Dienstag, 14. Mai 2013

Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt (1979)




ALIEN – DAS UNHEIMLICHE WESEN AUS EINER FREMDEN WELT
(Alien)
Großbritannien/USA 1979
Dt. Erstaufführung: 25.10.1979
Regie: Ridley Scott

Anno 2013 ein Review zu einem der großen Klassiker der Filmgeschichte zu schreiben ist schon allein deshalb schwierig, weil die gängigen Beschreibungsattribute bereits hinlänglich bekannt sind. Es liegt wenig Neues darin, Alien (den monströsen deutschen Untertitel lasse ich aus Platzgründen mal weg) zum x-ten Mal als „Geisterschloss im Weltall“ (haunted house in space) zu beschreiben. Das Problem ist sicherlich, dass der Film so immens populär ist, dass man zwangsläufig andere Rezensenten wiederholt, wenn auch unbewusst und ohne böse Absicht. Was tun? Vielleicht als erstes die Frage beantworten, ob der Film aus der Sicht eines Mitte der 1980er Jahre geborenen Menschen, der diesen Film zum ersten Mal im Alter von 15 sah, hält, was er verspricht: eine tour-de-force von einem Science-Fiction/Horror-Hybriden zu sein. Die Antwort ist einfach und klar: Ja. Alien ist und bleibt ein verdienter Klassiker, ein nie langweilig werdendes Filmjuwel, das jeden – wirklich jeden – seiner zahllosen Nachahmer in die Schranken weist.

Der Raumfrachter Nostromo ist auf dem Rückweg zur Erde, als die Crew vom Schiffscomputer aus ihrem Kälteschlaf geholt wird. Ein unbekanntes Signal hat das Raumschiff erreicht und der Kurs wurde automatisch in Richtung der Quelle korrigiert. Schließlich muss jedem potenziell außerirdischen Signal nachgegangen werden, so wollen es die Vorschriften. So landet die Crew auf einem kleinen, einsamen, lebensfeindlichen Planetoiden, auf dem Kapitän Dallas (Tom Skerritt), Kane (John Hurt) und Lambert (Veronica Cartwright) ein gestrandetes Raumschiff nicht-menschlichen Ursprungs entdecken, in dessen Innern hunderte ledriger Eier lagern. Bei der Untersuchung des sensationellen Funds wird Kane von einer fremden Lebensform angefallen, die sich um sein Gesicht schlingt. Zurück auf dem Schiff findet sich keine Möglichkeit, den Organismus zu entfernen, ohne Kane zu gefährden, zumal der „Gast“ statt Blut Säure durch seine Adern pumpt. Nach einiger Zeit fällt das Wesen allerdings tot von Kanes Gesicht ab, dem es danach wieder gutzugehen scheint. Bei einem letzten Essen vor der Rückkehr in den Kälteschlaf bricht allerdings ein Alien aus Kanes Brust hervor, dass sich danach sofort in den Eingeweiden des riesigen Schiffes versteckt. Die Besatzung macht sich daran, es aufzuspüren und zu beseitigen, doch das Monster wächst nicht nur schnell, seine Bösartigkeit ist zudem kaum zu beschreiben. Für den zweiten Offizier Ripley (Sigourney Weaver) und die anderen beginnt ein Überlebenskampf.

Die Grundidee von Alien ist alles andere als neu. Periodisch kommen auch Vorwürfe auf, der Film sei im Grunde nichts Weiteres als ein Remake des 1950er-Jahre-Trashfilms It! The Terror From Beyond Space. Dies mag auf die grundsätzliche Prämisse (Raumfahrer werden von einem außerirdischen Wesen auf ihrem Schiff nach und nach dezimiert) sogar zutreffen, aber Ridley Scott holt mit der Hilfe des schweizerischen Designers H.R. Giger erstaunlich viel aus ihr heraus und überholt It! locker. Denn Alien ist ein Musterbeispiel für Atmosphäre, stimmige Charaktere und Effekte, die es in jedem Frame mit den computergenerierten Bildern des neueren Kinos aufnehmen können. Wenn die Nostromo vorbeischwebt ist es nicht zuletzt dem überragenden Modellbau zu verdanken, dass man die Präsenz förmlich spürt (wer anlässlich des Director’s Cut von 2003 die Möglichkeit hatte, den Film im Kino zu erleben, wird dies noch besser verstehen). Ebenso hervorragend ist das Innendesign des Raumschiffes, auf dem schmutzige Zweckmäßigkeit regiert. Scott bewegt sich stets tastend durch die Gänge, als wüsste er selbst nicht, wann und wo die Kreatur zuschlagen könnte. Selbst zu Beginn, als vom Alien noch meilenweit nichts zu sehen ist, generiert er so eine unheilvolle, ungemein dichte Atmosphäre und hält sie auch noch über die gesamte Spielzeit. Selbst in Sequenzen, die nicht primär dem Spannungsaufbau dienen, schwebt über allem das Gefühl einer diffusen (später natürlich auch konkreten) Bedrohung. Scott liebt seine Sets und er hat jedes Recht dazu, spielt das Design in Alien doch eine ebenso wichtige Rolle wie die Schauspieler. Die Nostromo ist im Grunde ein eigenständiger Charakter, denn ohne ihre verschlungenen, klaustrophobischen Gänge könnte der Film nicht seine volle Wirkung entfalten.

Besonders interessant, gerade im Hinblick auf so viele moderne Horrorfilme, ist Scotts Mut zur Exposition. Alien beginnt nicht mit einem opening kill, de facto wird er viele ungeduldige, nur auf blutige Effekte erpichte Zuschauer bis zum Tode Kanes wohl verlieren, es sei denn, sie sind willig, eine Horrorgeschichte anzunehmen, die sich Zeit nimmt, das Wie und Warum eben jenes Horrors zu erklären und die Charaktere nicht als billiges Kanonenfutter zu verheizen. Es ist gerade diese Elemente, die Alien, auch im Vergleich zum jüngsten Prequel, Prometheus – Dunkle Zeichen, so stark machen: Nichts ist Scott egal und somit auch uns als Zuschauer. Wir wollen nicht, dass all die hemdsärmeligen, schroffen Trucker im Weltall, die doch nur ihre Arbeit machen, umkommen und dennoch müssen wir hilflos ihrem Kampf zusehen. Scott versteht es, mit wenigen Gesten und Sätzen präzise zu sein, zumindest für einen Horrorfilm. Das menschliche Element ist nicht austauschbar.

Alien ist ein Triumph sowohl des Science-fiction als auch des Horrorkinos. Die Genres werden kongenial gemischt, das SF-Element hat einen gewissen Realismus an sich und unterscheidet sich deutlich von den eher an Fantasy erinnernden Welten eines George Lucas. Raumfahrt ist hier ein Geschäft wie jedes andere und der Film schafft es überzeugend, diesen Umstand zu illustrieren. Und die Horrorelemente sind äußerst effektiv, wobei nicht nur der Ausbruch des Aliens aus John Hurts Brustkasten gemeint ist. Dabei geht es gar nicht um die Inszenierung von Blutrünstigkeiten, im Gegenteil: im Vergleich mit anderen Produktionen des Genres und auch mit seinen eigenen Fortsetzungen ist Alien geradezu zahm. Es ist das, was wir nicht sehen, die Überraschungen, die plötzlich ertönenden Geräusche, die uns ängstigen.

Oft nagt der Zahn der Zeit gerade an SF- und Horrorfilmen doch gewaltig. Bei ersteren, weil die Gegenwart die dargestellte Zukunft überholt, bei letzteren, weil das, was gruselig gemeint war, auf ein neues Publikum nicht mehr so wirkt. Beides trifft auf Alien nicht zu. Mit Ausnahme von Sigourney Weavers Haaren wirkt nichts im Bild aus der Zeit gefallen, die Zukunft der Weltraum-Malocher wirkt heute noch genauso plausibel wie 1979. Und die Schockeffekte haben sich auch als zeitlos erwiesen, weil die Ängste des Publikums sich nicht grundlegend ändern.
So bleibt Alien einer der besten Filme aller Zeiten, auch wenn dieses Statement vielleicht zu inflationär gebraucht wird. Ausgestattet mit viel Talent vor und hinter der Kamera, einem reichen Subtext (über die Deutung des Films als Allegorie auf die dunkle Seite der Sexualität will ich gar nicht erst anfangen – eine Rahmensprengung wäre vorprogrammiert) und einer zeitlosen Inszenierung ist Ridley Scotts zweite Spielfilmarbeit sein magnum opus - bis heute.



Montag, 13. Mai 2013

Der Gott des Gemetzels (2011)




DER GOTT DES GEMETZELS
(Carnage)
Frankreich/Deutschland/Polen/Spanien 2011
Dt. Erstaufführung: 24.11.2011
Regie: Roman Polanski

Zachary hat Ethan mit einem Stock ins Gesicht geschlagen. Dieser Umstand kann von den Eltern natürlich nicht toleriert werden, schließlich zeugt es doch von einem geradezu unzivilisierten Zustand. Ethans Eltern Penelope (Jodie Foster) und Michael (John C. Reilly) wollen die Sache dementsprechend kultiviert behandeln und laden Zacharys Eltern Nancy (Kate Winslet) und Alan (Christoph Waltz) zu sich nach Hause ein. Im Laufe der Diskussion, die zunächst den vor allem von Penelope erhofften zivilisierten Gang nimmt, tun sich allerdings immer größere Gräben auf und aus den höflichen Diskutanten werden ausfallende, eifersüchtige, missgünstige und alkoholisierte Monster.

Basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Yasmina Reza inszenierte Roman Polanski einen Film, der seine Herkunft in keiner Sekunde verleugnet. Der Gott des Gemetzels ist auch abgefilmt Theater und macht die Unterschiede zwischen den beiden Kunstformen deutlich. Polanski hat kein Interesse daran, die Inszenierung den Gegebenheiten abzupassen, was dazu führt, dass dieser eigentlich in der Realität verankerte Film dem Zuschauer sehr viel suspension of disbelief abverlangt, ihn also dazu anhält, Dinge so hinzunehmen, die wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben. Nancy und Alan sind mehr als einmal fast aus der Wohnung verschwunden, nur um argumentativ wieder in Penelopes und Michaels Apartment kommandiert zu werden. Es ist interessant, dass man im filmischen Kontext Raumschiffe und ähnliches mitunter besser akzeptieren kann als das die vier Protagonisten wirklich 75 Minuten miteinander verbringen würden. Das Artifizielle, das der Geschichte innewohnt, tritt im Film überdeutlich zu Tage. In letzter Konsequenz ist Der Gott des Gemetzels im Theater besser aufgehoben als im Kino.

Die Prämisse steht und fällt mit ihren Schauspielern und hier kann man auch dem Film vier Pluspunkte anrechnen. Foster, Reilly, Waltz und Winslet – sie alle haben ganz offensichtlich viel Spaß an ihren Rollen, auch wenn Foster und Reilly ihren Dialogen insgesamt mehr Leben einhauchen können als Winslet und Waltz. Interessant sind auch die fast im Minutentakt wechselnden Allianzen, die sich unter den Figuren entwickeln und auflösen. Mal verbrüdern sich Michael und Alan, mal Penelope und Nancy, mal die Ehepartner untereinander, mal diametral entgegengesetzt.  Der Gott des Gemetzels ist dann am besten, wenn er den Zuschauer im Unklaren lässt, was als nächstes passiert. Gegen Ende verliert dies trotz der geringen Lauflänge deutlich Dampf, insgesamt kann der Film aber ein gewisses Interesse wachhalten.  

Der Gott des Gemetzels ist weit davon entfernt, ein guter Film zu sein – zu konstruiert, manchmal zu forciert ist er in seinen Grotesken, zu wenig nutzt der sein Medium aus. Was bleibt sind die gut aufgelegten Darstellern, die oftmals geschliffenen Dialoge und die Erkenntnis, nach Rezas Stück im Theater die Augen offen halten zu sollen.




Sonntag, 12. Mai 2013

Star Trek - Into Darkness (2013)




STAR TREK – INTO DARKNESS
USA 2013
Dt. Erstaufführung: 09.05.2013
Regie: J.J. Abrams

Hinweis: Um konkretisieren zu können, was in meinen Augen an Into Darkness nicht stimmt, musste ich diverse Spoiler einbauen. Wer ein ungetrübtes Filmvergnügen vorzieht, der sollte erst den Film sehen und dann wiederkommen.

Der Erfolg, den der zweite Teil des Star Trek-Reboots beim Zuschauer haben wird, hängt ganz entscheidend mit seiner/ihrer persönlichen Star Trek-Biografie zusammen. Will sagen: Kennt man die Kinoabenteuer von Captain Kirk, als dieser noch von William Shatner verkörpert wurde, hält Into Darkness  sehr viele Enttäuschungen und Ärgerlichkeiten bereit, die das Vergnügen ganz erheblich schädigen können. Alle anderen werden sich wahrscheinlich gut unterhalten fühlen, auch wenn der Film bei genauer Betrachtung erschreckend wenig Neues bietet.

Ein ehemaliges Mitglied des Sternenflotten-Sicherheitsdienstes namens John Harrison (Benedict Cumberbatch) hat mit einem Anschlag auf ein Archiv der galaxienumspannenden Friedensorganisation den Krieg erklärt. Seine Motive sind unklar, doch als er sich auf den Heimatplaneten der Klingonen flüchtet, begibt sich Captain James T. Kirk (Chris Pine) mit seiner Crew, allen voran Halb-Vulkanier Spock (Zachary Quinto) auf eine Mission abseits aller Protokolle: Harrison aufspüren, ihn festnehmen oder, bei Widerstand, töten. Doch dann kristallisiert sich immer mehr heraus, warum Harrison seine Taten begangen hat und das der eigentliche Feind womöglich von ganz anderer Seite kommt…

Into Darkness ist wie sein Vorgänger ein handwerklich sauberer Science-Fiction-Film mit sehenswerten Effekten und einem sicheren Produktionsdesign. Alle Schauspieler aus Teil Eins der Raumschiff Enterprise-Neuauflage sind wieder mit an Bord (sogar Leonard Nimoy als Spock Prime, der aber zum bloßen Stichwortgeber reduziert wird) und auch Regisseur J.J. Abrams verdingt sich wieder als Realisator. Und das ist wohl einer der Punkte, der zum Misslingen des Films beiträgt.

Abrams ist hauptsächlich an Schauwerten interessiert. Dass er weniger der Mann für eigene Ideen ist, hat er bereits mehrfach und fast immer unter Beweis gestellt. Ob als Produzent für die TV-Serie Fringe (Akte X-Aufguss), den Kinofilm Cloverfield (Godzilla-Aufguss) oder als Regisseur von Super 8 (Steven-Spielberg-Nostalgie-Aufguss, wenn auch sehr unterhaltsam) – Abrams bedient sich bestehender Konzepte und vergisst meistens seine Charaktere unterwegs. So sehen wir auch kein spannendes Psychoduell zwischen Kirk und Harrison, der sich als Neu-Khan herausstellt, weil schon die nächste Actionszene wartet. Charaktere werden auf One-Liner reduziert und Zeit zum Atmen gibt es in den über zwei Stunden Spielzeit kaum. Das mag Actionfans zufriedenstellen und wohl auch den ein oder anderen Fan von Mainstream-Science-Fiction, aber – nochmals – mit Star Trek hat das alles herzlich wenig zu tun.

Into Darkness möchte eine geupdatete Variante von Der Zorn des Khan sein, einem der besten Star-Trek-Kinofilme und scheitert dabei grandios, vergisst er bei all der Zitierwut und der bloßen Nachstellung von Sequenzen aus dem  1982er-Abenteuer, der neuen Crew der Enterprise eine eigene Identität zu geben. War man 2009 bei der origin story des Reboots noch davon überzeugt, Regisseur J.J. Abrams könnte sich das Star Trek-Universum wirklich zu eigen machen und es für ein neues Publikum schmackhaft machen, so muss man ihm hier bereits attestieren, Star Trek nicht wirklich verstanden zu haben. Es gibt unendlich viel Action in diesem Film, die zwischen unterhaltsam, wirr geschnitten und langweilig hin und her pendelt. Dabei bleiben wirkliche Überraschungen und emotionale Höhepunkte auf der Strecke. Der Tod von Spock in Der Zorn des Khan war ein regelrechter Schock und zeigte außerdem von großem Mut, entledigte man sich doch einer der beliebtesten Figuren der Mediengeschichte. Into Darkness lässt Kirk sterben, stellt die berühmte Szene mit verteilten Rollen nach und schafft es nicht, diesem Moment Gewicht zu geben, da Abrams schon mehrfach zuvor klar gemacht hat, dass Kirk nicht wirklich zum Tode verdammt ist. Die Erklärung ist keine 100%ige Deus-ex-machina-Lösung, aber sie kommt nah dran. Immerhin eröffnet sich hier eine interessante Prämisse für potenzielle Fortsetzungen, auch wenn sie erst mal für einen weiteren launigen Gag herhalten muss. Dennoch wirkt der Film gerade hier sehr feige und genügsam.

Die Neuzugänge in der Schaupielerriege passen zum nüchternen Gesamteindruck des Films. Benedict Cumberbatch, Star der grandiosen TV-Serie Sherlock, guckt böse und ist genetisch zum Übermenschen programmiert, bleibt aber relativ farblos. Außer einer Sequenz, die dem Schurken immerhin zugesteht, auch mal eine Träne zu vergießen, bleibt sein Khan auf Distanz – nicht wie Ricardo Montalban, der anno 1982 eine wirkliche Bedrohung darstellte (auch ohne RoboCop-Hilfsmittel). Alice Eve als Dr. Carol Marcus wird Opfer der männlich-beobachtenden Kamera und bleibt ebenso farblos mit Ausnahme der Tatsache, dass man sie scheinbar nur als künftiges love interest für Kirk ins Drehbuch geschrieben hat. Die Schmach, nicht Uhura (Zoe Saldana) bekommen zu haben, muss ausgeglichen werden…

Aus dem Konzept der Serie, dass Ideen dem Spektakel stets voranstellte, ist ein schnelles, aber deprimierend seelenloses Produkt geworden. Natürlich waren nicht alle vorangegangenen Star Trek-Kinofilme cineastische Ereignisse – manche waren sogar schlechter als Into Darkness, aber nach dem unterhaltsamen Start 2009 und vor allem im Vergleich mit einer solch hervorragenden Episode wie Der Zorn des Khan wirkt dieser Teil wie eine Schau der verpassten Möglichkeiten und der falsch gesetzten Prioritäten. Überlang und vom Script unterversorgt ist Into Darkness eine jener herben Enttäuschungen, die nicht hätten sein müssen.


P.S.: Ein Wort noch zur 3D-Version. Normalerweise versuche ich, 3D zu meiden und Into Darkness hat mir mal wieder gezeigt, warum. Die Konvertierung ist eine Beleidigung, voller Bewegungsunschärfe und das Bild wurde auch nicht aufgehellt, so dass der Film stets etwas zu dunkel wirkt. Geldschneiderei der übelsten Sorte und es ist bedenklich, dass dieses Vorgehen offenbar sehr gut funktioniert – im Vorprogramm befanden sich diverse Vorschauen für Filme, die noch vor wenigen Wochen nicht als 3D-Werke angekündigt waren…


Mittwoch, 8. Mai 2013

Die Wand (2012)




DIE WAND
Deutschland/Österreich 2012
Dt. Erstaufführung: 11.10.2012
Regie: Julian Pölsler

Die Frage, was den Menschen von anderen Tieren unterscheidet ist ebenso potent wie alt. Immer wenn geglaubt wird, man hätte eine ausschließlich dem Menschen zuzuschreibende Eigenschaft herauskristallisiert, findet man schon die Entsprechung in der restlichen Fauna: Selbsterkenntnis, Sprache, Trauer, Werkzeuggebrauch. Krähen täuschen ihre Artgenossen, Tauben fahren U-Bahn, Delphine erlauben sich Späße mit Menschen. Und dennoch begreift sich der Mensch nicht wirklich als Tier, vielleicht, weil er – und das ist in der Tat einzigartig – Filme wie Die Wand drehen kann, die sich mit der Tier/Mensch-Symbiose beschäftigen. Das mag für jeden, der den Plot des Films kennt, auf den ersten Blick etwas seltsam klingen, aber Die Wand ist ein leidenschaftliches Plädoyer für einen ganzheitlichen Blick auf die Lebewesen dieses Planeten.

Eine Frau (Martina Gedeck), die den ganzen Film über namenlos bleiben wird, fährt mit Bekannten in deren Waldhütte in die österreicherischen Berge. Als das befreundete Ehepaar nach einem Ausflug in die nahe Stadt nicht zurückkehrt, macht sich die Frau auf die Suche und entdeckt eine unsichtbare Wand, die sie daran hindert, ins Tal zu kommen. Nach einiger Zeit erkennt sie, dass das unerklärliche Phänomen sie gänzlich von der Welt abgeschnitten hat und die Menschen auf der anderen Seite der Wand in ihren Bewegungen erstarrt und tot sind. Der Frau bleiben als Begleiter nur der treue Hund Luchs, zu dem sich im Laufe der Zeit eine Katze und eine trächtige Kuh gesellen. Auf sich allein gestellt muss die Frau lernen, für sich selbst zu sorgen, Kartoffeln anzubauen und auf die Jagd zu gehen.

Die Wand benutzt ihren Science-fiction-Fixpunkt, die unsichtbare Wand, nur als Aufhänger für die eigentliche Parabel, die der Film erzählen möchte. Das Phänomen wird nie erklärt und man hat das Gefühl, dass Julian Pölsers Verfilmung des Kultbuches von Marlen Haushofer damit sehr gut fährt. Konsequent bleibt der Film bei Martina Gedeck, alles, was sie weiß, wissen auch wir, aber nicht mehr. Es wäre vermessen, hätte Pölser versucht, etwas zu erklären, für dass es von der Protagonistin aus gesehen keine Erklärung geben kann: die Frau ist eingesperrt in einem Terrain, dass groß genug ist, um ihr Überleben zu sichern, aber alles, was darüber hinaus geht, kann sich nur ihrer Kenntnis (und damit auch der des Zuschauers) entziehen.

Mit der Wand als Auslöser beginnt eine ruhige Robinsonade, die von Gedeck durch Voice-Overs erklärt wird. Hier wäre manchmal weniger mehr gewesen, schrammen die Ausführungen, die die Figur für eine ungewisse Nachwelt auf Papier bringt, doch öfters haarscharf an müden Plattitüden vorbei. Gestalterische Einfälle wie der großartig deplazierten Song Freedom is a journey von Zabine, der aus dem Autoradio dröhnt, zeigen, dass es meistens nicht nötig gewesen wäre, das Offensichtliche nochmals in Worte zu fassen und Pölser der Kraft seiner teils atemberaubend schönen Bilder hätte vertrauen können. Hinzu kommen dramaturgische Schwächen (z.B. der Crash mit dem Auto, der die Figur dümmer aussehen lässt, als sie ist) und schlichte handwerkliche Patzer (die Katze ist bereits im Bild zu sehen, bevor sie in die Handlung eingeführt wird).

Doch dank des ungemein starken Allegoriecharakters des Unterfangens verzeiht man dem Film diese Ausrutscher. Denn es dürfte schwer werden, ein konzentrierteres Beispiel für einen Film zu finden, der eine Art „Zurück zur Natur“-Botschaft verkündet, ohne pathetisch zu werden. Die Einheit, die die Frau mit ihren Tieren formt, ist keinesfalls vorgegeben, am Anfang kann sie beispielsweise mit Hund Luchs nichts anfangen und ist eher ungeschickt im Umgang mit ihm. Am Ende steht eine Frau, die unter der Bürde des Menschseins leidet, die aber ihr Verantwortung für ihre nicht-menschlichen Begleiter erkennt – und bestehen sie auch nur darin, ihnen eine Freundin zu sein. Die sich vermeidlich so sehr vom Tier unterscheidende Vernunft des Menschen versteht der Film eher als Auftrag denn als Privileg. Der Mensch hat die Möglichkeit, sich gegen Grausamkeit und das „Gesetz des Dschungels“ zu stellen. Umso treffender ist es so auch, dass der einzig andere lebende Mensch, den die Frau im Laufe der Zeit trifft, wegen seines Mordes an diversen Tieren ohne Umschweife erschossen und ihm ein Begräbnis, wie etwa für die Protagonisten-Tiere, verwehrt wird. Die wirkliche zivilisatorische Errungenschaft des Menschen, so suggeriert es Die Wand, ist nicht die Politik oder die Technik, sondern sein Vermögen, sich über die Artengrenze hinweg zu engagieren.

Die Wand ist kein Film, der frei von Fehlern ist. Manchen wird die Isolation der Figur stören, die Erklärungen, wie wir sie aus Hollywood gewohnt sind, unmöglich macht. Andere werden Probleme mit dem langsamen Duktus bekommen, auch wenn der Film eine innere Spannung konsequent halten kann. Wer ihn aber als zivilisationskritische Parabel liest, der durchaus ein artübergreifender Humanismus und – ja, so ist es – Liebe innewohnt und wer sich darüber hinaus an den großartigen Bildern erfreuen kann, für den hält Die Wand ein sehenswertes Filmerlebnis vor.



Dienstag, 7. Mai 2013

Iron Man 3 (2013)




IRON MAN 3
USA 2013
Dt. Erstaufführung: 01.05.2013
Regie: Shane Black

Die beste, da erfreulichste, Nachricht zuerst: Iron Man 3 ist besser als sein unmittelbarer Vorgänger. So weit, so gut. Regisseur Shane Black, der mit Hauptdarsteller Robert Downey Jr. bereits beim unterbewerteten Kiss Kiss Bang Bang zusammenarbeitete, schafft es gar, dem Publikum einen Iron Man-Film ohne zu viel Iron Man schmackhaft zu machen. Denn neben all den wohlkomponierten Actionsequenzen hat der Film ein geradezu erstaunliches Interesse am Innenleben des Superhelden. Das ist zwar nicht neu, bereichert das MARVEL-Universum aber sinnvoll.

Die Ereignisse von New York (siehe The Avengers) sind ein paar Wochen vergangen, Tony Stark (Robert Downey Jr.) alias Iron Man leidet seither unter Schlaflosigkeit und Panikattacken. Die Bilder von Wurmlöchern und Aliens wollen ihn nicht loslassen. Und dann taucht auch noch ein neuer Superschurke namens Der Mandarin (Ben Kingsley) auf den Plan tritt und bei einem Anschlag Tonys ehemaligen Bodyguard Happy (Jon Favreau) schwer verletzt, gerät er erneut in den Strudel aus Explosionen und Gewalt. Und der Mandarin nebst schmierigen Assistenten (Guy Pearce) scheint vor nichts zurückzuschrecken…

Je weniger man über Iron Man 3 weiß, desto besser. Die Story bietet einige Twists, nichts wirklich spektakuläres, doch genug, um das Interesse aufrecht zu halten. Eine bestimmte Neuerung dürfte Comic-Puristen mal wieder zu wütenden Protestausbrüchen treiben, ist aber davon abgesehen eine clevere Art, einer Comicverfilmung einen soziologischen und medienpolitischen Aspekt hinzuzufügen – Stichwort „westliche Ikonografie“. Andere Einfälle chargieren zwischen gut und grauenhaft albern und ein bisschen bekommt man das Gefühl, dass MARVEL anfängt, im eigenen Terrain zu wildern. So sehen wir de facto die menschliche Fackel aus Fantastic Four in anderen Gestalten und auch Wolverine wäre auf die Selbstheilungskräfte mancher Figuren stolz. Wenn man sich bei den Comicelementen eines gewissen Deja Vu-Effektes nicht erwehren kann, entschädigt Blacks Herangehensweise an Iron Man dafür. All das Brimborium aus The Avengers hat einen Effekt auf die Figur und Black interessiert sich wirklich dafür, uns Tony Stark menschlich näher zu bringen. Natürlich ist Iron Man 3 immer noch ein Sommerblockbuster und keine psychologische Charakterstudie, aber die schrittweise Emanzipation des Menschen von seiner – im wahrsten Sinne – harten Schale wird in Bild und Taten stimmig geschildert.

Schauspielerisch geben vor allem die Neulinge im Iron-Man-Kosmos den Zwiespalt von Comicverfilmungen recht gut wieder. Während Ben Kingsley als Mandarin jede Szene an sich reißt und auch Downey Jr. gegen die Wand spielt, fragt man sich bei Guy Pearce am Anfang, ob schlechte Verkleidungen nach Prometheus – Dunkle Zeichen und diesem Film nun zu seinem Repertoire gehören. Und nach dem Ablegen der ersten Inkarnation seines Charakters wird er zu einem jener Over-the-Top-Schurken, für die Comics immer belächelt werden. Rebecca Hall als Tonys Exfreundin Maya Hansen wird sträflich vernachlässigt und James Badge Dale als Savin ist ein Schurkengehilfe, den man zu hassen liebt. Die Veteranen geben wie erwartet solide Leistungen ab, nur Don Cheadle, an sich ein großartiger Schauspieler, hat sich immer noch nicht in seiner von Terrence Howard beerbten Rolle des Captain Rhodes gefunden. Aber es ist allerdings auch nicht so, als würde das Drehbuch ihm sonderlich viel zu tun geben.

Iron Man 3 ist Popcornkino im besten Sinne: genug Action für die Pyromanen und dabei nicht so blöd, dass man sich als Zuschauer beleidigt fühlen muss. Der erste MARVEL-Film nach der Avengers-Extravaganza, die – man muss es sagen – nicht so gut war, wie sie gerne gewesen wäre – ist ein unterhaltsamer Start in jene Filmsaison, die klassischerweise den Explosionen und dem technischen Überwältigungskino gehört. Und dass man sein Hirn beim Betreten des Kinosaals nicht vollkommen ausschalten muss, ist wahrscheinlich das Schönste an Tony Starks drittem Abenteuer.