Montag, 7. April 2014

Kid-Thing (2012)




KID-THING
USA 2012
Dt. Erstaufführung: 22.08.2013
Regie: David Zellner

Wenn man den Filmmarkt unbedingt in Mainstream und Arthouse einteilen will, dann ist Kid-Thing ein unbedingter Vertreter des Letzteren. David Zellners Film ist mehr Stimmungsbild denn gewöhnliche Narrative, illustriert von in ihrer Schlichtheit durchaus poetischen Bildern und getragen von einem zurückhaltenden, aber atmosphärischen Soundtrack von The Octopus Project. Und wie so oft bei Filmen, die in der breiten Wahrnehmung abseits der Pfade stehen, wurde der Film in Deutschland zwar fürs Kino ausgewertet, musste sich aber mit 12 Kopien und einem Einspielergebnis von knapp über 7.000 € zufriedengeben. Das ist zwar mehr als bei anderen hervorragenden, aber leider untergegangenen Filmen des Jahres 2013 wie Just the Wind (3 Kopien) oder Unter Menschen (8 Kopien), aber immer noch weniger, als es dem hypnotischen Film eigentlich zu wünschen wäre. Kid-Thing ist keine 80 Minuten lang und schafft es, den geneigten Zuschauer in jeder davon in den Bann zu ziehen.

Annie (Sydney Aguirre) ist verwahrlost. Zwar hat sie ein Dach über den Kopf, aber ihr Vater (Nathan Zellner), eigentlich Ziegenfarmer von Beruf, hat sich eher dem Glücksspiel und dem Alkohol verschrieben, die Mutter ist abwesend. Annie scheint nie die Basiselemente des menschlichen Zusammenlebens gelernt zu haben, sie kommt nicht mit anderen Kindern aus und durchstreift daher allein die wenig interessante Umgebung rund um ihre Heimatstadt in Texas. In einem kleinen Waldstück vernimmt sie eines Tages eine Stimme, die aus einem metertiefen Loch im Boden kommt. Eine Frau, die sich als Esther (Susan Tyrrell in ihrer letzten Rolle) vorstellt, ist dort hineingefallen und kommt ohne Hilfe nicht mehr hinaus. Annie hat die Chance, das einzig richtige zu tun – und zögert…

Zellner gelingt es, mit äußerst wenigen Worten, dafür einer präzisen Beobachtungsgabe, Annie als Charakter zu entwickeln. Die Sequenzen sind dabei wie kleine Kapitel, Momentaufnahmen, die das einsame, durchaus schwer zu liebende Kind erfahrbar machen. Annie lebt in den Tag hinein. Da der Film meistens lichtdurchflutet daherkommt und die Nächte mild zu seien scheinen, kann man davon ausgehen, dass er in den Sommerferien spielt und Annie über entsprechend viel Freizeit verfügt.
Es wird schnell klar, dass Annie nur Beiwerk im Leben ihres Vaters ist, der weder geistig noch intuitiv in der Lage ist, seiner Tochter ein Vorbild zu sein. Irgendwo in ihm hat die Erkenntnis längt angedockt, dass er sein Leben ändern muss, aber seine augenscheinliche Spiel- und Trinksucht führt dazu, dass er sich fast nur noch mit sich selbst beschäftigt. Gespräche zwischen Vater und Tochter finden nicht statt, zumindest nicht in dem Maße, wie man es in einer „gesunden“ Familie erwarten würde. Als Annie versucht, ihm von Esther zu erzählen, schweift der Vater ab und fragt nach seinem Selbsttherapiebuch, was für Annie zur Folge hat, dass sie die Situation ganz für sich allein einordnen muss. Doch wie soll sie eine normale, rationale Entscheidung treffen, wenn ihr jegliche moralische Führung schon längt abhanden gekommen ist? Über die abwesende Mutter wird kein Wort verloren und auch sonst fehlt jegliche erwachsene Bezugs- oder Vorbildsperson. Diese Lücke kann auch nicht durch andere Kinder geschlossen werden, denn Annie ist impulsiv-aggressiv gegenüber Altersgenossen, selbst ihren Versuch, als Teil einer Fußballmannschaft Anschluss zu finden, torpediert sie durch ihr Verhalten selbst. „Noch eine rote Karte und du fliegst aus der Mannschaft“, wird ihr Trainer ihr auf den Anrufbeantworter sprechen.

So lebt Annie ein von Langeweile und aufgetauter Aggressivität geprägtes Leben, sie bewirft vorbeifahrende Autos, stiehlt nach Herzenslust im lokalen Supermarkt oder spielt Telefonstreiche, die ihr aber auch nur als kurzzeitiger Ausweg aus der Tristesse dienen. Aus all ihren Aktionen zieht sie keine Freude und als sie plötzlich im Garten eines anderen, gerade Geburtstag feiernden Mädchens auftaucht, diesem ein Geschenk stiehlt und den Geburtstagskuchen zerschlägt, dann ist das nur eine sehr verquere Art der Frustbewältigung. Wenn sie schon keine Freude empfinden kann, soll es auch niemand anderes tun. Kein Wunder, dass das entwendete Geschenk, eine Barbie-Puppe, sofort nach dem Öffnen zerstört wird.

Esther ist der Ausweg aus all dem Frust. Sie ist der einzige Erwachsene, der Annie aufmerksam anspricht und das Mädchen spürt, dass, wenn sie Esther aus ihrer Misere hilft, dies mit einem Schlag vorbei sein würde. Eine befreite Esther ist für Annie gleichbedeutend mit einer nicht mehr verfügbaren Esther und dies ist sie nicht bereit, zuzulassen. Annie sieht ihren Vorteil in der Situation und kann auch kaum mit der Situation umgehen, als Esther immer ungehaltener ob der heraus gezögerten Hilfe wird. Ins Loch geworfene Brote und Trinkpäkchen sind eben nicht genug.
Doch Kid-Thing lässt noch eine ganz andere Lesart zu: Womöglich existiert Esther gar nicht, sondern ist nur das Produkt von Annies Geist, der sich so sehr nach persönlicher Ansprache sehnt, dass er Esther generiert. Die Stimme aus der Dunkelheit des Lochs wäre also nichts anderes als die Stimme von Annies Gewissen und ihrer Sehnsucht. Dabei ist es besonders verstörend, wenn Zellner seiner Figur, nachdem sie anfängt, das Richtige zu tun, gleich wieder ein Bein stellt. Wenn Annie zum ersten Mal etwas im Supermarkt bezahlt, ist danach ihr Fahrrad verschwunden. In dieser Welt gibt es keine Happy-Ends. Ob Esther nur eine Manifestation oder eine reale Person ist, liegt schlussendlich ebenso in der Interpretation des Zuschauers wie das ambivalente Ende.

Kid-Thing generiert eine Aura des leicht unheimlichen, des entrückten. Zellner beweist dabei ein ungemeines Gespür für das nicht fassbare, dass mit der Kindheit einhergeht. Als Kind kann man sich nicht alles erklären, was um einen geschieht und es gelingt dem Regisseur, dieses Gefühl durch seine wohlkomponierten Bilder und auch dank seiner fantastischen Hauptdarstellerin Aguirre im Zuschauer wieder wach zu rufen. Zudem ist es erstaunlich, wie viele Details er in seinem Film unterzubringen vermag, die aus der Protagonistin eine vielschichtige Figur machen. Kid-Thing ist ein Film, der niemals in den großen Multiplex-Ketten laufen würde und wenn das Ergebnis so absorbierend ist, dann ist das nur zum Nachteil derer, die sich ausschließlich dem filmischen Output widmen, den man eben gemeinhin als „Mainstream“ bezeichnet.



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