Freitag, 8. April 2016

Mitten in Deutschland: NSU (2016)



MITTEN IN DEUTSCHLAND: NSU
Deutschland 2016
Dt. Erstaufführung: 30.03./04.04/06.04.2016 (TV-Filme)
Regie: Christian Schwochow/Züli Aladag/Florian Cossen

(Die folgenden Kurzbesprechungen zu den drei Filmen der Reihe Mitten in Deutschland: NSU wurden vorab auf letterboxd veröffentlicht.)


DIE TÄTER - HEUTE IST NICHT ALLE TAGE

Der erste von drei Filmen über den rechtsextremen Terror, der 2011 als sogenannter „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) bekannt wurde, ist gleich ein großer Griff ins Leere. Angefangen mit der fragwürdigen formalen Entscheidung, den Reigen mit den Tätern zu beginnen, bietet der Film darüber hinaus nicht viel mehr als das übliche rechte Gruselkino á la „Kriegerin“. Eine fahrige Wackelkamera soll Authenzität vermitteln, wenn das Nazitrio Stichworte abfeuert, sich immer wieder von völkischer Musik aufgeilen lässt oder – daran haben Neonazifilme augenscheinlich ein besonderes Interesse – unfotogenen Sex hat. Dabei ist der Film gar nicht an irgendetwas jenseits des altbekannten interessiert. Da er gleich zu Beginn klar macht, sich sehr viel mehr als Spielfilm denn als dokumentarisch angehauchte Aufarbeitung zu verstehen, erzählt er spekulatives über das arme, schlichte, verführte Mädchen Beate Zschäpe, die in den Wirren der Wendezeit an die falschen Typen gerät und eigentlich mal eher politisch links zu verorten war. Da Zschäpe, wie es sich für eine 08/15-Dramaturgie gehört, als menschlicher Ankerpunkt für den Zuschauer fungiert, redet der Film, bei aller Drastik einzelner Szenen (episodenhaft werden Mütter mit Babys bedroht, Fußgelenke gebrochen und Zähne ausgeschlagen), rechte Gesinnung ein Stück weit klein - die beiden dumpfen Uwes als die Verführer.

Der Film mag ja laut Aussagen von Szeneaussteigern den Weg ins rechtsextreme Milieu recht akkurat darstellen, aber eben weil der Film so sehr Spielfilm ist, oft geradezu in den Darstellungen angespannter Körper schwelgt, offenbart er auch, dass seine Zeit noch nicht gekommen ist. Wer exemplarisch den Weg in eine mörderische, rassistische Gesellschaft zeigen will, der wäre hier mit einem gänzlich fiktiven Werk wohl besser aufgehoben. So werden Vermutungen und Spekulationen, die eigentlich erst im noch laufenden Verfahren gegen Zschäpe aufgearbeitet werden sollen, durch die Macht des Films zu Wahrheiten. Die Täter – Heute ist nicht alle Tage spielt damit auch der Überlebenden des Trios in die Hände, die sich den medialen Sexismus ja schon zunutze machte und sich selbst als „armes Frauchen“ stilisierte. Die richtig Schlimmen, dass sind immer die Anderen. Der Film ist, obwohl die öffentlich-rechtlichen Sender auch schon differenzierte Dokus zu dem Thema produziert haben, ein Zugeständnis an ein unterstelltes Zuschauerinteresse, dass Geschichte nur in fiktionalisierter Form goutieren kann und will. Quintessenz: der NSU ist (noch) in Dokumentationen besser aufgehoben, Rechtsextremismus im Film sollte sich von der Legitimation durch derartige reale Ereignisse ein Stück weit emanzipieren – Strukturen und Mechanismen lassen sich genauso gut offenlegen, wenn man sich nicht aus einem wie auch immer gearteten Realitätsanspruchs der Namen realer Täter bedient.
So gibt es in „Die Täter“ denn auch lediglich eine Sequenz, die auf eine Kraft hindeutet, die ihm durch solch eine Loslösung hätte gegeben werden können: als im Fernsehen über die Einschränkung des Asylrechts von staatlicher Seite gesprochen wird, sind die Neonazis begeistert: „Genau unsere Worte!“ Zu Zeiten, in denen Rechtspopulisten und Rechtsextreme in ganz Europa einen ungesunden Zulauf erleben, hätte ein Film mit diesem Sujet durch solche Szenen mehr erreichen können als durch das episodische Abspielen von widerwärtigen Taten, ausgeübt von widerwärtigen Menschen.





DIE OPFER – VERGESST MICH NICHT

Der zweite Teil der Trilogie Mitten in Deutschland: NSU über die Gräueltaten des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ ist eine einzige Entschuldigung für den fehlenden Fokus des ersten Teils über die Täter, schon allein weil er die lange Zeit marginalisierte und kriminalisierte Seite der Opfer erzählt. Mit einer beängstigenden Beiläufigkeit fallen Urteile wie „Aufenthalt in den Niederlanden = Drogenhandel“ oder Nebensätze wie „Ohne Hakenkreuze keine Nazis“, die eine rassistisch geprägte Engstirnigkeit der Behörden offenbart, die das dadurch verursachte Leid der Familien mit einer für einen ARD-Film doch beachtliche Intensität erfahrbar macht. Die Opfer macht wütend, so einfach ist es.
Exemplarisch an der Familie des ersten Mordopfers, des Blumenhändlers Enver Simsek, erzählt, schildert der Film lange Jahre der Verdächtigungen, Anschuldigungen, geradezu monströsen Manipulationsversuchen und einem nie plakativ werdenden Abfall vom Glauben an die deutschen Behörden. Die am Ende geäußerte Entschuldigung eines gegen Windmühlen kämpfenden Mitarbeiters wirkt an diesem Punkt wie ein denkbar schwacher Trost. Es ist ein Kampf Davids gegen Goliath, obwohl Goliath doch eigentlich zum Schutz dieses Davids da sein sollte.

Filmisch mitunter auch etwas zu sehr auf eine pseudo-authentische Wackelkamera setzend und an einer entscheidenden Stelle eine unpassenden Schnitt setzend (vgl. Blood Diamond) inszeniert Regisseur Züli Aladag aber insgesamt konzentriert, emotional ohne ins melodramatische abzudriften und weiß vor allem seine engagierten Darsteller gut in Szene zu setzen. Vor allem Almila Bagriacik ist großartig in ihrem ewigen Wechsel – mal spaßige Schwester, mal emotionaler Punchingbag für die Mutter, mal großartig selbstbewusst („Sprechen Sie deutsch?“ – Natürlich. Sie auch?“), mal so am Rande des Zusammenbruchs, als wäre der Zuschauer mit ihr in einem Raum, inmitten der Situation.

Die Opfer ist ein hervorragender Film, der das Spielfilmformat auch sehr viel sinnvoller zu nutzen weiß als Die Täter. Während der eine nichts über die Mechanismen des Hasses erzählen kann, erzählt der andere alles über die Mechanismen der Trauer und des Verlustes. Es ist ein respektvoller Film (erwähnenswert ist auch, dass er nicht alle Passagen in türkischer Sprache untertitelt – Familienalltag ähnelt sich doch überall frappierend und bedarf keiner Übersetzung), sehr viel besser als man erhoffen durfte. Er stellt den kalten Fakten und auch dem kalten Hass etwas entgegen, dass allzu oft in Geschrei, Hysterie und Angst untergeht: menschliche Empathie.





DIE ERMITTLER – NUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH

Als Abschluss der Spielfilmbearbeitung der NSU-Morde steht Die Ermittler, ähnlich wie die involvierten Protagonisten, zwischen den Stühlen. Er ist nicht so nichtssagend wie Die Täter, aber auch bei weitem nicht so involvierend wie Die Opfer. Er besitzt die der Thematik angemessene Konzentration, verfängt sich aber filmisch immer wieder in allzu plakative Stilgriffe, dem „provozierenden“ Blickes Beate Zschäpes direkt in die Kamera von Die Täter nicht unähnlich. Dialoge wirken hölzern, die Verknüpfung mit lyrischem Kulturgut arg bemüht, die dramaturgische Entscheidung, einen Teil des Films quasi in einem „exposition dialogue“ Revue passieren zu lassen, holprig.
Von großer Schlagkraft ist aber auch hier die Beiläufigkeit, mit der Ungeheuerlichkeiten illustriert werden: der Tatort, der willentlich so rüde behandelt wird, dass er zu nichts mehr zu gebrauchen ist, die Vernichtung von Akten in trostlosen Kellerräumen, die Verbindung von Staatsschutz und Neonazis. Vieles wirkt zwar wie eine Degeto-Version eines Agententhrillers, eine filmische Entsprechung einer Fleißarbeit, der die persönliche Nähe von Die Opfer abgeht, doch wenn am Ende ein Zeuge auf mysteriöse Weise stirbt weist der Film auch darauf hin, dass er zum jetzigen Zeitpunkt wohl nur der fragmentarischste Beitrag zur Trilogie sein kann.
Hass ist ebenso real wie Trauer, das kolossale Versagen der Behörden dürfte durch eine geschickte Verschleierungstaktik wohl noch lange auf eine vollständige Aufarbeitung warten müssen – wenn sie denn jemals gänzlich zu Ende geführt werden kann.
Die Ermittler ist trotz der Brisanz seines Sujets, trotz Ausbrüchen von Nazigewalt und einigen Einstellungen, die einen gewissen Kunstwillen erkennen lassen (der Ausflug in die Welt von Eyes Wide Shut muss dennoch als nicht gänzlich gelungen bewertet werden), der nüchternste Film der Reihe. Zwischen den anderen Teilen, zwischen völkischem Gruselkabinett und menschlicher Aufrichtigkeit, versucht er sich an einer Objektivität, die in ihrer Gänze einerseits durch das laufende Verfahren noch nicht hergestellt werden, zum anderen wohl erst danach einen Spielfilm dieses Kalibers entstehen lassen kann. Die Ermittler – Nur für den Dienstgebrauch ist ein Justizthriller, dessen Verhandlungspunkt gerade noch von der Justiz mühsam bearbeitet wird. Es wird spannend sein, ihn in vielleicht zehn, zwanzig Jahren noch einmal herauszukramen.





Abschließende Gedanken zur gesamten Trilogie: Gut gemeint und zumindest partiell gut gemacht. Am Ende erweist sich die Menschlichkeit als der stärkste Faktor in diesem Reigen, was eine zumindest etwas tröstliche Note hat. Züli Aladag hat den besten Film abgeliefert, Christian Schwochow den schwächsten. Das Nazi-Problem bleibt in Deutschland nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im Film bestehen, dafür marginalisiert man ausnahmsweise nicht die Opfer. Filmisch hätte alles noch schlimmer kommen können, doch das Gefühl bleibt, dass die Zeit noch nicht ganz reif ist, das Thema NSU sinnstiftend im Spielfilm zu behandeln. Ein interessanter, nur zu einem Drittel wirklich erfolgreicher Ansatz, der immerhin als Aufhänger für Diskussionen gut sein könnte.

Mittwoch, 9. März 2016

Zoomania (2016)




ZOOMANIA
(Zootopia)
USA 2016
Dt. Erstaufführung: 03.03.2016
Regie: Byron Howard & Rich Moore

Es gibt ein Brettspiel für Kinder mit dem alles erklärenden Namen Tiere füttern, quasi die Fortsetzung des Besuchs im Zoo, Wald oder am Wildgatter für den heimischen Esstisch. Menschen, nicht nur die an Jahren junge, locken gerne andere Tiere mit Futter um sie eben zu füttern, zu streicheln, sie aus der Nähe zu sehen. Dabei steht weniger das Beobachten der schnöden Nahrungsaufnahme im Mittelpunkt, sondern vielmehr der Kontakt zu einem nicht-menschlichen Lebewesen. Der Mensch, quasi isoliert durch einen Evolutions- und Kulturprozess, der ihn immer weiter von den anderen Geschöpfen des Planeten entfernt, sehnt sich nach „den Anderen“. Dieses sich in Relation setzen kann natürlich gute wie schlechte Blüten treiben und man muss nur an das koloniale Klischee vom „edlen Wilden“ erinnern, um zu erkennen, dass die Suche sogar innerhalb der eigenen Art auf grausamste Spitzen getrieben werden kann. Umso erfrischender, dass Zoomania, der in der Zählweise des Disneystudios inzwischen 55. abendfüllende Animationsfilm, genau solch plumpe Zuschreibungen umgeht. Der Film ist cleverer, als wohl die Meisten erwartet haben dürften, geradezu wasserdicht handhabt er seinen Subtext, der über die einfache Rechnung „Vorurteile sind schlecht“ weit hinausgeht. Zoomania ist genau der richtige Film zur richtigen Zeit, eine im besten Sinne moderne Parabel in einer politisch vergifteten Zeit, in der die Differenzierung dem Stammtisch geopfert wird.

Zoomania (wer beim deutschen Verleih kam eigentlich auf die Idee, dass die Endung –mania für eine Stadt irgendwie sinnvoll wäre?)/Zootopia ist ein Schmelztiegel. Angesiedelt in einer parallelen Realität, in der allerlei Säugetierarten Intelligenz entwickelten und irgendwann das Fressen und Gefressen werden zugunsten eines friedlichen Miteinanders aufgaben, ist die Stadt das Sinnbild des gesellschaftlichen Fortschritts. Seit Kindertagen träumt das junge Kaninchen Judy Hopps davon, in der Metropole zu arbeiten – als Polizistin, obwohl dieser Job eher von größeren Tieren wie Büffeln, Elefanten und Tigern erledigt wird. Als ihr Traum gegen alle Widrigkeiten in Erfüllung geht, wird sie an ihrem ersten Tag zum Politessendienst verdonnert. Dort trifft sie den trickreichen Fuchs Nicholas Wilde, der nicht nur allerlei zwielichtigen Geschäften nachgeht, sondern Judy auch alsbald in einem Vermisstenfall widerwillig unterstützt: Immer mehr Säuger verschwinden spurlos, die Polizei steht vor einem Rätsel. Judy und Nicholas kommen bei ihren Nachforschungen einer ungeheuerlichen Verschwörung auf die Schliche, die schnell auch ihre eigene Sicherheit gefährdet …

Was hätte nicht alles schief laufen können: einzelnen Tiergruppen eine ethnische Entsprechung in der Menschenwelt zuschreiben, beispielsweise (erinnert sich noch jemand an den undurchdachten Blödsinn in Große Haie, kleine Fische?: „A lot of white fish can’t do it.“) oder eine allzu unterkomplexe Darstellung (und Resolution) sozialer Konflikte. Doch Zoomania schafft es, stets intelligent und so komplex zu sein, dass die größtenteils lieblich-belanglosen Produktionen der letzten Zeit (ja, Die Eiskönigin darf sich hier explizit angesprochen fühlen) gegen ihn verblassen.
Die Botschaft des Films, sich in seinem Urteil über Andere nicht von stereotypen Vorstellungen bis hin zu offenem Rassismus (ein Wort, das in einer Welt voller sprechender Tiere synonym zu verwenden ist) leiten zu lassen, wird mit Bravour durchexerziert. Die Figuren, auch die Sympathieträger, haben alle Vorurteile. Judy ist intelligent genug, die Ängste ihrer Eltern als Panikmache zu durchschauen und verallgemeinert ein negatives Erlebnis mit einem Fuchs in ihrer Kindheit nicht, ganz lösen kann sie sich aber zunächst dennoch nicht von dem Stereotyp, Füchse wären alle nicht vertrauenswürdig. Ihre erste Begegnung mit Nick wird gar durch dieses stereotype Misstrauen erst möglich. Nicks Vorstellung von „Kaninchen = dumm und nicht ernst zu nehmen“ bröckelt nur langsam und als die Sachlage ein schnelles Urteil erlaubt, zieht Zoomania durch die konstruierte Gleichung „Raubtier = potenzieller Gewalttäter“, die Judy sogar in einem unbedachten Moment mit ihren genetischen Veranlagungen erklärt, eine Parallele zur Rassenideologie menschlich-faschistischer Systeme, natürlich um derlei Unsinn schnell zu entkräften. Wer hier etwas problematisches sieht, eben weil der Film mit anthropomorphen Tieren arbeitet und Tieren bestimmte Instinkte zugeordnet werden, Zoomania die Vorstellung von genetischer Disposition zu bestimmten Verhalten also indirekt bekräftigen würde, der verkennt die ganze Prämisse des Films: ebenso wenig wie der Mensch von heute mit seinen Vorgängerspezies‘ zu vergleichen ist sind es die Wesen in Zoomania mit den Tieren, die wir heute auf der Erde finden. Der Film bestärkt niemals ein wie auch immer geartetes System der Abwertung, vielmehr legt er die Mechanismen, nach denen Schuldzuweisungen, Hysterie und Populismus funktionieren, auf so süffisante Art offen, dass man nur erstaunt sein kann, wie sehr versucht wird, Zoomania etwas zu unterstellen, dass der Film in keinster Weise unterstützt. Vielleicht ist es der Schock, dass ein Disneyfilm so etwas wie Rassenlehre, politischen Populismus und ethnische Typisierung so souverän zur Sprache bringt.

Neben dem soziologischen Aspekt ist Zoomania auch ein gelungener Polizeifilm. Der Fall, den es zu lösen gilt, setzt nicht darauf, von vornherein durchschaubar zu sein, die Ermittlungen sind wie der Rest des Films unterhaltsam und mit einem gebührenden Tempo inszeniert, dass nie außer Atem gerät und selbst in den üblichen dramaturgischen Kniffen (die Trennung der Hauptfiguren zu Beginn des dritten Aktes etwa) eine Notwendigkeit erkennt, die erstaunt. Das Überwinden von verletzenden Vorurteilen ist eben keine einfache Sache. Hinzu kommen die vielen visuellen Einfälle, die ein zweites und drittes Sehen fast obligatorisch machen und ein „World-building“, das hervorragend funktioniert. Zootopia ist ein Ort, der nach eigenen, aber dank des bildlichen Storytellings sofort nachvollziehbaren, Regeln in Gang gehalten wird [Für all diejenigen, die sich fragen, ob die Raubtiere sich nun vegetarisch ernähren: in dieser Welt haben nur (Land-)Säugetiere augenscheinlich Intelligenz entwickelt, es bleiben also noch Fische, Vögel, etc. Kentucky Fried Chicken ist auch in Zoomania denkbar …]. Diese Souveränität geht so weit, dass ein adipöser, augenscheinlich homosexueller Gepard von Judy darüber belehrt werden muss, dass das Wort „niedlich“ nur von anderen Kaninchen für Kaninchen verwendet werden darf, es aus dem Mund anderer Tiere aber einen fahlen Beigeschmack hat. Zoomania liefert ein Spiegelbild unserer Welt, ohne dabei auf einfache Analogien zurückzufallen. Dies geht so weit, dass auch Judy, um einen Punkt zu machen, mitunter auf Klischees zurückgreift („Wenn es eins gibt, in dem Kaninchen gut sind, dann ist es multiplizieren.“). Es ist wohl gerade die Anerkennung von Grauzonen, die Zoomania so lebendig macht.

Gewohnt augenfreundlich (wenn auch zugegebenermaßen gestalterisch recht konventionell) animiert, rasant erzählt, durchdacht und schlicht sympathisch ist Zoomania endlich, nach langem Warten, der Film, auf den man seit dem Start der hauseigenen Disney-CGI-Filme mit Himmel und Huhn gewartet hat. Sicherlich waren Baymax – Riesiges Robowabohu oder Rapunzel – Neu verföhnt unterhaltsam, aber erst die Geschichte von der Tierstadt schafft es, auf allen Ebenen zu überzeugen. Und, wie gesagt, in einer Welt, in der dumpfer Hass dank politischer Parteien und Agitatoren wieder salonfähig wird, ist Zoomania ohnehin der Film der Stunde. Wenn Fuchs und Hase zusammenleben können, dann sind Trump, Höcke und Petry obsolet – was für ein Hoffnungsschimmer in finsterer Zeit.





Mittwoch, 2. März 2016

The Wave - Die Todeswelle (2015)




THE WAVE – DIE TODESWELLE
(Bølgen)
Norwegen 2015
Dt. Erstaufführung: 24.02.2016 (DVD-Premiere)
Regie: Roar Uthaug

Der tief ins Festland reichende Geirangerfjord ist eine der größten Touristenattraktionen Norwegens. In der Hauptsaison wird der kleine Ort ständig von Kreuzfahrtschiffen belagert, aus deren Innern sich Ströme von Besuchern ergießen, die mit Bussen die schmalen Straßen hinauf gekarrt werden, um von den Aussichtsplattformen ein Foto von ihrem unten im Fjord  liegenden Schiff zu schießen. Der Campingplatz des Ortes bietet Wohnmobilfahrern VIP-Plätze mit Blick auf das Schiffspektakel an und aus eigener Anschauung weiß ich, dass eine der Hauptsorgen der Kreuzfahrer ist, ob nach den Ausflügen denn noch genug Zeit bleibt, um im großzügigen Souvenirshop etwas Geld unters Volk zu bringen. Die fantastische Natur, die sich, wie so oft in Norwegen, in ihrer vollen, atemberaubenden Schönheit erst abseits der Straßen erschließt, scheint hier nur Staffage zu sein. Geiranger ist ein hübscher, aber auch seltsamer Ort. Und er ist akut gefährdet, sind sich Geologen doch einig, dass eine der beeindruckenden Felsformationen irgendwann abbrechen und in den Fjord stürzen wird. Die damit ausgelöste Flutwelle könnte verheerende Folgen haben und es wäre nicht das erste Mal, dass Norwegen von solch einer Naturkatstrophe heimgesucht werden würde. Kurzum, es ist das perfekte Setting für den ersten Katastrophenfilm des Landes, der bei allen genrekonformen Elementen und ziemlich unecht aussehendem CGI-Wasser auf einer unterhaltsamen Ebene besser ist, als man erwarten durfte (auch wenn das Poster ein Kreuzfahrtschiff verspricht, dieses aber nicht im Film vorkommt). The Wave, in Deutschland direkt auf Heimmedien gewandert und mit einem Untertitel versehen, der auch dem letzten Zuschauer verständlich macht, um was es geht, ist all das, was man von einem Film dieses Kalibers erwartet, nur mit weniger cheese als seine US-amerikanischen Cousins.

Für den leicht zerstreuten Geologen Kristian (Kristoffer Joner) und seine Familie, die Hotelmanagerin Idun (Ana Dahl Torp) und die Kinder Sondre (Jonas Hoff Ostebro) und Julia (Edith Haggenrud-Sande) steht der Abschied von Geiranger bevor. Nach Jahren als Mitarbeiter des örtlichen Überwachungsteams für die gefährdeten Felsformationen rund um den Fjord wurde er von der Ölindustrie abgeworben, der Umzug nach Stavanger steht kurz zuvor. Doch in der letzten Nacht im Ort passiert das, was lange prognostiziert wurde: die Felsen geben nach, krachen in den Fjord und jagen einen viele Meter hohen Tsunami Richtung Geiranger. Nach dem Alarm bleiben Kristian nur zehn Minuten, um sich, seine Familie und möglichst viele weitere Menschen auf eine sichere Höhe zu bringen. Doch kann man den Wettlauf mit einer Naturgewalt überhaupt gewinnen?

The Wave gelingt es schnell, Sympathien für seine Figuren zu generieren. Kristian ist kein Nerd, wie ihn Hollywood produzieren würde. Er überlässt zwar seiner Frau die handwerklichen Aufgaben im Haushalt (auch ein Ausdruck der selbstverständlichen Gleichberechtigung in Norwegen) und geht vor allem in seinem Metier auf, aber er verhält sich wie ein normaler, liebenswerter Mensch und nicht wie eine trottelige Karikatur. Die Kinder verhalten sich ebenso wie normale Kinder, die Beziehung der Erwachsenen ist auf eine Art gewöhnlich wie sie im Kontext des Genres geradezu erfrischend daherkommt. Auch werden unserem Protagonisten nicht umständlich behördliche oder zwischenmenschliche Steine in den Weg gelegt, wenn er die Katastrophe prophezeit geht niemand großspurig über ihn hinweg oder ein bornierter Bürgermeister fürchtet um ein anstehendes Fest. Kristian ist lediglich vorsichtiger als andere und auch dies trägt dazu bei, dass The Wave sich nicht im Netz seiner offensichtlichen Vorbilder verheddert. Hier ist alles etwas gesetzter, unaufgeregter, menschlicher.

So kann man mit den Charakteren durch die Handlung wandern und auch deren Dramaturgie mittragen, die sich bei aller zwischenmenschlichen Liebe natürlich nicht von der üblichen Drei-Akt-Struktur unterscheidet: Nach dem Setup kommt die Katstrophe und dann die Rettung. In jedem Akt gibt es etwas, dass den Film sehenswert macht, besonders hervorzuheben ist eine wahrlich gespenstische Szene gegen Ende, die sich ebenso gegen die üblichen Klischees stemmt wie die Figurenzeichnung und die einen Bus involviert.
Das Herzstück des Films, die hereinbrechende Katstrophe, wird erstaunlicherweise zur Zäsur für den in seinem Entstehungsland ziemlich erfolgreichen Film. Mit der nötigen emotionalen Nähe kann das Adrenalin hier wirklich fließen, wer mehr darauf achtet, wie schwer es immer noch ist, glaubwürdiges Wasser im Computer entstehen zu lassen, der wird womöglich mehr amüsiert sein. Die monströse Naturkraft sieht gerade bei ihrem ersten Shot genauso aus – wie ein Monster, dem die Animatoren gar nicht genug Wirbel, Wellen und Schaumkronen geben konnten. Wahrscheinlich sollte man froh sein, dass die Welle nicht auch noch ein Löwengebrüll anstimmt wie der Wirbelsturm in Twister. Die eigentliche Zerstörung Geirangers ist dann kurz, heftig, trotz CGI-Wassers besser gelungen und auch das Bild, wie sich die Wassermassen um eine Fjordbiegung schieben, ist Stoff für Alpträume. In der Logik des Geschehens gibt es zudem nicht unzählige Nachkatastrophen, die Welle trifft, zerstört und hat ihr Werk damit getan.

The Wave ist kein überragender Film und wirklich verwundert darüber, warum er hierzulande nur auf Heimmedien erschien, ist wohl auch niemand. Aber er hat – und das ist bei Katastrophenfilmen kein Standard – das Herz am rechten Fleck. Tiefenanalytisch ist es wohl konservativ, eine generische Familie in den Mittelpunkt zu stellen und darüber hinaus alle anderen Charaktere ein Stück weit zu negieren, aber eben weil der Film so unangestrengt dabei ist, uns Kristian und die Seinen als beachtenswert zu verkaufen, verdient er Respekt. Kann das Spektakel mitunter unfreiwillig komisch wirken? Ja. Zieht der Film im dritten Akt ein paar klischeehafte Register zu viel? Auf jeden Fall. Wartet er mit mehr Unterhaltungswert auf, als man ihm hätte zutrauen können? Auch das ist wahr. The Wave ist ein Genrefilm für alle, die von den markigen Heldenposen á la San Andreas und 2012 und ihrem unstillbaren Durst nach totaler Zerstörung inzwischen eher angeödet denn unterhalten sind.