Montag, 14. April 2014

Es werde Stadt! - 50 Jahre Grimme-Preis in Marl (2014)




ES WERDE STADT! – 50 JAHRE GRIMME-PREIS IN MARL
Deutschland 2014
Dt. Erstaufführung: 04.04.2014 (TV-Film)
Regie: Martin Farkas & Dominik Graf

Angesichts des Inhalts dieses TV-Films ist der biedere, totlangweilige Untertitel, der dem interessanten Haupttitel folgt, sicherlich  nicht von ungefähr gewählt. Es werde Stadt! ist ein Essayfilm über das deutsche Fernsehen in der Nachkriegszeit, den renommierten Grimme-Preis und die Stadt Marl im Wandel vom gesellschaftlichen Utopienentwurf zum abgehalfterten Ort mit betongewordener Melancholie in der ehemals progressiven Architektur. Wie das zusammenpasst? Der Grimme-Preis wird in Marl verliehen und die Stadt selbst war einst ein Vorzeigeprojekt, in dem die Volkshochschule die insel hieß und nicht schnöd VHS Marl. Inzwischen ist der Ort, einst von Reichtum gesegnet, im Niedergang begriffen, ein Sterben auf Raten, dass mit dem Strukturwandel im Ruhrgebiet und dem damit verbundenen Zechensterben einsetzte. Anwohner beschweren sich über das mangelnde Angebot jedweder Freizeitaktivität, von den zwölf Kinos, die zu Bergbauzeiten noch in der Stadt existierten, ist scheinbar kein einziges mehr geblieben. Kino.de listet das nächste Lichtspielhaus in Gelsenkirchen auf, knapp neun Kilometer entfernt, und auch von der selbstbewussten Präsenz der VHS und ihrem Versprechen von Bildung für alle ist nicht mehr viel zu erkennen.

Wie passt dies alles nun zur Geschichte des Fernsehens? Die Parallelen, die die Regisseure Dominik Graf und Martin Farkas ziehen, sind interessant: wie Marl startete auch das zu jenen Zeiten noch ausschließlich öffentlich-rechtlich besetzte Fernsehen mit hehren Ansprüchen, nahm seinen Bildungs- und Kulturauftrag ernst und zeigte sich auch schon einmal unangepasst, also konfliktfreudig. So sehr man dieser Behauptung auch die Kehrseite vorhalten kann, nämlich Spießigkeit und Mief des Fernsehens „von früher“ und man dafür sicherlich genauso viele Archivschnipsel finden könnte wie für die Gegenbehauptung, finden Farkas und Graf dennoch durchaus stimmige Bilder zur Veranschaulichung einer Behauptung, die sonst schlicht mit „früher war alles besser“ umschrieben werden könnte. Das geradezu wilde, expressionistische Logo des kleinen ZDF-Fernsehspiels im Kontrast zum überraschungsarmen, angepassten Erscheinungsbild heute. Oder der kreative, surreale Ankündigungstrailer für den „phantastischen Film“ – eine Entdeckung, für die allein sich der ganze Film schon lohnt.
In der Lesart der Macher ist davon nicht mehr viel geblieben und eine Zeit lang sieht es so aus, als würde man wieder einmal das Privatfernsehen für den Niedergang verantwortlich machen. Doch man findet andere Ansatzpunkte, ohne das Argument des Quotendrucks, der von den kommerziellen Sendern auf das öffentlich-rechtliche überschwappte, gänzlich auszublenden. Es entbehrt aber nicht einer süffisanten, investigativen Komik, wenn der Sendebeginn von Die Schwarzwaldklinik als Meilenstein auf dem Weg zur Verflachung des Programms gesehen wird und der war 1985, als das Privatfernsehen noch gar nicht wirklich ernst genommen wurde. Oder doch? Sind Sendungen wie diese oder Das Traumschiff nur aus vorauseilendem Gehorsam entstanden, weil man fürchtete, das zunehmend hedonistischere Publikum an die schrille Konkurrenz zu verlieren? Es werde Stadt! befeuert den Zuschauer fast zwei Stunden lang mit allerlei Thesen, Infos, Standpunkten und liefert für fast alle auch durchaus schlüssige Ansätze.

Eine der prominentesten aber bleibt die These vom allzu langsamen Umdenken. Der Strukturwandel war (und ist) wohl auch deshalb so schmerzhaft, weil niemand sich rechtzeitig um Alternativen kümmerte. Ähnlich wird das von den Autoren ja durchaus mit guten Erinnerungen und Erfahrungen verknüpfte Fernsehen alter Schule interpretiert (der Film beginnt mit einer Montage, wie sich Babyboomer gegenseitig erzählen, was für Sendungen sie früher geliebt und geschaut haben – von Die Sesamstraße über Flipper bis zum Magazin Mosaik). Anstatt sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren und dem Auftreten der Konkurrenz bewusst etwas Konterkarierendes entgegenzusetzen, schwamm man mit dem Strom und inzwischen sind auch ARD, WDR und Co. unter dem Diktat der Quote. Der Vorwurf, dass man durch Gewöhnung des Zuschauers an die immer gleichen formatierten Sendungen, an die Übermacht des US-amerikanischen Films und die zunehmend gleichförmig-schreiende Aufmachung ohne nennenswerte Alternativangebote ihm die Diskursfähigkeit und –möglichkeit nimmt, ist nicht neu. Dennoch schaffen Graf und Farkas es, sie mit leicht abgewandeltem Blick zu betrachten und auch die Frage nach der letztgültigen Stimmigkeit zu fragen. Nur weil die beiden es in den Raum werfen, ist dies nicht gleichbedeutend mit sklavischer Zustimmung seitens des Zuschauers. Es werde Stadt! weiß um die Intelligenz seines Publikums und will sich der Diskussion stellen, sogar derer, ob eine Sendung wie Das Dschungelcamp für einen Grimme-Preis nominiert werden sollte oder nicht (wie 2013 geschehen)

So ist die Programmplatzierung des Films fast schon ironisch, wenn auch auf sehr traurige Art. Es gehört inzwischen zu den Standardaussagen über das deutsche, zumal das öffentlich-rechtliche Fernsehen, dass die interessanten, mitunter sperrigen, aber dennoch diskurswürdigen Sendungen nicht mehr zur besten Sendezeit, sondern im Nachtprogramm ausgestrahlt werden. Es werde Stadt! wurde bei seiner Premiere am 04.04.2014 im WDR um 23:15 Uhr ins Programm genommen, es folgten der NDR am 08.04.2014 mit 0:00 Uhr und der SWR am 09.04.2014 mit 23:30 Uhr; der BR wird die Koproduktion am 03.06.2014 um 22:45 Uhr ausstrahlen und damit den bis dato frühsten Termin markieren. Nicht nur schlicht unwürdig dem involvierend gestalteten Film gegenüber, sondern schlicht unverschämt im Hinblick auf das Sujet. Als hätte man diesen durchaus selbstkritischen Blick zwar zur Gewissensberuhigung produziert, sei nun aber nicht gewillt, die ihm innewohnende Forderung nach mehr Mut, nach mehr Reibereien im Abendprogramm auch konsequent durchzusetzen.
So scheint es fast schon vorprogrammiert, dass Es werde Stadt! nur zu einer mehr oder minder hermetisch abgeschlossenen Diskussion führen wird. Film- und Fernsehjournalisten werden darüber sprechen, Seiten wie diese auf das Werk hinweisen, aber darüber hinaus? Es werde Stadt! ist ein durch seine schiere Fülle an Informationen ein vielleicht etwas anstrengender Film, der selbstredend dem Zuschauer mehr abverlangt als der neuste ARD-Freitagsfilm. Aber die Mischung aus Dokumentation, Thesenschlacht, Verschwörungstheorie und nostalgischer Fundgrube funktioniert so gut, dass man nur hoffen kann, dass sich Wiederholungen doch noch zeitnah den Weg ins Hauptprogramm erkämpfen – und das fernab der wunderbaren, in ihrer Reichweite aber beschränkten Spartenkanäle wie 3sat und arte. 


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Muppets - Die Schatzinsel (1996)




MUPPETS – DIE SCHATZINSEL
(Muppet Treasure Island)
USA 1996
Dt. Erstaufführung: 11.07.1996
Regie: Brian Henson

Nachdem Die Muppets Weihnachtsgeschichte, der erste Film mit den quirligen Puppen nach dem Tod von Erfinder Jim Henson, ein einziges Werk der Liebe geworden war und auch noch den Geist der Romanvorlage von Charles Dickens intakt halten konnte, gelang dies bemerkenswerterweise auch mit der nächsten Adaption. Diesmal wurde Robert Louis Stevensons Abenteuerroman Die Schatzinsel mit Kermit & Co. neu aufgelegt und wie bei der Weihnachtsgeschichte sparte man sich die exzessiven Cameoauftritte bekannter menschlicher Stars, sondern gruppierte die Muppets um einen einzigen Prominenten. Schaffte es Michael Caine im Vorgänger, auch im Angesicht von sprechenden Fröschen die Integrität seiner Figur Scrooge nicht dem Spektakel zu opfern, fügt sich hier Tim Curry als Long John Silver äußerst harmonisch ins Gesamtbild ein. Der Mann, der selbst wie ein Muppet daherkommt, reißt jede Szene an sich und überstrahlt oft sogar seine kuscheligen Co-Stars. Allein das ist schon eine ungeheure Leistung.

Muppets – Die Schatzinsel bleibt dem Roman recht treu: Jim Hawkins (Kevin Bishop) ist ein Waisenjunge, der zusammen mit seinen Freunden Gonzo und Rizzo in der Gaststätte von Mrs. Bluberidge (Jennifer Saunders) arbeitet. Sein Leben ändert sich, als er vom versoffenen Billy Bones (Billy Connolly) eine Schatzkarte erhält, die angeblich den Weg zum versteckten Reichtum des legendären Käpt‘n Flints weist. Nachdem die Echtheit der Karte vom schusseligen Schiffsbauersohn Trewlaney (Fozzie Bär) bestätigt wurde, finanziert dieser eine Reise hinaus aufs Meer, den Schatz zu heben. An Bord des unter dem Befehl von Käpt’n Smollett (Kermit der Frosch) und seiner rechten Hand Mr. Arrows (Sam der Adler) stehenden Schiffs befindet sich nicht nur eine wenig vertrauenserweckende Crew, sondern auch der einbeinige Schiffskoch Long John Silver (Tim Curry), mit dem Hawkins sofort eine intensive Vater/Sohn-Beziehung verbindet. Doch ist es möglich, dass Silver der Einbeinige ist, vor dem Billy Bones den jungen Hawkins auf dem Sterbebett gewarnt hat?

Brian Henson, Sohn von Jim Henson und Regisseur sowohl dieses als auch des vorangegangenen Muppet-Films, hat unbestreitbar nicht nur ein Händchen für die Kreationen seines Vaters, sondern auch für die Geschichten, in die er sie versetzt. Muppets – Die Schatzinsel ist eine Literaturverfilmung eines Stoffes, der zwar auch für Kinder interessant ist, der aber auch seinen Anteil an düsteren Szenarien und Gewaltdarstellungen hat und Henson zeigt keinerlei Furcht, dies auch zum Teil der Muppet-Version zu machen. So ist Billy Connolly nicht nur der bis heute einzige Mensch, der in einem Muppet-Film stirbt, es wird auch Gebrauch von Schusswaffen gemacht, Piraten im Auftakt gemeuchelt und ihre skelettierten Leichen später als Landmarken missbraucht. A pirate’s life for puppets. Dies hört sich womöglich schlimmer an, als es eigentlich ist, denn im Kern ist Muppets – Die Schatzinsel natürlich ein sehr fröhliches Unterfangen, aber es sollte bemerkt werden, dass die Geschichte nicht um jede Ecke und Kante erleichtert wurde.

Zwei altgediente Figuren des Ensembles trifft es in diesem Film allerdings besonders hart. Wurde Miss Piggy bereits in der Weihnachtsgeschichte verhältnismäßig marginalisiert, wird sie hier mit der geschlechtsverdrehten Rolle des Benjamin Gunn (hier Benjamina Gunn) betraut, die erst im letzten Drittel auftaucht. Fans des Charakters wird dies vielleicht stören, für alle, denen Piggy oftmals ohnehin zu enervierend war, ist dies eine klare Wohltat. Weitaus schlimmer hat es Fozzie erwischt, der hier in eine seltsame Interpretation als Vollidiot gedrängt wird. Fozzie Bär war nie eine Intelligenzbestie, wohl wahr, aber er war eher hoffnungslos naiv als aktiv dumm. Hier lässt man ihn mit einem Mr. Bimbo genannten Männchen, das in seinem Finger haust, sprechen und nimmt dem Charakter dadurch viel von seinem Charme. Dass die um Dr. Goldzahn formierte Electric Mayhem Band und Rowlf der Hund keine großen Rollen mehr bekleiden ist auch hier dem alles überschattenden Fehlens von Jim Henson geschuldet, war er doch maßgeblich für beide Parts verantwortlich.

Muppets – Die Schatzinsel ist insgesamt ein weiterer Beweis für den unendlich erscheinenden Charme der titelgebenden Puppen. Das Produktionsdesign ist hervorragend, kreiert es doch eine ganz offensichtlich künstliche Welt für Puppen UND Menschen und bleibt dennoch vollkommen glaubhaft. Die Musik ist gewohnt gut, der Score von Hans Zimmer nimmt die Piraten-Prämisse besonders ernst und die Songs sind auch hörenswert, selbst so völlig sinnlose Füllnummern wie „Cabin Fever“. Und auch wenn es einige anachronistische Referenzen gibt, die auf Disneyland oder die NBA anspielen, muss man konstatieren, dass die deutsche Synchronisation es schafft, diese im Kontext womöglich etwas irritierende Einspieler abzuschwächen, indem sie sich beispielsweise weigert, einen Gag mit den Worten „Shopping Channel“ sinngemäß zu übersetzen.
Über all diesem thront dann schließlich der bereits erwähnte Tim Curry, der eine helle Freude an der Rolle hat und alles und jeden an die Wand spielt. Vor allem der sehr blasse Kevin Bishop als Jim Hawkins kann da nicht viel ausrichten, auch wenn das Herzstück der Geschichte, die Beziehung zwischen Schiffskoch und Schiffsjungen, dennoch auf abgespeckte Art funktioniert.

So mag Muppets – Die Schatzinsel nicht der beste Film der Reihe sein und auch nicht an die überbordende Herzlichkeit der Weihnachtsgeschichte heranreichen, aber als kurzweiliger, witziger und technisch perfekt umgesetzter Abenteuerfilm, der zudem die literarische Vorlage nicht verrät, ist er ein weiterer Gewinn für jedermanns liebste Puppentruppe.



Samstag, 12. April 2014

Carrie - Des Satans jüngste Tochter (1976)




CARRIE – DES SATANS JÜNGSTE TOCHTER
(Carrie)
USA 1976
Dt. Erstaufführung: 22.04.1977
Regie: Brian De Palma

Carrie war die erste Verfilmung eines Stephen King-Romans fürs Kino. Drei Jahre später sollte mit Brennen muß Salem die erste TV-Adaption einer Vorlage des „Königs des Horrors“ folgen. Beide Stränge hatten ihre Hochs und Tiefs. Shining war ein Traum für jeden Produktionsdesigner und ein bis heute andauernder Stein des Anstoßes für teils aberwitzige Spekulationen (Room 237), aber ebenso artifiziell wie die oft unfreiwillig komischen TV-Mehrteiler von Es, Tommyknockers bis zu Langoliers. Da war der ehrliche Trash, den King mit Rhea M – Es begann ohne Warnung, seiner bis heute einzigen Regiearbeit, ablieferte, willkommener. Seine adaptierten Stoffe jenseits des phantastisch-erschreckenden wie Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers oder Die Verurteilten waren da von konstanterer Qualität, auch im Hinblick auf seinen mysteriösen Die Wand-Abklatsch Under the Dome, der momentan als TV-Serie erfolgreich ist.
Carrie ist sowohl als Adaptions-Erstling wie als King-Horror gelungen. Der tendenziöse deutsche Untertitel ist zwar feinste Dichtkunst der tumben Sorte und der Film als solcher hat ein bisschen unter dem „male gaze“ zu leiden, nichtsdestotrotz ist Carrie aber ein wohlgealterter, psychologisch interessanter Horrorthriller.

Carrie (Sissy Spacek) ist 17 Jahre alt, extrem schüchtern, eine Außenseiterin ohne Freunde und unter der Knute ihrer religiös-fanatischen Mutter (Piper Laurie). Da diese alles fleischliche als sündig ansieht, denkt Carrie, dass sie sterben muss, als sie unter der Dusche nach dem Sportunterricht zum ersten Mal ihre Regelblutung bekommt. Ihre Panik wird von ihren Klassenkameradinnen mit Gelächter und Verhöhnung quittiert. Und auch wenn die resolute Lehrerin Miss Collins (Betty Buckley) mit Carries Peinigerinnen danach hart ins Gericht geht, sorgt dies lediglich bei Sue (Amy Irving) für ein Umdenken. Während sie ihren Freund Tommy (William Katt) mit Carrie zum bevorstehenden Abschlussball gehen lassen will, um ihr zu zeigen, dass nicht alles schlecht auf der High School ist, schmiedet die sich zu Unrecht angeklagt fühlende Chris (Nancy Allen) zusammen mit ihrem Freund Billy (John Travolta) einen furchtbaren Plan, wie sie Carrie bei dem Ball bloßstellen könnte. Doch sie hat die Rechnung ohne Carries aufkeimenden telekinetischen Fähigkeiten gemacht…

Redet man von Carrie, redet man automatisch von der ikonenhaften Szene beim Abschlussball, in der eine bloßgestellte Carrie ihre Fähigkeiten nutzt, um sich am versammelten Auditorium ob all der Schmach zu rächen. Die Geschichte trägt unverkennbar Züge einer adoleszenten Rachefantasie und auch die Telekinese ist eher ein plot device. Bei aller rückblickenden Verklärung kann die Schule für manche ein höllischer Ort sein, vor allem weil das „Kastensystem“ der amerikanischen High Schools augenscheinlich sehr viel erbarmungsloser ist als das deutsche (die inzwischen zum Standardrepertoire gewordenen Einteilungen in diesem Setting sind nicht völlig aus der Luft gegriffen). Doch das Gefühl des Außenseitertums, in dem die (vermeintlich) Starken auf die (vermeintlich) Schwachen dreschen, ist von universeller Wahrheit. So wäre es ein Einfaches, in Carrie nicht mehr zu sehen als eine Erbauungsfantasie für geschundene Teenagerseelen. Doch Regisseur Brian De Palma behält sich konsequent eine höchst ambivalente Sichtweise vor, die vor allem bei dem Schulballmassaker offensichtlich wird. Die von ihrer Mutter in gewisser Weise aufs Versagen indoktrinierten Carrie dreht durch, sieht Hohn da, wo keiner ist und stürzt so selbst wohlmeinende Seelen ins Verderben. Carrie gereicht nicht vollständig zur Identifikationsfigur, tötet sie doch nicht nur mindestens eine Figur, die immer auf ihrer Seite stand, sondern macht in ihrer Wut auch anderweitig keine Unterschiede. In einer geradezu alttestamentarischen Wut, von der sich Carrie eigentlich im Hinblick auf ihre Mutter zu emanzipieren versuchte, löscht sie das Leben beim Ball aus, ihr entfachtes Feuer ist wie die Sintflut, die alles hinweg spült. Carrie wird zu jenem zornigen Gott, vor dem sich ihre Mutter stets in Ehrfurcht verkriecht – eine positiv besetzte Protagonistin, so sehr wir auch ihr Leid und ihre Beweggründe nachvollziehen können, sieht anders aus.

So ist der Film durchaus zwiespältig, auch in seiner religiösen Symbolik. Das Kreuzigungsthema wird ziemlich konsequent durchgezogen (und Carries Mutter hat auch noch im Tod eine beeindruckende Körperspannung), Erlösung im besseren Sinne gibt es nicht. Man kann Carrie darum als schlussendlich sehr weltanschaulich-konservativen Film lesen, der für moralische Zwickmühlen nur einen Ausweg kennt, aber man kann nicht verleugnen, dass er funktioniert. So liegt in seiner Verweigerungshaltung gegenüber einer klassischen Legitimation für die Hauptfigur (etwas, auf das das 2013er-Remake deutlich mehr Wert legte) auch eine unterschwellige Absage an jene Rachefantasien, die Carrie zunächst zu bekräftigen scheint. Die Verzweiflung, ja das Mitleid, dass man als Zuschauer für die Protagonistin empfindet, speist sich aus der Unauflöslichkeit ihrer Situation – es kommen einfach zu viele Faktoren zusammen, die Carrie brechen. Ihre Taten werden dadurch nicht gerechtfertigt, wohl aber in einen Rahmen gesetzt, der nachvollziehbar, wenn auch traurig stimmend, ist.

So ist Carrie psychologisch, im dramaturgischen Aufbau und in der Handhabung vieler Details äußerst gelungen, bei der reinen Darstellung offenbaren sich ein paar Unstimmigkeiten. Der schon angesprochene „male gaze“, also der männliche Blick auf das Geschehen, dominiert vor allem die von unnötiger Nacktheit geradezu vollgestopfte Eröffnungssequenz, in der die Kamera langsam, fast möchte man sagen lüstern, durch die Mädchenumkleide streift, dabei sehr viele Brüste und sehr viel Schamhaar aufschnappt, um schlussendlich bei Carrie in der Dusche zu landen, wo der Akt des sich Säuberns über alle Maßen als weichgezeichneter, mild-erotischer Akt illustriert wird. Beinahe könnte man vergessen, dass dies in erster Linie ein Thriller und kein Softporno ist. Dass die Darstellerinnen allesamt minderjährig sein sollen (auch wenn Hauptdarstellerin Sissy Spacek 1976 bereits 27 Jahre alt war) trägt nur weiter zu einem zumindest hinterfragungswürdigen Umstand bei. Gelungen dagegen sind die Nuancen, mit denen die Abscheu der Männer, die vor allem durch den Rektor der Schule verkörpert, vor Menstruationsblut illustriert wird.

Es bleibt festzuhalten, dass sich Carrie – Des Satans jüngste Tochter als den Jahren robust trotzender Genrebeitrag erwiesen hat. Es mag an den vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten liegen oder an der souveränen Inszenierung, die kleinere Disharmonien vergessen macht, aber Brian De Palmas Verfilmung des King-Romans ist ein involvierendes, durchweg interessantes Unterfangen.



Carrie (2013)




CARRIE
USA 2013
Dt. Erstaufführung: 05.12.2013
Regie: Kimberly Peirce

Nein, nennt es nicht Remake. Nennt es „Neuerfindung“ oder „Neuinterpretation“, bezieht euch darauf, dass die Story auf dem Roman von Stephen King basiert und ignoriert die erste Verfilmung von 1976, die Pseudo-Fortsetzung von 1999 und die TV-Adaption von 2002. So oder ähnlich stellt man sich Anweisungen hinter den Kulissen von Carrie anno 2013 vor, sogar die IMDB-Seite bringt das Wort „reimagining“ in der kurzen Inhaltsangabe unter. Das Wort Remake hat halt einen etwas schalen Beigeschmack, muss sich der Film doch verstärkt der Sinnfrage stellen. Bietet er irgendetwas, das die bisher existierenden Versionen des Stoffes bereichert, gewinnt er der Geschichte neue Facetten ab, interpretiert er einzelne Elemente anders? Letzteres trifft eindeutig auf Carrie zu, aber das heißt noch lange nicht, dass es auch sinnvoll ist. Der von Kimberly Peirce (hier weit entfernt von ihrem gelungenen Boys don’t cry) inszenierte Film wird zwar den „male gaze“ der ersten und bekanntesten Verfilmung von Brian De Palma los, findet aber so gut wie keine neuen Ansätze in der Story um Carrie White. Mehr noch, er lässt auch einfach die ambivalente Psychologisierung unter den Tisch fallen und wird so zu einem jener 08/15-Horrorfilme, die auch dank ihrer geleckten Optik so gut in die Zeit passen.

Die Story unterscheidet sich nicht von der 70er-Jahre-Version: Carrie (Chloe Grace Moretz) ist 17 Jahre alt, extrem schüchtern, eine Außenseiterin ohne Freunde und unter der Knute ihrer religiös-fanatischen Mutter (Julianne Moore). Da diese alles Fleischliche als sündig ansieht, denkt Carrie, dass sie sterben muss, als sie unter der Dusche nach dem Sportunterricht zum ersten Mal ihre Regelblutung bekommt. Ihre Panik wird von ihren Klassenkameradinnen mit Gelächter und Verhöhnung quittiert, eine erstellt gar ein Handyvideo von der Verzweifelten. Und auch wenn die resolute Lehrerin Miss Desjardin (Judy Greet) mit Carries Peinigerinnen danach hart ins Gericht geht, sorgt dies lediglich bei Sue (Gabriella Wilde) für ein Umdenken. Während sie ihren Freund Tommy (Ansel Elgort) mit Carrie zum bevorstehenden Abschlussball gehen lassen will, um ihr zu zeigen, dass nicht alles schlecht auf der High School ist, schmiedet die sich zu Unrecht angeklagt fühlende Chris (Portia Doubleday) zusammen mit ihrem Freund Billy (Alex Russell) einen furchtbaren Plan, wie sie Carrie bei dem Ball bloßstellen könnte. Doch sie hat die Rechnung ohne Carries aufkeimenden telekinetischen Fähigkeiten gemacht…

Das Konzept des Remakes setzt voraus, das ein gegenwärtiges Publikum durchaus an älteren Geschichten interessiert ist, diese aber nur mit gegenwärtigen Stars, Musik und Aufmachung goutieren will. So beklagenswert diese Denkweise ist, setzt sie doch vor allem das angepeilte jugendliche Publikum allesamt als egozentrische Idioten voraus, denen die Kompetenz mit medialen Präsentationen aus einer Zeit vor ihrem eigenen Geburtsjahr abgesprochen wird, so hat das Remake manchmal durchaus seinen Sinn. Nämlich dann, wenn es ihm gelingt, ein antiquierte, wirklich nicht mehr zeitgemäße Vorlage so aufzubereiten, dass sie einen Mehrwert hat. Im Fall von Carrie stellt sich dieser Mehrwert nicht ein, weil die originale Verfilmung so sorgsam inszeniert und insgesamt so stark ist, dass sie auch heute noch ohne Probleme bestehen kann. Carrie 2013 gelingt es nur am wenigen Stellen, eine eigene Sichtweise zu entwickeln und untergräbt dadurch nur die Stärke der Geschichte, anstatt sie zu mehren.

Es ist vor allem die Sequenz, auf die alle warten, wenn sie den Namen Carrie hören, die leidet: die Übersprunghandlung der Protagonistin, die in einem High-School-Blutbad endet. Dass Peirce das Spektakel expliziter als De Palma anno 1976 in Szene setzt, war zu erwarten, dass ihm eine sehr eindeutige Lenkung des Publikums voraus geht, weniger. In den 70ern war Carrie ein geschundener Charakter, der sich nicht wirklich gegen die fanatische Übermutter durchsetzen konnte und dessen alttestamentarischer Ausbruch beim Abschlussball eine alles einnehmende Zwiespältigkeit offenbarte, die der Neuverfilmung fehlt. Es ist klar, dass wir Carrie als Identifikationsfigur annehmen sollen, egal, was sie tut, zumal sie es sehr bewusst tut. Der Racheakt beim Ball ist denn genau das: ein Racheakt, ein von der Figur genüsslich und einfallsreich durchgespielter Alptraum, in dem sie sehr wohl zwischen Freund und Feind unterscheiden kann. Die ambivalente Tragik des Originals lag darin, dass Carrie vollkommen im Affekt jeden tötete, der sich im Auditorium befand, einschließlich derer, die ihr wohlgesonnen waren. Derlei Abgründe lässt das Remake nicht zu, Carrie, die sich im Laufe ihres Amoklaufs immer mehr für eine Aufnahme bei den X-Men empfiehlt, rettet natürlich eine ihr zugetanen Person, bevor sie die anderen um sie herum wissentlich tötet. So ist es kaum verwunderlich und dennoch frustrierend, wenn aus der konsequent-schnellen Tod der Hauptantagonistin hier eine generische Actionfilm-Konfrontation wird, die vor allem dem Zuschauer eine Katharsis verschaffen soll. Man kann „Ding-Dong, die Hex‘ ist tot“ förmlich hören.

So ist diese Version von Carrie genau die Art von juveniler, im Kontext legitimierte Rachefantasie, die De Palmas Bearbeitung sich schlussendlich verbot zu werden. Das Publikum verlangt Brot und Spiele, so könnte man meinen, und Peirce ist etwas zu bereitwillig dabei, genau dies aufzutischen. So verwässert sie auch die Beziehung zwischen Carrie und ihrer Mutter und findet lediglich Wege, den Wahn Letzterer noch explizierter zu bebildern. Ansonsten wird Carrie als durchaus handlungsfähig gezeichnet, nicht so ausgeliefert und darum tragisch wie 1976. Das Selbstbewusstsein dieser Inkarnation wechselt immer so, wie es das Drehbuch von Lawrence D. Cohen (der schon das Originaldrehbuch verfasste und augenscheinlich auch keine neuen Ansatzpunkte finden konnte) und Roberto Aguirre-Sacasa (TVs Glee) gerade möchte. Hatte man am Ende von Carrie – Des Satans jüngste Tochter noch das Gefühl, dass das Publikum über das Schicksal der Hauptfigur geteilter Meinung sein konnte und sollte, ist die Sache hier klar: Carrie ist die Heldin all der marginalisierten Teenager. Dass sich der Film damit einiges an Potenzial verbaut, scheint dabei nicht weiter störend ins Gewicht gefallen zu sein.

Wir die Auseinandersetzung mit Carrie anno 2013 eine Welle der Sichtungen von Carrie anno 1976 zur Folge haben? Es wäre dem Siebziger-Film zu wünschen. Denn die fehlende Tiefe, die Verweigerung einer jenseits des Erwartbaren anzusiedelnden Interpretation und die teils vollkommen sinnlosen Neuerungen (Stichwort: Schwangerschaft), die der Geschichte in keinster Weise helfen, machen aus dieser Carrie-Version genau das, was eine „Neuinterpretation“ eigentlich nicht sein will: überflüssig.