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Samstag, 30. Mai 2015

Mad Max: Fury Road (2015)




MAD MAX: FURY ROAD
USA/Australien 2015
Dt. Erstaufführung: 14.05.2015
Regie: George Miller

Mit Actionfilmen ist es so eine Sache. Das Genre, das sich ganz der Kinetik verschrieben hat, produziert deshalb so viel Ausschuss, weil sich oft zu sehr auf die Hauptattraktion konzentriert wird. Das mag paradox klingen, einem Actionfilm seine Action vorzuwerfen, aber gerade Filme wie die Transformers-Reihe zeigen, dass zu einem organischen Ganzen mehr gehört als nur ein Haufen Pyrotechnik. Dementsprechend sind die immer wieder zitierten Genrebeiträge den auch nicht gerade Legion: Stirb langsam ist dabei, weil er den Helden inmitten des Spektakels immer wieder an seine Menschlichkeit erinnert, Speed, weil er den Rausch der Geschwindigkeit erfahrbar macht und darüber hinaus die Businsassen nicht aus den Augen verliert. James Cameron ist ein Meister des Actionfilms, der über das Abfeuern eines Feuerwerks hinausgeht, vor allem Terminator 2 – Tag der Abrechnung und Aliens – Die Rückkehr sind in Erinnerung geblieben, weil auch ihnen die Figuren und ihre Situationen nicht egal sind. Michael Bay und seine Roboter aus dem Weltall scheren sich nicht darum, auch nicht um kohärente Actionszenen, und genau da liegt der Kern des Problems. George Miller erweist sich nun, 30 Jahre nach dem letzten Beitrag zu seiner Mad Max-Reihe, als Anti-Michael-Bay: er inszeniert ein Spektakel, das seinesgleichen sucht, einen Film, der sich auf eine Art bewegt, die man schon fast nicht mehr für möglich gehalten hatte – und er verliert den menschlichen Kern trotz der Non-Stop-Action ebenfalls nie aus den Augen. Die Schauspieler rasen in Höllenmaschinen durch die Wüste, Autos überschlagen sich, Tankzüge explodieren, Motorräder wirbeln durch die Luft – und das alles im Dienste einer minimalistischen Geschichte über Empowerment, Aufbrechen von Abhängigkeiten und einen Diktatursturz.

Fury Road fungiert als Fortsetzung, die irgendwo zwischen Der Vollstrecker und Jenseits der Donnerkuppel angesiedelt ist, und Reboot, indem er Max eine andere Familienkonstellation gibt und ihn in Visionen auch noch Menschen jenseits seiner Tochter/Ehefrau anklagen. Was genau passiert ist? Darüber schweigt sich der Film weitestgehend aus (Aufhänger für ein Sequel?), reicht aber als Ansatzpunkt für einen Antihelden, der nie ein Mann der vielen Worte war. Der Film ist sich bewusst, dass er nicht gerade ein Aushängeschild für Neu- und Quereinsteiger ist, sondern auf einem zumindest rudimentären Wissen um die originale Trilogie aufbaut. Der Prolog aus Teil Zwei wird weiter minimiert auf ein paar Nachrichten-Soundclips, die das Ende der bekannten Zivilisation postulieren und in einen Monolog von Max übergehen. Was danach folgt, ist gleichzeitig schnell erzählt und ziemlich stimmig: Max (Tom Hardy) wird von den Schergen des Wüstendiktators Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne) gefangen genommen und als lebender Blutbeutel für einen der gehirngewaschenen Warboys, der Handlangerelite, missbraucht. Kurz darauf setzt sich Furiosa (Charlize Theron), ihres Zeichen Mitglied der Führungsebene in Immortans schrägem Reich, mit einem Tanklaster ab. An Bord: Fünf von Joes Sexsklavinnen, die als Brutmaschinen für möglichst perfekten männlichen Nachwuchs herhalten sollten. Es beginnt eine Verfolgungsjagd quer durch die Wüste, der Max zunächst als „Blutspender für unterwegs“ beiwohnen muss, sich nach seiner Befreiung aber (zunächst typisch widerwillig) den Frauen auf ihrer Flucht anschließt. Immortan Joe und seine Gefolgschaft sind ihnen allerdings stets dicht auf den Fersen und die Jagd wird zu einem Wettlauf auf Leben und Tod.

Fury Road ist wie sein widerwilliger, oftmals grunzender Protagonist kein Film der vielen Worte, keine Frage. Doch er beweist, dass Film als Medium eben auch sehr viel über die Bilder transportieren kann, ohne dass alles noch einmal verbal ausgearbeitet werden muss. Die Kamera schwenkt über Sets, Charaktere durchqueren sie teilweise nur sekundenlang und dennoch liefern sie ein stimmiges Bild dieser Welt am Abgrund. So wird erzählt, wie sich die Menschen in der Zitadelle genannten Enklave Immortan Joes ernähren, er hält sein Fußvolk mit Wasser gefügig und redet ihnen ein, dass es wie eine Droge wäre, von der man nicht zu viel konsumieren dürfte und dann wäre da noch die Sache mit dem Treibstoff. Die ersten beiden Teile der Trilogie handelten noch von der Ölknappheit und wie die Jagd nach Sprit der alles entscheidende Faktor bei der Motivation vieler Figuren war. Jenseits der Donnerkuppel hatte den Zenit dementsprechend schon überschritten. Fury Road widmet sich (endlich, möchte man hinzufügen), einem elementareren Bedürfnis, dem Wasser. Das kühle Nass ist hier das Objekt der Begierde, denn den Treibstoff bezieht Immortans Reich auf einer nahegelegenen Raffinerie, die einmal am Horizont auftaucht. So mangelt es nicht an Benzin für die Unmengen an Fahrzeugen, die Joe in die Wüste folgen und fürs Auftanken fährt ein entsprechender Tanker mit (der natürlich irgendwann spektakulär in die Luft gehen darf). Das alles wird nicht durch Dialoge ausgewalzt, Miller folgt dem Prinzip des „show don’t tell“ und setzt darauf, dass sein Publikum trotz all der halsbrecherischen Action sein Hirn nicht komplett ausstellt. Es bedarf keiner Mumbo-Jumbo-Erklärungen, die innere Logik des Ganzen hält Fury Road zur Genüge aufrecht.

Dies ist besonders löblich im Hinblick darauf, dass der Film selbstredend auch gern mit seiner technischen Machbarkeit angibt. Auch hier liegt der Unterschied darin, dass Fury Road sich sehr viel mehr auf analoge, also handgemachte Sequenzen verlässt als auf eine Orgie der Computeranimation. Es gibt die Bilder aus dem Rechner, aber man hat nie das Gefühl, dass sie die Oberhand gewinnen. Ein Film wie dieser ist unmittelbarer, wenn echte Autos zu Schrott gefahren werden anstatt wenn zwei CGI-Modelle aufeinanderprallen. So steht der vierte Teil wirklich in der Tradition von Max‘ internationalem Durchbruch, Der Vollstrecker, weil auch dessen oktangeladenes Finale zu den definierenden Momenten des Genres gehört. Fury Road definiert den modernen Actionfilm dahingehend, dass ein Genrefilm seine Hauptattraktion auch in Zeiten des digitalen Overkills kohärent inszenieren kann. Der Zuschauer verliert schlicht nicht die Orientierung im Spektakel und damit das Interesse. Der Verweis auf die ermüdende Roboter-Action des eingangs erwähnten Franchise ist da fast schon Pflicht. Fury Road ist Adrenalin, das die Leinwand füllt und zwei Stunden nicht abklingt.

Und schließlich ist Fury Road auch noch ein Film, der sich, auch das nicht zwingend genretypisch, für gesellschaftliche Fragen interessiert. Über den Aspekt des female empowerment, der dadurch Form gewinnt, dass weder Furiosa (wie auch, mit solch einem Namen) noch die befreiten Sklavinnen zu passiven Opfern degradiert werden, wurde bereits viel geschrieben und theoretisiert, über den unsäglichen Aufruf von sogenannten Männerrechtlern, die ob der starken Frauenfiguren zum Boykott aufriefen, will man indes gar nicht mehr sprechen. Neben diesem Baustein, um den sich de facto der ganze Film aufbaut und der wie eine stimmigere Version des Kinderklans aus Jenseits der Donnerkuppel daherkommt (Max profitiert von der Zusammenarbeit mit den Frauen dahingehend, dass sie ihn wieder einmal vor dem Wahnsinn rettet und ihn zu einer Erlöserfigur macht, auch wenn er hier viel mehr sich selbst erlöst als irgendjemand anderen), kommt man nicht umhin, aktuelle politische Bezüge in Immortan Joe und seinen Warboys zu erkennen. Joe inszeniert sich als strenger, aber gerechter weltlicher Führer, der zudem den Schlüssel zum jenseitigen Paradies kennt. Es ist ein hübsch-absurder Schachzug, wenn die Antagonisten inmitten der flirrenden Wüste vom Einzug nach Walhalla fantasieren, der nur weiter das groteske herausarbeitet, dass in der blinden Gefolgschaft zugunsten einer vermeintlichen Belohnung im nächsten Leben liegt. So hält Joe seine auch sonst nicht gerade vom Leben gesegneten Warboys (Leukämie könnte einer Erklärung sein, warum sie Bluttransfusionen brauchen) auf Linie, die ihm mit blind vertrauen. In einer Zeit, in der junge Menschen sich zu Hauf gemeingefährlichen Rattenfängern anschließen, um für sie zur Verteidigung zweifelhafter Werte in den Krieg zu ziehen wünscht man sich mehr Warboys wie Nux (Nicholas Hoult), der seine Ideale im Zuge der Handlung zu überdenken beginnt. Am Ende kann auch in der Welt von Mad Max nur der Diktatorsturz stehen.

Schlussendlich ist Mad Max: Fury Road die Art Sommerblockbuster, von der man träumt, wenn man wieder einen schlechten Vertreter dieser Spezies gesehen hat. Er rast im wahrsten Sinne dahin, präsentiert Action, die Ihresgleichen sucht und weigert sich zudem beharrlich, sich einer Lobotomie hinzugeben. Denn in den Händen eines fähigen Regisseurs wie Miller, der auch mit Happy Feet die Menschen mit tanzenden Pinguinen ins Kino lockte, um ihnen dort eine sehr viel größere Geschichte über globale Verantwortung und Interspezies-Kommunikation zu präsentieren, ist ein Typ mit einer Gitarre, die gleichzeitig ein Flammenwerfer ist, eben nicht nur das. Vielmehr ist er mit einem fordernden Phallus ausgestatteter Teil einer diktatorischen Gigantomanie, die die Vertreter einer auf Humanität und Solidarität aufbauenden neuen Ordnung durch die Wüste jagt. Der Phallus geht natürlich mit der größten möglichen Zerstörung zu Grunde und die Welt kann nach der Apokalypse zumindest im Kleinen beginnen, nicht wieder die Fehler der machthungrigen Vorangegangenen zu begehen. Und auch wenn man von all diesen Interpretationen nichts halten mag: Fury Road ist eben auch pure Kinetik und höchst unterhaltsames Genrekino. Zusammen mit der Tatsache, dass er sein Publikum nicht für dumm verkauft ist er ein Blockbuster der allerbesten Sorte.



Montag, 17. März 2014

Mad Max - Jenseits der Donnerkuppel (1985)




MAD MAX – JENSEITS DER DONNERKUPPEL
(Mad Max Beyond Thunderdome)
Australien 1985
Dt. Erstaufführung: 26.09.1985
Regie: George Miller & George Ogilvie

Die Mad-Max-Reihe ist eine Serie der Extreme, und das ist an dieser Stelle gar nicht auf den Inhalt gemünzt, der mit seinen Gewaltdarstellungen die Kritiker spaltete, seit 1979 der erste Film der Reihe in Australien anlief. Vielmehr ist damit die Qualität der einzelnen Filme gemeint. Nach einem mittelmäßigen Start und einem überragenden zweiten Teil kam die Reihe hier an ihrem Tiefpunkt an. Zum ersten Mal floss US-amerikanisches Geld in die Produktion und augenscheinlich wollte man dafür auch bei der Gestaltung mitreden. Es fällt streckenweise schwer, in Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel einen Film zu erkennen, der in einem Zusammenhang mit den vorangegangenen Teilen steht. Sicherlich, Mel Gibson ist wieder als titelgebende Figur dabei und Australien ist immer noch eine post-apokalyptische Ödness, aber ansonsten? Jenseits der Donnerkuppel ist ein durchschnittlicher US-Blockbuster, formatiert und gefällig. Mit dem rauen Unterhaltungsmonster Der Vollstrecker hat dieser Film auf jeden Fall herzlich wenig gemeinsam.

Diesmal verschlägt es den Ex-Polizisten Max (Mel Gibson) nach Bartertown, einer Gemeinde unter der Knute der machthungrigen Aunty (Tina Turner), in der Schweineexkremente Energie liefern und Konflikte in der sogenannten Donnerkuppel ausgetragen werden. Als Max sich weigert, nach den barbarischen Regeln dieser Arena zu kämpfen, nachdem er sich mit der Obrigkeit angelegt hat, wird er in die Wüste verbannt. Halb tot wird er dort von einer Gruppe Kinder und Jugendlicher gerettet, die in einer nahen Oase leben. Sie glauben in ihm ihren Messias zu erkennen, der sie in eine glorreiche, sichere Zukunft führen wird. Wie immer fühlt sich Max zunächst wenig geschmeichelt von den Hilfsgesuchen, aber wenn man die Rettung der Kinder mit der Rache an Bartertown verbinden kann, warum nicht…?

Es gibt zwei Dinge, die man Jenseits der Donnerkuppel zugutehalten kann: Erstens erreicht Max mit der Rettung der Kinder endlich jene emotionale Katharsis, die ihm seit dem ersten Teil verwehrt wurde, zweitens bemüht sich der Film immerhin darum, eine Kontinuität der Mad-Max-Welt zu gewährleisten. Will heißen: die Maschinen fallen auseinander und der Sprit ist noch knapper geworden, wenn es nicht unbedingt sein muss, bleiben die Autos also ausgeschaltet. Dies führt wiederum dazu, dass Max zum Auftakt des Films mit einem von Kamelen gezogenen Planwagen unterwegs ist – ein gewöhnungsbedürftiges Bild im Hinblick auf die hohe Oktanzahl der Vorgänger. Ein „Road Warrior“ ist er hier scheinbar schon lange nicht mehr, eher wird er vollends zur mystischen Westernfigur, die aus der Wüste kommt und in die Wüste zurückkehrt, wenn seine Arbeit getan ist. Mad Max ist zu Lucky Luke geworden, vor allem, weil es an Daltons in diesem Film nicht mangelt.

Mad Max und Mad Max 2 – Der Vollstrecker waren Exploitation-Filme, der erste ziemlich hardboiled, der zweite mit einem gewissen Sinn für augenzwinkernde Brechungen. Der dritte Teil ist nun sehr viel mehr Trash als alles andere. Exploitation hat einen gewissen inneren Anspruch, auch wenn sich dieser manchmal erst in der Analyse erschließt. Trash hingegen tendiert zum albernen, quasi die Mainstream-Variante von Exploitation. Und wahrlich, Jenseits der Donnerkuppel schielt so sehr auf die breite Publikumsakzeptanz, dass nicht der Film, aber sehr wohl der Zuschauer Kopfschmerzen bekommt. Die Gewalt ist auf ein solches Maß zurückgeschraubt, dass man sich fragt, warum der Film immer noch ab 16 freigegeben ist. Nun soll Gewalt nicht als Qualitätskriterium missverstanden werden, aber dieser Film will so gar nicht zum Ton und der rauen Atmosphäre der Vorgänger passen. Hinzu kommen diverse launige Witze und wenig furchteinflößende Schurken. Ironbar (Angry Anderson), der aus unerfindlichen Gründen als Haupthandlanger nach diversen cartoonigen Beinahe-Toden dann endlich im Wrack seines Wagens stirbt, tut dies nicht ohne einen letzten erhobenen Mittelfinger Richtung Max. Toecutter und Humungus hätten sowas nie getan.

Es ist schon ärgerlich, dass der erste Mad Max-Film, der eine weibliche Figur beinhaltet, die über brave Ehefrau oder Vergewaltigungsopfer hinaus geht, auch der Schlechteste der Reihe ist. Tina Turner gibt ihr Bestes, bleibt aber dennoch immer Tina Turner und ein Song wie We don’t need another hero ist auch nicht gerade die Hymne, die man mit einer Welt wie der von Max ohne weiteres in Verbindung bringen würde. Hinzu kommt noch einige Verwirrung um die Rolle von Bruce Spence, der wieder einen Piloten spielt, bei dem man aber nicht sicher ist, ob es der gleiche Charakter wie in Der Vollstrecker sein soll. Konnte er seine Rolle als Führer des „Nordvolkes“, zu der er laut der narrativen Stimme aus dem Off in Teil 2 auserkoren wurde, einfach so aufgeben? Wo ist seine Frau, wo das „Nordvolk“ doch in Sicherheit sein sollte? Und warum hat er plötzlich einen Namen? Letztlich kommt ihm ohnehin nur die gleiche Aufgabe zu wie im vorangegangenen Teil, wiederholt Jenseits der Donnerkuppel doch nur die Konklusion von Der Vollstrecker: Max rettet eine Gruppe Unschuldiger, erarbeitet sich dadurch wieder mehr Menschlichkeit zurück und wird zur mystischen Heilsbringer-Figur. Man denke nur, es wäre so weiter gegangen, irgendwann hätten sich alle Enklaven in dieser neuen Welt auf Max berufen können. Lucky Luke als Jesus.

So ist Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel eine frustrierende, für Fans gerade des zweiten Teils sogar ärgerliche, Angelegenheit. Anbiedernd an einen vermeidlichen Massengeschmack, ohne Ecken und Kanten und dann hauptsächlich auch nicht von George Miller, sondern von George Ogilvie inszeniert (Miller überwachte hauptsächlich die Actionszenen), ist der dritte Teil der Reihe eher langweilig als unterhaltsam, stagnierend anstatt kinetisch. Wenn 2015 der vierte Teil bzw. das Reboot Mad Max – Fury Road startet, hat man hoffentlich aus den massiven Fehlern hier gelernt. Max ist eben kein Mainstream-Held und ein Treiben in diese Richtung musste wohl zwangsläufig zu einer Katastrophe wie Jenseits der Donnerkuppel führen.



Montag, 10. März 2014

Mad Max 2 - Der Vollstrecker (1981)




MAD MAX 2 – DER VOLLSTRECKER
(Mad Max 2 / The Road Warrior)
Australien 1981
Dt. Erstaufführung: 27.08.1982
Regie: George Miller

Wenn Mad Max 1979 das erste große Leck war, mit dem das australische Kino auf den internationalen Markt floss, war Mad Max 2 der Dammbruch. In den USA zunächst als The Road Warrior vermarket, weil man Angst hatte, durch den Hinweis auf den ersten, weniger bekannten und auch bei der Kritik weniger beliebten Film potenzielle Zuschauer zu vergraulen, entpuppte sich der wieder von George Miller inszenierte Film schnell als Blockbuster. Der Grund hierfür ist einfach: Mad Max 2 – Der Vollstrecker ist seinem nihilistischen Vorgänger in allen Punkten überlegen, außer vielleicht in der Schilderung einer Gesellschaft am Scheideweg. Aber ansonsten bietet der Film vor allem eins: noch rasantere Action. Mad Max 2 ist ein von Energie nur so strotzender Film, sicherlich keine große Kinokunst, aber brillantes Genrekino.

Die Apokalypse, die im ersten Teil nur angedeutet wurde, hat sich in der Fortsetzung konkretisiert: Die Supermächte des Kalten Krieges haben sich gegenseitig ausgelöscht und den Rest der Welt mit ins Verderben gezogen. Australien wird von marodierenden Banden durchstreift, immer auf der Suche nach Kraftstoff, um ihre Höllenmaschinen anzutreiben. Max (Mel Gibson), der gebrochene, schweigsame Ex-Polizist, möchte sich eigentlich aus den Konflikten dieser neuen Ordnung heraushalten, aber die Zufallsbegegnung mit einem exzentrischen Piloten (Bruce Spence) führt ihn zu einer belagerten Kommune, die, reich an Benzin und Öl, von einer Gang unter Führung des maskierten Humungus (Kjell Nilsson) drangsaliert wird. Nach einigen Widrigkeiten willigt Max ein, den eingeschlossenen zu helfen…

Sieht man die Mad-Max-Trilogie als durchgehende Charakterstudie an, dann darf man hier neue Hoffnungen für die gebeutelte Titelfigur hegen, die am Ende vom ersten Teil so desolat und emotional leer zurückgelassen wurde. Max darf erkennen, dass er seine Menschlichkeit durch den Verlust seiner Familie und den anschließenden Rachefeldzug noch nicht verloren hat. Es ist bemerkenswert, wie effektiv das nonverbale Spiel von Gibson und Spence ist, als sie beispielsweise die Untaten der Belagerer aus sicherer Entfernung beobachten. Und auch wenn Max zunächst nur aus egoistischen Gründen eine Zusammenarbeit mit den Belagerten erwägt, wird diese Episode, auch durch seine Beziehung zu dem verwilderten Kind (Emil Minty), zu einem weiteren Schritt auf dem Weg zu einer emotionalen Heilung für diesen „Mann ohne Namen“.

Die Bezeichnung ist nicht von ungefähr gewählt, gar nicht tief unter der Pulp- und Exploitation-Oberfläche ist Mad Max 2 ein klassischer Western, der sich im Niemandsland Prärie zuträgt – nur dass diese Prärie eben in einer Post-Apokalypse verordnet ist, sogar mit einem „Tal des Todes“. Die Kommune fungiert als Fort und Max als einsamer Rächer, als „Lone Ranger“, der Pilot als sein „Tonto“. Die Analogien sind unübersehbar, auch wenn das Finale etwas rasanter daherkommt, als wenn es mit Planwagen stattgefunden hätte. Denn dies ist der Part, der jedem Zuschauer wohl am besten im Gedächtnis bleiben wird: die finale Flucht aus der Kommune und der Versuch, die Ladung vor dem Zugriff der Aggressoren in Sicherheit zu bringen. Miller zieht hier alle technischen und gestalterischen Register, er weiß sehr genau, wo seine Kamera positioniert sein muss, wann ein Schnitt notwendig ist, wie die Montage beschaffen sein muss, um das maximal mögliche Tempo zu erreichen. Wenn es jemals einen Actionfilm gab, dem man nicht vorwerfen könnte, sein genretypisches Herzstück nur ungenügend in Szene zu setzen, dann ist es Mad Max 2 – Der Vollstrecker. Rasant beschreibt es nur ungenügend, der Film bewegt sich ganz entschieden; auch bereits vorher, aber im Showdown zeigt er endgültig, was in ihm steckt. Dabei wird das Ganze auch nicht repetitiv oder gar langweilig. Die Flucht hoch zu Truck ist eine der Quintessenzen des Actionfilms.

Mit den Implikationen seines Prologs hält sich der Film hingegen nicht weiter auf. Vielmehr verwandelt er die Angst des Kalten Krieges, die ebenso die Verzweiflung des ersten Teils widerspiegelt und in gewissermaßen auch nur als Verweis auf die Paranoia des Science-Fiction-Films der 1950er Jahre fungiert, in eine trotz aller Grausamkeit und kruden Einfälle lebensbejahenden Geschichte. Max als Heilsbringer für eine neue Gesellschaft, der er, der „einsame Wolf“, aber nicht angehören kann, ist gleichermaßen melancholisch wie hoffnungsfroh. Auch nach dem Ende der Zivilisation ist nicht alles verloren. So ist der Film immer noch ein reißerisches Werk, das Cartoon und Groschenroman vereint, aber es weigert sich, sich der dystopischen Haltung des Erstlings anzuschließen. Mad Max 2 ist weniger defätistisch und scheint auch den Trash-Faktor sehr viel gelassener hinzunehmen als Mad Max, der sehr auf seine Ernsthaftigkeit beharrte. Gelöst oder gar komisch ist auch Der Vollstrecker nur in ganz wenigen Ausnahmen, aber schon allein die Fetisch-Kostüme der Schurken beweisen, dass Miller die Exploitaton-Anteile diesmal ganz anders wertet. So ist der zweite Teil seinem Vorgänger überlegen: unterhaltsamer, kinetischer, weniger fatalistisch. Und vor allem: sehr viel mehr Genrespaß für den Zuschauer.




Montag, 3. März 2014

Mad Max (1979)




MAD MAX
Australien 1979
Dt. Erstaufführung: 29.02.1980
Regie: George Miller

Als Mad Max 1979 in seinem Entstehungsland Australien zum Blockbuster avancierte und den internationalen Markt für Filme aus „Down Under“ öffnete, spaltete er auch die Kritiker in zwei Lager. Von geradezu hasserfüllten Tiraden und unendlichem Lob war alles vertreten, so das sichergestellt war: über Mad Max redete man. Seinen Ruf als notorisch gewalttätige Dystopie hat der Film bis heute nicht ganz ablegen können, auch wenn das, was man als physische Gewalt zu sehen bekommt, verhältnismäßig harmlos ist. Doch es ist auch nicht eine explizite Ausstellung von Blutrünstigkeiten, die Mad Max diesen Ruf eingebracht haben dürfte, sondern seine trostlose Grundstimmung. In dieser Welt gibt es keine Hoffnung, alles ist öd und leer, Miller verwehrt dem Zuschauer jegliche Katharsis. Das ist zunächst im Kontext des Kinos des Jahres 1979 interessant, aber der Film selbst profitiert nicht davon. Mad Max ist historisch interessant, auch und gerade wegen den Debatten, die an seinem Beispiel geführt wurden, als Spielfilm aber ist er ein zwar in den Actionszenen gekonnter, aber sonst ziemlich unspektakulärer Rachefilm.

Australien in einer nicht näher definierten Zukunft: Die Gesellschaft beginnt langsam, aber stetig, auseinanderzufallen. Die Polizisten in den abgelegenen Städten am Rande des Outbacks kommen kaum noch gegen die anarchischen Bikerhorden an, die sich anschicken, die Herrschaft über die Straße an sich zu reißen. Als bei einer Verfolgungsjagd mit dem Polizisten Max (Mel Gibson) der sogenannte „Nightrider“ (Vincent Gil), Anführer der mächtigsten Gang im ganzen Umland, getötet wird, eskaliert die Situation. Nightriders zweite Hand, Toecutter (Hugh Keays-Byrne) schwört Rache und so erwischt es zunächst Max‘ Partner Jim (Steve Bisley). Schockiert und von Furcht um seine Familie beseelt, quittiert Max den Dienst und zieht sich mit Frau und Kind weiter ins Hinterland zurück. Doch bald muss er erkennen, dass auch hier das Glück in einer auseinanderfallenden Welt nicht von langer Dauer ist…

Mad Max ist Exploitation-Kino par excellence. Wenn man will, kann man ihn ihm eine Allegorie auf den langsamen Zerfall von Gesellschaften sehen, wie es in den Jahren 1978/1979 im Iran zu beobachten war, rückblickend sogar als Vorahnung auf den Tod von Westernlegende John Wayne (gestorben im Juni 1979, während Mad Max im Februar in die australischen Kinos kam) lesen und dem damit verbundenen Gefühl des Aussterbens der “Helden”. Oder einfach als gekonnt choreographierter Actionfilm, der sich das australische Outback-Setting mit seiner Weite zu Nutze macht. Wie auch immer man George Millers Durchbruch rückblickend interpretieren will, im Vordergrund steht der reißerische, oft auch cartoonartige Effekt. Der Schurke heißt Toecutter, muss man wirklich noch mehr sagen? Sein Hauptaugenmerk liegt auf spektakulären Stunts und Verfolgungsjagden, Kinetik ist das oberste Prinzip von Mad Max.

In punkto Figurenzeichnung kann der Film seine Anlehnung an den Comic ebenso kaum verleugnen. Mad Max ist eine „Origin Story“, in der man erfährt, wie eine Figur so geworden ist, wie sie ist. Gerade im Hinblick darauf, dass man ´79 nicht sicher sein konnte, jemals eine Fortsetzung drehen zu können, ist der Film retrospektiv bemerkenswert; als Trilogie sind die Mad-Max-Filme erstaunlich konsistent, was die emotionale Entwicklung der Hauptfigur angeht. So kann der Film seine volle Wirkung auch erst im Zusammenspiel gerade mit dem zweiten Teil ausspielen. Für sich genommen endet der erste Teil sehr abrupt und verweigert, wie erwähnt, jegliche sonst übliche Katharsis. Die Bösen sind tot, aber es bringt dem „Helden“ nichts. Die Welt geht vor die Hunde und persönliches Glück kann nicht mehr als eine flüchtige Erfahrung sein. Das alles ist ziemlich defätistisch, vor allem, weil der Film keinerlei Brechungen oder Fragen zulässt. Mad Max zieht seine Geschichte schnörkellos durch, kommt aber im Endeffekt nirgends richtig an. Was bleibt ist ein im Grunde zutiefst verzweifelter Film über den Niedergang des zwischenmenschlichen Zusammenlebens, garniert mit sehenswerten Actioneinlagen. Der Ton ist pessimistisch und auch wenn dies nicht per se ein Negativum ist, muss man doch konstatieren, dass er bei Mad Max etwas schräg schwingt. Viel mehr als die Beschreibung eines fiktiven Ist-Zustands gelingt Miller, trotz aller handwerklichen Raffinessen, nicht.