreiten, wenn die Situationen zu eskalieren drohen und die sehr viel feinfühliger sind, als gut für sie ist - alles Attribute, die stereotyp eher Frauen zugesprochen werden. Diese bewegen sich hier dank des nuancierten Spiels von Streep, Roberts und Martindale weg vom Bild der fürsorglichen Mutter oder der verständnisvollen Tochter. In ihrer Fahrigkeit, Selbstgerechtigkeit und Zynismus dürfen sie einfach gebrochene Menschen sein, ohne dabei auch noch Hollywood'eske Ansprüche an Weiblichkeit erfüllen zu müssen.

So bleibt Im August in Osage County vor allem wegen der subtilen Dekonstruktion von Geschlechterrollen im Gedächtnis. Schon der Vater trägt den eher weiblich konnotierten Vornamen Beverly, während Tochter Barbara meistens nur Bob gerufen wird. Daneben dominieren süffisante Dialoge und eine zumindest in den klaustrophobischen Innenräumen des Elternhauses effektive Fotographie (die Hitze der Außenwelt einzufangen gelingt Kameramann Adriano Goldman nicht). Wenn der Film strauchelt, dann wenn er mit einigen Familiengeheimnissen zu plakativ, zu effekthascherisch umgeht, ohne in die Tiefe zu gehen. So ist der zentrale Konflikt zwischen Barbara und Violet gekonnt inszeniert, die Enthüllungen, die das Drehbuch für die beiden Schwestern bereit hält, wirken da wie schmückendes Beiwerk.

Was bleibt am Ende? Ist es die Abnabelung oder die Annäherung, in der der Schlüssel zu so etwas wie familiärer Harmonie liegt? Ist es besser, wenn es gar nicht geht, dass man sich willentlich entfremdet oder hinterlässt dies nur eine noch größere Leere als das ewige Hin und Her zwischen Versuch und Irrtum? Im August in Osage County gibt keine endgültigen Antworten, wie könnte er auch? Aber er lässt genug Interpretationsspielraum für alle Zuschauer, sich selbst eine individuelle Antwort zu generieren. Er verkauft sein Publikum nicht für dumm und scheut nicht vor den alltäglichen Abgründen zurück. Allein deshalb gebührt ihm Respekt.



Samstag, 28. Juni 2014

Der Illusionist (2010)




DER ILLUSIONIST
(L’illusionniste)
Frankreich/Großbritannien 2010
Dt. Erstaufführung: 18.10.2012
Regie: Sylvain Chomet

Es ist mal wieder an der Zeit, den deutschen Filmverleih zu hinterfragen. Seine Weltpremiere feierte die französisch-britische Koproduktion Der Illusionist Anfang 2010 auf der Berlinale, bevor er erst Monate später in seinen Entstehungsländern auf der Leinwand zu sehen war. Es folgte eine Tour über diverse internationale Filmfestivals, bis er ab Ende 2010 bis Ende 2011 in diversen Ländern rund um den Globus ins Kino kam. Nur im Premierenland Deutschland nicht. Erst im Oktober 2012 entschloss sich das so verlässliche wie cinephile Label Arthaus dazu, dem breiteren Publikum den Film nicht mehr vorzuenthalten. Wobei „breiteres Publikum“ in diesem Fall relativ ist, denn Der Illusionist ist zwar ein Animationsfilm, aber von den marktbeherrschenden US-amerikanischen Produktionen meilenweit entfernt. Nicht nur, dass er klassische handgezeichneten Trickfilm der Extraklasse bietet und nicht am Rechner erschaffen wurde, er ist auch mehr oder minder ein Stummfilm. Worte fallen spärlich, Dialoge sind quasi nichtexistent. Der Illusionist lebt voll und ganz durch seine berauschende künstlerische Qualität, die sogar die inhaltliche Ebene auf einen hinteren Rang verweist.

1959: in Paris neigt sich die Karriere eines alternden Magiers unaufhaltsam dem Ende entgegen. Seine Künste sind nicht mehr gefragt, die Menschen jubeln lieber den aufkommenden Rockstars zu als einem Mann, der ein außergewöhnlich dickes Kaninchen aus dem Hut zaubert. Sein Weg verschlägt ihn irgendwann in die schottische Provinz, in der seine Darbietungen noch besser ankommen. Dort lernt er eine junge Frau namens Alice kennen, die seine Magie für Realität hält. Die beiden reisen nach Edinburgh, wo der Illusionist sich mit allerlei zunehmend unwürdigeren Jobs über Wasser zu halten versucht…

Basierend auf einem Drehbuch von Filmlegende Jacques Tati wurde Der Illusionist von Sylvain Chomet inszeniert, der einen verdienten internationalen Erfolg mit seinem herrlich verqueren Das große Rennen von Belleville feierte. Und auch wenn die Animationen hier sauberer und das Design „mainstreamtauglicher“ daherkommt, ist Der Illusionist doch erfrischend anders als alles, was Disney, DreamWorks & Co. auf das Publikum loslassen. Dies hat sich beispielsweise bei der Vergabe der Oscars für den besten animierten Spielfilm noch nicht niedergeschlagen (Der Illusionist verlor, in diesem Fall womöglich gerechtfertigt, gegen Toy Story 3), aber die bloße Nominierung dürfte Werken wie diesem oder beispielsweise Brendan und das Geheimnis von Kells oder Ernest & Célestine automatisch eine höhere Aufmerksamkeit bescheren, als sie sonst zu generieren imstande wären.

Der Illusionist ist eine künstlerische Meisterleistung, ohne Frage. Die Charakteranimation ist famos, die Schauplätze mit unbeschreiblicher Wärme und Talent gezeichnet, die Farbgebung passt sich harmonisch dem melancholischen Ton an, den Chomet bemerkenswert konsistent durchhält. Wem die wenigen Auftritte des renitenten Kaninchens (dem jegliche anthropomorphen Züge abgehen) nicht als Auflockerung reichen, der wird vielleicht irritiert von den wenigen durch und durch humorvollen Einlagen sein, vom Ton eines Films aus einer Richtung, die immer noch mit dem beharrlichen Vorurteil zu kämpfen hat, lediglich für Kinder und Familien interessant zu sein. Der solitäre Erwachsene schaut sich bekanntlich keine Trickfilme an.
Doch Der Illusionist dürfte dank seiner bittersüßen Atmosphäre und den Themen, die er anspricht, für Erwachsene etwas gelungener ausfallen als für Kinder, vor allem, wenn sie ausschließlich mit den Narrativen des Mainstreams vertraut sind (was nicht ausschließen soll, dass Chomet auch Kindern neue ästhetische Welten eröffnen kann).

So sehr der Film sinnlich erfahrbar, so sehr seine künstlerische Leistung über alle Zweifel erhaben ist, so sehr tritt die eigentliche Geschichte in den Hintergrund. Am stärksten ist Der Illusionist, wenn er von dem Zerfall der Welt seines Protagonisten erzählt. Eine der gelungensten Sequenzen ist jene, in der der altmodische Unterhalter hinter der Bühne wartet, während eine stark an die Beatles erinnernde Band eine Zugabe nach der anderen für das vornehmlich kreischende Publikum junger Frauen gibt. Wenn sich der Vorhang wieder hebt, sind nur noch eine alte Dame und ihr ungeduldiger Enkel im Auditorium – und nur sie kann der Vorstellung etwas abgewinnen. Die Zeit rinnt dem Magier zusehends durch die Finger, der Zeitgeist ändert sich, er ist dazu immer weniger in der Lage. In diesen Momenten entwickelt der Film eine beachtliche Kraft, die er immer dann verliert, wenn sich Chomet mehr auf Alice und ihre Beziehung zu dem Illusionisten fokussiert.
Alice ist extrem naiv – so sehr, dass die Glaubwürdigkeit der Figur darunter leidet. Dass sie die Illusionen für bare Münze nimmt, ist zwar ein hübscher Einfall, doch Alice ist eigentlich zu alt für derlei Gutgläubigkeit, erst recht, wenn der Magier ihr all ihre Konsumwünsche erfüllt. Auch 1959 dürfte es kaum einen Menschen in Schottland gegeben haben, dem die wirtschaftlichen Zusammenhänge im Kapitalismus so fremd waren wie Alice. Sie glaubt lange, dass all das, was der Illusionist für sie herbeizaubert (Schuhe, Mäntel, etc.) wirklich durch Zauberei den Weg in seine Hände findet anstatt durch Arbeit, Lohn und Warenverkehr. So steht Alice manchmal in einem recht ungünstigen Licht da, als Anhängsel, das dem Protagonisten das Leben noch schwerer macht, als es ohnehin schon ist. Zwar liefert der Film eine Erklärung für die väterliche Hingabe, die der Magier an den Tag legt (und Chomet klatscht diese Erklärung wohl aus Angst, jemand könnte es nicht verstanden haben, ziemlich penetrant am Ende ins Bild), aber so wirklich organisch fühlt sich dieser zentrale Punkt nie an, sieht man mal von den ersten Begegnungen in der Provinz ab.

Mit einer Lauflänge von unter 80 Minuten ist Der Illusionist ein kurzer Ausflug in eine Filmwelt, die nur noch von wenigen Werken, egal ob animiert oder nicht, besucht wird. Vom sinnlichen Standpunkt aus könnte man sich noch viel länger in Chomets wunderbarem Kosmos aufhalten, in dem das Design stets nach dem grotesken, nach dem abwegig-schönem im Menschen sucht, anstatt sich auf einen gängigen Schönheitskonsens einzulassen. Inhaltlich fällt der Film durch einige Disharmonien etwas ab, aber es sind die Ästhetik und die technisch virtuose Umsetzung, die Der Illusionist immer wieder retten.