Mittwoch, 13. Januar 2016

The Hunting Ground (2015)




THE HUNTING GROUND
USA 2015
Dt. Erstaufführung: 01.01.2016 (VOD-Premiere)
Regie: Kirby Dick

Als diese Besprechung entsteht, hält gerade eine rechtsextreme, paramilitärische Einheit weißer Terroristen Oregon, USA, durch die Besetzung eines Nationalparks in Atem. Zusammen mit der „Shoot First“-Mentalität der Polizei und aberwitzigen Anekdoten aus der Wirtschafts- und Gesundheitspolitik bildet sich jenseits des großen Teiches immer wieder das Bild einer, gelinde gesagt, seltsamen Nation, in der Dinge möglich sind, über die in Europa nur der Kopf geschüttelt werden kann. Doch ist es in Deutschland wirklich besser, einem Land, in dem eine faschistische Terrorzelle jahrelang augenscheinlich vom Staat gedeckt morden konnte, in dem die angesprochene aberwitzige Wirtschaftspolitik in Form eines Freihandelsabkommens ernsthaft diskutiert wird und in dem, ebenso wie in den USA, das Beschuldigen von Opfern von Vergewaltigungen salonfähig geworden ist? Dies bringt uns zu The Hunting Ground, einer Dokumentation über das in den USA turnusmäßig hochkochende Thema von Vergewaltigungen an Universitäten. Stichworte wie „Rape Culture“ und „Victim Blaming“ kann man fast im Minutentakt in den Raum werfen und sie werden immer treffend sein.

Der Film zeichnet ein deutliches Bild: Vergewaltigungen passieren sehr viel häufiger auf dem Campus jeder beliebigen Universität, wenn sie angezeigt werden wird mit dem Finger auf die Opfer gezeigt, der Täter geschützt und nur äußerst selten überhaupt in irgendeiner Form zur Rechenschaft gezogen, Ermittlungen mitunter monatelang verschleppt, wenn sie denn aufgenommen werden. Die Macht der Studentenverbindungen, ihrer zahlungskräftigen Ehemaligen und den daraus resultierenden wirtschaftlichen und politischen Interessen wiegen schwerer als eine konsequente Verfolgung der Täter. Die Zahlen der fälschlichen Anschuldigungen werden übertrieben, es gibt auf den Uni-Webseiten Leitfäden zum Umgang mit Vergewaltigungsanschuldigungen, aber keine für die von dem Verbrechen Betroffenen. The Hunting Ground untermauert alles mit Studien, zeigt auch die unterschiedlichen Zahlen, die aber alle weit von dem abweichen, was als offiziell verkauft wird (so schwanken die Angaben zu fälschlichen Anschuldigungen zwischen 8 und 2 Prozent, was weit unter dem liegt, was als mediales Bild durch die Öffentlichkeit geistert).

Der Film bleibt konsequent bei den Überlebenden von Vergewaltigungen, egal ob weiblich oder männlich. Der Täterkult wird gerade am Beispiel eines prominenten, aufstrebenden Football-Talents beleuchtet, was zu den am schwersten erträglichen Sequenzen in dieser daran nicht armen Dokumentation gehört. Der Vorwurf, Opfer seien auch immer Mitschuld an ihrer Vergewaltigung, wiegt schwer über allem und es ist gerade diese latente Verachtung, das (auch von Frauen wie diversen gezeigten Dekaninnen) durchexerzierte, chauvinistische Weltbild, dass der Mann ja nur Triebe habe und Frauen ja klar „Nein!“ sagen könnten, die schockiert. Dem stellt der Film Handyaufnahmen einer Prozession von „Frat Boys“ entgegen, die vor einem Heim voller ErstsemesterInnen laut „No means yes, yes means anal!“ skandieren. Die Archivaussage eines jungen Mannes, der sich fragt, ob es denn wirklich eine Vergewaltigung sei, wenn die Frau Nein gesagt hat und man trotzdem Sex habe, fasst die Aberwitzigkeit, in der sich viele Überlebende nach der Tat wiederfinden, perfekt zusammen. Die Tat ist barbarisch, der Umgang danach noch schlimmer. Ein Schelm, wer böses dabei denkt, dass Lehrbeauftragte und Professoren, die sich für eine gerechte Aufklärung einsetzen, ihre Anstellungen regelmäßig verlieren.

The Hunting Ground ist in seiner ganzen Wucht schwer ertragbar. Formal eine Doku ohne Experimente, wiegt der inhaltliche Sprengstoff alles schnell auf. Die Situation an deutschen Hochschulen mag anders sein, aber die Mechanismen, nach denen in Fällen sexueller Gewalt argumentiert wird, legt der Film akribisch offen. Auf dem Oktoberfest gehören sexuelle Übergriffe ja auch zur „Folklore“ und die „Provokation“ durch einen Ausschnitt oder einen Rock wird als so gravierend angesehen, dass dem Vergewaltiger ja gar keine andere Möglichkeit blieb, als etwas zur Triebabarbeitung zu tun. Es ist diese ungeheuerliche Argumentationsweise, die in The Hunting Ground immer wieder zur Sprache kommt und sie ist, so traurig und erschreckend dies auch sein mag, universell. So wird der Film zu mehr als zu einer weiteren Schilderung aus den Niederungen der US-amerikanischen Gesellschaft. The Hunting Ground ist, in der ein oder anderen Form, überall.





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