Montag, 26. Januar 2015

Letters from the Big Man (2011)




LETTERS FROM THE BIG MAN
USA 2011
Regie: Christopher Munch
Dt. Erstaufführung: [bisher nicht in Deutschland uraufgeführt]

Er hat diverse Namen, aber die bekanntesten dürften Sasquatch und Bigfoot sein: das hünenhafte Affenwesen, dass durch die Wildnis Nordamerikas streift und turnurmäßig von Menschen gesichtet wird, dessen man aber nie in irgendeiner Form habhaft werden kann. Jüngst führte eine neue, systematische Analyse von angeblichen Haarproben zum Ergebnis, dass nur bekannte Tierarten durch die Wälder wandern. Das, was Bigfoot am nächsten kam, waren Menschen bzw. ihre Haare. Was bedeutet das? Kann man davon ausgehen, dass der angebliche Urweltaffe nur ein Hirngespinst ist? Was ist mit dem berühmten Patterson/Gimlin-Film, der angeblich einen weiblichen Bigfoot am Ufer eines Flusses zeigt und dessen Authenzität von kundigen Stellen mal angezweifelt, mal bekräftigt wird? Doch wenn Sasquatch eine echte Entität darstellt, warum konnte man noch nie auch nur einem stichhaltigen Beweis für seine Existenz habhaft werden? Die Kryptozoologie, das Studium bisher wissenschaftlich nicht anerkannter Tiere, hat dazu einige teils abenteuerliche Theorien entwickelt, die Regisseur Christopher Munch augenscheinlich sorgfältig studiert hat. Denn sein Letters from the Big Man, dem eine deutsche Veröffentlichung bisher verwehrt geblieben ist, nimmt dankbar einige von ihnen auf und spinnt daraus eine sanftmütige, sehr entspannte Betrachtungsweise des Mythos, nicht frei von Pathos, aber dennoch involvierend.

Sarah Smith (Lily Rabe) hat sich jüngst von ihrem Freund getrennt. Da kommt es ihr gerade recht, dass sie ihr Arbeitgeber, eine Umweltorganisation, in die Wildnis schickt, wo sie unter anderem Daten über die bedrohten Fischbestände sammeln und auch Auswirkungen der jüngsten Waldbrände auf die Umwelt dokumentieren soll. Inmitten der Wälder wird sie immer mehr einer Präsenz gewahr, selbst als ihr eigentlicher Auftrag erledigt ist, zieht es Sarah zurück in die Einsamkeit. Dort bestätigt sich immer mehr, dass sie im Kontakt mit einem als Sasquatch (Isaac C. Singleton) bekannten Wesen steht…

Bigfoot musste bereits für vieles herhalten, seien es Pseudo-Dokumentationen, Kinder- und Horrorfilme oder Komödien. In Comics tritt er wahlweise als extrem grausame Bestie (der unangenehme Bigfoot von Rob Zombie) oder als vernunftbegabter Ermittler á la Fox Mulder (der großartige Proof von Alex Grecian und Riley Rossmo) auf. Über die wahre Bedeutung der Erscheinung streiten sich sowohl Kryptozoologen wie auch „normale“ Forscher. Angebliche Fußabdrücke, Haarproben, ja sogar Kadaver und abenteuerliche Geschichten über Entführungen durch die Waldriesen – alles konnte bis heute die Existenz Bigfoots nicht beweisen und auch Munch scheut vor einer allzu plakativen Erklärung seines Wesens zurück. Sein Sasquatch existiert, wie es auch einige Kryptozoologen proklamieren, außerhalb des Dimensionsspektrums des Menschen, d.h. er kann sich bei Bedarf de facto unsichtbar machen und betritt unsere Dimension nur, wenn nötig. Was sich als reichlich krudes Konstrukt anhört, funktioniert im Filmkontext erstaunlich gut, liefert es doch nicht nur eine Erklärung für die Unauffindbarkeit Bigfoots, es macht aus ihm auch eine Art Waldgeist, auf den Hayao Miyazaki (Prinzessin Monokoke) stolz wäre.

So geht es in Letters from the Big Man auch nicht um Spannung, um die Dinge that go bump in the night, sondern um die Akzeptanz einer Erfahrungswelt jenseits der eigenen. Sarah erstarrt nicht in Furcht, wenn ihr klar wird, wer sie da aus dem Wald heraus beobachtet, vielmehr akzeptiert sie die Präsenz des Wesens und setzt sich damit auseinander, was es heißt, eine nicht-menschliche Intelligenz um sich zu wissen, deren Handlungen und Beweggründe nicht immer eindeutig sind. Letters from the Big Man lässt Raum für Interpretationen und tut dies in einem entspannten Duktus, was manche Zuschauer stören könnte, aber vielmehr für eine geradezu spirituelle Atmosphäre sorgt. Die katholische Filmarbeit würde es wohl, wie dereinst bei Disneys Pocahontas „zweifelhaften Naturmystifiziesmus nennen“, doch im Grunde geht es um das Überbringen einer Ökobotschaft, die weiter geht als das postulieren von einfachen Sinnsprüchen. Sasquatch ist bei Munch der Wald, eine Art Seele, die, trotz ihrer Zugehörigkeit zu einer anderen Dimension auf ihn angewiesen zu sein scheint. Das Konzept, dass die Handlungen des Menschen nicht nur Auswirkungen auf die sichtbare Welt haben, ist bedrückend und betörend zugleich und Letters from the Big Man macht auch nicht den Fehler, es restlos aufzuschlüsseln. Sarah kann, wie alle anderen menschlichen Charaktere, nicht das Gesamtbild kennen, weil die Kommunikation mit Bigfoot keine einfache Sache ist. Die Verständigung findet nur auf der Ebene der Empathie statt, beide Parteien spüren sich mehr als dass sie sich auf einem rationalen Level begegnen. Der Film lässt aber die Schlussfolgerung zu, dass dies zumindest dann möglich ist, wenn man die Präsenz von Sasquatch ohne Furcht und Geltungssucht akzeptiert – etwas, dass Sarahs love interest (Jason Butler Harner) nicht zu leisten imstande ist.

Letters from the Big Man ist ein eigenwilliger, aber gerade deshalb sehenswerter Film. Ansprechend fotografiert und unterlegt mit einem passenden Soundtrack und einem gelungenen Sounddesign ist der Film handwerklich hervorragend und inhaltlich für den einen oder anderen Denkanstoß geeignet. Letters from the Big Man ist kein Bigfootfilm wie jeder andere, wie schon Roger Ebert bemerkte. Und genau darin liegt seine Stärke, seine Kraft zur Imagination und Empathie.




Donnerstag, 15. Januar 2015

Retrospektive 2014 - Die Tops & Flops des Jahres



Zu dem Zeitpunkt, da ich diese Zeilen schreibe, ist das neue Jahr 2015 bereits fünf Tage alt, ich sitze wieder im Zug auf dem Weg zur Arbeit und habe nach dem üblichen Familienprogramm über die Festtage wieder Zeit und Muße, mich der Filmwelt zuzuwenden. Ein guter Vorsatz für das neue Jahr wäre ja, euch in diesem Blog nicht wieder so hängen zu lassen wie im Dezember. Keine einzige neue Besprechung, das ist ja schon regelrecht fahrlässig, darum gelobe ich Besserung. Doch zunächst ein Blick zurück.

Ich verkneife mir allgemeine Kommentare dazu, ob 2014 ein gutes oder ein schlechtes Jahr für den Film war. Auf einer ganz persönlichen Ebene war es gar nicht schlecht, weil ich versucht habe, die allermeisten Filme, von denen ich wusste, dass sie mir kaum etwas bringen würden, gar nicht erst anzusehen (sprich die Transformers und Teenage Mutant Ninja Turtles dieser Welt). So ergibt sich auf meiner Filmliste für das Jahresende auch ein krasses Übergewicht der gut bewerteten Filme gegenüber den Rohrkrepierern. Nun denn. Allerdings fehlen mir noch so dermaßen viele potenzielle Top-Anwärter bzw. Filme, die ich einfach sehr gern gesehen hätte (siehe Video), dass auch diese Einschätzung nur Fragment bleiben muss.

Für die Statistikfreunde unter euch: ich habe im Jahr 2014 213 Filme gesehen, davon waren 73 Rewatches, 42 entfielen auf Filme des aktuellen Jahres, sprich Werke, die im Laufe des Kalenderjahres in Deutschland auf welchem Weg auch immer veröffentlicht wurden. Bleiben also noch 98 Erstsichtungen, die aus anderen Jahren stammen. In punkto TV-Konsum habe ich 36 Serienstaffeln gesehen, aber dazu könnt ihr mehr hier lesen.
Da ich der überwältigenden Mehrheit der Erst- und Zweitsichtungen kein Unrecht tun möchte, hier eine kleine jeweilige Top 10 mit Empfehlungen jenseits des Jahres 2014.

Erstsichtungen 2014

02.) Kid-Thing
03.) Womb
04.) Blue Jasmine
06.) Room 237
07.) Only Lovers Left Alive
08.) Gold – Du kannst mehr, als du denkst


Rewatches 2014

04.) ParaNorman
09.) Bananas

Und da es das Eine nicht ohne das Andere gibt, auch noch ein paar Warnungen meinerseits, falls sich jemand mit dem Gedanken trägt, den ein oder anderen Film doch noch anzusehen:

Erstsichtungen 2014 – Flop 10

03.) Zoo
04.) Insidious
05.) Thor – The Dark Kingdom
06.) This Is The End
07.) Ender’s Game
08.) Evil Dead
09.) Alphabet
10.) Bait – Haie im Supermarkt

Rewatches 2014 – Flop 10

03.) Hollow Man
04.) Superstau
06.) C2 – Killerinsect

Und nun dazu, wozu wir eigentlich hier sind: meine ganz persönlicher Filmjahresrückblick 2014, wie im letzten Jahr nicht als schnöder Text, sondern in Videoform. Viel Spaß beim schauen, ärgern, freuen, etc. und auf ein medial ereignisreiches Jahr 2015.



Retrospektive 2014 - Die Tops & Flops des Jahres from Kuleschow-Effekt on Vimeo.

Donnerstag, 27. November 2014

Snowpiercer (2014)




SNOWPIERCER
USA/Südkorea 2014
Dt. Erstaufführung: 03.04.2014
Regie: Bong Joon-ho

Fun Fact: Die US-amerikanischen Verleiher wollten Regisseur Bong Joon-ho dazu verpflichten, eine weniger „intelligente“ Fassung des Films herauszubringen, weil man um seine Potenziale auf dem US-Markt fürchtete. Joon-ho wehrte sich dagegen und so ist der Snowpiercer, den auch wir hierzulande zu Gesicht bekommen, nicht eine (noch weiter) verwässerte Version. Dies zeigt vor allem eins: dass an dem Klischee des US-Bürgers, der alles im weitesten Sinne „ausländische“ an Kulturprodukten automatisch eine höhere Wertigkeit und Intelligenz zuschreibt, immer noch etwas dran ist – so ähnlich, wie die Deutschen die Italiener oder die Franzosen insgeheim immer noch für lebensfroher als sich selbst halten. Dementsprechend waren die Kritiken in den Staaten phänomenal, Snowpiercer wurde zu einem Liebling der Rezensenten, dessen fordernder Inhalt immer wieder lobend in den Vordergrund gesetzt wurde. Vielleicht haben die Kritiker in den USA klammheimlich doch eine andere Version zu sehen bekommen als die Europäer, denn zumindest der Kunde vom überragend intelligenten Drehbuch wird der auf einem französischen Comic basierende Film nicht gerecht. Sicherlich macht sich Snowpiercer mehr Gedanken um sein Setting als der nächstbeste SF-Actionfilm, aber so wirklich in die Tiefe gehen will er dann auch nicht.

Der Versuch, die Erderwärmung zu stoppen, ist katastrophal gescheitert: durch eine in die Erdatmosphäre ausgebrachte Chemikalie wurde eine Kettenreaktion ausgelöst, die die Erde in eine alles Leben vernichtende Eiszeit gestürzt hat. Die Reste der Menschheit bewegen sich in einem gigantischen Zug, dem titelgebenden „Snowpiercer“, angetrieben von einer geheimnisvollen Maschine, auf einem alle Kontinente umspannenden und dereinst vom Zugfanatiker Wilford (Ed Harris) erbauten Schienennetz um die Welt. In diesem Mikrokosmos leben die Wohlhabenden im vorderen Teil des Zuges, der Pöbel darbt im hinteren Teil und wird von den faschistoiden Streitkräften der Herrschenden gequält. Curtis (Chris Evans) und die Seinen haben den ihnen zugedachten Platz in der Hierarchie verständlicherweise satt und proben den Aufstand – das Ziel, den Triebwagen und damit die alles beherrschende Maschine zu erreichen, fest vor Augen…

Snowpiercer legt eine geradezu manische Energie an den Tag. Ähnlich wie für die Protagonisten im Film selbst scheint Stillstand für ihn ein Todesurteil zu sein. Joon-ho bewegt seinen Film mit einem flotten Tempo voran, ohne dabei auf eine generische Abfolge von Actionsequenzen zu setzen. Die Handlung wird konstant nach vorn (haha) gebracht, es ist unbestreitbar, dass Snowpiercer ein Film ist der sich schlicht bewegt. Dennoch lässt er dem Zuschauer genug Raum zum Nachdenken und das ist paradoxerweise einer seiner Fehler.

Wie kann das sein, wenn man es doch immer begrüßen sollte, wenn ein Genrefilm die Intelligenz seines Publikums nicht beleidigt? Zum einen ist Snowpiercer sehr sorgsam darin, kritische Plotelemente zu erklären. So erfährt man, wie die Wasserversorgung funktioniert und woraus die Nahrungsersatzstoffe gemacht sind, die als Speisung für die Marginalisierten aus dem hintern Zugteil dienen. Doch dann passieren die Figuren beispielsweise ein gut gefülltes Kühlhaus und es wird mit keinem Wort erwähnt, so die Rinderhälften und die Unmengen Hühnchen eigentlich herkommen. Der Film spielt 17 Jahre nach der Apokalypse. Ich bin kein ausgewiesener Experte, aber auch gekühlt dürfte sich Fleisch nicht über solch einen langen Zeitraum halten. Und wenn es eine lebens- und reproduktionsfähige Anzahl von Rindern und Hühnern gibt, warum verschweigt der Film diesen Wagen so konsequent? Auch die Unterbringung der Oberschicht wird nicht weiter beleuchtet, man sieht lediglich ihre Annehmlichkeiten: Zahnarztpraxis, Sauna, Disco. Dass man, um in die Disco zu gelangen, immer den Saunawagen passieren muss, ist nur eines der Details, auf die man wohl nicht allzu deutlich achten soll. Auch unterhält man eine eigens für Revolten zuständige Hooligantruppe.

Zugegebenermaßen schafft es der Film immer wieder, dass solche Gedanken in den Hintergrund treten, wenn Snowpiercer seine Kinetik voll ausspielt. Ein grundlegendes Gerechtigkeitsbedürfnis lässt die sich anbahnende Revolution immer wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit treten, auch wenn der Film letztlich eine plausible Erklärung für die Zuginterne Gesellschaftsstruktur schuldig bleibt. Snowpiercer ist selbstredend über alle Maße plakativ, wirklich niemanden dürfte die Gesellschaftskritik entgehen und als mitunter erstaunlich differenziertes Lebensbild (kaum eine Figur, die nicht zwei Seiten hat) kann der Film zwar punkten, doch viel mehr als über ein ominösen Losverfahren, mit dem man den Platz im Zug zugewiesen bekommen hat, erfährt man nicht. Auch nicht darüber, ob die Menschen aus dem hinteren Teil außer der Kinderproduktion noch eine weitere Aufgabe an Bord erfüllen. Das, was Snowpiercer nachprüfbar anbietet, ist etwas dünn, um die illustrierte Gesellschaft vollständig zu legitimieren. Man kann nun einwenden, genau dies sei ja der Spiegel, den der Film der Realität vorhält, aber gehört es auch zu den Stärken des Kinos, über das Bekannte hinauszugehen und etwas mehr Substanz zu bieten. Als spekulativer Auswuchs eines konsequenten Sozialdarwinismus, der auf Zufall und Ökonomie fußt, ist Snowpiercer nicht gänzlich erfolgreich.

So nimmt der Film den Zuschauer bei aller Bewegung immer wieder aus der Geschichte heraus, wenn er ihn dazu animiert, seinen Denkapparat nicht gänzlich auszuschalten. Dadurch, dass man immer wieder Fragen nach der inneren Logik stellen kann, wird ihm sein eigener Ansatz zum Verhängnis, auch wenn das Wort im Hinblick auf die allgemeinen Unterhaltungswerte des Films wohl etwas zu harsch ist. Denn als futuristischer Actionfilm kann er stets überzeugen, die Kameraarbeit und das Produktionsdesign sind fantastisch, die sozialen Aspekte immerhin für Diskussionen gut (schon allein, weil es an Bord des Zugs vor allem eine Ober- und eine Unterschicht gibt. Die Mittelschicht wird durch zahlenmäßig wenige Bedienstete, die sich im Status Quo eingerichtet zu haben scheinen, vertreten).
Snowpiercer ist sicher kein neuer Genreklassiker, auch wenn darüber wohl die Zeit entscheiden wird. Aber sein purer Wille, sich nicht komplett einer verordneten Idiotie hinzugeben, verbunden mit der souveränen und deutlich mit Spaß ausgeführten Regie von Bong Joon-ho, die schon seinen internationalen Durchbruch The Host vor dem vollkommenden Trash rettete, machen aus Snowpiercer zumindest ein solides Stück Unterhaltungskino. Auch wenn man speziell in Deutschland immer wieder daran denken muss, was wäre, wenn der Zug im Film von der DB betrieben würde, wo drei Schneeflocken dort doch meist schon als Naturkatastrophe interpretiert werden…




Montag, 17. November 2014

Interstellar (2014)




INTERSTELLAR
USA 2014
Dt. Erstaufführung: 06.11.2014
Regie: Christopher Nolan

Das der Platz des Menschen im Universum mit den Mitteln des Films versucht wird zu verhandeln, ist ein konstantes, wenn auch relativ seltenes Ereignis im Science-Fiction-Genre. Die Filmart, die für viele lediglich mit dem Eskapismus des Star Trek und Star Wars-Franchises assoziiert wird, ist zu beachtlichen Leistungen fähig, wenn sie sich an die großen Fragen wagt, die interstellare Reisen zwangsläufig aufwerfen. Es sind Konzepte, die weit über das eigentliche menschliche Verständnis hinausreichen und vielleicht ist darin der Grund zu suchen, warum außer den großen Namen wie 2001 – Odyssee im Weltraum und Contact sich so wenige Genrefilme mit ihnen beschäftigen – die Prämisse ist nicht gerade der Garant für einen völlig konsequenzlosen, rein unterhaltenden Filmabend. Interstellar macht da keine Ausnahme, es ist ein erwachsener Film, der weit entfernt ist von den naiv-fröhlichen Weltraummärchen eines George Lucas. Sieht man ihn als Teil des Dreigestirns der genannten Filme, so muss man allerdings auch konstatieren, dass er der Schwächste der Drei ist, hauptsächlich, weil Regisseur und Drehbuchautor Christopher Nolan, der für Cineasten abwechselnd Messias und Antichrist darstellt, an entscheidenden Stellen patzt und den berauschenden Bildern auf inhaltlicher Ebene oftmals nur kruden Mumbo-Jumbo entgegenzusetzen hat. Interstellar ist ein gestalterisch großartiger Film und es ist schön, dass Nolan normale menschliche Emotionen nun endlich für sich entdeckt hat, aber die Reise an die Grenzen der menschlichen Erfahrungen hinterlässt ob ihrer nur behaupteten Tiefe einen schalen Beigeschmack.

In naher Zukunft ist die Menschheit dem Untergang geweiht: die natürlichen Ressourcen gehen zur Neige, Sandstürme fegen immer wieder über die Länder, der Anbau von Nahrungsmitteln wird immer schwieriger und selbst ehemalige Ingenieure müssen sich als Farmer verdingen, um den Bedarf zu decken. Einer von ihnen ist Cooper (Matthew McConaughey), ehemals einer der besten Piloten der NASA und vom stillen Wunsch beseelt, den Planeten zu verlassen. Die Gelegenheit bietet sich ihm, als eine Gravitationsanomalie ihn und seine Tochter Murph (Mackenzie Foy) zu einer geheimen Forschungseinrichtung führt, wo der geschrumpfte Rest der NASA unter der Leitung von Coopers ehemaligem Mentor Brand (Michael Caine) eine Mission zu einem augenscheinlich von jemanden gezielt platzierten Wurmloch in der Nähe des Saturns vorbereitet. Von der Weltöffentlichkeit verborgen sind bereits Menschen hindurch in eine andere Galaxie geflogen, um dort nach neuen, bewohnbaren Planeten zu fahnden. Die zweite Mission soll nun die Ergebnisse vor Ort auswerten und erste Schritte zu einer Kolonialisierung unternehmen. Cooper wird als Pilot angeworben, lässt seine Familie auf der Erde zurück und begibt sich auf eine Reise weiter und gefährlicher, als sie je ein Mensch vor ihm unternommen hat.

Die Prämisse von Interstellar ist atemberaubend und die Trailer taten einen hervorragenden Job dabei, sie zu verkaufen. Es ist nicht verwunderlich, dass Nolans Herzensprojekt zu einem der am meisten erwarteten Filme des Jahres werden sollte. Und zumindest visuell wird er dem Hype gerecht. Interstellar hat großartige Bilder zu bieten, einige davon in ihrer Größe und gleichzeitigen Simplizität emotional ausgenommen wuchtig, die Effekte sind erste Wahl (was man angesichts des Budgets wohl auch erwarten durfte) und sogar der vielgescholtene Hans Zimmer kann diesmal wieder mit einem rundum gelungenen Soundtrack überzeugen, der vor allem in den actionorientierten Sequenzen wohlplatziert ist, ähnlich wie Gravity im letzten Jahr nicht zuletzt durch die Musik lebte.

Doch so ganz will Interstellar bei aller Wucht nicht funktionieren. Die liegt vor allem darin, dass Nolan in seinen Charakteren keine Entsprechungen zu den grandiosen Bildern findet. Die Reise ins All wird von den recht blassen Figuren hingenommen, kaum ist etwas von ihrer Anspannung zu spüren, vom Sinn für Wunder, den eine solche Odyssee eigentlich besonders stimulieren sollte, auch nicht. Dennoch gelingt es ihm diesmal, eine grundlegende Gefühlsebene zu bedienen, denn einige Szenen sind emotional so befriedigend ausgefallen, wie man es von Nolan gar nicht gewohnt ist. Das Schablonenhafte der Figuren reicht an diesen Stellen, um eine Reaktion zu generieren, tiefer als eine rein beschreibende Oberfläche geht es meistens nicht, vor allem über Wes Bentleys Figur erfährt man atemberaubend wenig, während Anne Hathaway einen reichlich seltsamen Charakter mimt, der das Klischee der irrationalen Frau bedient und der trotz des letztendlich gerechtfertigten Payoffs dieser Emotionalität nie dreidimensional wird.

Hinzu kommt ein nicht zu leugnender Drang, dem Zuschauer alles erklären zu wollen. Nolan fürchtet sich vor einem wirklichen Interpretationsspielraum, wie ihn beispielsweise 2001 an den Tag legte, indem er nicht krampfhaft versuchte, alles in einen sinnigen Kontext zu bringen. Stanley Kubricks Film ist schon allein deshalb zeitlos, weil er dem Publikum eine individuelle Interpretation des Gesehenen nicht nur anbietet, sondern regelrecht abverlangt. Interstellar hat dafür viel zu viel Furcht vor der Leerstelle, vor dem, was jeder Zuschauer aus dem Film machen könnte – oder eben nicht. Um ja niemanden zu verwirren, verabreicht der Film brav Erklärungen, wenn sie gebraucht werden und versucht durch allerlei Techno-Palaver, wie es die Crew des Raumschiffs Enterprise nicht besser hätte aufsagen können, eine Art wissenschaftliche Legitimität aufzubauen. Wie viel davon (theoretischer) Fakt und was Fiktion ist, ist schwer zu sagen, denn es reicht Interstellar voll und ganz, sich im Vagen, im Ungefähren zu bewegen und dies als ausreichend zu verkaufen. So findet alles innerhalb der Narrative eine Begründung, eine Auflösung, und sei sie noch so vorhersehbar (das Rätsel um die Macht, die das Wurmloch „platziert“ hat, ist besonders plakativ und dürfte nicht nur für Genrefans ziemlich leicht lange vor Filmschluss zu erraten sein). So wird Interstellar auf dieser Ebene nichts Halbes und nichts Ganzes, weil er einerseits die Interpretation zu sehr fürchtet, zum anderen gleichzeitig zu hanebüchene und einfach zu verstehende Erklärungen anbietet. Strukturell ist Interstellar genau der richtige Film für Leute, die meinen, Inception wäre ein extrem verschachteltes, schwierig zu verstehendes Werk oder denen die Symbolik in The Dark Knight Rises nicht plakativ genug war.

Interstellar ist zudem an entscheidenden Stellen zu kurz und schafft es trotzdem, 2 ½ Stunden Laufzeit in die Waagschale zu werfen. Entscheidungsfindungen werden abgekürzt, eine ganzheitliche Betrachtungsweise konsequent ausgeblendet (man sieht ausschließlich die USA im Niedergang und auch die Mission ins All ist eine reine NASA-Angelegenheit und nicht etwa eine Teamangelegenheit wie die Erdverteidigung im unterschätzten Pacific Rim) und für einen Film, in dem das Konzept der Zeit eine sehr wichtige, ja zentrale Rolle spielt ist der Film nicht gut darin, das Vergehen selbiger erfahrbar zu machen. Auch hier bleibt der Film sehr oberflächlich, von der Weigerung einer globalen Schildrung der Menschheitssituation ganz zu schweigen (MRTs wurden abgeschafft? Bitte?).

Was bleibt? Interstellar verfehlt auf jeden Fall sein Ziel, in die Fußstapfen der großen Vorbilder zu treten, dafür ist er inhaltlich zu unausgegoren und schielt zu sehr auf eine unbedingte Befriedigung möglichst vieler Zuschauererwartungen, anstatt das Risiko eines wirklich herausfordernden Films zu suchen. Interstellar ist ein Mainstream-2001, auch wenn er selbstredend immer noch weit entfernt von den Spaß-Science-Fiction-Welten eines Star Trek-Reboots ist. Doch der Film geht zu sehr auf Nummer Sicher, sonnt sich etwas zu sehr in der Gewissheit, zumindest mehr Gesprächsstoff als die nächstbeste Space Opera zu bieten und bleibt so hinter seinen Möglichkeiten zurück. Interstellars handwerkliche Qualität ist teilweise atemberaubend, sein Inhalt wird der Prämisse und vor allen den geschürten Erwartungen nicht gerecht. Die Zeit wird, ähnlich wie beim von der Intention ähnlich gelagerten Tree of Life, zeigen, ob Nolans love child auch im Hinblick auf die starke Konkurrenz von Zemeckis und Kubrich das Zeug zum Klassiker hat.