Mittwoch, 19. März 2014

Die Herrschaft der Schatten (2010)




DIE HERRSCHAFT DER SCHATTEN
(Vanishing on 7th Street)
USA 2010
Dt.
Erstaufführung: 26.08.2011 (DVD-Premiere)
Regie: Brad Anderson

Die USA, ein Land mit der Ausdehnung eines Kontinents. Zwischen Los Angeles und New York liegen Welten. Dies sollte verdeutlichen, was es heißt, wenn ein Film in den Staaten zu seinen Hochzeit in gerade einmal sechs Kinos lief, zu seiner Premiere gar nur in einem einzigen Lichtspielhaus zu finden war. Die Herrschaft der Schatten ist zwar ein Low-Budget-Film, aber unter solch denkbar ungünstigen Umständen konnte er nur zum nationalen Flop werden, auch wenn die Überseezahlen besser daherkamen (in Südkorea und der Türkei etwa generierte der Film ein Vielfaches seiner US-Einspielergebnisse). Dies ist neben dem augenscheinlichen Misstrauen seitens des Verleihers auch dem Film selbst anzukreiden. Brad Anderson, der zuvor den inkohärenten Transsiberian inszenierte, versucht sein Bestes, aus der starken Prämisse einen ansehnlichen Gruselfilm zu machen, schafft es aber nicht, interessante Charaktere oder eine durchgängig überzeugende Welt zu erschaffen. Die Herrschaft der Schatten hat unendliches Potenzial, wirklich ausgeschöpft wird es nicht.

Detroit: eines Abends verschwindet plötzlich ein Großteil der Bevölkerung der Stadt. Nur ihre Kleidung und andere künstliche Dinge wie Brillen und falsche Zähne bleiben zurück. Einher mit dieser unheimlichen Entwicklung geht das Erscheinen einer irgendwie beseelten Dunkelheit, die die Menschen bei Kontakt in Luft auflöst. Nur Licht hält die sinistren Schatten in Schach. 72 Stunden nach dieser lautlosen Apokalypse finden sich in einer dank eines Generators noch erleuchteten Bar vier Überlebende zusammen: der Kinomitarbeiter Paul (John Leguizamo), die Physiotherapeutin Rosemary (Thandie Newton), der 12jährige James (Jacob Latimore) und der TV-Moderator Luke (Hayden Christensen). Die Zweckgemeinschaft sucht nach einem Ausweg aus dem Alptraum, während draußen von Tag zu Tag die Sicherheit versprechenden Sonnenstunden weniger werden und des Nachts die Schatten alles daran setzten, auch die letzten Menschen zu sich zu holen (während Tiere interessanterweise verschont bleiben).

Die Herrschaft der Schatten setzt plakativ auf eine menschliche Urangst: die Furcht vor der Dunkelheit, die Tagraubtieren von jeher einen strategischen Nachteil verschaffte. Anderson und sein Drehbuchtautor Anthony Jaswinski (Killing Time) schalten dabei den Mittelsmann aus, ähnlich wie die Final Destination-Reihe den maskierten Mörder á la Freddy oder Jason als Zulieferer für den Tod abschaffte und den Sensenmann selbst morden ließ. So lauern hier in der Dunkelheit keine Monstren und Mutationen, sondern sie wird selbst zum Antagonisten, der in durchaus unheimlichen Bildern nach den Figuren greift und lechzt. Dabei verzichtet man vollkommen auf eine irgendwie geartete Erklärung, was durchaus als guter Schachzug gewertet werden kann. Das Grauen kommt unerwartet und bleibt für die Figuren in ihrem geographisch und materiell limitierten Rahmen auch gänzlich unerklärlich. Versuche, hinter die Geschehnisse zu blicken, laufen ins Leere, der Film bleibt konsequent dabei, die Apokalypse nicht durch einen Filmvorführer oder einen 12jährigen erklärbar zu machen. Der Versuchung, die Schatten in einen geschichtlichen Kontext zu setzen, können sich Anderson und Jaswinski aber nicht entziehen und geizen nicht mit Verweisen auf die verlorene Kolonie Roanoke, des ersten Stützpunktes des Engländer in Nordamerika, der 1590 vollkommen verlassen vorgefunden wurde. Und auch wenn man wohl davon ausgehen kann, dass die Siedler sich einem Indianerstamm namens Croatoan angeschlossen haben und dafür Roanoke verließen, wird der Film natürlich nicht müde, dies unter den Tisch fallen zu lassen und stattdessen den Mysteryaspekt hervorzuheben. Wer eine noch effektivere Einbindung der Roanoke-Geschichte in einen fiktionalen Kontext sucht, dem sei Dean Koontz‘ Roman Unheil über der Stadt empfohlen, der es eleganter als Die Herrschaft der Schatten schafft, aus dem Ereignis Horrorpotenzial zu schlagen.

So sind die gruseligen Bilder, die durchaus effektive Atmosphäre und das ohnehin immer funktionierende Setting einer menschenleeren Stadt eine Sache, die Charaktere eine ganz andere. Die Herrschaft der Schatten bietet keine interessanten Protagonisten an, weil sie allesamt recht farblos bleiben. Man bemüht sich sichtlich, Luke und die anderen aus ihrer Eindimensionalität herauszuholen, aber ganz gelingen will das nicht. So ist John Leguizamo nur erträglich, weil er eben John Leguizamo ist, während Hayden Christensen scheinbar immer noch unter den Nachwehen leidet, die eine Partizipation in einem Film wie Jumper wohl mit sich bringt. Sein Luke ist der Standard-Jerk, wie in jeder Film dieser Art offensichtlich braucht. Thandie Newtons Verweis aus Rosemaries Baby lässt derweil ständig Erinnerungen an einen besseren Horrorfilm wach werden. Einzig Newcomer Jacob Latimore zeigt Potenzial, wechselt er doch überraschend überzeugend zwischen den vom Plot geforderten Emotionen hin und her.

So zerfällt der Film in zwei sehr unterschiedliche Teile, zum einen in den arg durchschnittlichen Part, was die Darstellung und die insgesamte Regie angeht, zum anderen in den starken Part der Prämisse und der Handhabung des Bedrohungsszenarios. Ein bisschen hat man zwar das Gefühl, Jaswinski verarbeitet hier eine kindliche Furcht vor den dunkeln Geistern aus Ghost – Nachricht von Sam, erinnert doch vor allem das Sounddesign an sie, aber in seiner archetypischen Effektivität kann man darüber hinwegsehen. Die Herrschaft der Schatten ist wahrlich kein großer Genrewurf, dafür ist er als Gesamtpaket zu standardisiert, aber als vollkommen belangloses Zwischenfutter, das mit knapp 90 Minuten Laufzeit auch schnell wieder vorbei ist, kann man ihn noch durchwinken.



Dienstag, 18. März 2014

Prisoners (2013)




PRISONERS
USA 2013
Dt. Erstaufführung: 10.10.2013
Regie: Denis Villeneuve

Den Vorwurf, wenig originelle Ideen auf die Leinwand zu bringen, muss sich Hollywood schon seit Ewigkeiten anhören. Bei all den Fortsetzungen, Reboots, Prequels und Remakes, bei all den Bearbeitungen von existierendem Material kommt man nicht umhin, dem phasenweise zuzustimmen. So ist auch Prisoners kein Film aus dem luftleeren Raum, sondern wirkt wie eine brachiale, auf den amerikanischen Markt zugeschnittene Neubearbeitung des dänischen Die Jagd. Dieser machte 2012 diverse Festivalrunden, auch im angelsächsischen Sprachraum, und wurde im Sommer 2013 schließlich limitiert in den USA aufgeführt. Gesehen haben dürften ihn dort wenige, Prisoners, der natürlich nicht verlangt, Untertitel zu lesen, umso mehr. Die Filme sind inhaltlich so nah verwandt, dass man kaum anders kann, als Parallelen zu ziehen. Beide handeln von den Untiefen, die sich auftun, wenn Kinder mit einer feindseligen Umwelt außerhalb des ihnen gesellschaftlich zugedachten Schutzraums konfrontiert werden, beide handeln von falschen Schuldzuweisungen, Hysterie und Verzweiflung. Die Jagd ist sicherlich der elegantere, intelligentere Film des Duos, aber Prisoners verkommt glücklicherweise nicht zum Plagiat. Wenn sich Drehbuchautor Aaron Guzikowski (Contraband) von Die Jagd hat inspirieren lassen, dann gelingt es ihm dennoch, das Sujet in andere Bahnen zu lenken.

Die Familien Dover und Birch feiern zusammen Thanksgiving. Im Laufe des Tages wollen die beiden jüngsten Töchter der Familien, Anna (Erin Gerasimovich) und Joy (Kyla Drew Simmons) vom Haus der Birchs in das der Dovers wechseln. Kein Problem, die beiden liegen nur unweit auseinander an derselben Straße. Doch auf dem Weg verschwinden die Mädchen spurlos. Einziger Anhaltspunkt ist ein schmuddeliges Wohnmobil, das zu diesem Zeitpunkt in der Straße parkte. Der ermittelnde Detective Loki (Jake Gyllenhaal) kann als Fahrer schnell Alex Jones (Paul Dano) ausmachen, der sich aber als geistig eingeschränkt auf dem Level eines 10jährigen bewegt. Ohne Beweise muss Alex wieder frei gelassen werden und die Ermittlungen beginnen bei null. Vor allem der verzweifelte Vater von Anna, Keller (Hugh Jackman), ist aber nicht von der Unschuld Alex‘ überzeugt. Kurzerhand kidnappt er ihn und versteckt ihn im ehemaligen Wohnhaus seines Vaters. Dort beginnt eine Tortur sowohl für Alex, der durch Folterungen zum Reden animiert werden soll, als auch für den zunehmend ungehaltenen Keller…

Wenn Kinder zu Opfern werden, gibt es kein Halten mehr. Der Zusammenprall zwischen der behüteten Welt, die sich die Erwachsenen für ihren Nachwuchs erträumen und idealisieren und den Grausamkeiten vor der eigenen Haustür öffnet scheinbar gerechtfertigter Gewalt Tür und Tor. Während Die Jagd dieses gesellschaftliche Zerwürfnis als moderne Hexenjagd schilderte, in der ein Unschuldiger sich den Aggressionen seiner Mitmenschen ausgesetzt sieht, die gerade wegen des Bezugs aufs Kind legitimiert wurden, mischt Prisoners noch eine weitere Sprengstoffkomponente mit ein: Religion.
Keller Dover ist ein Reaktionär, der ans Prinzip „Auge um Auge“ glaubt, die Endzeit als reelle Bedrohung ansieht und nur oberflächlich in einen Konflikt ob der Folterungen gerät. Er fragt zwar rhetorisch, warum er so handeln muss, im tiefsten Innern aber ist er überzeugt von der innewohnenden Gerechtigkeit seines Handelns. Als guter Christ kann man auch einen geistig minderbemittelten foltern, solange es nur des höheren Ziels dient. Unverkennbar ist Keller ein Produkt der Post-9/11-Paranoia und einer noch weiter zurückliegenden Gun Ho!-Mentalität. Quälereien sind nicht in Ordnung, es sei denn, man kann damit potenzielles Leid verhindern. In dieser Denkart gefangen (der Titel Prisoners ist auf jede Figur bezogen neu zu interpretieren) stört es ihn auch nicht, auf welch wackeligen Indizien er sein Tun stützt. Alex ist die Massenvernichtungswaffe, die gar nicht existiert.
So heißt Prisoners auch die von ihm gezeigten Misshandlungen nicht gut, obschon es ihm an mancher Stelle reflexartig vorgeworfen wurde. Auch aalt er sich nicht in kleinteiligen Schilderungen der Folterungen, viel mehr wendet er eher den Blick ab, deutet an und lässt den Zuschauer selbst die Bilder im Kopf generieren.

Letztlich hat alles in Prisoners eine irgendwie geartete religiöse Färbung und vor allem die beiden im Entführungsfall direkt aufeinandertreffenden Protagonisten rechtfertigen ihr Handeln mit Verweisen auf Gott. Ob dabei auf seine angebliche Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit Bezug genommen wird, ist dabei fast egal. Gott ist an allem schuld, so oder so, ein nicht weiter beweisbares Wesen dient als Katalysator für ganz irdische zwischenmenschliche Katastrophen. So liegt die Tragik nicht nur in der Schlechtigkeit der Welt, sondern auch darin, dass mit der Religion ein weiteres Werkzeug zur Rechtfertigung des moralisch verwerflichen in die Welt kam. Prisoners zumindest agnostische Lesart ist ebenso deutlich wie die manchmal übers Ziel hinausschießende Symbolik (Stichwort: Schlangen).

Neben den reichhaltigen Interpretationsmöglichkeiten ist Prisoners ein technisch äußerst versierter Film. Die Kamera hat oft etwas lauerndes, wie ein kalter Beobachter wandert sie über Szenerien und Menschen, die Bilder, die sie einfängt, sind wohlkomponiert. Die Sets haben wenig hoffnungsfrohes, selbst beim Familienfest am Anfang legt sich die düstere, nie weichende Atmosphäre der Wintertage über alles. Und inmitten all dieser detailliert geplanten Sequenzen bewegen sich hervorragende Schauspieler. Hugh Jackman ist effektiv als getriebener Keller, unter dessen Oberfläche es auch schon vor dem Verschwinden der Tochter brodelte. Jake Gyllenhaal spielt einen ganz ähnlichen Charakter, einen Polizisten, der ebenso schnell zu explodieren droht wie Keller. Vor allem der gespielte nervöse Tick wird bei Gyllenhaal bemerkenswert selbstverständlich zum Bestandteil seines Repertoires. Viola Davis und Terrence Howard sind zurückhaltend, aber nicht minder präsent als Ehepaar Birch, dass durch sein Nichteingreifen an entscheidender Stelle Schuld auf sich lädt. Und Paul Dano bekommt mal wieder einen Gehaltsscheck dafür, sich eine Abreibung zu holen.

Prisoners ist ein involvierender Thriller und ein kompetent erzähltes Drama, welches zum Schluss vielleicht etwas zu sehr auf die Genrekonventionen zurückgreift. Als Abhandlung über die menschliche Natur, die allzu schnell die ihr von Gesetzt und Gesellschaft auferlegten Schranken missachtet, um auf archaischere Mittel, gerade wenn sie religiös legitimiert sind, zurückzugreifen, ist er ein Erfolg. 


Montag, 17. März 2014

Mad Max - Jenseits der Donnerkuppel (1985)




MAD MAX – JENSEITS DER DONNERKUPPEL
(Mad Max Beyond Thunderdome)
Australien 1985
Dt. Erstaufführung: 26.09.1985
Regie: George Miller & George Ogilvie

Die Mad-Max-Reihe ist eine Serie der Extreme, und das ist an dieser Stelle gar nicht auf den Inhalt gemünzt, der mit seinen Gewaltdarstellungen die Kritiker spaltete, seit 1979 der erste Film der Reihe in Australien anlief. Vielmehr ist damit die Qualität der einzelnen Filme gemeint. Nach einem mittelmäßigen Start und einem überragenden zweiten Teil kam die Reihe hier an ihrem Tiefpunkt an. Zum ersten Mal floss US-amerikanisches Geld in die Produktion und augenscheinlich wollte man dafür auch bei der Gestaltung mitreden. Es fällt streckenweise schwer, in Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel einen Film zu erkennen, der in einem Zusammenhang mit den vorangegangenen Teilen steht. Sicherlich, Mel Gibson ist wieder als titelgebende Figur dabei und Australien ist immer noch eine post-apokalyptische Ödness, aber ansonsten? Jenseits der Donnerkuppel ist ein durchschnittlicher US-Blockbuster, formatiert und gefällig. Mit dem rauen Unterhaltungsmonster Der Vollstrecker hat dieser Film auf jeden Fall herzlich wenig gemeinsam.

Diesmal verschlägt es den Ex-Polizisten Max (Mel Gibson) nach Bartertown, einer Gemeinde unter der Knute der machthungrigen Aunty (Tina Turner), in der Schweineexkremente Energie liefern und Konflikte in der sogenannten Donnerkuppel ausgetragen werden. Als Max sich weigert, nach den barbarischen Regeln dieser Arena zu kämpfen, nachdem er sich mit der Obrigkeit angelegt hat, wird er in die Wüste verbannt. Halb tot wird er dort von einer Gruppe Kinder und Jugendlicher gerettet, die in einer nahen Oase leben. Sie glauben in ihm ihren Messias zu erkennen, der sie in eine glorreiche, sichere Zukunft führen wird. Wie immer fühlt sich Max zunächst wenig geschmeichelt von den Hilfsgesuchen, aber wenn man die Rettung der Kinder mit der Rache an Bartertown verbinden kann, warum nicht…?

Es gibt zwei Dinge, die man Jenseits der Donnerkuppel zugutehalten kann: Erstens erreicht Max mit der Rettung der Kinder endlich jene emotionale Katharsis, die ihm seit dem ersten Teil verwehrt wurde, zweitens bemüht sich der Film immerhin darum, eine Kontinuität der Mad-Max-Welt zu gewährleisten. Will heißen: die Maschinen fallen auseinander und der Sprit ist noch knapper geworden, wenn es nicht unbedingt sein muss, bleiben die Autos also ausgeschaltet. Dies führt wiederum dazu, dass Max zum Auftakt des Films mit einem von Kamelen gezogenen Planwagen unterwegs ist – ein gewöhnungsbedürftiges Bild im Hinblick auf die hohe Oktanzahl der Vorgänger. Ein „Road Warrior“ ist er hier scheinbar schon lange nicht mehr, eher wird er vollends zur mystischen Westernfigur, die aus der Wüste kommt und in die Wüste zurückkehrt, wenn seine Arbeit getan ist. Mad Max ist zu Lucky Luke geworden, vor allem, weil es an Daltons in diesem Film nicht mangelt.

Mad Max und Mad Max 2 – Der Vollstrecker waren Exploitation-Filme, der erste ziemlich hardboiled, der zweite mit einem gewissen Sinn für augenzwinkernde Brechungen. Der dritte Teil ist nun sehr viel mehr Trash als alles andere. Exploitation hat einen gewissen inneren Anspruch, auch wenn sich dieser manchmal erst in der Analyse erschließt. Trash hingegen tendiert zum albernen, quasi die Mainstream-Variante von Exploitation. Und wahrlich, Jenseits der Donnerkuppel schielt so sehr auf die breite Publikumsakzeptanz, dass nicht der Film, aber sehr wohl der Zuschauer Kopfschmerzen bekommt. Die Gewalt ist auf ein solches Maß zurückgeschraubt, dass man sich fragt, warum der Film immer noch ab 16 freigegeben ist. Nun soll Gewalt nicht als Qualitätskriterium missverstanden werden, aber dieser Film will so gar nicht zum Ton und der rauen Atmosphäre der Vorgänger passen. Hinzu kommen diverse launige Witze und wenig furchteinflößende Schurken. Ironbar (Angry Anderson), der aus unerfindlichen Gründen als Haupthandlanger nach diversen cartoonigen Beinahe-Toden dann endlich im Wrack seines Wagens stirbt, tut dies nicht ohne einen letzten erhobenen Mittelfinger Richtung Max. Toecutter und Humungus hätten sowas nie getan.

Es ist schon ärgerlich, dass der erste Mad Max-Film, der eine weibliche Figur beinhaltet, die über brave Ehefrau oder Vergewaltigungsopfer hinaus geht, auch der Schlechteste der Reihe ist. Tina Turner gibt ihr Bestes, bleibt aber dennoch immer Tina Turner und ein Song wie We don’t need another hero ist auch nicht gerade die Hymne, die man mit einer Welt wie der von Max ohne weiteres in Verbindung bringen würde. Hinzu kommt noch einige Verwirrung um die Rolle von Bruce Spence, der wieder einen Piloten spielt, bei dem man aber nicht sicher ist, ob es der gleiche Charakter wie in Der Vollstrecker sein soll. Konnte er seine Rolle als Führer des „Nordvolkes“, zu der er laut der narrativen Stimme aus dem Off in Teil 2 auserkoren wurde, einfach so aufgeben? Wo ist seine Frau, wo das „Nordvolk“ doch in Sicherheit sein sollte? Und warum hat er plötzlich einen Namen? Letztlich kommt ihm ohnehin nur die gleiche Aufgabe zu wie im vorangegangenen Teil, wiederholt Jenseits der Donnerkuppel doch nur die Konklusion von Der Vollstrecker: Max rettet eine Gruppe Unschuldiger, erarbeitet sich dadurch wieder mehr Menschlichkeit zurück und wird zur mystischen Heilsbringer-Figur. Man denke nur, es wäre so weiter gegangen, irgendwann hätten sich alle Enklaven in dieser neuen Welt auf Max berufen können. Lucky Luke als Jesus.

So ist Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel eine frustrierende, für Fans gerade des zweiten Teils sogar ärgerliche, Angelegenheit. Anbiedernd an einen vermeidlichen Massengeschmack, ohne Ecken und Kanten und dann hauptsächlich auch nicht von George Miller, sondern von George Ogilvie inszeniert (Miller überwachte hauptsächlich die Actionszenen), ist der dritte Teil der Reihe eher langweilig als unterhaltsam, stagnierend anstatt kinetisch. Wenn 2015 der vierte Teil bzw. das Reboot Mad Max – Fury Road startet, hat man hoffentlich aus den massiven Fehlern hier gelernt. Max ist eben kein Mainstream-Held und ein Treiben in diese Richtung musste wohl zwangsläufig zu einer Katastrophe wie Jenseits der Donnerkuppel führen.



Dienstag, 11. März 2014

Alles eine Frage der Zeit (2013)




ALLES EINE FRAGE DER ZEIT
(About Time)
Großbritannien 2013
Dt. Erstaufführung: 17.10.2013
Regie: Richard Curtis

Die Welt von Richard Curtis ist nichts für Zyniker, nichts für distanzierte Hipster, nichts für all jene, denen zwischenmenschliche Gefühle per se ein Graus zu sein scheinen. Speziell das Internet ist voll von ihnen. In solchen Kreise kann ein Film wie Alles eine Frage der Zeit kaum auf fruchtbaren Boden fallen, zumal es zugegebenermaßen einfach ist, Ansatzpunkte für Kritik zu finden. Der Film spielt nicht nach seinen eigenen Regeln, wenn sie den Gefühlen im Wege stehen, mit der bemerkenswerten Kohärenz beispielsweise der Zurück in die Zukunft-Filme hat dieser, trotz Zeitreise-Element, nichts zu tun. Und dennoch ist es so unendlich schwer, dem Film deshalb böse zu sein. Ich benutze das Wort „entwaffnend“ ab und an, aber selten passte es so perfekt auf einen Film wie auf Alles eine Frage der Zeit. Es ist eine kuschelige Welt, jene vom Regisseur von Notting Hill und Tatsächlich…Liebe, und Curtis ist so charmant darin, den Zuschauer einzuladen, sich in ihr zu verlieren, dass Zynismus eher wie ein bedauerlicher Reflex wirkt. Alles eine Frage der Zeit ist ein hemmungslos romantischer Film, nicht ganz auf dem Level der besten Genrevertreter wie Before Sunrise, aber sehr viel besser als das Gro der US-amerikanischen romantic comedys.

An seinem 21. Geburtstag wird Tim (Domhnall Gleeson) von seinem Vater (Bill Nighy) aufgeklärt: alle männlichen Familienmitglieder haben die Gabe, durch die Zeit zu reisen, allerdings nur in die eigene Vergangenheit, nicht etwa in die Vorzeit oder gar in die Zukunft. Dies gibt ihm die Möglichkeit, beispielsweise peinliche Szenen seines Lebens im Nachhinein zu korrigieren. Als er nach London zieht lernt er irgendwann die quirlige Mary (Rachel McAdams) kennen – es ist die berühmte Liebe auf den ersten Blick. Seine Fähigkeit hilft ihm, Mary auch dann noch von sich zu überzeugen, als er, in Loyalitätskonflikte gebracht, ihr erstes Treffen unbeabsichtigt ungeschehen macht. Liebe kann man auch durch Zeitreisen nicht erzwingen, aber Mary und Tim sind wahrlich füreinander geschaffen. Nur stellt sich heraus, dass man mit der Gabe nicht jedes Problem lösen kann und das, was man Leben nennt, auch vor Zeitreisenden nicht halt macht.

Alles eine Frage der Zeit steuert nicht auf ein großes Drama zu, auf keinen unüberwindbar erscheinenden Konflikt. Es ist vielmehr ein ganz normales Leben, in dem sich die Probleme auch nicht durch die Fantasy-Komponente lösen lassen. Das alles läuft auf eine simple Carpe diem-Moral hinaus, ungefähr so gehaltvoll wie die unsäglichen Sinnsprüche für die Wohnzimmerwand, wie man sie in Baumärkten bekommt. Und auch hier gilt der überbordende Charme, der der Produktion innewohnt und alles für sich einnimmt. Manche mögen es in Watte packen nennen, aber der Film funktioniert unbestreitbar.

Dies ist in erster Linie den Darstellern zu verdanken. Jeder Film profitiert ohnehin von Bill Nighy und hier präsentiert er sich in üblicher Bestlaune. Domhnall Gleesons Tim ist eine erstaunlich realistisch gezeichnete Figur, die dem Zuschauer erst ans Herz wachsen muss, dafür dann umso sympathischer daherkommt, und Rachel McAdams ist schlicht bezaubernd. Ihre Mary wirkt wie eine Zooey Deschanel-Figur ohne die enervierenden Übertreibungen. Kurioserweise war Deschanel für die Rolle im Gespräch und man kann sich nicht des Gefühls erwehren, mit McAdams eine sehr viel bessere Wahl getroffen zu haben. Lydia Wilson hinterlässt als exzentrische Schwester Kit Kat Eindruck, während Margot Robbie, jüngst in The Wolf of Wall Street einem größeren Publikum vorgestellt, aufpassen muss, nicht auf ewig als generische Schönheit besetzt zu werden.
Im Zentrum aber steht, wie könnte es anders sein, die Beziehung zwischen Mary und Tim und die Chemie zwischen Gleeson und McAdams stimmt. Vom ersten Moment an glaubt man diese Liebe, bangt mit ihnen, auch wenn Curtis darauf achtet, nicht zu sehr ins Drama zu verfallen, hofft mit ihnen, lebt mit ihnen. Natürlich ist das alles ein Wunschbild, gestritten wird hier kaum und selbst die verregnete Hochzeit, die als Impression auch das Filmplakat stellt, wird als wunderschönes Ereignis stilisiert. Doch es wäre seltsam, gerade Liebesfilmen nicht den gleichen Eskapismus zuzugestehen, wie man es beispielsweise mit Science-Fiction-Filmen á la Krieg der Sterne automatisch tut. Und darum kann man anerkennen, dass Curtis es schafft, den Zuschauer für zwei Stunden Teil dieser Welt werden zu lassen. So sehr, dass man sich nur widerwillig aus ihr entfernt, zumal neben der Tim/Mary-Liebesgeschichte auch die Vater/Sohn-Liebe involvierend erzählt wird.

So ist der romantische Aspekt des Films sein Hauptaugenmerk und seine größte Stärke, der Zeitreise-Aspekt ist nur schmückendes Beiwerk, ein Plot Device für Gags und Emotionen. Alles eine Frage der Zeit ist unschuldige, aber dabei den Zuschauer nicht unterfordernde, Unterhaltung. Curtis gibt uns Figuren zum mitfühlen und Bilder zum schwelgen, einen Film wie eine Umarmung. Und lässt sich nicht auch der größte Zyniker dann und wann einfach nur gern in den Arm nehmen?


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