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Donnerstag, 5. März 2015

Boyhood (2014)




BOYHOOD
USA 2014
Dt. Erstaufführung: 05.06.2014
Regie: Richard Linklater

Langzeitstudien haben einen besonderen Reiz, weil sie Dinge sichtbar machen, die sonst im Verborgenen bleiben. Das fängt bei Zeitrafferaufnahmen in der Sendung mit der Maus an, geht über Internetvideos von Kindern, die einmal pro Woche von ihren Eltern gefilmt werden, um Jahre der Entwicklung in vier Minuten mit anzusehen und endet bei Michael Apteds Up-Reihe, die seit 1964 ihre Protagonisten alle sieben Jahre besucht, um ihr Leben dokumentarisch zu begleiten. In narrativer Form verfolgt Richard Linklater dies seit 1993 mit seiner Before-Serie in ähnlicher Form. Mit mittlerweile drei Filmen hat er eine bemerkenswerte Beziehungschronologie geschaffen, stets getragen von den grandiosen Dialogen, die Linklater seinen Figuren in den Mund legt. Boyhood möchte nun nach ähnlichen Maßstäben funktionieren, wieder ist das Thema Zeit präsent und der Entstehungsprozess ist an sich schon eine beachtliche Leistung: man sieht, wie die Protagonisten aufwachsen – und zwar nicht durch die Macht der Montage und des Castings, sondern weil sie wirklich vor unseren Augen wachsen. Boyhood hatte eine Produktionszeit von zwölf Jahren, immer wieder traf sich das Team, um diese Coming-of-Age-Geschichte auf Film zu bannen. Das ist an sich eine großartige Idee, ein mit Risiken behaftetes Unterfangen, von dem man durchaus fasziniert sein kann, dass es sich überhaupt zu einem homogenen Ganzen zusammenfügt. Doch kurioserweise liegt darin einer der Hauptgründe dafür verborgen, dass Boyhood hinter den Erwartungen zurückbleibt: es ist alles zu homogen, zu glatt, ja zu beliebig. Es ist alles auf durchaus charmante Art fluffig anzuschauen, aber es fehlen die definierenden Elemente und auch der emotionale Anker. Denn Mason, der Junge, um den sich die ganze Aufregung dreht, bleibt den Film über blass, ja, er verliert sogar immer, wenn Ethan Hawke auf der Bildfläche erscheint und ihn gegen die Wand spielt. Der fehlende emotionale Resonanzboden sorgt schlussendlich dazu, dass Boyhood ein bisschen wie eine Mogelpackung daherkommt.

Mason (Ellar Coltrane) ist sechs, als wir ihm zum ersten Mal begegnen. Die folgenden Jahre, bis er das Elternhaus verlässt und aufs College geht, werden wir uns immer wieder in sein Leben schalten, werden sehen, was seine Mutter (Patricia Arquette) für ein Händchen dabei beweist, sich immer wieder Alkoholiker als Ehemänner anzulachen, wie sein Vater (Ethan Hawke) sich neu verliebt und ihn und seine Schwester um einen Halbbruder bereichert und wie Mason mit den Tücken der Erwachsenwerdens konfrontiert wird.

Der Erfolg der Before-Reihe hängt nicht unerheblich damit zusammen, dass Linklater in jedem Film einen Lebensabschnitt verdichtet und auf den Punkt bringt. In den wenigen Stunden, die man die Protagonisten begleitet, findet sich die Weisheit, die Anmaßung, die Freude und der Schmerz einer ganzen Phase, sei es die hoffungsfrohe Melancholie der Zwanziger oder die einsetzende Midlifecrisis der Vierziger. Es hätte nicht geschadet, wenn Linklater in punkto Boyhood diesen Weg einfach erneut eingeschlagen hätte. Sicherlich wäre der Turnus ungleich höher gewesen, aber was für ein unglaublicher Triumph wäre es gewesen, wenn man 12 Jahre an der Entwicklung Masons in Spielfilmform hätte teilhaben können? Dies mag utopisch sein, vielleicht sogar anmaßend, diese Herkulesaufgabe überhaupt in den Raum zu werfen, doch Boyhood hätte so seiner Beliebigekeit womöglich entfliehen können. Mit einem Spielfilm in jedem Jahr, der ähnlich wie die Before-Filme konzentriert von einem Lebensabschnitt berichtet hätte, hätte Linklater nicht nur eine Art Ergänzung zu der Geschichte von Jessie und Celine geschaffen (die beiden lernte der Zuschauer erst kennen, als sie Anfang 20 waren), es hätte vielleicht auch die Wirkung gehabt, die man bei Boyhood augenscheinlich erzielen wollte. Zumal eine gewisse Dramatisierung des Ganzen durchaus angebracht gewesen wäre.
Boyhood ist voller großer Geschichten: die elterliche Scheidung, die Probleme mit dem ersten Stiefvater, die Selbstfindung der Mutter, die Probleme, die Mason als sensibler Künstler (so ziemlich seine einzige ausformulierte Charakteristika) hat, weil sie nun einmal auftreten, wenn man in einer Kultur aufwächst, die das Machogehabe noch nicht vollständig abgelegt hat. Ausformuliert wird wenig und wenn man ein Problem nicht lösen möchte, erlöst ein Schnitt, der ein Jahr überspringt, Linklater von der Verantwortung. Dadurch entsteht die angesprochene Beliebigkeit, der Unwille, in die Tiefe zu gehen, was Boyhood letztlich oberflächlich macht. Der Rahmen ist gigantisch, aber konzentriertere Coming-of-Age-Stories wie Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers oder die deutsche, sträflich unbekannte Produktion Fickende Fische sind Boyhood dann doch überlegen, weil sie sich mit Haut und Haar auf die Figuren einlassen, auf ihre Gefühle, ihre Ängste, ihre Leben. Linklater beobachtet hier nur, dokumentiert das Alltägliche und kurioserweise werden die inszenatorischen Elemente zum Stolperstein, weil man den Ausgang ja kennt – es geht weiter, egal, wie grauenhaft der Stiefvater sich benimmt oder wie sehr Mason über ein Liebescomeback für seine Eltern spekuliert. Das auch mit Klischees gearbeitet wird, ist in Ordnung, weil ja auch das Heranwachsen immer etwas Klischeehaftes hat, weil jede Generation im Grunde die gleichen Fehler macht (machen muss), um aus ihnen zu lernen. Dass sie mitunter mit einer vehementen Unlust präsentiert werden, ist dabei weniger erfreulich.

Es mag vielleicht genau diese Uneindeutigkeit sein, die zum Erfolg von Boyhood beiträgt. Jeder Zuschauer kann so viel hineininterpretieren, wie er oder sie will und womöglich ist auch die Poesie des Normalen ein nicht zu unterschätzender Faktor. Hinzu kommt adaptierbare Nostalgie und ein ständiges Stichwortwerfen, dass die Erinnerung an Teile der eigenen Jugend triggern soll. Dies funktioniert manchmal sogar, eine gewisse Universalität ist dem Film nicht abzusprechen, aber es sind stets nur kleine Augenblicke im 2 ½ Stunden-Mammutwerk, dass gleichzeitig zu lang und zu kurz wirkt. Zu lang, weil manchmal der quasi nicht-existente Plot zu sehr durchscheint, zu kurz, weil vieles von dem, was der Film anspricht, eigentlich ein eigenes 90-Minuten-Werk wert gewesen wäre.
Boyhood wird wahrscheinlich lange Zeit für seinen Entstehungsprozess in Erinnerung bleiben. Es ist unbestreitbar faszinierend, einen Menschen aufwachsen zu sehen, schon allein, weil man es selbst nicht in dieser Form erleben kann – als Betroffener ist man einfach zu sehr „in der Materie“. Doch lässt man dies außer Acht, was zugegebenermaßen schwer fällt, weil der Prozess ein so elementarer Bestandteil der Werks ist, ist Boyhood ein recht wenig pointiertes Drama, dass auch durch die Passivität seiner Hauptfigur zu einer bloßen Abfolge von Stichworten wird. Man will den Film mit jeder Faser seines Herzens lieben und es ist sicherlich keine Zeitverschwendung, ihn sich zu Gemüte zu führen, aber am Ende wartet man doch lieber auf den nächsten Beitrag zur Before-Reihe. Boyhood ist kein Meisterwerk und es ist ähnlich frustrierend wie die Pubertät, sich dies eingestehen zu müssen.




Dienstag, 5. November 2013

Before Midnight (2013)




BEFORE MIDNIGHT
USA 2013
Dt. Erstaufführung: 06.06.2013
Regie: Richard Linklater

Mit dem Erscheinen von Before Midnight ist Richard Linklaters Chronologie einer Liebe nicht nur zur Trilogie herangereift, sondern auch endgültig zu einem der stimmigsten, konstant hochqualitativen Kinoexperimente geworden. Das einzige, was wirklich negativ ins Gewicht fällt, ist die Tatsache, dass man nun wieder neun Jahre auf eine Fortsetzung warten muss. Before Midnight ist schlicht ein überragender Film.

Neun Jahre sind seit den Ereignissen aus Before Sunset vergangen und wie wir erfahren, haben sich Jesse (Ethan Hawke) und Celine (Julie Delpy) diesmal nicht getrennt, sondern sind zusammengeblieben. Jesse hat seine Frau und seinen Sohn (Seamus Davey-Fitzpatrick) verlassen und der erste ungeschützte Sex mit Celine brachte den Beiden Zwillinge (Jennifer & Charlotte Prior) ins Haus. Die Zwei sind nicht verheiratet, leben aber zusammen in Paris und sind im Sommerurlaub bei einem Autorenkollegen von Jesse in Griechenland eingeladen gewesen. Als sich der Urlaub dem Ende neigt, Jesses Sohn von seinen Stippvisite wieder zurück in die Staaten aufbricht und Celine und Jesse den letzten Abend mal ohne Kinder in einem Hotel verbringen wollen, beginnen sie ihr gemeinsames Leben zu verhandeln. Ist es wirklich so gut, wie sie es sich vor knapp 18 Jahren bei ihrer ersten Begegnung in Wien ausgemalt haben?

Wieder schafft es das Trio Linklater/Delpy/Hawke, den Jesse/Celine-Kosmos sinnvoll und nachvollziehbar zu erweitern. Und wieder ist der Film wunderbar weit entfernt von den gängigen Kinokonventionen. Es wird fast ausschließlich geredet in Before Midnight und es ist eine Freude, dabei zuzuhören. Die Dialoge sind gewohnt nah am echten Leben, die Figuren glaubwürdig, ihre Reaktionen mitunter geradezu unheimlich bekannt. Das Herzstück des Films ist diesmal ein Streit, keine romantisierte Verhandlung der gegenseitigen Liebe und reflektiert damit wieder einmal genial-einfach die fortgeschrittene Beziehung zwischen den Figuren. Wie schnell aus einer erotischen Stimmung ein alles in Frage stellender Streit werden kann, dass konnten sich weder Jesse und Celine anno 1995 vorstellen, noch ihre damals ungefähr im gleichen Alter befindlichen Zuschauer. 2013 sieht die Sache ganz anders aus. Die Before-Filme zu sehen ist wie einen emotionalen Zeitraffer zu erleben.

Dementsprechend ist der Ton gesetzter als in den vorangegangenen Filmen. Before Sunrise – Zwischenstopp in Wien war ein Liebesfilm über den Zauber der ersten Begegnung, Before Sunset handelte von dem unglücklichen Pragmatismus, der sich ins Leben einschleichen kann und aus dem ein Ausweg gesucht wird, während Before Midnight ein gewisses Gefühl von „Pass auf, was du dir wünschst“ versprüht. Celine und Jesse haben das, was sie sich neun Jahre lang wünschten und nun steht ihre Beziehung mehr zu Disposition als jemals zuvor. Der Zuschauer wird lange Zeit in der Schwebe gehalten, ob das großartigste Leinwandpaar aller Zeiten überhaupt eine Zukunft hat. Wieder krachen Vorstellungen und Realität aufeinander, nur anders als in Before Sunrise hat dies diesmal Konsequenzen. Die Beiden stehen nicht mehr für sich allein, ihre Verantwortungen sind größer und mit ihnen die Ängste und Nöte. Eindeutige Postionen beziehen die Protagonisten ohnehin nicht. Ist Jesse unverantwortlich, weil er für Celine seine Familie im Stich gelassen hat, auch wenn die Mutter seines Sohns emotionale Probleme hat und ihn verachtet? Ist Celine unflexibel, wenn sie einen potenziellen Umzug nach Chicago ausschließt? Die Fragen, mit denen sie sich herumschlagen müssen, sind keine Lappalien. Before Midnight ist ein Film über die tragikomische Schönheit des ganz normalen Lebens.

Zudem ist Before Midnight sich seiner Selbst geradezu süffisant bewusst. Der Film räumt ein, dass das Kennenlernen seines Paares in der heutigen Zeit dank Internet und Smartphones nicht mehr in dieser Form möglich wäre und auch, dass die Protagonisten älter geworden sind. Wenn Jesse seinen Sohn am Beginn des Films zum Flughafen bringt und sich über alle Maßen bemüht, mit dem Teenager ein Gespräch zu führen, dann kollidiert der im Selbstverständnis immer noch jugendlich-coole Jesse mit der harschen Realität aus der Sicht seines Sohnes. Er ist einfach nur ein leicht nerviger Vater, dem man Verrücktheiten wie in Before Sunrise niemals zutrauen würde. Before Midnight ist voller solchen kleinen, wunderbaren Momenten.

Was wird aus Celine und Jesse? In neun Jahren sind sie 50, der Sohn erwachsen, die Töchter in ihren letzten Teenagerjahren. Die Kinder werden das Alter ihrer Eltern in Before Sunrise erreichen, was wird das für alle Beteiligten bedeuten? Chicago oder Paris? Trennung oder Durchhalten? Before Midnight endet zwar versöhnlich, nicht aber ohne eine ungewisse Grundnote. Alles ist möglich in dieser Liebesgeschichte und es erscheint ausgeschlossen, dass das Niveau absacken könnte. Dies ist ein intimer, ein subtiler, ein großer kleiner Film. Und Teil einer der besten Filmreihen aller Zeiten. Wer davon nach den ersten zwei Teilen noch nicht restlos überzeugt war, der wird es nach Before Midnight sein.


http://filmblogosphaere.wordpress.com/

Dienstag, 4. Juni 2013

Before Sunset (2004)




BEFORE SUNSET
USA 2004
Dt. Erstaufführung: 17.06.2004
Regie: Richard Linklater

Es war einmal … der vielleicht romantischte Film, der je gedreht wurde, eine kleine Indie-Produktion namens Before Sunrise. An deren Ende versprachen sich eins der glaubwürdigsten Leinwandpaare aller Zeiten, der Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) und die Französin Celine (Julie Delpy), sich in einem halben Jahr, am 16. Dezember, wieder an jenem Bahnsteig zu treffen, an dem sie sich nach wenigen Stunden Aufenthalt in Wien trennten.

9 Jahre später: Jesse ist inzwischen Schriftsteller, sein jüngster Bestseller handelt passenderweise von jener Nacht in Wien. Bei einer Lesung in Paris trifft er Celine wieder, die von seinem Kommen in einer Ankündigung gelesen hat. Wir erfahren, dass es nie zu dem geplanten Treffen kam, da Celine Großmutter just an jenem Tag verstarb und sie nach Budapest zur Beerdigung reisen musste. Und da die beiden in jugendlicher Naivität die Telefonnummern nicht austauschten, konnten sie sich auch nicht wiedersehen. Wieder bleibt dem Paar nur wenig Zeit, bis Jesses Flieger zurück in die Staaten geht. Erneut machen sie sich auf, diesmal durch den Nachmittag in Paris und bringen sich in Gesprächen auf den neusten Stand in ihrem Leben. Schließlich kann sich in neun Jahren einiges verändern…

Before Sunset gelingt es, eine würdige Fortsetzung zu Before Sunrise zu sein. Mehr noch, es ist sogar eine sinnvolle. Schließlich hat die Frage, was aus Celine und Jesse wurde, nicht nur das Publikum nicht losgelassen, sondern auch Regisseur Richard Linklater und seine Darsteller Hawke und Delpy. Diesmal verfassten die drei die Dialoge zusammen und herausgekommen ist ein Film, der das Alter der Figuren perfekt wiedergibt. Beide sind nun 32 Jahre alt, Jesse lebt in einer sex- und lieblosen Ehe und hat einen vierjährigen Sohn, Celine hat einen Freund, der als Kriegsberichterstatter ständig unterwegs ist und dessen Professionalität im Angesicht des Leids ihr im Grunde zuwider ist. Außerdem, so gestehen sie sich in einer der gelungensten Szenen des ohnehin insgesamt gelungenen Filmes ein, haben sie einander in all der Zeit nie vergessen. Jesse dachte an Celine selbst kurz vor seiner Hochzeit, Celine gesteht Jesse, dass ihr Erlebnis in Wien sie so nachhaltig prägte, dass sie sich nicht in der Lage fühlt, sich auf andere Beziehungen wirklich einzulassen. Before Sunset ist manchmal geradezu brutal ehrlich, der Idealismus der 23jährigen aus Before Sunrise ist einem unglücklichen Pragmatismus gewichen. Beide bersten nach einer Weile geradezu, das Wiedersehen kanalisiert Dinge, die lange unter Verschluss gehalten wurden. Und dann ist da auch wieder die alte Anziehung. Über Sex wird zwar viel geredet, praktiziert wird er in Before Sunset nicht. So trägt der Film auch hier den neun Jahren Rechnung, die zwischen den Filmen liegen. Before Sunrise handelte von dem überwältigenden Gefühl der gerade erwachenden Liebe, auch verbunden mit den damit einhergehenden sexuellen Gelüsten. Before Sunset handelt von einer reiferen Beziehung, in der Emotionalität einen größeren Stellenwert einnimmt als körperliche Intimität. Und die Chemie zwischen Hawke und Delpy stimmt noch genauso wie 1995.

Es ist faszinierend zu sehen, wie kongenial der Film funktioniert. Ohne die Kenntnis des Vorgängers könnte Before Sunset ein Rätsel für manchen Zuschauer sein, aber „jungfräulich“ sollte man an ihn sowieso nicht herangehen. Delpy und Hawke sind vom ersten Moment an wieder Celine und Jesse und Linklaters Regie und Gespür für Atmosphäre hat in neun Jahren ebenfalls nicht gelitten. Man könnte einwerfen, dass die Schauplätze in Before Sunrise etwas ausgesuchter waren, aber auch eher unattraktive Orte wie das Innern eines Autos weiß der Film für sich zu nutzen (hier spielt die bereits erwähnte besonders gelungene Sequenz). Außerdem ist der Film von größerer Dringlichkeit geprägt. Die Zeit, die den beiden diesmal zur Verfügung steht, ist ungleich kürzer als jene Stunden in Wien, was sich nicht nur auf die Lauflänge des Films auswirkt (Before Sunset ist mit Abspann gerademal 77 Minuten lang), sondern auch auf die Figuren. Man spürt, dass sowohl Jesse als auch Celine nicht zu viel Zeit verlieren möchten, um sich die entscheidenden Fragen zu stellen bzw. sich über die entscheidenden Dinge klar zu werden. Die Dringlichkeit wird schließlich auch dadurch klar, dass die Vergangenheit in Before Sunset naturgegeben eine größere Rolle spielt. Der Fehler, keine Kontaktdaten ausgetauscht zu haben wird mehrfach angesprochen. Das Ende ist in dieser Hinsicht denkbar perfekt – weniger abgeschlossen als Before Sunrise, aber dem Gemütszustand und der Lebenswelt der Protagonisten entsprechend.

„Mit dem Alter werden die Probleme größer, aber ich kann sie auch besser lösen“, bemerkt Jesse an einer Stelle. Ob es für alle Probleme eine Lösung gibt, darauf weiß auch der kluge Before Sunset keine abschließende Antwort zu geben. Dass es eine zweite Chance gibt, daran lässt er aber keinerlei Zweifel. Es ist an Celine und Jesse, was sie daraus machen.




Before Sunrise - Zwischenstopp in Wien (1995)




BEFORE SUNRISE – ZWISCHENSTOPP IN WIEN
(Before Sunrise)
USA/Österreich/Schweiz 1995
Dt. Erstaufführung: 30.03.1995
Regie: Richard Linklater

Egal ob man an das Konzept der Liebe auf den ersten Blick glaubt oder nicht, Richard Linklaters Before Sunrise dürfte so gut wie jeden zum Gläubigen machen.
Der Film ist fernab aller Sehgewohnheiten des Mainstream-Kinos, verlässt er sich doch ausschließlich auf seine Dialoge und die Chemie zwischen seinen beiden Hauptfiguren. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – ist dies einer der schönsten Liebesfilme, die je gedreht wurden, trotz des überflüssigen deutschen Untertitels.

Die Story ist schnell erzählt: der Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) und die Französin Celine (Julie Delpy), beide 23 Jahre jung, treffen sich auf einer Zugfahrt gen Wien. Sie sind sich auf Anhieb sympathisch und beschließen, im Bordrestaurant etwas zu essen und zu reden. Als der Zug viel zu kurze Zeit später in Wien einfährt, fasst sich Jesse ein Herz und fragt Celine, ob sie die nächsten Stunden mit ihm verbringen möchte, bis sein Flieger zurück in die USA geht. Celine willigt ein und die beiden beginnen am späten Nachmittag ihren Streifzug durch die Stadt. Sie treffen ein paar kuriose Wiener, ansonsten reden sie über alles: über Liebe, den Tod, Banalitäten, die großen Fragen des Lebens.

Mit einer kleinen Ausnahme über den Beginn des Gesprächs über die ersten sexuellen Gefühle, das gefühlt etwas zu früh im Film auftaucht, wirkt nichts an den Dialogen wie ein Script. Und auch der Ausrutscher entpuppt sich als Aufhänger für ein weiteres Thema, dass faszinierend sprachlich beleuchtet wird. So wird in einem Moment ein interessantes Konzept einer Seelenspaltung der Menschheit entworfen, im nächsten wird der „Faschismus der Medien“ angeprangert, ohne dass dies weiter verfolgt wird. Linklater beweist hier ein unglaubliches Gespür für die Ideen- und Erfahrungswelt der Anfang 20jährigen. Im Selbstverständnis immer Revoluzzer, prallen die Gegensätze von Konzepten und der Realität stetig aufeinander. Jesse und Celine sagen etwas, nur um später das Gegenteil zu tun, manchmal weisen sie sich auf die Ungereimtheiten hin, mal nicht.
Before Sunrise ist neben dem romantischen Aspekt auch ein kluger Film über eine Zeit im Leben, in der einem dämmert, dass die Welt nicht so läuft, wie man möchte, man sich aber dennoch manchmal geradezu verzweifelt an einen jugendlichen Idealismus klammert. Man kann dies im Hinblick auf die Entstehungszeit des Films als Portrait der Generation X lesen. Oder einfach als Zustandsbeschreibung einer von Umbrüchen geprägten Lebensphase, die jede Generation immer wieder neu durchstehen muss.

Das offensichtliche Kernstück des Films ist natürlich die Beziehung von Jesse und Celine, die zu den natürlichsten Darstellungen von Verliebtheit zählt, die je auf Film gebannt wurden. Es gibt unzählige wunderschöne Momente in Before Sunrise, die sich letztlich zu einem großen Ganzen vereinigen. Die Beiden tauschen verstohlene Blicke in einer Abhörkabine eines Plattenladens aus, besuchen den Friedhof der Namenlosen, küssen sich auf einem Riesenrad, lassen sich von einem spleenigen Dichter an der Donau ein Gedicht verfassen, spielen an einem Flipperautomat in einer rauchigen Bar. Sie treffen ein paar Wiener Originale, bleiben aber stets ganz bei sich. Linklater schafft es, die Aufregung des Kennenlernens, gepaart mit dem Gefühl, einen Seelenverwandten getroffen zu haben, in jedem Frame einzufangen. Fast schon müßig zu sagen, dass er es auch schafft, das Gefühl des Nicht-gehen-wollens (vor allem natürlich beim unvermeidlichen Abschied am Bahnhof) mit wenigen Gesten kongenial in Szene zu setzen. Und all das wäre ohne Hawke und Delpy nicht möglich, die nicht nur ihre Twenty-Something-Charaktere sympathisch und natürlich ausgestalten, sondern deren Leinwandchemie schon beinahe beängstigend ist. Wenn es je Figuren gab, deren Liebe man glaubte, dann sind es Celine und Jesse.

Before Sunrise hat kaum Handlung im eigentlichen Sinne, es ist eine Art Collage, Stationen eines Kennenlernens, eines Sich-Verliebens, atmosphärisch vollkommen auf den Punkt gebracht und mit begnadeten Schauspielern und einem grandiosem Dialogbuch gesegnet. Wer je verliebt war oder es noch ist, wird sich mit Sicherheit in vielem wiederfinden, was Linklater, Delpy und Hawke präsentieren. Before Sunrise ist nicht nur so gut wie allen romantic comedys auf dem Markt überlegen (comedy gibt es ohnehin weniger, die Betonung liegt mehr auf dem romantic-Aspekt), er ist auch einer der schönsten Genrefilme, den man finden kann.