Dienstag, 10. März 2015

Chappie (2015)




CHAPPIE
USA/Mexiko/Südafrika 2015
Regie: Neill Blomkamp
Dt. Erstaufführung: 05.03.2015

Der südafrikanische Regisseur Neill Blomkamp ist in gewisser Weise ein Pendant zum US-Amerikaner J.J. Abrams, indem er sich munter aus dem Fundus der genrespezifischen Popkultur der letzten Jahrzehnte bedient und sie neu zusammensetzt: ein Mash-Up-Regisseur, sozusagen. Doch während Abrams sich weitestgehend auf bloße Hommagen und eklatante Missachtung des Ausgangsmaterials konzentriert (Star Trek – Into Darkness ist immer noch in schlechter Erinnerung und den neuen Star Wars-Ausgaben kann man unter diesen Vorzeichen auch nicht sonderlich unbelastet entgegensehen), versucht Blomkamp wenigstens, seiner Zitatmaschinerie einen eigenen Anstrich zu verleihen. Sein Spielfilmdebüt District 9 war ein wilder Trip, der soziale Allegorie, Buddymovie, Thriller und Science-fiction-Action auf furiose Weise mischte, mit Anleihen an Alien Nation und RoboCop, das alles in einem interessanten visuellen Gewand. Letzteres wurde für den Nachfolger Elysium beibehalten, der Film selbst kam allerdings nicht so gut davon wie sein Vorgänger. Inzwischen hat sich selbst Blomkamp selbst eingestanden, dass er mit Elysium nicht den großen Wurf gelandet hatte, den er wohl im Sinn hatte. Nun stellt sich die bange Frage: kann Chappie das Ruder herumreißen? Es sei gesagt: Blomkamps dritter Film ist besser als Elysium, aber von District 9 weit entfernt. Zumal sich das Plündern des Genrefundus diesmal sehr viel deutlicher in den Vordergrund schiebt: Chappie ist eine nach Südafrika verpflanzte Version von (wieder einmal) RoboCop, dessen unterschätztes Remake noch gar nicht so lange her ist. Ähnlich wie dieses erzählt auch Chappie einiges über die Zeit, aus der er stammt und könnte in einigen Jahrzehnten wohlwollender aufgenommen werden als zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung. Denn hinter der manchmal etwas holprigen Narrative stellt Chappie erstaunlich viele Fragen, die vom Zuschauer auch eigenständig beantwortet werden wollen.
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In einer alternativen Realität hat die Polizei von Johannisburg als erste der Welt Roboterpolizisten, sogenannte Scouts im Einsatz, als unfehlbar und unbestechlich geltende Maschinen ohne künstliche Intelligenz, wohl aber einsetzbar als schier unzerstörbare Schutzschilde für menschliche Gesetzeshüter. Entwickelt wurden sie vom jungen Computergenie Deon (Dev Patel), der sich insgeheim aber an die Entwicklung von echter künstlicher Intelligenz gemacht hat, quasi der menschliche Geist mit all seinen Fähigkeiten verpackt in eine Computerdatei. Als das Experiment gelingt, entwendet er einen im Kampf schwer beschädigten Scout, um an ihm seine Entdeckung zu testen, wird aber auf dem Heimweg von zwei Kleinkriminellen (Ninja & Yo-landi, Rapper der südafrikanischen Band Die Antwoort) entführt, die glauben, er hätte die Macht, alle Scouts auf einmal abzustellen, um ihnen so einen großen Raubzug zu ermöglichen. Doch es kommt so, wie es kommen muss: Deon aktiviert den Scout mitsamt künstlicher Intelligenz und die Gangster sehen ihre Chance, mit dessen Hilfe noch viel größere Coups landen zu können. Doch der sehr schnell Chappie getaufte Roboter hat zunächst das Bewusstsein eines Kleinkindes und muss erst einen (beschleunigten) Lernprozess durchlaufen. Dabei gerät er in einen Konflikt zwischen den bald als Familie angesehenen Gangster und ihren Werten und jenen, die Deon von ihm verlangt. Und dann wäre da noch Vincent (Hugh Jackman), einer von Deons Kollegen und Erfinder eines ungleich klobigeren Robotersystems, dem die Vorstellung von künstlicher Intelligenz so zuwider ist, dass er alles daran setzt, Chappie zu vernichten…

Als Film über die Menschwerdung einer Maschine, über den Unterschied zwischen Emotionalität und Rationalität, über die Diskrepanz zwischen technisch machbaren und der ethischen Vertretbarkeit ist Chappie überfordert, aber er hat zumindest den Mut, hinter dem Spektakel dem Zuschauer die Fragen danach ans Herz zu legen. Das Blomkamp ein Verfechter einer Ethik, ja eines Humanismus ist, der über den Menschen hinausgeht, wurde bereits in District 9 deutlich. Egal ob Alien oder Roboter – Bewusstsein verpflichtet. Chappie lässt dabei auch einige der metaphysischen Fragen nicht außer Acht, die bei solch einem Stoff unweigerlich aufkommen. So ist der religiöse Part, die Gott-Frage, auch das potenteste Element des ganzen Films. Selbstredend ist Jackmans Part als Antagonist plakativ angelegt, wenn er Chappie auch aus dem Grund ablehnt, weil er nicht in sein Menschen- und damit Gottesbild passt. Vincent bekreuzigt sich gern, nennt den Roboter-Protagonisten gottlos – es ist nicht schwer, darin einen fundamentalen Konflikt zu sehen, der sich auch in der Konstellation Deon/Chappie fortsetzt und dabei einige Probleme der transhumanistischen Ethik überraschend deutlich anspricht. Chappies Körper ist fehlerhaft, seine Batterie kann weder entfernt noch aufgeladen werden, er ist dazu verdammt, innerhalb weniger Tage wieder dahinzuscheiden. Deon, der in dieser Sache durchaus ambivalent dargestellt wird, hat als Schöpfer, als Gott, keine Antwort auf die Frage nach dem Warum: Warum erschafft er Leben, wenn es doch nur dazu verdammt ist, zu sterben? Daran schließt sich ein ganzer Rattenschwanz an Fragen an, z.B. danach, ob, nur weil etwas möglich ist, man es auch tun sollte und wie sich der Mensch im Angesicht von eigenhändig erschaffender Intelligenz überhaupt definieren soll. Das Ende, unter anderen Gesichtspunkten sicherlich nicht ohne Probleme, kann denn auch als Aufruf verstanden werden, die Götter wieder auf die eigene Ebene zurückzuholen. Above us only sky.

Chappie ist ein plakativer Film, keine Frage. Subtilität ist nicht gerade seine Stärke und dennoch funktioniert das Ganze doch erstaunlich gut, trotz einer ganzen Palette an geradezu dreisten Ungereimtheiten (die bloße Darstellung der Erschaffung künstlicher Intelligenz beispielsweise, die Tatsache, dass die Roboterfirma das mieseste Sicherheitssystem der Welt hat oder auch, dass Deon Chappie einfach den Gangstern überlässt und unbehelligt nach Hause fährt – weil die Gang es ihm so gesagt hat). Doch ähnlich wie der sich nach den Anforderungen der Sequenz verändernde Stil in District 9 stört dies kaum den Handlungsfluss. Blomkamp weiß, wie er Geschichten am Laufen halten kann, selbst Elysium konnte noch von dieser Fertigkeit profitieren. Hinzu kommen die einmal mehr grandiosen Effekte, die in keiner Sekunde Zweifel daran aufkommen lassen, dass Chappie und die menschlichen Akteure wirklich zusammen am Set zugegen waren.

Chappie ist eine Art guilty pleasure-Film, ein Werk, von dem man weiß, dass es sich an allen möglichen Töpfen bedient (Vincents Kampfroboter ist auch optisch direkt Paul Verhoevens RoboCop entlehnt), massive narrative Schwächen aufweist, Schauspieler geradezu vergeudet (Sigourney Weaver ist lediglich da, um ihren Gehaltscheck abzuholen) und die meisten der aufkeimenden Fragen im Bezug auf sein Sujet nicht direkt oder nur sehr halbherzig anspricht, aber dennoch, wie durch ein Wunder, funktioniert das Ganze auf der reinen Popcorn-Ebene dann doch ganz ordentlich. Zumal er als Grundlage für eine anschließende Diskussion über Ethik und Philosophie ebenfalls genug Raum bietet. Chappie ist kein großer Wurf, dafür hat der geneigte Zuschauer schon zu viel in diese Richtung gesehen, aber er ist auch nicht der Schritt nach unten, den man nach dem halbherzigen Elysium befürchten konnte. Zumal ein Film, der in seiner Hauptactionszene die Snowden-Enthüllungen ins Gedächtnis ruft und wie auf Videos festgehalten wurde, wie das Töten von Menschen zum Videospiel wurde (hier mit Vincent und seinem Moose-Kampfroboter als Stand-In), der ist einer flächendeckenden Lobotomie ohnehin unverdächtig.




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