Sonntag, 12. Mai 2013

Star Trek - Into Darkness (2013)




STAR TREK – INTO DARKNESS
USA 2013
Dt. Erstaufführung: 09.05.2013
Regie: J.J. Abrams

Hinweis: Um konkretisieren zu können, was in meinen Augen an Into Darkness nicht stimmt, musste ich diverse Spoiler einbauen. Wer ein ungetrübtes Filmvergnügen vorzieht, der sollte erst den Film sehen und dann wiederkommen.

Der Erfolg, den der zweite Teil des Star Trek-Reboots beim Zuschauer haben wird, hängt ganz entscheidend mit seiner/ihrer persönlichen Star Trek-Biografie zusammen. Will sagen: Kennt man die Kinoabenteuer von Captain Kirk, als dieser noch von William Shatner verkörpert wurde, hält Into Darkness  sehr viele Enttäuschungen und Ärgerlichkeiten bereit, die das Vergnügen ganz erheblich schädigen können. Alle anderen werden sich wahrscheinlich gut unterhalten fühlen, auch wenn der Film bei genauer Betrachtung erschreckend wenig Neues bietet.

Ein ehemaliges Mitglied des Sternenflotten-Sicherheitsdienstes namens John Harrison (Benedict Cumberbatch) hat mit einem Anschlag auf ein Archiv der galaxienumspannenden Friedensorganisation den Krieg erklärt. Seine Motive sind unklar, doch als er sich auf den Heimatplaneten der Klingonen flüchtet, begibt sich Captain James T. Kirk (Chris Pine) mit seiner Crew, allen voran Halb-Vulkanier Spock (Zachary Quinto) auf eine Mission abseits aller Protokolle: Harrison aufspüren, ihn festnehmen oder, bei Widerstand, töten. Doch dann kristallisiert sich immer mehr heraus, warum Harrison seine Taten begangen hat und das der eigentliche Feind womöglich von ganz anderer Seite kommt…

Into Darkness ist wie sein Vorgänger ein handwerklich sauberer Science-Fiction-Film mit sehenswerten Effekten und einem sicheren Produktionsdesign. Alle Schauspieler aus Teil Eins der Raumschiff Enterprise-Neuauflage sind wieder mit an Bord (sogar Leonard Nimoy als Spock Prime, der aber zum bloßen Stichwortgeber reduziert wird) und auch Regisseur J.J. Abrams verdingt sich wieder als Realisator. Und das ist wohl einer der Punkte, der zum Misslingen des Films beiträgt.

Abrams ist hauptsächlich an Schauwerten interessiert. Dass er weniger der Mann für eigene Ideen ist, hat er bereits mehrfach und fast immer unter Beweis gestellt. Ob als Produzent für die TV-Serie Fringe (Akte X-Aufguss), den Kinofilm Cloverfield (Godzilla-Aufguss) oder als Regisseur von Super 8 (Steven-Spielberg-Nostalgie-Aufguss, wenn auch sehr unterhaltsam) – Abrams bedient sich bestehender Konzepte und vergisst meistens seine Charaktere unterwegs. So sehen wir auch kein spannendes Psychoduell zwischen Kirk und Harrison, der sich als Neu-Khan herausstellt, weil schon die nächste Actionszene wartet. Charaktere werden auf One-Liner reduziert und Zeit zum Atmen gibt es in den über zwei Stunden Spielzeit kaum. Das mag Actionfans zufriedenstellen und wohl auch den ein oder anderen Fan von Mainstream-Science-Fiction, aber – nochmals – mit Star Trek hat das alles herzlich wenig zu tun.

Into Darkness möchte eine geupdatete Variante von Der Zorn des Khan sein, einem der besten Star-Trek-Kinofilme und scheitert dabei grandios, vergisst er bei all der Zitierwut und der bloßen Nachstellung von Sequenzen aus dem  1982er-Abenteuer, der neuen Crew der Enterprise eine eigene Identität zu geben. War man 2009 bei der origin story des Reboots noch davon überzeugt, Regisseur J.J. Abrams könnte sich das Star Trek-Universum wirklich zu eigen machen und es für ein neues Publikum schmackhaft machen, so muss man ihm hier bereits attestieren, Star Trek nicht wirklich verstanden zu haben. Es gibt unendlich viel Action in diesem Film, die zwischen unterhaltsam, wirr geschnitten und langweilig hin und her pendelt. Dabei bleiben wirkliche Überraschungen und emotionale Höhepunkte auf der Strecke. Der Tod von Spock in Der Zorn des Khan war ein regelrechter Schock und zeigte außerdem von großem Mut, entledigte man sich doch einer der beliebtesten Figuren der Mediengeschichte. Into Darkness lässt Kirk sterben, stellt die berühmte Szene mit verteilten Rollen nach und schafft es nicht, diesem Moment Gewicht zu geben, da Abrams schon mehrfach zuvor klar gemacht hat, dass Kirk nicht wirklich zum Tode verdammt ist. Die Erklärung ist keine 100%ige Deus-ex-machina-Lösung, aber sie kommt nah dran. Immerhin eröffnet sich hier eine interessante Prämisse für potenzielle Fortsetzungen, auch wenn sie erst mal für einen weiteren launigen Gag herhalten muss. Dennoch wirkt der Film gerade hier sehr feige und genügsam.

Die Neuzugänge in der Schaupielerriege passen zum nüchternen Gesamteindruck des Films. Benedict Cumberbatch, Star der grandiosen TV-Serie Sherlock, guckt böse und ist genetisch zum Übermenschen programmiert, bleibt aber relativ farblos. Außer einer Sequenz, die dem Schurken immerhin zugesteht, auch mal eine Träne zu vergießen, bleibt sein Khan auf Distanz – nicht wie Ricardo Montalban, der anno 1982 eine wirkliche Bedrohung darstellte (auch ohne RoboCop-Hilfsmittel). Alice Eve als Dr. Carol Marcus wird Opfer der männlich-beobachtenden Kamera und bleibt ebenso farblos mit Ausnahme der Tatsache, dass man sie scheinbar nur als künftiges love interest für Kirk ins Drehbuch geschrieben hat. Die Schmach, nicht Uhura (Zoe Saldana) bekommen zu haben, muss ausgeglichen werden…

Aus dem Konzept der Serie, dass Ideen dem Spektakel stets voranstellte, ist ein schnelles, aber deprimierend seelenloses Produkt geworden. Natürlich waren nicht alle vorangegangenen Star Trek-Kinofilme cineastische Ereignisse – manche waren sogar schlechter als Into Darkness, aber nach dem unterhaltsamen Start 2009 und vor allem im Vergleich mit einer solch hervorragenden Episode wie Der Zorn des Khan wirkt dieser Teil wie eine Schau der verpassten Möglichkeiten und der falsch gesetzten Prioritäten. Überlang und vom Script unterversorgt ist Into Darkness eine jener herben Enttäuschungen, die nicht hätten sein müssen.


P.S.: Ein Wort noch zur 3D-Version. Normalerweise versuche ich, 3D zu meiden und Into Darkness hat mir mal wieder gezeigt, warum. Die Konvertierung ist eine Beleidigung, voller Bewegungsunschärfe und das Bild wurde auch nicht aufgehellt, so dass der Film stets etwas zu dunkel wirkt. Geldschneiderei der übelsten Sorte und es ist bedenklich, dass dieses Vorgehen offenbar sehr gut funktioniert – im Vorprogramm befanden sich diverse Vorschauen für Filme, die noch vor wenigen Wochen nicht als 3D-Werke angekündigt waren…


Mittwoch, 8. Mai 2013

Die Wand (2012)




DIE WAND
Deutschland/Österreich 2012
Dt. Erstaufführung: 11.10.2012
Regie: Julian Pölsler

Die Frage, was den Menschen von anderen Tieren unterscheidet ist ebenso potent wie alt. Immer wenn geglaubt wird, man hätte eine ausschließlich dem Menschen zuzuschreibende Eigenschaft herauskristallisiert, findet man schon die Entsprechung in der restlichen Fauna: Selbsterkenntnis, Sprache, Trauer, Werkzeuggebrauch. Krähen täuschen ihre Artgenossen, Tauben fahren U-Bahn, Delphine erlauben sich Späße mit Menschen. Und dennoch begreift sich der Mensch nicht wirklich als Tier, vielleicht, weil er – und das ist in der Tat einzigartig – Filme wie Die Wand drehen kann, die sich mit der Tier/Mensch-Symbiose beschäftigen. Das mag für jeden, der den Plot des Films kennt, auf den ersten Blick etwas seltsam klingen, aber Die Wand ist ein leidenschaftliches Plädoyer für einen ganzheitlichen Blick auf die Lebewesen dieses Planeten.

Eine Frau (Martina Gedeck), die den ganzen Film über namenlos bleiben wird, fährt mit Bekannten in deren Waldhütte in die österreicherischen Berge. Als das befreundete Ehepaar nach einem Ausflug in die nahe Stadt nicht zurückkehrt, macht sich die Frau auf die Suche und entdeckt eine unsichtbare Wand, die sie daran hindert, ins Tal zu kommen. Nach einiger Zeit erkennt sie, dass das unerklärliche Phänomen sie gänzlich von der Welt abgeschnitten hat und die Menschen auf der anderen Seite der Wand in ihren Bewegungen erstarrt und tot sind. Der Frau bleiben als Begleiter nur der treue Hund Luchs, zu dem sich im Laufe der Zeit eine Katze und eine trächtige Kuh gesellen. Auf sich allein gestellt muss die Frau lernen, für sich selbst zu sorgen, Kartoffeln anzubauen und auf die Jagd zu gehen.

Die Wand benutzt ihren Science-fiction-Fixpunkt, die unsichtbare Wand, nur als Aufhänger für die eigentliche Parabel, die der Film erzählen möchte. Das Phänomen wird nie erklärt und man hat das Gefühl, dass Julian Pölsers Verfilmung des Kultbuches von Marlen Haushofer damit sehr gut fährt. Konsequent bleibt der Film bei Martina Gedeck, alles, was sie weiß, wissen auch wir, aber nicht mehr. Es wäre vermessen, hätte Pölser versucht, etwas zu erklären, für dass es von der Protagonistin aus gesehen keine Erklärung geben kann: die Frau ist eingesperrt in einem Terrain, dass groß genug ist, um ihr Überleben zu sichern, aber alles, was darüber hinaus geht, kann sich nur ihrer Kenntnis (und damit auch der des Zuschauers) entziehen.

Mit der Wand als Auslöser beginnt eine ruhige Robinsonade, die von Gedeck durch Voice-Overs erklärt wird. Hier wäre manchmal weniger mehr gewesen, schrammen die Ausführungen, die die Figur für eine ungewisse Nachwelt auf Papier bringt, doch öfters haarscharf an müden Plattitüden vorbei. Gestalterische Einfälle wie der großartig deplazierten Song Freedom is a journey von Zabine, der aus dem Autoradio dröhnt, zeigen, dass es meistens nicht nötig gewesen wäre, das Offensichtliche nochmals in Worte zu fassen und Pölser der Kraft seiner teils atemberaubend schönen Bilder hätte vertrauen können. Hinzu kommen dramaturgische Schwächen (z.B. der Crash mit dem Auto, der die Figur dümmer aussehen lässt, als sie ist) und schlichte handwerkliche Patzer (die Katze ist bereits im Bild zu sehen, bevor sie in die Handlung eingeführt wird).

Doch dank des ungemein starken Allegoriecharakters des Unterfangens verzeiht man dem Film diese Ausrutscher. Denn es dürfte schwer werden, ein konzentrierteres Beispiel für einen Film zu finden, der eine Art „Zurück zur Natur“-Botschaft verkündet, ohne pathetisch zu werden. Die Einheit, die die Frau mit ihren Tieren formt, ist keinesfalls vorgegeben, am Anfang kann sie beispielsweise mit Hund Luchs nichts anfangen und ist eher ungeschickt im Umgang mit ihm. Am Ende steht eine Frau, die unter der Bürde des Menschseins leidet, die aber ihr Verantwortung für ihre nicht-menschlichen Begleiter erkennt – und bestehen sie auch nur darin, ihnen eine Freundin zu sein. Die sich vermeidlich so sehr vom Tier unterscheidende Vernunft des Menschen versteht der Film eher als Auftrag denn als Privileg. Der Mensch hat die Möglichkeit, sich gegen Grausamkeit und das „Gesetz des Dschungels“ zu stellen. Umso treffender ist es so auch, dass der einzig andere lebende Mensch, den die Frau im Laufe der Zeit trifft, wegen seines Mordes an diversen Tieren ohne Umschweife erschossen und ihm ein Begräbnis, wie etwa für die Protagonisten-Tiere, verwehrt wird. Die wirkliche zivilisatorische Errungenschaft des Menschen, so suggeriert es Die Wand, ist nicht die Politik oder die Technik, sondern sein Vermögen, sich über die Artengrenze hinweg zu engagieren.

Die Wand ist kein Film, der frei von Fehlern ist. Manchen wird die Isolation der Figur stören, die Erklärungen, wie wir sie aus Hollywood gewohnt sind, unmöglich macht. Andere werden Probleme mit dem langsamen Duktus bekommen, auch wenn der Film eine innere Spannung konsequent halten kann. Wer ihn aber als zivilisationskritische Parabel liest, der durchaus ein artübergreifender Humanismus und – ja, so ist es – Liebe innewohnt und wer sich darüber hinaus an den großartigen Bildern erfreuen kann, für den hält Die Wand ein sehenswertes Filmerlebnis vor.



Dienstag, 7. Mai 2013

Iron Man 3 (2013)




IRON MAN 3
USA 2013
Dt. Erstaufführung: 01.05.2013
Regie: Shane Black

Die beste, da erfreulichste, Nachricht zuerst: Iron Man 3 ist besser als sein unmittelbarer Vorgänger. So weit, so gut. Regisseur Shane Black, der mit Hauptdarsteller Robert Downey Jr. bereits beim unterbewerteten Kiss Kiss Bang Bang zusammenarbeitete, schafft es gar, dem Publikum einen Iron Man-Film ohne zu viel Iron Man schmackhaft zu machen. Denn neben all den wohlkomponierten Actionsequenzen hat der Film ein geradezu erstaunliches Interesse am Innenleben des Superhelden. Das ist zwar nicht neu, bereichert das MARVEL-Universum aber sinnvoll.

Die Ereignisse von New York (siehe The Avengers) sind ein paar Wochen vergangen, Tony Stark (Robert Downey Jr.) alias Iron Man leidet seither unter Schlaflosigkeit und Panikattacken. Die Bilder von Wurmlöchern und Aliens wollen ihn nicht loslassen. Und dann taucht auch noch ein neuer Superschurke namens Der Mandarin (Ben Kingsley) auf den Plan tritt und bei einem Anschlag Tonys ehemaligen Bodyguard Happy (Jon Favreau) schwer verletzt, gerät er erneut in den Strudel aus Explosionen und Gewalt. Und der Mandarin nebst schmierigen Assistenten (Guy Pearce) scheint vor nichts zurückzuschrecken…

Je weniger man über Iron Man 3 weiß, desto besser. Die Story bietet einige Twists, nichts wirklich spektakuläres, doch genug, um das Interesse aufrecht zu halten. Eine bestimmte Neuerung dürfte Comic-Puristen mal wieder zu wütenden Protestausbrüchen treiben, ist aber davon abgesehen eine clevere Art, einer Comicverfilmung einen soziologischen und medienpolitischen Aspekt hinzuzufügen – Stichwort „westliche Ikonografie“. Andere Einfälle chargieren zwischen gut und grauenhaft albern und ein bisschen bekommt man das Gefühl, dass MARVEL anfängt, im eigenen Terrain zu wildern. So sehen wir de facto die menschliche Fackel aus Fantastic Four in anderen Gestalten und auch Wolverine wäre auf die Selbstheilungskräfte mancher Figuren stolz. Wenn man sich bei den Comicelementen eines gewissen Deja Vu-Effektes nicht erwehren kann, entschädigt Blacks Herangehensweise an Iron Man dafür. All das Brimborium aus The Avengers hat einen Effekt auf die Figur und Black interessiert sich wirklich dafür, uns Tony Stark menschlich näher zu bringen. Natürlich ist Iron Man 3 immer noch ein Sommerblockbuster und keine psychologische Charakterstudie, aber die schrittweise Emanzipation des Menschen von seiner – im wahrsten Sinne – harten Schale wird in Bild und Taten stimmig geschildert.

Schauspielerisch geben vor allem die Neulinge im Iron-Man-Kosmos den Zwiespalt von Comicverfilmungen recht gut wieder. Während Ben Kingsley als Mandarin jede Szene an sich reißt und auch Downey Jr. gegen die Wand spielt, fragt man sich bei Guy Pearce am Anfang, ob schlechte Verkleidungen nach Prometheus – Dunkle Zeichen und diesem Film nun zu seinem Repertoire gehören. Und nach dem Ablegen der ersten Inkarnation seines Charakters wird er zu einem jener Over-the-Top-Schurken, für die Comics immer belächelt werden. Rebecca Hall als Tonys Exfreundin Maya Hansen wird sträflich vernachlässigt und James Badge Dale als Savin ist ein Schurkengehilfe, den man zu hassen liebt. Die Veteranen geben wie erwartet solide Leistungen ab, nur Don Cheadle, an sich ein großartiger Schauspieler, hat sich immer noch nicht in seiner von Terrence Howard beerbten Rolle des Captain Rhodes gefunden. Aber es ist allerdings auch nicht so, als würde das Drehbuch ihm sonderlich viel zu tun geben.

Iron Man 3 ist Popcornkino im besten Sinne: genug Action für die Pyromanen und dabei nicht so blöd, dass man sich als Zuschauer beleidigt fühlen muss. Der erste MARVEL-Film nach der Avengers-Extravaganza, die – man muss es sagen – nicht so gut war, wie sie gerne gewesen wäre – ist ein unterhaltsamer Start in jene Filmsaison, die klassischerweise den Explosionen und dem technischen Überwältigungskino gehört. Und dass man sein Hirn beim Betreten des Kinosaals nicht vollkommen ausschalten muss, ist wahrscheinlich das Schönste an Tony Starks drittem Abenteuer. 





Montag, 6. Mai 2013

The Tree of Life (2011)




THE TREE OF LIFE
USA 2011
Dt. Erstaufführung: 16.06.2011
Regie: Terrence Malick

The Tree of Life ist ein grandioser Kurzfilm. Bei einer Lauflänge von über zwei Stunden mag dies seltsam klingen, aber so ist es. Terrence Malicks fünfte Regiearbeit in knapp 40 Jahren beinhaltet nichts geringeres als die Geschichte des Universums und diese wird in etwa 25 Minuten vom ersten Augenblick bis zur filmischen Gegenwart des ländlichen Texas der 1950er Jahre erzählt. Egal, wie oft man Bilder von Vulkaneruptionen oder sich geschmeidig durchs Wasser bewegenden Seeschnecken sieht, sie sind immer wieder faszinierend und das nutzt Malick gekonnt aus. 

So ist sein Mix aus Dokumentaraufnahmen (u.a. aus Home von Yann Arthus-Bertrand), Computeranimationen sowie Fakt und Spekulation (z.B. darüber, wann und wo das für den Film so wichtige Konzept der „Gnade“ in die Welt kam) ein filmischer Hochgenuss, ein Loblied auf die Möglichkeiten des Kinos, Überwältigung in ihrer schönsten Form. Das größte Problem aber ist, dass sich Malick zum einen nicht wirklich entscheiden kann, was er erzählen möchte. Die einfachste Antwort wäre wohl: Alles. Ziemlich ambitioniert, führt aber dazu, dass der Film im Endeffekt gleichzeitig konzentriert und unfokussiert wirkt: als Ganzes funktioniert das Werk nicht, die Einzelteile sind dafür von teils erstaunlicher Genialität. The Tree of Life ist weniger ein Film im herkömmlichen Sinne, als eine Erfahrung, eine Suche nach den Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Das Malick sie nicht beantwortet, ist lobenswert. Das er trotzdem viele Plattitüden bedient, weniger.

Protagonist der Geschichte ist Jack (Hunter McCracken), ältester Sohn von Mr. O’Brien (Brad Pitt) und seiner Frau (Jessica Chastain). Zusammen mit seinen zwei Brüdern wächst er im Texas der 1950er Jahre auf und leidet mit fortschreitendem Alter zusehends unter seinem tyrannisch agierenden Vater und seiner als devot und schwach empfundener Mutter. Sein Bruder R.L. (Laramie Eppler) stößt ihn als musikalisches Wunderkind zusehends vom Thron. Und als Erwachsener (Sean Penn) kann er den Tod von R.L. kaum verkraften.

Zum einen ist The Tree of Life eine Coming-of-Age-Geschichte. Zum anderen ein präzise beobachtetes  Familiendrama, das aber kaum einen Schritt über die gängigen Klischees hinausgeht. Der Vater ist ambivalent, spielt überschwänglich mit seinen Söhnen, um sie im nächsten Moment emotional zu drangsalieren. Die Mutter nimmt dies hin, ihre gelegentlichen Widerworte verhallen ungehört unter der Soundtrackspur. Der Film nennt dies den Streit zwischen Natur und Gnade und postuliert, dass sich jeder Mensch für einen der beiden Pfade entscheiden muss. Man kann dies als Zwist zwischen den zwei Saiten der menschlichen Natur deuten, oder zwischen Natur und Technik. Oder als Disput zwischen Wissenschaft und Religion. Zumindest legt der recht plumpe Monolog der Mutter zu Beginn des Films dies nahe, lautet der Tenor doch: „Die Natur ist kalt, berechnend und nur auf ihren Vorteil und ihre Deutungshoheit aus, während die Gnade liebt, vergibt und nur wer zu ihr findet, wird wirklich erlöst.“ Dies ist keine buchstabengetreue Wiedergabe, trifft aber, denke ich, den Kern. Da Malick keine letzten Antworten geben kann und will, flüchtet er sich so in schwammige religiös-esoterische Erklärungsansätze. Man kann The Tree of Life als religiöse Erbauungsphantasie lesen.

Ganz davon ab, wie man zu den religiösen Implikationen stehen mag, dass The Tree of Life seine großen Ideen, sein (über-)ambitioniertes Gesamtbild nach dem kongenialen Einschub über die Entstehung des Universums und des Lebens auf der Erde alsbald aus dem Blick verliert, ist schlicht ärgerlich. Konnte man nach etwa 40 Minuten doch daran glauben, Malick würde hier wirklich sein magnum opus vorbereiten, verschwindet dieser Eindruck danach zusehends, wenn der Film seine Geschichte Kaleidoskop-artig weiterspinnt. An Form und Inhalt ist dabei nicht viel auszusetzen, die Bilder sind großartig und viele der einzelnen Szenen sind für sich genommen kleine Meisterwerke. Nur im Hinblick auf das große Ganze kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass sich hier der Anspruch rächt. Auch in der drohenden Arbeitslosigkeit eines Familienvaters und eines Umzugs liegt die gesamte Tragik des Universums verborgen, aber erzählerisch gelingt es dem Film kaum, die Diskrepanz zwischen Familiengeschichte und der Geschichte von Allem zu füllen. The Tree of Life besteht aus einem beeindruckenden Kurzfilm und einem sorgfältig komponierten Drama, beide für sich genommen sehenswert, aber nie vollständig zufriedenstellend verbunden – auch nicht durch das Interpretationsoffene Ende, dass eher an prätentiöse Studentenfilme denn an großes Kino erinnert.

Was bleibt, ist ein zumindest formal auf ganzer Linie überzeugender Film. Die Bilder, auch die aus dem Alltagsleben der O’Briens, sind ein Fest für die Augen, die Kamera ist nah dran an den Figuren, die jungen Schauspieler sind hervorragend. Es ist schade, dass Hunter McCracken bisher keinen weiteren Film auf seinem Resümee verzeichnen kann, einem solchen Talent wünscht man es. Brad Pitt ist effektiv als despotischer Vater, Jessica Chastain vermag es hingegen nicht, ihrer Rolle über die Beschreibung „liebevoll und aufopfernd, Gegenteil ihres Mannes“ Gewicht zu verleihen. Sean Penn geistert durch seine Szenen als erwachsener Jack und kann McCracken in der gleichen Rolle nicht das Wasser reichen. Immerhin kann er als namentliches Zugpferd auf dem Poster herhalten.

Und nun? Was sollen wir mit The Tree of Life anfangen? Ich geben zu, dass der Film mich mehr beschäftigt hat, als ich unmittelbar nach dem Ansehen dachte, aber seine unausgewogene Art stößt trotzdem sauer auf, ebenso die naiven religiösen Implikationen. Vielleicht wäre der Film ohne die Bürde des Universums besser dran gewesen. Als Familiendrama, dass etwas differenzierter vorgegangen wäre – The Tree of Life hätte wahrlich großes Kino werden können. So bleibt es ein diskussionswürdiger, aber eben auch effekthascherischer Film, dessen Verwandtschaft mit 2001 – Odyssee im Weltraum, wie ihm vielerorts in punkto Filmwirkung bereits bescheinigt wurde, erst noch durch die Zeit geprüft werden muss. Womöglich wird The Tree of Life in dreißig Jahren als Klassiker des Weltkinos gehandelt werden. Wenn ja, darf jeder diese Kritik dazu nutzen, zu zeigen, wie blind die Kritiker „von damals“ waren. Aber eben erst in dreißig Jahren.





Freitag, 3. Mai 2013

Ruby Sparks - Meine fabelhafte Freundin (2012)




RUBY SPARKS – MEINE FABELHAFTE FREUNDIN
(Ruby Sparks)
USA 2012
Dt. Erstaufführung: 29.11.2012
Regie: Jonathan Dayton & Valerie Faris

Machen wir uns nichts vor: die meisten Filme, die unter das Label „romantische Komödie“ fallen, sind dramaturgisches Junk Food. Wir wissen so gut wie immer, wie es ausgeht, der unbedingte Wille, auf der sicheren Seite zu bleiben und das Publikum ja nicht zu fordern, ist deprimierend. Nun kann man einwenden, dass auch Ruby Sparks im Endeffekt die Statuten der romantischen Komödie bekräftigt: es muss immer gut ausgehen. Aber der Weg, der bis zum Lichtstreif am Horizont genommen wird, ist steinig, unvorhersehbar und manchmal regelrecht bösartig. Ruby Sparks ist die Erwachsenen-Version der gängigen romantic comedy.

Calvin Weir-Fields ist ein gefeierter Autor – zumindest war er es mal. Sein Erstlingswerk, noch als Teenager vor zehn Jahren veröffentlicht, war eine literarische Sensation, seitdem warten seine Fans und Agenten geduldig auf den nächsten großen Wurf. Doch Calvin hat eine Schreibblockade und sitzt neurotisch mit seinem nicht minder neurotischen Hund daheim. Sein einziger Sozialkontakt ist sein Bruder Harry (Chris Messina), sein Liebesleben ist nach der Trennung von seiner Freundin auf Eis gelegt. Doch dann hat er einen Traum, in dem er eine ungewöhnliche Frau triff, die ihn fordert. Kaum erwacht, setzt sich Calvin an seine herrlich antiquierte Schreibmaschine und beginnt zu tippen. Seine Traumfrau, Ruby Sparks genannt, gewinnt immer mehr an Kontur und Calvin fängt an, sich in sein eigenes Phantasieprodukt zu verlieben. Und dann steht Ruby (Zoe Kazan) eines Tages plötzlich in seiner Küche – als Person aus Fleisch und Blut…

Calvin hat Kontrolle über Ruby, die sich so manifestiert, wie er es will. Schreibt er ihr zu, dass sie französisch sprechen kann, kann sie es, möchte er, dass sie ihn begehrt, tut sie es. Hier beginnt etwas Unheilvolles im Hintergrund zu schwelen, was der Film auch klugerweise nicht ignoriert. Jeder wollte schon einmal Eigenschaften an anderen Menschen ändern, auch in Liebesbeziehungen. Es müssen keine großen Sachen sein, aber Ruby Sparks zeigt sehr deutlich, dass selbst kleine Veränderungen große Auswirkungen haben können. Als Ruby beginnt, ein Eigenleben zu entwickeln, dass Calvin nicht gefällt, haut er wütend „Ruby fühlte sich miserabel ohne Calvin“ in die Tasten. Dies führt dazu, dass sie sich an ihn klammert, ihn nicht mal mehr zur Toilette gehen lassen will und in Tränen ausbricht, weil sie ihn vermisst – obwohl er direkt neben ihr sitzt. Ruby Sparks ist eine pointierte Beobachtung von Paarbeziehungsdynamik, die durch die Prämisse natürlich überspitzt wird, aber dennoch wahr ist. Interessanterweise inszeniert der Film Calvin auch nur anfangs als Sympathen. Seien neurotischen Neigungen treten im Lauf des Films immer mehr zutage, bei einem Besuch bei seiner Mutter spürt man, dass er auch sie gern umschreiben würde, weil er ihre Beziehung nach dem Tod des Vaters zu einem neuen Mann missbilligt. Calvin will die Welt so gestalten, wie sie ihm gefällt und dass er Macht über Ruby hat, führt schließlich zu einer Sequenz, die sich keine 08/15-Rom-Com der Welt leisten würde. Zuviel sollte nicht verraten werden, nur so viel: sie hat das Potenzial, ob ihrer Grausamkeit Tränen in die Augen des Publikums zu treiben. Ruby Sparks hat das Charisma, auch die dunklen Aspekte seiner Grundidee zu erkunden und nicht alles der Komödie anheimfallen zu lassen.

Neben dem zwischenmenschlichen Aspekt, der natürlich viel von Pygmalion hat, ist der Film auch ein augenzwinkernder Kommentar zur Macht der Medien. J.K. Rowling weinte, nachdem sie eine beliebte Figur in Harry Potter hat sterben lassen und das Internet ist voll mit Fans von fiktiven Charakteren, für die die subjektive Realität dieser Kreationen nicht zur Debatte steht. Spider-Man ist demnach genauso real wie Angela Merkel und dass sich ein Schöpfer in seine Schöpfung verliebt ist wahrscheinlich ein gängigeres Phänomen als gemeinhin angenommen. So ist Calvin auch als Stand-In für all die wütenden Fans zu lesen, die protestieren, wenn ihre Lieblingsfigur einen Weg einschlägt, den sie persönlich missbilligen. Doch manche Entwicklungen lassen sich nicht stoppen und es gehört auch dazu, sie zu akzeptieren. Nicht umsonst ist Calvin gefeiert für einen Roman, den er als Teenager zur Papier brachte – die Entwicklung hin zu einem auch mental und beziehungstechnisch erwachseneren Menschen dauert mitunter lang.

Ruby Sparks ist ein gelungener, effektiver Film, der auf mehreren Ebenen funktioniert. Hat auch er seinen wohldosierten Anteil an Schmalz? Ja. Wird der Film dadurch schlecht? Nein. Liegt es an dem intelligenten Drehbuch und der frischen Inszenierung? Auf jeden Fall. Ruby ist nicht nur eine fabelhafte Freundin, der nach ihr benannte Film ist auch ein fabelhaftes Erlebnis.