Dienstag, 19. Januar 2016

Der Bunker (2015)




DER BUNKER
Deutschland 2015
Dt. Erstaufführung: 21.01.2016
Regie: Nikias Chryssos

Im Lichte des Realismusanspruchs gerade des deutschen Films wirkt Der Bunker wie eine Trotzreaktion. Er will sich nicht einreihen in die harsch-realistischen Sozialstudien oder die flachen, für alle möglichst einfach zu verstehenden Komödien oder die heile Welt der TV-Filme. Das Kinodebüt und Abschlussfilm von Nikias Chryssos steht internationalen experimentellen Werken wie Rubber näher als heimischen Erfolgen wie Elser – Er hätte die Welt verändert, da er sich nicht dem Diktat der Wirklichkeit beugt. Dies führt fast zwangsläufig dazu, dass Der Bunker manchmal nur schräg um des Effektes willen daherkommt, aber sein unbedingter Eigenwille und die gekonnt aufgebaute Atmosphäre lassen das Interesse nie erlahmen.

Mitten im Wald in einem schwer zu findenden Bunker haust eine Familie bestehend aus Vater (David Scheller), Mutter (Oona von Maydell) und dem achtjährigen Klaus (gespielt von dem 30-jährigen Daniel Fripan, was aber nicht so peinlich wirkt wie in Clifford – Das kleine Scheusal mit Martin Short in der Kinderrolle). Eines Tages kommt ein Student (Pit Bukowski) bei Ihnen an, um sich, Bezug auf ein Inserat nehmend, in ein Zimmer bei ihnen einzumieten. Dort will er in Ruhe an seinen mathematischen Forschungen arbeiten, wird aber vom Vater wegen einer nicht ausreichenden Miete dazu verpflichtet, den Hausunterricht für Klaus zu übernehmen. Dieser soll schließlich einmal Präsident der USA werden und muss dafür alle Hauptstädte der Welt auswendig kennen. Der Student gerät immer tiefer in den Reigen der Familie, in dem nichts komplett nach den Regeln der Außenwelt spielt …

Der Bunker ist ein Film über die Rezeption der Wirklichkeit, indem er diese partiell aus den Angeln hebt. Die Dinge passieren einfach und auch wenn der Student aus der Welt jenseits des Bunkers kommt, scheint er die Regeln der Innenwelt nicht wirklich seltsam zu finden. Wenn er wie Klaus wegen ungebührlichen Verhaltens gemaßregelt wird, dann ist das eben so. Wenn Klaus nicht aussieht wie ein Achtjähriger, dann wird das ebenso wenig hinterfragt wie das Angebot der Mutter, durch Sex die Arbeit des Studenten voranzutreiben. Im Grotesken liegt dann oft die Komik des Films, auch wenn Der Bunker nicht gänzlich als Komödie aufgezogen wird wie beispielsweise der ebenfalls aus Deutschland stammende Hai-Alarm am Müggelsee. Doch die Atmosphäre hat auch stets etwas diffus bedrohliches, als lauerte unter der Fassade, noch tiefer im Bunker versteckt, etwas gänzlich Unheilvolles. So ist die Szene, in der die Mutter dem Studenten eröffnet, seit ihrer Kindheit mit Heinrich, einem Außerirdischen, durch eine Wunde an ihrem Bein in Kontakt zu stehen, und der nun in den dunklen Ecken ihrer Behausung lebt, weitaus effektiver, als man, gerade nach dieser Beschreibung, meinen würde. Im Grotesken liegt nicht nur Witz, sondern auch Bedrohung. Chryssos laviert gekonnt zwischen diesen beiden Polen, ohne sich jemals für eine Seite entscheiden zu müssen oder es durch Konkretisierung zu entzaubern. Heinrich trifft man genauso wenig wie den Postboten, der vielleicht irgendwann einmal Briefe in den außerhalb des Bunkers angebrachten Kasten wirft.

Auch gestaltungstechnisch wirkt der Film wie aus der Zeit gefallen. Produktionsdesignerin Melanie Raab präsentiert ein Konglomerat aus Chic der 1970er und 1980er Jahre. Im aus der Sicht des Zuschauers im Retrocharme eingerichteten Wohnzimmer werden altbackende Witzsammlungen vorgelesen, die einem Fips Asmussen zur Ehre gereichen würden, Klaus trägt Kleidung, wie man es womöglich von seinen eigenen Erste-Klasse-Schulbildern kennt, der Vater spricht im Duktus eines Dokumentarfilmkommentators aus vergangenen Jahrzehnten. Dies alles ist mit viel Liebe zum Detail gemacht und unterstützt durch die dunklen Farben den unheimlicheren Part der Atmosphäre.

Der Bunker ist letztlich durch seine völlige Weigerung, mit beiden Beinen „auf dem Boden der Tatsachen“ zu stehen, ein Film, der das Medium gekonnt zu seinen Gunsten prägt. Nur, weil die allermeisten Filme sich der Kohärenz verschrieben haben, müssen es ja nicht alle tun. Zumal in Der Bunker ja durchaus etwas erzählt wird, er also von beispielsweise einem dadaistischen Kurzfilm weit entfernt ist. Vielmehr illustriert er das individuelle Wirklichkeitsverständnis und wie es in verschiedene Richtungen ausschlagen kann. Dies kann von absoluter Überzeugung (Vater), über Selbsttäuschung (die Vorstellung der Eltern über Klaus‘ berufliche Zukunft oder auch die dahingestellte Verwertbarkeit der Arbeit des Studenten) bis zu Wahnvorstellungen (Mutter) reicht. Wie die Realität konstruiert ist, darüber entscheidet jeder letztlich selbst, trotz gewisser Konstanten, auf die sich ein Großteil einigen kann. In Der Bunker treffen nun Charaktere aufeinander, deren Verständnis sich von dem, was „normal“ ist und was nicht, eklatant unterscheidet. Und darüber hinaus kann man Chryssos‘ Film auch als düstere Satire auf „deutsche Tugenden“ wie Leistungsoptimierung (Klaus weiß beispielsweise nicht, was ein Spiel ist) und dem unbedingten Wunsch nach Sicherheit (in diesem Fall die vergleichsweise behütete Welt des 20. Jahrhunderts vor der Zeit des Internets und des Datenoverkills) lesen.
Der Bunker ist ganz sicher kein massentauglicher Film, es ist sogar fragwürdig, ob er auch in den Programmkinos ein breites Publikum ansprechen wird/kann. Doch sein unbedingter Stilwille, die innere Spannung hochhaltende Atmosphäre und schlicht der Reiz des Grotesken macht es den einen oder anderen Blick wert, geworfen zu werden. Gänzlich lässt sich Der Bunker nicht einordnen und etwas gepflegte Verwirrung hat in der Medienlandschaft auch ihren berechtigten Platz.



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