Montag, 11. Mai 2015

Abwärts ins Grauen (1985)




ABWÄRTS INS GRAUEN
(The Strangeness)
USA 1985
Dt. Erstaufführung: 15.06.1988 (Video-Premiere)
Regie: David Michael Hillman (jetzt Melanie Anne Phillips)

The Strangeness (Originalbetitelung) ist ein sehr treffender Titel für diesen obskuren Film aus dem Jahr 1985, der wohl nicht ohne Grund wirkt wie die Wochenendarbeit eines Monsterfilmenthusiasten, der ein fragwürdiges Stop-Motion-Modell gebaut hat und es nun auf seine als Schauspieler agierende Freunde loslässt. So sehr man ein Werk der Genreliebe auch unterstützen möchte, bei Abwärts ins Grauen ist dies schwierig, weil das Ergebnis so langatmig und ereignislos geraten ist.

Die Handlung ist schnell zusammengefasst: eine Gruppe wandelnder Stichwörter (der Jock, das „hot girl“, der Nerd, der Ulkige, etc.) will eine Höhle dahingehend erforschen, ob in ihr noch Gold abzubauen ist, wurde sie doch dereinst voreilig geschlossen. Zudem ranken sich zahllose Legenden um diesen Ort, die alle wahr werden, als die Truppe einer nach dem anderen von einem Monster gefressen wird, dass im Innern des Berges lebt.

So weit, so simpel, so vielversprechend. Das klaustrophobische Höhlen-Setting bietet genug Anlass für Spannung, Regisseur und auch sonst treibende Kraft hinter dem Mumbo-Jumbo, David Michael Hillman (dessen Transgender-Geschichte sicherlich um einiges interessanter ist, firmiert er doch nun unter dem Namen Melanie Anne Phillips und engagiert sich für die gesellschaftliche Akzeptanz von Transgender-Personen), macht daraus aber rein gar nichts. Bis zu The Descent – Abgrund des Grauens waren Höhlen augenscheinlich trotz einer gewissen Prädestination als Horrorfilmsetting kein Erfolgsgarant, man denke nur an The Cave oder den noch obskureren Alien- Die Saat des Grauens kehrt zurück. So plätschert Abwärts ins Grauen dahin, man kann zwischendurch auch mit der Steuererklärung anfangen, weil über weite Teile wirklich rein gar nichts passiert. Irgendwann beginnt die Kreatur mit ihren Angriffen, man erfährt vage davon, dass es seine Opfer mit einem Sekret auflöst, wahrscheinlich, um sie dann wie einen ausgelaufenen Smoothie vom Boden aufzusaugen – durch seine Vagina. Ja, man kann Abwärts ins Grauen nicht besprechen, ohne auf diesen wahrlich seltsamen Umstand hinzuweisen, der auch nur so deutlich beschrieben werden kann: das Monster hat eine riesige Öffnung auf der Stirn, die aussieht wie eine menschliche Vagina und die das Sekret produziert, mit dem die Menschen sich zu einer schleimigen Masse zersetzen. In aller animierten Pracht zuckt und schleimt diese Obszönität vor sich hin und der Zuschauer ist nur noch von der Frage nach dem Warum beseelt. Es ist kaum vorstellbar, dass die involvierten Menschen, allen voran der Regisseur, nicht wussten, was sie da taten.

So kann man nur konstatieren, dass auch Abwärts ins Grauen besser im Verborgenen weiter existiert, als völlig absurde Geschichte über ein Geschlechtsteilmonster (hab ich schon erwähnt, dass es auch phallische Tentakel besitzt? Nein? Sei hiermit getan), dass lebende Pappaufsteller in einer Pappmaché-Höhle vollrotzt. Der Film ist, abgesehen von der Diskussion über das Monster, langweilig, uninteressant, hölzern gespielt und weiß mit seinem eigenen Material kaum etwas anzufangen. Kurz gesagt: er war der perfekte Kandidat für ein 80er-Jahre-Videoveröffentlichung mit einem Cover, dass sich nur sehr entfernt an das wirklich im Film zu sehende Monster anlehnte.



[KEIN TRAILER VERFÜGBAR]

Sonntag, 10. Mai 2015

Das Relikt - Museum der Angst (1997)




DAS RELIKT - MUSEUM DER ANGST
(The Relic)
USA 1997
Dt. Erstaufführung: 01.05.1997
Regie: Peter Hyams

Wenn die Filmkritik ernst genommen werden will, muss sie frei von Anekdoten, frei von dem Eingeständnis sein, nicht objektiv daher zu kommen. So scheint es zumindest. Die Analyse kann noch so durchdacht sein, sobald sich der Rezensent auf eine privatere, persönliche Ebene „hinab begibt“ umweht sie der diskrete Duft der Unprofessionalität, zumindest im deutschsprachigen Raum, nicht zuletzt durch die in ihren Anfangszeiten extrem biederen Besprechungen der katholischen Filmarbeit. Ein Roger Ebert, der gern auch mal im jovialen Ton über einen Film sprach und – das klassische Bildungsbürgertum darf nun zusammenzucken – gern Scherze einbaute, scheint auch im Jahr 2015 noch ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, gerade im Hinblick auf die etablierten Medien. Man kann dies bedauern oder in dem eigenen bescheidenden Rahmen versuchen, daran etwas zu ändern. Denn eins zeigt die stetig wachsende Zahl der Internetkritiker, die mit einem gewissen Anspruch an ihr Sujet herangehen, deutlich: die Sphären der vermeintlich objektiven Kritik und die der subjektiven Erfahrung sind verschmelzbar, ohne einen eklatanten Qualitätsverlust in Kauf nehmen zu müssen. Was hat dies alles nun als Einleitung zu einem Monsterfilm auf den späten 1990er zu suchen? Ganz einfach: für mich war Das Relikt einer der ersten Filme, die ich mit der entsprechenden Altersfreigabe gesehen habe und er war bis dato einer der gewalttätigsten, aber auch spannendsten Filme an meinem stetig wachsenden Horizont. Das Entdecken von Klischees brachte mir Freude, ebenso der Vergleich mit der lesenswerten Romanvorlage von Douglas Preston und Lincoln Child. Ich habe Das Relikt oft gesehen und auch meine Freunde genötigt, ihn zu sehen, ich wollte den Film teilen. Darum sei es mir verziehen, dass der von Peter Hyams inszenierte Film hier besser davonkommt, als er es wohl verdient hat. Das Relikt ist standardisierte Genrekost, keine Frage, aber er hat nun mal einen besonderen Platz in meinem Herzen, das die Aufregungen eines Sechszehnjährigen noch nicht komplett verdrängt hat.

Im Museum für Naturkunde in Chicago stirbt ein Wachmann auf besonders brutale Weise – ihm wird das Gehirn aus dem Schädel entfernt. Als ein gesuchter Obdachloser in den Museumskatakomben erschossen wird, scheint der Fall geklärt, zumal eine große Ausstellungseröffnung ins Haus steht und der Museumsleitung negative Publicity gar nicht gelegen kommt. Die Bedenken des abergläubischen Polizisten D’Agosta (Tom Sizemore) werden ignoriert, bis am Eröffnungsabend plötzlich alles schief geht, was nur schief gehen kann und sich eine Gruppe Eingeschlossener bald mit der Tatsache konfrontiert sieht, dass eine bisher unbekannte Kreatur Jagd auf sie macht…

Das Relikt ist dahingehend ungewöhnlich, als dass es seinem Antagonisten einen Grund für seinen Appetit auf Menschen gibt: das Monster ist de facto ein Drogenabhängiger, der die im menschlichen Gehirn produzierten Hormone braucht. Die Erklärung ist sogar noch weitreichender und beinhaltet eine durchgeknallte, Fuck-you-Science-Konstruktion über Mutationen und Hormone, die gleichzeitig Monster erschaffen und sie am Leben erhalten (und ihnen augenscheinlich Detailinformationen über den menschlichen Körpern implantieren). Es ist besser, wenn man nicht zu sehr über die Unmöglichkeiten nachdenkt als sich lieber ganz in die sympathisch altmodisch gestaltete Geschichte zu geben. Im eng gesteckten Rahmen eines Genrefilms ist die Mär vom Drogenmonster nämlich besser als nichts oder etwas noch generischeres.

Das Relikt hat, bei allen Strapazen, die diese Metapher mitgemacht hat, so tatsächlich etwas von einer Achterbahnfahrt: es ist nüchtern betrachtet Quatsch, der nicht existieren müsste, macht aber dennoch unter gegebenen Umständen viel Spaß. Nicht unerheblich daran ist Hyams Gespür für Atmosphäre, dass er als sein eigener Kameramann zudem auch ansprechend bebildert. Oft ist man nah dran an den Figuren, denen ob der angespannten Situation auch mal der Schweiß auf der Stirn stehen darf, und dennoch verliert man nie den Überblick über das Geschehen. Einzig im dritten Akt kann man ins grübeln kommen, an wie vielen Orten das Monster mehr oder weniger gleichzeitig auftritt: egal ob im ebenerdigen Labortrakt oder der großen Ausstellungshalle oder in den unterirdischen Kohletunneln – das Wesen, das auf den Namen Kothoga hört, ist stets vor Ort, um vielen Charakteren buchstäblich eine Last von den Schultern zu nehmen (und dann natürlich nicht die Gehirne zu fressen – man kennt so etwas ja aus Gareth Edwards Godzilla – Filmkreaturen haben nur eine vorgeschobenen Hunger). Man merkt, man kann Das Relikt kaum ohne eine gewisse Ironie besprechen, dafür sind die vielen Klischees zu offensichtlich, aber es sollte auch nicht vergessen werden, wie effektiv Hyams die schnörkellose Geschichte in Szene setzt – trotz Jump Scares aus dem 1:1 des Horrorfilms und launigen Onelinern. Es gibt genügend Sequenzen, die genuin spannend sind und die praktischen Monstereffekte aus dem Hause Stan Winstons sind gewohnt gut und werden durch annehmbare Computereffekte unterstützt (man hat Ende der 90er schlimmeres gesehen).

Das Relikt weiß mit jeder Faser seiner Existenz um sein Dasein als Film mit der simplen Prämisse „Monster mit Appetit nachts im Museum“ (Ben Stiller ist leider nicht zugegen, um aus der Sicht von 1997 vorsorglich gefressen zu werden) und tut niemals, er wäre mehr als die Summe seiner Teile. Diese Teile sind allerdings so sicher inszeniert und das Ergebnis so ehrlich-unterhaltsame Genrekost, dass Das Relikt besser daherkommt als sein Ruf als ereignisloses Creature-Feature. Sicher, man wird kaum neues entdecken in diesem wilden Trip der rollenden Köpfe, aber er ist in dem ihm gegebenen Rahmen eines der besseren Beispiele für den Monsterfilm, vielleicht auch, weil er sich atmosphärisch an die Klassiker der 1950er anlehnt. Spricht da wieder mein 16-jähriges Ich? Womöglich, aber es kann nun mal einem guten Monsterfilm nicht widerstehen, auch nicht im Körper eines 30-jährigen.




Mittwoch, 6. Mai 2015

Ex Machina (2015)




EX MACHINA
Großbritannien 2015
Dt. Erstaufführung: 23.04.2015
Regie: Alex Garland

ACHTUNG! Diese Besprechung enthält Spoiler!
Der Mensch setzt sich gern in Relation. Lange Zeit war dies auf die biologische Welt beschränkt und von einem spezieistischen Absolutismus geprägt: der Mensch sah sich den anderen Tieren grundsätzlich und unumstößlich überlegen. So sehr dieser lange als Wahrheit angesehene Umstand durch die Erkenntnisse der Verhaltens- und Kognitionsforschung immer mehr in Frage gestellt wird, fordert die weiterlaufende Technikevolution eine Auseinandersetzung mit einer ähnlichen Prämisse: was, wenn der Mensch irgendwann einmal Maschinen erschafft, die ihm überlegen sind, die die Biologie obsolet machen? Die Transhumanisten beispielsweise fordern geradezu eine Verschmelzung von Mensch und Maschine, einerseits, um uns nicht überflüssig zu machen, andererseits, weil für sie die Vorteile die Nachteile überwiegen. In Zeiten von Abhörskandalen ist die Vorstellung einer auch in ihrem, im wahrsten Sinne, Innersten vernetzten Menschheit zwar mehr als fragwürdig, die Fragestellungen, die daraus erwachsen, sind allerdings unbestreitbar potent. Das Regiedebüt von Autor Alex Garland (28 Days Later, The Beach) stellt die Fragen nach der Relation der Existenzen auf eine bemerkenswerte Weise, indem es die Hochglanzoptik und die technische Virtuosität eines gängigen Mainstreamfilms mit einer Sensibilität für das Thema verknüpft, die, gerade im Hinblick auf jüngste Maschinenintelligenzfilme wie Chappie und Transendence, über die erste Ebene hinausgeht. Dramaturgisch hat Ex Machina mit ein paar Schwächen zu kämpfen, doch es ist endlich wieder ein Science-Fiction-Film mit größerer Reichweite, der sein Publikum als mitdenkende Erwachsene ernst nimmt.

Der junge Programmierer Caleb (Domhnall Gleeson) erhält die Chance, seinen Vorgesetzten Nathan (Oscar Isaac), den exzentrischen Erfinder der führenden Internetsuchmaschine, kennenzulernen und besucht ihn in seinem hochtechnisierten Anwesen inmitten der (norwegischen) Wildnis. Dort erfährt Caleb den Grund seines Besuchs: er soll die von Nathan entwickelte künstliche Intelligenz testen, die im verführerischen Körper von Ava (Alicia Vikander) schlummert. Es ist die altbekannte Frage, ob Ava wirklich Intelligenz besitzt oder nur sehr, sehr gut programmiert ist. Während Caleb in therapieartigen Sitzungen dieser Frage nachgeht, wird er immer mehr mit Nathans Machenschaften im Hintergrund als auch der schieren Tragweite seiner Aufgabe konfrontiert.

Ex Machina ist ein intelligenter Film über Intelligenz, der nie den Fehler begeht, all seine Karten offen zu legen. Es gibt einige haarsträubende Drehbuchkniffe, die verpuffen [sollte es wirklich eine Überraschung sein, dass Kyoko (Sonoya Mizuno) auch ein Roboter ist? Dies und der Sklavereiaspekt waren doch von ihrem ersten Auftritt an klar], auch um Nathans wenig vertrauenswürdiges Wesen wird keinerlei Hehl gemacht, aber der Kern – Avas Intelligenz – wird nie in all ihren Facetten offenbart. So bleibt es letztlich offen, ob sie durch Algorithmen gesteuert wird, die dank ihrer Programmierung einige Variablen selbst berechnen oder genuin eigenständige, von ihrer maschinellen Existenz losgelöste Entscheidungen trifft. Dies führt zwangsläufig zu einem Diskurs über das menschliche Wesen, ob nicht auch wir nur Produkte einer biologischen Programmierung sind, die uns nur scheinbar eine Wahl lassen. Ist Nathans Alkoholsucht nicht auch nur ein Ergebnis eines „Bugs“ in seinem Kopf, eine Struktur, ein chemisches Ungleichgewicht, das ihn zwingt zur Flasche zu greifen und ihm das „Ich kann jederzeit aufhören, wenn ich will“-Mär nur vorgaukelt? Und kann Caleb überhaupt anders, als etwas für Ava zu empfinden, wenn sie nach seinen sexuellen Vorlieben gestaltet ist? Lässt der Roboter so nicht die aus Hormonen und Botenstoffen zusammengewürfelte Programmierung der Menschen deutlich hervortreten, wird so zum einzig rationalen Wesen im Haus? Doch kann etwas, dass von Menschen geschaffen wurde, überhaupt rational sein, zumal Ava, Kyoko und die anderen Androiden doch in erster Linie das Produkt eines misogynen Sexbesessenen sind? Die Roboter in Ex Machina verdanken ihre Existenz nicht einem kanalisierten Forscherdrang, eines Ausloten der technischen Möglichkeiten, sondern dem unverhohlenen Drang Nathans, sich willentliche Sexsklaven zu erschaffen. Von wegen schöne neue Welt, dem technischen Wunder liegt der heterosexuelle männliche Wunsch nach einer möglichst perfekten Liebhaberin zugrunde. Nicht von ungefähr ist Nathan ein Internet-Mogul, schildert sich darin doch nicht nur die Verfügbarkeit der Daten, sondern auch die Verfügbarkeit der Körper. Es gibt immer noch etwas Besseres, nur einen Mausklick entfernt. Dieses Heilsversprechen des Onlinedatings findet so Entsprechung in der Schaffung von Wesen, die ein Konglomerat aus all den personenbezogenen Daten darstellen, die mehr oder minder freiwillig im Internet preisgegeben werden. All die scheinbar stets verfügbaren Traumpartner, zusammengezogen in einem einzelnen, künstlichen Körper, der zudem dank Software stets sexuell zu Diensten sein kann – Ex Machina ist neben der Science-Fiction-Story auch eine radikale, süffisante und zudem beängstigende Satire auf die Welt von „Big Data“ und der gläsernen Bürger.

So ist es sicherlich als besonders augenzwinkernder Kommentar Garlands zu verstehen, wenn sich die Illusion von reuefreier Versklavung letztlich gegen ihre Erschaffer und Nutznießer wendet. Es gibt nichts umsonst, weder soziale Netzwerke noch Roboter, die eher zufällig in ihrer Evolution voranschreiten. Nicht ohne Grund hat Nathan relativ wenig Interesse an der Erforschung der Intelligenz als vielmehr an Vorträgen über künstliche Vaginas.
So bietet Ex Machina auf inhaltlicher Ebene ein ganzes Füllhorn an Diskussionsgrundlagen, und auch auf der rein technischen Ebene wird der Zuschauer nicht enttäuscht. Während im Kino nebenan der Effektregen eines Avengers – Age of Ultron niedergeht, zeigt Garland, zu welch erstaunlichen Bildern zurückhaltende visuelle Bonmots fähig sind, vor allem aber, weil Alicia Vikander nicht hinter den Effekten, die sie in ein Halbwesen verwandeln, zurückstecken muss. Der Computer unterstützt hier den Charakter, den Vikander superb erschafft, anstatt ihn zu dominieren. Überhaupt sind die Schauspieler großartig und erschaffen glaubwürdige, nachvollziehbare Charaktere jenseits reiner Stichwortgeber. Hinzu kommt eine subtil aufgebaute Spannung, die von dem atonalen Soundtrack unterstützt wird, das hervorragende Produktionsdesign und, in den wenigen Außenaufnahmen, auch ein Gespür für die Phänomene der natürlichen Welt, das an Akira Kurosawa und Die sieben Samurai erinnert. Wenn der Wind durch die Gräser streicht, spürt man ihn unwillkürlich auf der Haut und erinnert sich schnell daran, wie sehr die Realität doch sonst im Genrekino exkludiert wird.

Ex Machina ist das beeindruckende Regiedebüt eines talentierten Erzählers, eine sorgfältig konstruierte Geschichte über das technisch machbare und die unvorhergesehenen Wege, die eine Entwicklung manchmal einschlagen kann. Vor allem aber gibt Garland der filmischen Repräsentation künstlicher Intelligenz eine Autonomie zurück, die überrascht und wirft so einen Diskurs in Gang, an dem man sich nur allzu gerne beteiligt. Denn Ex Machina nimmt Intelligenz, egal ob künstlich oder nicht, ernst und schon allein deshalb gebührt ihm Respekt.





Montag, 20. April 2015

Der Babadook (2014)




DER BABADOOK
(The Babadook)
Australien 2014
Dt. Erstaufführung: 07.05.2015
Regie: Jennifer Kent

Der Babadook hat trotz seines geringen Alters bereits ein bewegtes Leben hinter sich. 2014 zum ersten Mal auf dem Sundance Filmfestival gezeigt und im Mai desselben Jahres in seinem Entstehungsland Australien angelaufen, verbreitete sich schnell die Kunde von einem neuen Meilenstein im Horrorgenre – dem besten Monsterfilm in einer langen Zeit. Nun muss man mit solchen Superlativen immer etwas vorsichtig sein, gerade wenn man die doch recht unterschiedlichen Rezeptionshintergründe angloamerikanischer und europäischer Kritiker bedenkt. Die Diskrepanzen sind oftmals ebenso verblüffend wie tiefgreifend. Vielleicht hilft dem Babadook seine Heimat down under, dass er sich willentlich den generischen Mustern des Genres, wie sie das US-Creature-Feature zementiert zu haben scheint, widersetzt. Wer einen „klassischen“ Horrorfilm erwartet, wird wohl bitter enttäuscht werden. Als psychologisches Drama, dessen Dechiffrierung keine allzu großen Anstrengungen erfordert, aber dennoch stimmig daherkommt, ist Der Babadook allerdings ein Erfolg. Regisseurin Jennifer Kent inszeniert bemerkenswert selbstsicher und macht aus ihrem Spielfilmdebüt ein passables Drama um Trauer und Verantwortung.

Amelia (Essie Davies) hat ihren sechsjährigen Sohn Samuel (Noah Wiseman) allein erzogen, weil ihr Mann Oskar ums Leben kam, als er Amelia mit Wehen ins Krankenhaus gefahren hat und auf regennasser Fahrbahn die Kontrolle verlor. Seitdem lebt Amelia in einem Zustand der Verdrängung – Oskar und sein Tod werden konsequent ausgeblendet. Samuel beginnt eines Tages, enervierendes Verhalten an den Tag zu legen: er schläft kaum noch und wenn, hält er als Bettgast seine Mutter von selbigen ab – und er baut diverse Waffen, um sich gegen die imaginären Monster zu verteidigen, die ihn und seine Mutter bedrohen. Dies weitet sich aus, als Amelia und Samuel ein makaberes Kinderbuch lesen, in dem von einer Kreatur namens Babadook die Rede ist, die, ist man sich erst ihrer Existenz bewusst, die betreffenden Menschen verfolgt und in den Wahnsinn treibt. In der Folge ereignen sich seltsame Dinge: Geräusche ohne scheinbare Ursache, Glas in Amelias Essen, unheimliche Anrufe. Samuel ist von der Präsenz des Monsters überzeugt, während Amelia durch Schlafmangel und ihre eigenen Visionen des Babadooks zusehends unberechenbarer und zu einer Gefahr für sich und ihren Sohn wird.

Der Babadook basiert auf dem effektiven, stilsicheren Kurzfilm Monster, ebenfalls aus der Feder Kents, und adaptiert die elegante Schwarz/Weiß-Geschichte werkstreu für die Leinwand, auch wenn Farben immer noch keine große Rolle in diesem Kosmos spielen. Dies ist nur ein Anhaltspunkt dafür, den Film nicht als bloße Repräsentation einer filmischen Realität zu sehen. In Der Babadook vermischen sich Gemütszustand und Wirklichkeit, Emotionen nehmen Gestalt an und terrorisieren die Protagonisten, der Zuschauer sieht nicht den Blick einer „neutralen“ Kamera, sondern direkt aus dem gequälten Inneren Amelias hinaus in die Welt. Es geht in Der Babadook, das ist auch ohne tieferes filmtheoretisches Wissen/Gespür deutlich, um Trauer. Seit dem gewaltsamen Tod Oskars hat Amelia dieses Ereignis verdrängt, hat sich ganz auf ihren Sohn konzentriert und die Aufarbeitung des traumatischen Ereignisses völlig außer Acht gelassen. Doch gehört es zum psychologischen Grundwissen, dass verdrängte Gefühle sich immer wieder Bahn brechen. Die Sprachlosigkeit und das ihrer Umwelt auferlegten Verbot, auch nur Oskars Namen zu erwähnen, führen schließlich zu einem immer mächtiger werdenden emotionalen Sog, in dem Kent sich traut, einige heikle Fragen zu stellen, die so gar nicht in das kuschelige Familienideal passen wollen, dass mensch sich von der Elternrolle macht.

Kindererziehung dürfte, da muss man wohl nur die eigenen Eltern befragen, eine der herausforderndsten Aufgaben sein, denen sich Menschen stellen können. Bei allem, was zudem Elternblogs dokumentieren, ist auch die Welt des Werbefernsehens, in dem stets nur gut gelaunte Bilderbuchfamilien durch die Welt tollen, eine Illusion, ist es eben nicht immer nur eitel Sonnenschein und gerade auf Alleinerziehende kommt eine ganze Flut an An- und Überforderungen zugerollt. Es ist nicht das Anliegen von Der Babadook, die Erziehungsleistung von Alleinerziehenden irgendwie in Frage zu stellen, aber der Film lässt zu, dass sich die Mutter (und mit ihr der Zuschauer) mit den Dämonen der Erziehung (buchstäblich) auseinandersetzt. Amelia transferiert einen Teil ihrer unterdrückten Trauer und Wut auf Samuel, unausgesprochen hängt stets im Raum, dass sie ihm eine Mitschuld an Oskars Tod gibt. Samuels Verhalten ist nun nur eine Reaktion eines Kindes, das mit der überfordernden Gefühlswelt eines Erwachsenen konfrontiert wird und auf sie mit seinen Mitteln reagiert. So ist der Babadook, der stets bemüht ist, Besitz von Amelia zu ergreifen, eine Manifestation des Gefühlsterror, dem sich Mutter und Sohn gegenseitig aussetzen. So lässt es der Film auch beispielsweise offen, ob das Buch tatsächlich zu Amelia zurückkehrt und ihr ihren Abstieg in den Wahnsinn prophezeit, oder ob dies nur in ihrem Kopf geschieht.
Das Ende ist besonders gelungen: Erst als Amelia Oskars Tod in die Augen sieht (auch hier wieder sehr buchstäblich) und sich in vollster Überzeugung zu ihrem Sohn bekennt, dann sie das Monster besiegen und es in den Keller verbannen, um ein Dasein als noch vorhandene, aber nicht mehr ständig präsente oder gar destruktive Emotion zu fristen. Amelia kann ihren Sohn annehmen, dieser spürt nun endlich Rückhalt und kann sich sicherer bewegen und der Babadook, jene Visualisierung der Trauer, hat keine Macht mehr über die Familie. „Du kannst ihn besuchen, wenn du älter bist“, sagt Amelia zu ihrem Sohn und impliziert damit, dass die Trauerarbeit nicht vorbei ist, nie vorbei sein kann, aber erst in späteren Jahren eine Rolle in Samuels Leben spielen sollte. Der Babadook wird wieder auftauchen, aber weil Amelia gelernt hat, mit ihm umzugehen wird auch Samuel nicht die massiven Probleme bekommen, die sie zu bewältigen hatte. So kehren am Ende des Films auch langsam die satteren Farben wieder zurück in ihre Welt und es wird das Leben gefeiert, anstatt sich ängstlich vor ihm zu verstecken.

Als Monsterfilm wird Der Babadook Genrefans recht wenig von dem bieten, was sie suchen. Es gibt einige sehr unheimliche Sequenzen, aber schon auf ein klares Bild der Entität muss verzichtet werden. Wer hingegen ein emotional ansprechendes, kompetent inszeniertes Psychodrama sehen möchte, dass entwaffnend ehrlich mit Gefühlen, auch mit düsteren, umgeht, dem offeriert Kent einen involvierenden Film, dessen Sujet Trauer durchaus auch auf andere emotionale Ausnahmesituationen angewendet werden kann. Der Babadook kann jeden besuchen und das Mantra des Film – „Don’t let it in!“ – ist als Plädoyer gegen emotionale Abschottung zu verstehen. Verdrängung gebiert Monster, die des Nachts durch knarzende Türen kommen und es bedarf eines emotionalen Reifungsprozess, um ihrer Herr zu werden. So ist Der Babadook letztlich ein hoffnungsfroher, lebensbejahender Film, der um die Finsternis der Existenz weiß, sich von ihrer aber nicht beherrschen lassen will. Und Amelia wird so zu einer Figur, die weitaus stärker ist, als ihr selbst bewusst sein dürfte – etwas, was wohl auf mehr Menschen zutrifft, als man generell meinen würde. You can’t get rid of the Babadook – but you can learn to cope with him.