Freitag, 12. Juni 2015

Jurassic World (2015)




JURASSIC WORLD
USA 2015
Regie: Colin Trevorrow
Dt. Erstaufführung: 11.06.2015

1993 war das Jahr der Dinosaurier. Die Vorfreude auf Steven Spielbergs Verfilmung des Bestsellers Dino Park von Michael Crichton versprach nicht nur ein lohnender Sommerblockbuster zu werden, sondern auch ein bahnbrechender. Schließlich führten die urzeitlichen Tiere zuvor im Kino ein Dasein als Stop-Motion-Figuren, leidlich bewegliche Modelle oder Menschen in Gummikostümen. Jurassic Park versprach nun Dinosaurier, die mit nichts zuvor gesehenem vergleichbar sein sollten. Die Medien hatten schnell den Begriff „Dino-Mania“ zur Hand, als die „schrecklichen Echsen“ immer häufiger, an allen Ecken und Enden, sich in die Berichterstattung mischten. Nachrichtenmagazine hatten sie ebenso auf dem Titel wie Boulevardzeitungen, Kinderhefte brachten die Urzeit ausführlich in die Haushalte, Museen sahen sich schon fast in der Pflicht, sich (populär-)wissenschaftlich mit den Tieren zu beschäftigen. Als dann auch noch eine neue Raptorenart entdeckt wurde, die in punkto Physiognomie besser zu denen im Film nicht ganz akkurat dargestellten Velociraptoren passte, war alles erreicht, was man sich nur wünschen konnte. Jurassic Park wurde der erhoffte Kassenschlager, fiel auch bei der Kritik nicht durch und revolutionierte die Tricktechnik (zum Guten und zum Schlechten, diese Diskussion wird nun im Angesicht des CGI-Overkills geführt). 14 Jahre und zwei mittelmäßige Fortsetzungen später schickt sich Jurassic World an, die Dinosaurier wieder massenwirksam unters Kinovolk zu bringen. Die Reptilien sind zwar nun nicht wieder überall präsent, die „Dino-Mania“ von einst will sich kein zweites Mal einstellen, aber der Film ist, gerade nach Jurassic Park III, besser, als man erwarten durfte. Zumal es ein Jurassic-Film für die 2000er-Jahre ist, in dem kindliches Staunen einer kalten Wirtschaftsrechnung gewichen ist. Nicht nur das Leben findet einen Weg, auch die Ökonomie.

Über zwanzig Jahren nach dem Desaster im ersten Jurassic Park ist auf der gleichen Insel inzwischen ein voll funktionsfähiger Zoo/Freizeitpark in Betrieb, in dem über ein Dutzend eigentlich ausgestorbene Tierarten leben. Doch Dinosaurier haben ihren Wow!-Faktor verloren, durch immer neue und spektakulärere Attraktionen versucht das Management, den Profit von Jurassic World zu erhöhen. Neuster Streich ist Indominus Rex, der erste im Labor erzeugte Hybride aus mehreren Dinosaurierarten, der natürlich größer und beeindruckender sein musste als alles bisher dagewesene. Dummerweise ist er (bzw. sie, denn auch in diesem Park scheint der Großteil der Tiere weiblich zu sein) auch gefährlicher und intelligenter und so kommt es, wie es kommen muss: der Indominus Rex entkommt und beginnt eine Blutspur durch den Park zu ziehen. Inmitten des Getümmels sind die Parkleiterin Claire (Bryce Dallas Howard), die ihre entfremdeten Neffen Gray (Ty Simpkins) und Zach (Nick Robinson) zu retten versucht und der „great white hunter“ Owen (Chris Pratt), der eine besondere Beziehung zu den vier Raptoren im Park pflegt…

Bevor Jurassic World zu einer involvierenden Abfolge von erwartbaren Dino-Action-Szenen wird, beschäftigt sich der von Colin Trevorrow inszenierte Film durchaus süffisant mit dem Geschehen hinter den Kulissen. Wie bereits erwähnt, wenn der erste Jurassic Park durch die Faszination, das Staunen, angetrieben wurde (auch dank der großväterlichen Darbietung von Sir Richard Attenborough), hat in Jurassic World die wirtschaftliche Verwertbarkeit vollends Einzug gehalten. Howards Figur wirkt dabei wie das diametrale Gegenstück zu Hammond (Attenborough): sie pflegt keine Beziehung zu den Tieren, für sie zählen Verwertbarkeit, Besucherzahlen und das Geld, dass sie in den Park spülen. Dabei folgt sie zunächst den geradezu grausamen Regeln, denen die Ökonomie-Superlativen (und, ironischerweise, auch Hollywood-Fortsetzungen wie diese) folgen: schneller, höher, weiter. Wenn es nach einem realistischen Standpunkt ginge (was auch immer dieser in einem Kontext wie Jurassic World für einen Wert haben sollte) könnte man darüber diskutieren, ob lebende Dinosaurier jemals ihren Attraktionsreiz verlieren würden, der nur durch einen künstlich designten Hybriden (der sich äußerlich auch nicht sonderlich von gängigen Dinosaurierarten unterscheidet) gestillt werden kann, aber darum geht es hier ebenso wenig wie in District 9 um die Frage, ob man Aliens wirklich in Slums vor sich hinvegetieren lassen würde. Letztlich fragt auch Jurassic World wieder einmal nach der ethischen Vertretbarkeit der ganzen Prämisse, bringt gar Tierrechte ins Gespräch („Ausgestorbene Tiere haben keine Rechte, sie sind Produkte.“) und tut dies auf erstaunlich zynische Art und Weise. Ein Kapitalismus, in dem geklonte Urwelttiere möglich sind, läuft zwangsläufig aus dem Ruder. Da ist auch der Traum von Hoskins (Vincent D’Onofrio) gar nicht weit her geholt, modifizierte Dinosaurier als lebende Waffen einzusetzen. Tiere waren schon immer (unfreiwillige) Protagonisten in menschlichen Kriegen, also warum nicht auch Dinosaurier, wenn sich die Gelegenheit bietet?! Die Kälte, mit der der Film diese Ideen präsentiert, ist mitunter bemerkenswert und einer der Hauptgründe, warum die Menschen in diesem Film nur als schmückendes Beiwerk zu betrachten sind.

Nun ist es eine Binsenweisheit, dass Menschen gegen Dinosaurier nur den Kürzeren ziehen können, aber etwas mehr hätte man wohl schon erwarten dürfen. Zwar waren auch die Menschen in Jurassic Park Stereotype, sie waren aber etwas mehr ausformuliert. Hier gibt es den toughen Helden, die Karrierefrau, die der Film ein bisschen wegen dieses Umstandes ankreidet, die durch die Zusammenarbeit mit dem Helden erst ihre gänzlichen Qualitäten entdeckt, das aufgeregte Schlaukind (das aber sehr viel weniger nervt als Tim im Original), den Teenager, der nicht zuhört und nur mit seinen sich anbahnenden Erektionen beschäftigt ist, wann immer ein attraktives Mädchen in sein Blickfeld gerät (also: fast immer), den schmierigen Bösewicht, den Nerd, der bei Frauen abblitzt. Jurassic World nutzt seine Klischees nicht als Abkürzungen, sondern begnügt sich mit ihnen, so dass sich die Sorge um die Figuren in Grenzen hält. Zudem hasst der Film seine Figur der leicht überforderten britischen Nanny. Warum? Aus Gründen, offensichtlich.
Dementsprechend hat der Film auf der menschlichen Ebene nichts zu sagen, vergeudet Schauspieler wie Omar Sy (der Pratt nur ständig auf die Schulter klopfen darf) und Judy Greer und orientiert sich soziologisch eher an klassischen Abenteuerfilmen wie African Queen. Modern ist hier nichts, wer Ausgewogenheit sehen will, der muss nochmal Mad Max: Fury Road ansehen. Wer jedoch Actionrevivals wie „hochhackige Schuhe in Extremsituationen“ á la Cliffhanger – Nur die Starken überleben sehen will, der wird vollends bedient.

Überhaupt punktet Jurassic World im Hinblick auf die Actionsequenzen auch ohne interessante menschliche Fixpunkte. Warum? Weil die Dinosaurier diesmal geradezu als Charaktere ausgearbeitet werden. Denkt man den Indominus Rex als cartoonartigen Schurken, die Raptoren als Glücksritter und den T-Rex als deus-ex-machina-Held, dann hat man eine sehr viel unterhaltsamere Konstellation zusammen. Jurassic World schwelgt in den Ideen, wie er Menschen und Dinos zusammenbringen kann und als Zuschauer ist man immer mehr auf der Seite der Reptilien, sei es ein Ankylosaurus, der gegen Indominus Rex verliert oder ein Dimorphodon, der von einem Jäger vom Himmel geholt wird. Schließlich sind sie die Spielbälle in dieser von Menschen künstlich am Leben gehaltenen Welt.

Jurassic World ist ein Multimillionen Dollar B-Movie, das als solches durchaus flott zu unterhalten weiß. Langweilig wird es in den zwei Stunden niemals, der Film bewegt sich kontinuierlich voran, entschuldigt sich im Finale ausführlich für Jurassic Park III und dürfte damit alle schnaubenden Fanboys glücklich machen (überhaupt wirkt der Endkampf wie ein Zehnjähriger, der seine Plastikdinosaurier gegeneinander antreten lässt, was durchaus seinen Charme hat) und macht seine fehlende Spannung (fällt jemand über 12 noch auf die üblichen Fakeattcken herein?) durch seinen konsequente Weiterentwicklung der Dinosaurier Vermarktungsmechanismen wett.
Jurassic World ist klischeebeladen, sei es in der Figurenzeichnung, der Interaktion selbiger und dem dramaturgischen Aufbau, aber vom Geist und Gefühl ist er (vielleicht gerade aufgrund der genannten Gründe) dem ersten Film sehr viel mehr verpflichtet als seine Vorgänger. Bahnbrechend ist hier nichts, aber es ist einer dieser Blockbuster, der es schafft, dass man ihn trotz des Wissens um seine Schwächen gut goutieren kann – also wirklich wie Jurassic Park. Jurassic World ist im Grunde genau das, was man erwarten durfte, nur unterhaltsamer und rasanter als erhofft. Und sei es nur, dass wir uns wieder wie Kinder fühlen, die im Spiel mit ihren Plastiksauriern versinken.




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