Dienstag, 14. Mai 2013

Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt (1979)




ALIEN – DAS UNHEIMLICHE WESEN AUS EINER FREMDEN WELT
(Alien)
Großbritannien/USA 1979
Dt. Erstaufführung: 25.10.1979
Regie: Ridley Scott

Anno 2013 ein Review zu einem der großen Klassiker der Filmgeschichte zu schreiben ist schon allein deshalb schwierig, weil die gängigen Beschreibungsattribute bereits hinlänglich bekannt sind. Es liegt wenig Neues darin, Alien (den monströsen deutschen Untertitel lasse ich aus Platzgründen mal weg) zum x-ten Mal als „Geisterschloss im Weltall“ (haunted house in space) zu beschreiben. Das Problem ist sicherlich, dass der Film so immens populär ist, dass man zwangsläufig andere Rezensenten wiederholt, wenn auch unbewusst und ohne böse Absicht. Was tun? Vielleicht als erstes die Frage beantworten, ob der Film aus der Sicht eines Mitte der 1980er Jahre geborenen Menschen, der diesen Film zum ersten Mal im Alter von 15 sah, hält, was er verspricht: eine tour-de-force von einem Science-Fiction/Horror-Hybriden zu sein. Die Antwort ist einfach und klar: Ja. Alien ist und bleibt ein verdienter Klassiker, ein nie langweilig werdendes Filmjuwel, das jeden – wirklich jeden – seiner zahllosen Nachahmer in die Schranken weist.

Der Raumfrachter Nostromo ist auf dem Rückweg zur Erde, als die Crew vom Schiffscomputer aus ihrem Kälteschlaf geholt wird. Ein unbekanntes Signal hat das Raumschiff erreicht und der Kurs wurde automatisch in Richtung der Quelle korrigiert. Schließlich muss jedem potenziell außerirdischen Signal nachgegangen werden, so wollen es die Vorschriften. So landet die Crew auf einem kleinen, einsamen, lebensfeindlichen Planetoiden, auf dem Kapitän Dallas (Tom Skerritt), Kane (John Hurt) und Lambert (Veronica Cartwright) ein gestrandetes Raumschiff nicht-menschlichen Ursprungs entdecken, in dessen Innern hunderte ledriger Eier lagern. Bei der Untersuchung des sensationellen Funds wird Kane von einer fremden Lebensform angefallen, die sich um sein Gesicht schlingt. Zurück auf dem Schiff findet sich keine Möglichkeit, den Organismus zu entfernen, ohne Kane zu gefährden, zumal der „Gast“ statt Blut Säure durch seine Adern pumpt. Nach einiger Zeit fällt das Wesen allerdings tot von Kanes Gesicht ab, dem es danach wieder gutzugehen scheint. Bei einem letzten Essen vor der Rückkehr in den Kälteschlaf bricht allerdings ein Alien aus Kanes Brust hervor, dass sich danach sofort in den Eingeweiden des riesigen Schiffes versteckt. Die Besatzung macht sich daran, es aufzuspüren und zu beseitigen, doch das Monster wächst nicht nur schnell, seine Bösartigkeit ist zudem kaum zu beschreiben. Für den zweiten Offizier Ripley (Sigourney Weaver) und die anderen beginnt ein Überlebenskampf.

Die Grundidee von Alien ist alles andere als neu. Periodisch kommen auch Vorwürfe auf, der Film sei im Grunde nichts Weiteres als ein Remake des 1950er-Jahre-Trashfilms It! The Terror From Beyond Space. Dies mag auf die grundsätzliche Prämisse (Raumfahrer werden von einem außerirdischen Wesen auf ihrem Schiff nach und nach dezimiert) sogar zutreffen, aber Ridley Scott holt mit der Hilfe des schweizerischen Designers H.R. Giger erstaunlich viel aus ihr heraus und überholt It! locker. Denn Alien ist ein Musterbeispiel für Atmosphäre, stimmige Charaktere und Effekte, die es in jedem Frame mit den computergenerierten Bildern des neueren Kinos aufnehmen können. Wenn die Nostromo vorbeischwebt ist es nicht zuletzt dem überragenden Modellbau zu verdanken, dass man die Präsenz förmlich spürt (wer anlässlich des Director’s Cut von 2003 die Möglichkeit hatte, den Film im Kino zu erleben, wird dies noch besser verstehen). Ebenso hervorragend ist das Innendesign des Raumschiffes, auf dem schmutzige Zweckmäßigkeit regiert. Scott bewegt sich stets tastend durch die Gänge, als wüsste er selbst nicht, wann und wo die Kreatur zuschlagen könnte. Selbst zu Beginn, als vom Alien noch meilenweit nichts zu sehen ist, generiert er so eine unheilvolle, ungemein dichte Atmosphäre und hält sie auch noch über die gesamte Spielzeit. Selbst in Sequenzen, die nicht primär dem Spannungsaufbau dienen, schwebt über allem das Gefühl einer diffusen (später natürlich auch konkreten) Bedrohung. Scott liebt seine Sets und er hat jedes Recht dazu, spielt das Design in Alien doch eine ebenso wichtige Rolle wie die Schauspieler. Die Nostromo ist im Grunde ein eigenständiger Charakter, denn ohne ihre verschlungenen, klaustrophobischen Gänge könnte der Film nicht seine volle Wirkung entfalten.

Besonders interessant, gerade im Hinblick auf so viele moderne Horrorfilme, ist Scotts Mut zur Exposition. Alien beginnt nicht mit einem opening kill, de facto wird er viele ungeduldige, nur auf blutige Effekte erpichte Zuschauer bis zum Tode Kanes wohl verlieren, es sei denn, sie sind willig, eine Horrorgeschichte anzunehmen, die sich Zeit nimmt, das Wie und Warum eben jenes Horrors zu erklären und die Charaktere nicht als billiges Kanonenfutter zu verheizen. Es ist gerade diese Elemente, die Alien, auch im Vergleich zum jüngsten Prequel, Prometheus – Dunkle Zeichen, so stark machen: Nichts ist Scott egal und somit auch uns als Zuschauer. Wir wollen nicht, dass all die hemdsärmeligen, schroffen Trucker im Weltall, die doch nur ihre Arbeit machen, umkommen und dennoch müssen wir hilflos ihrem Kampf zusehen. Scott versteht es, mit wenigen Gesten und Sätzen präzise zu sein, zumindest für einen Horrorfilm. Das menschliche Element ist nicht austauschbar.

Alien ist ein Triumph sowohl des Science-fiction als auch des Horrorkinos. Die Genres werden kongenial gemischt, das SF-Element hat einen gewissen Realismus an sich und unterscheidet sich deutlich von den eher an Fantasy erinnernden Welten eines George Lucas. Raumfahrt ist hier ein Geschäft wie jedes andere und der Film schafft es überzeugend, diesen Umstand zu illustrieren. Und die Horrorelemente sind äußerst effektiv, wobei nicht nur der Ausbruch des Aliens aus John Hurts Brustkasten gemeint ist. Dabei geht es gar nicht um die Inszenierung von Blutrünstigkeiten, im Gegenteil: im Vergleich mit anderen Produktionen des Genres und auch mit seinen eigenen Fortsetzungen ist Alien geradezu zahm. Es ist das, was wir nicht sehen, die Überraschungen, die plötzlich ertönenden Geräusche, die uns ängstigen.

Oft nagt der Zahn der Zeit gerade an SF- und Horrorfilmen doch gewaltig. Bei ersteren, weil die Gegenwart die dargestellte Zukunft überholt, bei letzteren, weil das, was gruselig gemeint war, auf ein neues Publikum nicht mehr so wirkt. Beides trifft auf Alien nicht zu. Mit Ausnahme von Sigourney Weavers Haaren wirkt nichts im Bild aus der Zeit gefallen, die Zukunft der Weltraum-Malocher wirkt heute noch genauso plausibel wie 1979. Und die Schockeffekte haben sich auch als zeitlos erwiesen, weil die Ängste des Publikums sich nicht grundlegend ändern.
So bleibt Alien einer der besten Filme aller Zeiten, auch wenn dieses Statement vielleicht zu inflationär gebraucht wird. Ausgestattet mit viel Talent vor und hinter der Kamera, einem reichen Subtext (über die Deutung des Films als Allegorie auf die dunkle Seite der Sexualität will ich gar nicht erst anfangen – eine Rahmensprengung wäre vorprogrammiert) und einer zeitlosen Inszenierung ist Ridley Scotts zweite Spielfilmarbeit sein magnum opus - bis heute.



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