Montag, 6. Mai 2013

The Tree of Life (2011)




THE TREE OF LIFE
USA 2011
Dt. Erstaufführung: 16.06.2011
Regie: Terrence Malick

The Tree of Life ist ein grandioser Kurzfilm. Bei einer Lauflänge von über zwei Stunden mag dies seltsam klingen, aber so ist es. Terrence Malicks fünfte Regiearbeit in knapp 40 Jahren beinhaltet nichts geringeres als die Geschichte des Universums und diese wird in etwa 25 Minuten vom ersten Augenblick bis zur filmischen Gegenwart des ländlichen Texas der 1950er Jahre erzählt. Egal, wie oft man Bilder von Vulkaneruptionen oder sich geschmeidig durchs Wasser bewegenden Seeschnecken sieht, sie sind immer wieder faszinierend und das nutzt Malick gekonnt aus. 

So ist sein Mix aus Dokumentaraufnahmen (u.a. aus Home von Yann Arthus-Bertrand), Computeranimationen sowie Fakt und Spekulation (z.B. darüber, wann und wo das für den Film so wichtige Konzept der „Gnade“ in die Welt kam) ein filmischer Hochgenuss, ein Loblied auf die Möglichkeiten des Kinos, Überwältigung in ihrer schönsten Form. Das größte Problem aber ist, dass sich Malick zum einen nicht wirklich entscheiden kann, was er erzählen möchte. Die einfachste Antwort wäre wohl: Alles. Ziemlich ambitioniert, führt aber dazu, dass der Film im Endeffekt gleichzeitig konzentriert und unfokussiert wirkt: als Ganzes funktioniert das Werk nicht, die Einzelteile sind dafür von teils erstaunlicher Genialität. The Tree of Life ist weniger ein Film im herkömmlichen Sinne, als eine Erfahrung, eine Suche nach den Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Das Malick sie nicht beantwortet, ist lobenswert. Das er trotzdem viele Plattitüden bedient, weniger.

Protagonist der Geschichte ist Jack (Hunter McCracken), ältester Sohn von Mr. O’Brien (Brad Pitt) und seiner Frau (Jessica Chastain). Zusammen mit seinen zwei Brüdern wächst er im Texas der 1950er Jahre auf und leidet mit fortschreitendem Alter zusehends unter seinem tyrannisch agierenden Vater und seiner als devot und schwach empfundener Mutter. Sein Bruder R.L. (Laramie Eppler) stößt ihn als musikalisches Wunderkind zusehends vom Thron. Und als Erwachsener (Sean Penn) kann er den Tod von R.L. kaum verkraften.

Zum einen ist The Tree of Life eine Coming-of-Age-Geschichte. Zum anderen ein präzise beobachtetes  Familiendrama, das aber kaum einen Schritt über die gängigen Klischees hinausgeht. Der Vater ist ambivalent, spielt überschwänglich mit seinen Söhnen, um sie im nächsten Moment emotional zu drangsalieren. Die Mutter nimmt dies hin, ihre gelegentlichen Widerworte verhallen ungehört unter der Soundtrackspur. Der Film nennt dies den Streit zwischen Natur und Gnade und postuliert, dass sich jeder Mensch für einen der beiden Pfade entscheiden muss. Man kann dies als Zwist zwischen den zwei Saiten der menschlichen Natur deuten, oder zwischen Natur und Technik. Oder als Disput zwischen Wissenschaft und Religion. Zumindest legt der recht plumpe Monolog der Mutter zu Beginn des Films dies nahe, lautet der Tenor doch: „Die Natur ist kalt, berechnend und nur auf ihren Vorteil und ihre Deutungshoheit aus, während die Gnade liebt, vergibt und nur wer zu ihr findet, wird wirklich erlöst.“ Dies ist keine buchstabengetreue Wiedergabe, trifft aber, denke ich, den Kern. Da Malick keine letzten Antworten geben kann und will, flüchtet er sich so in schwammige religiös-esoterische Erklärungsansätze. Man kann The Tree of Life als religiöse Erbauungsphantasie lesen.

Ganz davon ab, wie man zu den religiösen Implikationen stehen mag, dass The Tree of Life seine großen Ideen, sein (über-)ambitioniertes Gesamtbild nach dem kongenialen Einschub über die Entstehung des Universums und des Lebens auf der Erde alsbald aus dem Blick verliert, ist schlicht ärgerlich. Konnte man nach etwa 40 Minuten doch daran glauben, Malick würde hier wirklich sein magnum opus vorbereiten, verschwindet dieser Eindruck danach zusehends, wenn der Film seine Geschichte Kaleidoskop-artig weiterspinnt. An Form und Inhalt ist dabei nicht viel auszusetzen, die Bilder sind großartig und viele der einzelnen Szenen sind für sich genommen kleine Meisterwerke. Nur im Hinblick auf das große Ganze kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass sich hier der Anspruch rächt. Auch in der drohenden Arbeitslosigkeit eines Familienvaters und eines Umzugs liegt die gesamte Tragik des Universums verborgen, aber erzählerisch gelingt es dem Film kaum, die Diskrepanz zwischen Familiengeschichte und der Geschichte von Allem zu füllen. The Tree of Life besteht aus einem beeindruckenden Kurzfilm und einem sorgfältig komponierten Drama, beide für sich genommen sehenswert, aber nie vollständig zufriedenstellend verbunden – auch nicht durch das Interpretationsoffene Ende, dass eher an prätentiöse Studentenfilme denn an großes Kino erinnert.

Was bleibt, ist ein zumindest formal auf ganzer Linie überzeugender Film. Die Bilder, auch die aus dem Alltagsleben der O’Briens, sind ein Fest für die Augen, die Kamera ist nah dran an den Figuren, die jungen Schauspieler sind hervorragend. Es ist schade, dass Hunter McCracken bisher keinen weiteren Film auf seinem Resümee verzeichnen kann, einem solchen Talent wünscht man es. Brad Pitt ist effektiv als despotischer Vater, Jessica Chastain vermag es hingegen nicht, ihrer Rolle über die Beschreibung „liebevoll und aufopfernd, Gegenteil ihres Mannes“ Gewicht zu verleihen. Sean Penn geistert durch seine Szenen als erwachsener Jack und kann McCracken in der gleichen Rolle nicht das Wasser reichen. Immerhin kann er als namentliches Zugpferd auf dem Poster herhalten.

Und nun? Was sollen wir mit The Tree of Life anfangen? Ich geben zu, dass der Film mich mehr beschäftigt hat, als ich unmittelbar nach dem Ansehen dachte, aber seine unausgewogene Art stößt trotzdem sauer auf, ebenso die naiven religiösen Implikationen. Vielleicht wäre der Film ohne die Bürde des Universums besser dran gewesen. Als Familiendrama, dass etwas differenzierter vorgegangen wäre – The Tree of Life hätte wahrlich großes Kino werden können. So bleibt es ein diskussionswürdiger, aber eben auch effekthascherischer Film, dessen Verwandtschaft mit 2001 – Odyssee im Weltraum, wie ihm vielerorts in punkto Filmwirkung bereits bescheinigt wurde, erst noch durch die Zeit geprüft werden muss. Womöglich wird The Tree of Life in dreißig Jahren als Klassiker des Weltkinos gehandelt werden. Wenn ja, darf jeder diese Kritik dazu nutzen, zu zeigen, wie blind die Kritiker „von damals“ waren. Aber eben erst in dreißig Jahren.





Freitag, 3. Mai 2013

Ruby Sparks - Meine fabelhafte Freundin (2012)




RUBY SPARKS – MEINE FABELHAFTE FREUNDIN
(Ruby Sparks)
USA 2012
Dt. Erstaufführung: 29.11.2012
Regie: Jonathan Dayton & Valerie Faris

Machen wir uns nichts vor: die meisten Filme, die unter das Label „romantische Komödie“ fallen, sind dramaturgisches Junk Food. Wir wissen so gut wie immer, wie es ausgeht, der unbedingte Wille, auf der sicheren Seite zu bleiben und das Publikum ja nicht zu fordern, ist deprimierend. Nun kann man einwenden, dass auch Ruby Sparks im Endeffekt die Statuten der romantischen Komödie bekräftigt: es muss immer gut ausgehen. Aber der Weg, der bis zum Lichtstreif am Horizont genommen wird, ist steinig, unvorhersehbar und manchmal regelrecht bösartig. Ruby Sparks ist die Erwachsenen-Version der gängigen romantic comedy.

Calvin Weir-Fields ist ein gefeierter Autor – zumindest war er es mal. Sein Erstlingswerk, noch als Teenager vor zehn Jahren veröffentlicht, war eine literarische Sensation, seitdem warten seine Fans und Agenten geduldig auf den nächsten großen Wurf. Doch Calvin hat eine Schreibblockade und sitzt neurotisch mit seinem nicht minder neurotischen Hund daheim. Sein einziger Sozialkontakt ist sein Bruder Harry (Chris Messina), sein Liebesleben ist nach der Trennung von seiner Freundin auf Eis gelegt. Doch dann hat er einen Traum, in dem er eine ungewöhnliche Frau triff, die ihn fordert. Kaum erwacht, setzt sich Calvin an seine herrlich antiquierte Schreibmaschine und beginnt zu tippen. Seine Traumfrau, Ruby Sparks genannt, gewinnt immer mehr an Kontur und Calvin fängt an, sich in sein eigenes Phantasieprodukt zu verlieben. Und dann steht Ruby (Zoe Kazan) eines Tages plötzlich in seiner Küche – als Person aus Fleisch und Blut…

Calvin hat Kontrolle über Ruby, die sich so manifestiert, wie er es will. Schreibt er ihr zu, dass sie französisch sprechen kann, kann sie es, möchte er, dass sie ihn begehrt, tut sie es. Hier beginnt etwas Unheilvolles im Hintergrund zu schwelen, was der Film auch klugerweise nicht ignoriert. Jeder wollte schon einmal Eigenschaften an anderen Menschen ändern, auch in Liebesbeziehungen. Es müssen keine großen Sachen sein, aber Ruby Sparks zeigt sehr deutlich, dass selbst kleine Veränderungen große Auswirkungen haben können. Als Ruby beginnt, ein Eigenleben zu entwickeln, dass Calvin nicht gefällt, haut er wütend „Ruby fühlte sich miserabel ohne Calvin“ in die Tasten. Dies führt dazu, dass sie sich an ihn klammert, ihn nicht mal mehr zur Toilette gehen lassen will und in Tränen ausbricht, weil sie ihn vermisst – obwohl er direkt neben ihr sitzt. Ruby Sparks ist eine pointierte Beobachtung von Paarbeziehungsdynamik, die durch die Prämisse natürlich überspitzt wird, aber dennoch wahr ist. Interessanterweise inszeniert der Film Calvin auch nur anfangs als Sympathen. Seien neurotischen Neigungen treten im Lauf des Films immer mehr zutage, bei einem Besuch bei seiner Mutter spürt man, dass er auch sie gern umschreiben würde, weil er ihre Beziehung nach dem Tod des Vaters zu einem neuen Mann missbilligt. Calvin will die Welt so gestalten, wie sie ihm gefällt und dass er Macht über Ruby hat, führt schließlich zu einer Sequenz, die sich keine 08/15-Rom-Com der Welt leisten würde. Zuviel sollte nicht verraten werden, nur so viel: sie hat das Potenzial, ob ihrer Grausamkeit Tränen in die Augen des Publikums zu treiben. Ruby Sparks hat das Charisma, auch die dunklen Aspekte seiner Grundidee zu erkunden und nicht alles der Komödie anheimfallen zu lassen.

Neben dem zwischenmenschlichen Aspekt, der natürlich viel von Pygmalion hat, ist der Film auch ein augenzwinkernder Kommentar zur Macht der Medien. J.K. Rowling weinte, nachdem sie eine beliebte Figur in Harry Potter hat sterben lassen und das Internet ist voll mit Fans von fiktiven Charakteren, für die die subjektive Realität dieser Kreationen nicht zur Debatte steht. Spider-Man ist demnach genauso real wie Angela Merkel und dass sich ein Schöpfer in seine Schöpfung verliebt ist wahrscheinlich ein gängigeres Phänomen als gemeinhin angenommen. So ist Calvin auch als Stand-In für all die wütenden Fans zu lesen, die protestieren, wenn ihre Lieblingsfigur einen Weg einschlägt, den sie persönlich missbilligen. Doch manche Entwicklungen lassen sich nicht stoppen und es gehört auch dazu, sie zu akzeptieren. Nicht umsonst ist Calvin gefeiert für einen Roman, den er als Teenager zur Papier brachte – die Entwicklung hin zu einem auch mental und beziehungstechnisch erwachseneren Menschen dauert mitunter lang.

Ruby Sparks ist ein gelungener, effektiver Film, der auf mehreren Ebenen funktioniert. Hat auch er seinen wohldosierten Anteil an Schmalz? Ja. Wird der Film dadurch schlecht? Nein. Liegt es an dem intelligenten Drehbuch und der frischen Inszenierung? Auf jeden Fall. Ruby ist nicht nur eine fabelhafte Freundin, der nach ihr benannte Film ist auch ein fabelhaftes Erlebnis.




Another Earth (2011)




ANOTHER EARTH
USA 2011
Dt. Erstaufführung: 10.11.2011
Regie: Mike Cahill

Astronauten berichten immer wieder davon, dass der Anblick der Erde vom Weltraum aus gesehen zu den bedeutendsten Momenten ihres Lebens zählt. Nun ist ein Flug ins All den allermeisten Erdenbewohnern nicht vergönnt. In Another Earth kommt ein jeder Mensch anders in diesen Genuss: eine zweite Erde taucht am Himmel auf.

Das Auftauchen von Earth 2 (nicht zu verwechseln mit einer gewissen TV-Serie) erfolgt just in der Nacht, in der die junge angehende Studentin Rhoda Williams (Brit Marling) ihre Aufnahme am MIT feiert und sich danach alkoholisiert ans Steuer ihres Wagens setzt. Die Nachricht von der zweiten Erde veranlasst sie, bei voller Fahrt aus dem Fenster zu starren. Schließlich kracht sie in das Auto des Komponisten John Burroughs (William Mapother). Ihn befördert sie damit ins Koma, seine Frau (Meggan Lennon), Sohn (AJ Diana) und ungeborene Tochter tötet sie damit. Rhoda wird verurteilt und kommt vier Jahre später aus dem Gefängnis frei. Da sie zum Zeitpunkt des Unfalls minderjährig war, hat Burroughs nie ihren Namen erfahren. Inzwischen ist die zweite Erde so nah an die erste Erde herangekommen, dass eine Funkverbindung möglich ist. Wie sich herausstellt, sind die beiden Planeten identisch – mehr oder weniger. Eine aufkommende Theorie besagt, dass sich die Synchronität der beiden Welten in dem Moment auseinanderbewegte, als sie ins jeweilige Blickfeld rückten. Für Rhoda bedeutet das Hoffnung: hat ihr Alter Ego auf der anderen Erde keine Familie auf dem Gewissen? So bewirbt sie sich nicht nur mit einem Aufsatz darum, einen Flug zur zweiten Erde zu gewinnen, sondern fängt auch an, sich beim emotional gebrochenen Burroughs als Haushaltshilfe zu verdingen…

Eins muss man klar stellen: wer von Another Earth so etwas wie wissenschaftliche Plausibilität erwartet, der wird gnadenlos enttäuscht. Die beiden Erden bedingen sich nicht untereinander, obwohl sie sich so nah sind. Keine Naturkatstrophen, keine Veränderungen der Gezeiten, nichts. Aber darum geht es auch nicht. Another Earth mag einen Science-fiction-Touch haben, aber es ist eben nur ein Hauch. Regisseur Mike Cahill interessiert sich vielmehr für das Zwischenmenschliche und legt seinen Film als Meditation über Schuld, Sühne und Schicksal an. Dabei trifft er nicht immer den richtigen Ton, aber insgesamt ist sein Spielfilmregiedebüt ein involvierendes Drama mit starken Bildern. Denn Wissenschaft hin oder her, der Anblick einer zweiten Erde, die majestätisch am Himmel steht, ist gleichzeitig erhaben, poetisch und melancholisch.

Die Beziehung zwischen Rhoda und John Burroughs ist das Herzstück des Films. Vor allem Brit Marling, die auch am Drehbuch mitwirkte, zeigt ihr schauspielerisches Können. Rhoda ist intelligent, ein Nerd-Girl, wenn man so will, dass sich exzessiv für den Weltraum interessiert (wer könnte es ihr bei so etwas wie den eingangs gezeigten Bildern des Jupiters auch verdenken), das aber durch den Unfall aus ihrem Leben gerissen wird. Rhoda ist per se kein schlechter Mensch und Marling gelingt es kongenial, den ständigen inneren Konflikt darzustellen. Rhoda sucht John auf, nicht genau wissend, was sie ihm eigentlich sagen möchte und verstrickt sich dann immer tiefer in dessen Leben, befreit ihn aus seiner Trauer und Lethargie, die er mit Prostituierten zu überdecken versuchte. Dass sie sich ineinander verlieben ist allerdings ein sich nie wirklich organisch anfühlender Kniff des Drehbuchs. Schlimmer noch, es wirkt wie eine Ausrede für eine Sexszene. Die tiefe Freundschaft, die sich zwischen den Beiden entwickelt, ist glaubwürdig, die Inklusion von Sexualität nicht. Der kurz danach folgenden Aussprache sollte so wohl mehr emotionale Schlagkraft verliehen werden. Gebraucht hätte der feinsinnige Film so einen Holzhammer nicht, zumal er damit viel zu sehr ins Melodrama abrutscht.

Another Earth wird von seinen guten Darstellern und den wunderschönen Bildern getragen und die hervorragende Filmmusik von Fall on your Sword trägt ihren Teil zum melancholischen Grundtenor des Films bei. Und das Ende ist eins jener Sorte, dass Diskussionen eröffnet und die Schicksalsfrage mit einem Bild beantworten kann. Ein insgesamt starker Film, dem ein klein wenig mehr fine tuning gut getan hätte. Aber das kann man leicht vergessen, wenn über dem eigenen Haus eine zweite Erde thront.






Donnerstag, 2. Mai 2013

Die vierte Art (2009)




DIE VIERTE ART
(The Fourth Kind)
USA/Großbritannien 2009
Dt. Erstaufführung: 15.04.2010 (DVD-Premiere)
Regie: Olatunde Osunsanmi

Entführungen durch Außerirdische. Egal, wie man zu diesem Konzept steht, ob man es wissenschaftlich-nüchtern als moderne Variante des Glaubens an Kobolde und Feen interpretiert und seinen Ursprung in den Tiefen der menschlichen Psyche sucht oder ob man wirklich daran glaubt, dass Millionen von Menschen des Nachts von einer außerirdischen Intelligenz aus ihren Betten gezerrt werden, eins muss man zugeben: Es ist eine verdammt potente Horrorgeschichte. Das hat auch Regisseur Olatunde Osunsanmi erkennt und macht aus der Prämisse einen teils erstaunlich effektiven Mysterythriller, dessen Verliebtheit in sein eigenes gestalterisches Konzept allerdings etwas weit geht.

Nome in Alaska: Die Psychiaterin Dr. Abigail Tyler (Milla Jovovich) übernimmt nach dem gewaltsamen Tod ihres Mannes dessen Patienten und erkennt diverse Übereinstimmungen: Sie werden gegen drei Uhr in der Nacht wach und eine Eule starrt sie an. Unter Hypnose wird aus der Eule etwas ganz anderes, etwas derartig bedrohliches, dass manche der Patienten nicht mit dem Druck umgehen können. Langsam aber sicher kommt Dr. Tyler zu dem Schluss, dass eine nicht-menschliche Intelligenz die Bürger von Nome des Nachts entführt und unaussprechliche Dinge mit ihnen anstellt.

Die vierte Art beruht auf reellen Ereignissen – zumindest möchte der Film dies dem Zuschauer mit allen Mitteln verkaufen. Es gibt angeblich echte Aufnahmen von psychiatrischen Sitzungen, Polizeiüberwachungen und Interviews, die von Jovovich und Co. „nachgestellt“ werden. Gezeigt wird dies meistens durch Split Screens, mitunter sechs an der Zahl. Zu Beginn stellt sich Jovovich vor und beteuert die Realität des gezeigten „echten“ Filmmaterials und am Ende wird man dazu aufgefordert, sich sein eigenes Urteil zu bilden. Dies dürfte deshalb schwierig werden, mal ganz abgesehen vom Fake-Charakter des ganzen Unterfangens, weil der Film die Interpretation dem Publikum diktiert. Das es Abigail und die Anderen mit Aliens zu tun haben, daran lässt Osunsanmi kaum Zweifel, ebenso wenig wie man nach Paranormal Activity Zweifel an der Existenz des Dämons haben konnte. An sich nicht verwerflich, aber der semi-dokumentarische Stil wird auf Dauer doch sehr penetrant und bremst Elemente wie eine involvierende Figurenentwicklung aus. Die vierte Art interessiert sich viel mehr für die Verpackung als für den Inhalt.

Dabei ist die Verpackung vom forcierten Realitätsanspruch abgesehen durchaus ansprechend. In den „Spielszenen“ weiß der Film den sonst oft störenden Monochrom-Filter á la Underworld gekonnt einzusetzen, Nome erscheint wirklich wie ein abgelegenes, einsames Dorf, das für unheimliche Vorkommnisse wie geschaffen ist, egal wie sehr sich das Film-Nome auch von seinem reellen Gegenstück unterscheiden mag. Außerdem macht der Film einen gelungenen Draußen/Drinne-Gegensatz auf. Während die Außenwelt kalt und düster wirkt, sind innerhäusliche Szenen warm gezeichnet, was das einfallende Grauen durchaus stimmig in Szene setzt. So kommt man auch schnell zum größten Pluspunkt des Films: die Weise, wie er die Aliens inszeniert. Man bekommt sie nie zu Gesicht, nicht einmal. Außer einigen Schatten, die mehr als Platzhalter dienen, bleiben die Wesen unsichtbar, nur ihre Stimmen sind auf Band zu vernehmen. Die vierte Art hätte es sich sehr leicht machen und aus den Außerirdischen eine physische Präsenz machen können. Wahrscheinlich wären wir dann unweigerlich bei einem Neuaufguss von Feuer am Himmel gelandet. Oder bei Die Besucher, jenen unfreiwillig komischen Christopher-Walken-Vehikel. Hier kann man dem Film aber eine stilsichere Hand attestieren, vor allem weil das Nicht-gezeigte bekanntermaßen immer erschreckender als ein konkretes Bild ist. So bietet Die vierte Art denn auch diverse Schockmomente und eine insgesamt recht unheimliche Atmosphäre.

Dank des von Osunsanmi gewählten Stils bleiben uns die Figuren verhältnismäßig fern und die mannigfaltigen Split Screens sind manchmal eher irritierend als involvierend, aber Die vierte Art bietet genug Spannung und Flair, um den Zuschauer bei der Stange zu halten. Nur an die Existenz von sogenannten alien abductions wird man auch nach dem Ende des Films nicht glauben. Und wenn Osunsanmi uns nicht so penetrant davon überzeugen wollte, hätte er also einen gradlinigen Horrorthriller gedreht anstatt einer Pseudo-Doku mit Spielszenen, Die vierte Art hätte noch stärker sein können.