Montag, 10. März 2014

Der Butler (2013)




DER BUTLER
(The Butler)
USA 2013
Dt. Erstaufführung: 10.10.2013
Regie: Lee Daniels

Eins kann man Lee Daniels Der Butler sicherlich nicht vorwerfen: Dass er das Herz nicht am rechten Fleck habe. Mit sichtbarem Herzblut gehen Lee und seine Darsteller ins Renne, um die Geschichte der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den USA exemplarisch am intern sehr geschätzten Butler im Weißen Haus zu erzählen. Natürlich brüstet man sich damit, auf wahren Ereignissen zu basieren, hat man doch den Artikel A Butler Well Served by This Election von Wil Haygood von der Washington Post im Rücken, der von dem 34 Jahre, von 1952 bis 1986, erzählt, die Eugene Allen als Butler im Zentrum der US-amerikanischen Macht arbeitete. Ein schwarzer Mann, der zur Zeit der Rassentrennung begann im Weißen Haus zu arbeiten und am Ende seines Lebens noch die Amtseinführung von Barack Obama miterleben konnte – das ist wahrlich der Stoff, nach dem sich Hollywood die Finger leckt. Und so sehr man auch den Symbolcharakter des Ganzen bewundern kann, hat man eben etwas zu sehr „hollywoodisert“, Der Butler ist recht plakativ und sehr didaktisch aufbereitet. Ein bisschen leidet er unter dem gleichen Syndrom, dass seinerzeit Der Baader-Meinhof-Komplex befallen hatte: handwerkliche Souveränität paart sich mit einem unbedingten Willen zur kinotauglichen Geschichtsstunde, was zu einem Film führt, der mehr Ausstellungsstück als echtes Erlebnis ist. Jüngere Zuschauer mögen vor Der Butler sitzen und sich ungläubig fragen, ob es wirklich so war und wenn er sie im Nachhinein zu einer eigenständigen Recherche und Beschäftigung mit der Vergangenheit verleitet, hat der Film ein großes Werk getan. In Schlüsselmomenten ist Daniels ein aufreibendes Werk geglückt, als Gesamtwerk ist es eher durchwachsen. Zumal es mit dem Wahrheitsgehalt der persönlichen Geschichte von Allen auch nicht allzu weit her ist.

Eugene Allen heißt hier Cecil Gaines (Forest Whitaker) und muss als achtjähriger (Michael Rainey Jr.) mit ansehen, wie sein Vater (David Banner) von ihrem despotischen, noch ganz in der Sklavenzeit verhafteten Arbeitgeber (Alex Pettyfer) getötet wird. Als Jugendlicher verlässt Cecil die Baumwollplantage, die zuvor seine ganze Welt war, und versucht sich allein durchzuschlagen. Durch Zufall gelangt er an eine Position als Hausangestellter, in der er sich als bald so hervorragend erweist, dass er im Weißen Haus landet. Als Butler durchlebt er dort als guter Geist des Hauses diverse Administrationen, sieht rassistische Gesetze fallen und ein Land sich verändern, während zu Hause ganz andere Probleme auf ihn warten: seine Frau Gloria (Oprah Winfrey) ist dem Alkohol etwas zu sehr zugetan, während sein einer Sohn Louis (David Oyelowo) sich im Laufe seines Lebens zunehmend politisch radikalisiert und sein anderer Sohn Charlie (Elijah Kelley) irgendwann in den Vietnamkrieg zieht…

Zur Realität hinter der Geschichte: Eugene Allen arbeitete als Butler im Weißen Haus, ja. Er hatte eine Frau, aber nur einen Sohn, der nie den Radikalisierungsprozess durchlief, wie er an der Figur Louis geschildert wird. All die Konflikte und die direkte Verwebung der Gaines‘ mit historischen Ereignissen ist also á la Forrest Gump fiktiv. Das Ende, welches einen letzten Schicksalsschlag für Cecil beinhaltet, basiert allerdings auf Fakten.

Es sind vor allem die Szenen, in denen der Hass aus den Menschen herausbricht, die im Gedächtnis bleiben. Daniels und sein Cutter Joe Klotz finden hier eine sehr unmittelbare Bildsprache, die die Bedrohung und das geifernde der Aggressoren auch für den Zuschauer ziemlich ungefiltert erfahrbar macht. Es ist ziemlich schonungslos bebildert, was es hieß, sich als Schwarzer in den 1960er Jahren an einen Teil des Tresens in einem Diner zu setzen, der nur für Weiße reserviert war oder Insasse eines Aktivistenbusses zu sein. Die Ungeheuerlichkeit dieses durch nichts zu begründende sozialen Gefälles ist gerade deshalb so massiv, weil es mit der Gedankenwelt eines normalen Menschen (und ich verwende diese Bezeichnung hier vollkommen bewusst) nicht in Einklang zu bringen ist, ähnlich wie die eruptive Polizeigewalt für den Nachgeborenen in Der Baader-Meinhof-Komplex ein Schock war, um ein letztes Mal die Parallelen zu ziehen.

Es ist bedauerlich, dass Der Butler nicht insgesamt ein Film mit dieser Kraft geworden ist. Zu brav arbeitet er die jüngere Vergangenheit der USA anhand von auch international zu verstehenden Landmarken ab, zu plakativ werden die Gegensätze und Diskurse der afroamerikanischen Bevölkerung angerissen, ohne sie zu vertiefen. Dabei geht es gar nicht nur um den Widerstreit Gewaltverzicht (Martin Luther King) und aktive Gegenrevolte (Malcolm X), sondern auch um kultur- und rezeptionsgeschichtliche Fragen, etwa, ob man das N-Wort aufgrund seines rassistischen Ursprungs selbst verwenden sollte oder nicht oder auch darum, ob Sidney Poitier ein guter Schauspieler sei, der zudem eine Vorbildfunktion auch in den Augen der radikaleren Kräfte bekleiden könnte. Alles wirkt eben didaktisch, wie im Sinne der Aufklärung verteilte Häppchen, die Lust auf mehr machen sollen. Onkel-Tom-Vorwürfe, der Widerspruch in Fragen des Vietnamkrieges, politische Fragen wie die Haltung des Reagan-Regierung gegenüber des südafrikanischen Apartheid-Regimes – es steckt sehr, sehr viel Unterrichtsmaterial in Der Butler. Das ist alles gut und schön und mag Diskussionen entfachen, rein filmisch ist es zu wenig kohärent und zu sehr Nummernrevue.

Dies gilt auch für die Besetzung, ein einziges Spot the Star-Spielchen, in dem große Namen meistens nicht mehr als Cameo-Auftritte haben. So erhascht man Blicke auf Mariah Carey und Vanessa Redgrave, Terrence Howard ist etwas länger dabei, ebenso Cuba Gooding Jr. als unfunktionales comic relief. Und dann wären da noch die Präsidenten, die sich hier die Klinke in die Hand geben: Robin Williams als Eisenhower, John Cusack als Nixon, James Marsden als Kennedy, Liev Schreiber als Johnson, Alan Rickman als Reagan nebst Jane Fonda als seine Frau Nancy. Letztere beiden haben rein äußerlich immerhin die größte Ähnlichkeit mit ihren historischen Vorbildern, während Cusack das Fehlen dieser Eigenschaft durch sein Spiel ausgleichen muss, dass dem gängigen Nixon-Bild entspricht. Die politische Arbeit wird dabei auf wenige Stichpunkte reduziert.

Vielleicht ist es auch unfair, Der Butler seine episodenhafte Struktur vorzuhalten, kann man doch so viel Zeit, so viel Leben kaum in knapp zwei Stunden pressen. So kann man meinen, der Stoff wäre in einer ebenso sorgfältig inszenierten TV-Miniserie besser aufgehoben und muss ich doch mit dem abfinden, was Lee Daniels schlussendlich auf die Leinwand brachte. Kurzweilig ist das Ganze sicherlich, gut gespielt und mit viel Sachkenntnis inszeniert ebenso. Einzig, es fehlt am letzten, entscheidenden Funken Leben, der Der Butler über das wohlwollende Hollywood-Mittelmaß hinausheben könnte. Eine Geschichte mit solchem Potenzial hat schlicht und einfach mehr verdient als eine inszenatorische „sichere Bank“, egal wie hervorragend einzelne Elemente auch funktionieren mögen.



Mad Max 2 - Der Vollstrecker (1981)




MAD MAX 2 – DER VOLLSTRECKER
(Mad Max 2 / The Road Warrior)
Australien 1981
Dt. Erstaufführung: 27.08.1982
Regie: George Miller

Wenn Mad Max 1979 das erste große Leck war, mit dem das australische Kino auf den internationalen Markt floss, war Mad Max 2 der Dammbruch. In den USA zunächst als The Road Warrior vermarket, weil man Angst hatte, durch den Hinweis auf den ersten, weniger bekannten und auch bei der Kritik weniger beliebten Film potenzielle Zuschauer zu vergraulen, entpuppte sich der wieder von George Miller inszenierte Film schnell als Blockbuster. Der Grund hierfür ist einfach: Mad Max 2 – Der Vollstrecker ist seinem nihilistischen Vorgänger in allen Punkten überlegen, außer vielleicht in der Schilderung einer Gesellschaft am Scheideweg. Aber ansonsten bietet der Film vor allem eins: noch rasantere Action. Mad Max 2 ist ein von Energie nur so strotzender Film, sicherlich keine große Kinokunst, aber brillantes Genrekino.

Die Apokalypse, die im ersten Teil nur angedeutet wurde, hat sich in der Fortsetzung konkretisiert: Die Supermächte des Kalten Krieges haben sich gegenseitig ausgelöscht und den Rest der Welt mit ins Verderben gezogen. Australien wird von marodierenden Banden durchstreift, immer auf der Suche nach Kraftstoff, um ihre Höllenmaschinen anzutreiben. Max (Mel Gibson), der gebrochene, schweigsame Ex-Polizist, möchte sich eigentlich aus den Konflikten dieser neuen Ordnung heraushalten, aber die Zufallsbegegnung mit einem exzentrischen Piloten (Bruce Spence) führt ihn zu einer belagerten Kommune, die, reich an Benzin und Öl, von einer Gang unter Führung des maskierten Humungus (Kjell Nilsson) drangsaliert wird. Nach einigen Widrigkeiten willigt Max ein, den eingeschlossenen zu helfen…

Sieht man die Mad-Max-Trilogie als durchgehende Charakterstudie an, dann darf man hier neue Hoffnungen für die gebeutelte Titelfigur hegen, die am Ende vom ersten Teil so desolat und emotional leer zurückgelassen wurde. Max darf erkennen, dass er seine Menschlichkeit durch den Verlust seiner Familie und den anschließenden Rachefeldzug noch nicht verloren hat. Es ist bemerkenswert, wie effektiv das nonverbale Spiel von Gibson und Spence ist, als sie beispielsweise die Untaten der Belagerer aus sicherer Entfernung beobachten. Und auch wenn Max zunächst nur aus egoistischen Gründen eine Zusammenarbeit mit den Belagerten erwägt, wird diese Episode, auch durch seine Beziehung zu dem verwilderten Kind (Emil Minty), zu einem weiteren Schritt auf dem Weg zu einer emotionalen Heilung für diesen „Mann ohne Namen“.

Die Bezeichnung ist nicht von ungefähr gewählt, gar nicht tief unter der Pulp- und Exploitation-Oberfläche ist Mad Max 2 ein klassischer Western, der sich im Niemandsland Prärie zuträgt – nur dass diese Prärie eben in einer Post-Apokalypse verordnet ist, sogar mit einem „Tal des Todes“. Die Kommune fungiert als Fort und Max als einsamer Rächer, als „Lone Ranger“, der Pilot als sein „Tonto“. Die Analogien sind unübersehbar, auch wenn das Finale etwas rasanter daherkommt, als wenn es mit Planwagen stattgefunden hätte. Denn dies ist der Part, der jedem Zuschauer wohl am besten im Gedächtnis bleiben wird: die finale Flucht aus der Kommune und der Versuch, die Ladung vor dem Zugriff der Aggressoren in Sicherheit zu bringen. Miller zieht hier alle technischen und gestalterischen Register, er weiß sehr genau, wo seine Kamera positioniert sein muss, wann ein Schnitt notwendig ist, wie die Montage beschaffen sein muss, um das maximal mögliche Tempo zu erreichen. Wenn es jemals einen Actionfilm gab, dem man nicht vorwerfen könnte, sein genretypisches Herzstück nur ungenügend in Szene zu setzen, dann ist es Mad Max 2 – Der Vollstrecker. Rasant beschreibt es nur ungenügend, der Film bewegt sich ganz entschieden; auch bereits vorher, aber im Showdown zeigt er endgültig, was in ihm steckt. Dabei wird das Ganze auch nicht repetitiv oder gar langweilig. Die Flucht hoch zu Truck ist eine der Quintessenzen des Actionfilms.

Mit den Implikationen seines Prologs hält sich der Film hingegen nicht weiter auf. Vielmehr verwandelt er die Angst des Kalten Krieges, die ebenso die Verzweiflung des ersten Teils widerspiegelt und in gewissermaßen auch nur als Verweis auf die Paranoia des Science-Fiction-Films der 1950er Jahre fungiert, in eine trotz aller Grausamkeit und kruden Einfälle lebensbejahenden Geschichte. Max als Heilsbringer für eine neue Gesellschaft, der er, der „einsame Wolf“, aber nicht angehören kann, ist gleichermaßen melancholisch wie hoffnungsfroh. Auch nach dem Ende der Zivilisation ist nicht alles verloren. So ist der Film immer noch ein reißerisches Werk, das Cartoon und Groschenroman vereint, aber es weigert sich, sich der dystopischen Haltung des Erstlings anzuschließen. Mad Max 2 ist weniger defätistisch und scheint auch den Trash-Faktor sehr viel gelassener hinzunehmen als Mad Max, der sehr auf seine Ernsthaftigkeit beharrte. Gelöst oder gar komisch ist auch Der Vollstrecker nur in ganz wenigen Ausnahmen, aber schon allein die Fetisch-Kostüme der Schurken beweisen, dass Miller die Exploitaton-Anteile diesmal ganz anders wertet. So ist der zweite Teil seinem Vorgänger überlegen: unterhaltsamer, kinetischer, weniger fatalistisch. Und vor allem: sehr viel mehr Genrespaß für den Zuschauer.




Mittwoch, 5. März 2014

Just the Wind (2012)




JUST THE WIND
(Csak a szél)
Ungarn/Deutschland/Frankreich 2012
Dt. Erstaufführung: 18.07.2013
Regie: Benedek Fliegauf

Wenn sich die Regierung eines Landes dazu genötigt sieht, eine Pressemitteilung einen im Ausland erfolgreich laufenden Film betreffend zu veröffentlichen, wirft dies natürlich einige Fragen auf. In erster Linie nach dem Grund. Die rechtsgerichtete Regierung Victor Orbáns sah die Landesehre von Ungarn mit Just the Wind beschmutzt, man tue doch so viel zur Integration der Roma, die in Benedek Fliegaufs Film die Protagonisten stellen. Mal ganz abgesehen von den Nachrichten aus dem Land, die ein ganz anderes Bild zeichnen, basiert der Film zudem auch noch auf einer rassistisch motivierten Mordserie in den Jahren 2005 und 2006, in deren Zug acht Menschen ihr Leben verlieren sollten. Just the Wind entstand also nicht im luftleeren Raum. So wirkt der Disclaimer, der dem Film vorangestellt ist und aufklärt, dass es sich bei der erzählten Geschichte um Fiktion handelt, die lediglich von der Realität inspiriert wurde, auch wie eine Auflage. Ansonsten ist Just the Wind ein atmosphärisch dichter und dementsprechend gerade in seiner Zurückhaltung bemerkenswerter Film, der mit einer beschämenden Kopienanzahl von drei in den deutschen Kinos vertreten war.

Ein Tag im Leben einer Roma-Familie im ungarischen Hinterland: es ist Hochsommer, die Hitze ist schon am frühen Morgen spürbar. Mutter Mari (Katalin Toldi) bereitet dem apathischen Großvater (György Toldi) das Frühstück, dann ermahnt sie ihre Kinder, in die Schule zu gehen. Während sich die pubertierende Tochter Anna (Gyängyi Lendvai) daran hält und weit vor der Zeit das abgelegene Haus ohne fließendes Wasser im Wald verlässt, streift ihr jüngerer Bruder Rió (Lajos Sárkány) nach dem Aufstehen umher, ungeachtet der Tatsache, dass in der Nacht zuvor ganz in der Nähe eine ganze Familie ausgelöscht wurde. Unter den Roma macht sich Nervosität breit, es ist bereits der fünfte Anschlag dieser Art in der letzten Zeit. So legt sich nicht nur die Hitze auf die Gemüter der Menschen, auch dunkle Vorahnungen machen die Runde. Mari und ihre Familie sind jedoch gewillt, alle Schikanen und Strapazen auf sich zu nehmen, denn bald will der in Kanada lebende und arbeitende Vater (Gergely Kaszás) seine Familie endlich nachholen.

Benedek Fliegauf, der an vielen Rezensionsstellen und sogar auf den Filmplakaten mit seinem Spitznamen „Bence“ anstatt des Vornamens genannt wird, inszenierte vor Just the Wind das Science-Fiction-Drama Womb, das in elegischen Einstellungen nach dem Wesen der Liebe fahndete. Auch Just the Wind ist ein handwerkliches Meisterstück, nur wird niemand seine Machart mit der von Womb in Einklang bringen können. Dort dominierten lange, statische Einstellungen und das perfekt eingefangene Gefühl melancholischer Tage am Meer das Geschehen, hier herrscht die schwüle Hitze des Sommers vor, die aus jedem der weitaus weniger still stehenden Bilder fließt. Die Kamera in Just the Wind ist nervös, oft folgt sie den Figuren wie ein unheimlicher, unsichtbarer Begleiter, der ihre Gewohnheiten für einen düsteren Zweck kennenlernen will. Zoltán Lovasis Kamera ist immer nah dran an den Figuren, manchmal geradezu unangenehm nah. Mari, Anna und die anderen werden von ihr regelrecht bedrängt, die Kinematographie übernimmt die Rolle des schwarzen Wagens, der in einer Szene unheilvoll die Umgebung und den umherstreifenden Rió observiert. Die Atmosphäre, die dadurch erzeugt wird, ist meisterlich, die Art, wie Fliegauf, der auch das Produktionsdesign verantwortete, den Zuschauer die Anspannung der Figuren und die Hitze des ungarischen Sommers spüren lässt, sucht Ihresgleichen.

Hinzu kommt die immense innere Spannung. Man weiß, man erahnt, dass es in dieser von unterschwelligen Aggressionen geprägten Umgebung kein gutes Ende nehmen kann. Fliegauf inszeniert Ungarn jenseits von Budapest als Ort, der gleichermaßen Paradies und Hölle ist. Paradiesisch ist die Landschaft mit ihren Möglichkeiten, hier könnte man auch eine heitere, sehnsüchtige Coming-of-Age-Geschichte drehen. Die Hölle jedoch, das sind die Anderen. Es gibt sehr offenen und eher subtil ausgeübten Rassismus gegenüber den Roma, sei es nun der Busfahrer, der für Anna nicht an der Bushaltestelle, sondern ein paar Meter weiter anhält, damit sie laufen muss, oder Maris Chef, der ihr mit den Worten „Hier riecht es nach Aas!“ einen Ventilator ins Gesicht hält. Hinzu kommt die männlich kodifizierte Gewalt, wenn Mari von einigen Betrunkenen angemacht wird oder eine von Annas Klassenkameradinnen in der Sportumkleide überfallen wird. Diese Szene, die zunächst ohne Kontext wirkt, ist nur eins der Beispiele, wie Fliegauf die faktische Nichtexistenz der Roma in den Augen der „Mehrheitsgesellschaft“ inszeniert. Das Mädchen wird angegriffen, obwohl Anna neben ihr steht, sie ist für die Angreifer gar nicht existent. Und Anna macht auch keinerlei Versuche, ihrer Klassenkameradin zu helfen – wer glaubt schon einem Roma-Mädchen, das als erstes befragt wird, wenn etwas aus der Schule gestohlen wird? Die Familie richtet all ihre Energie auf den Umzug nach Kanada, auf den Ausbruch aus den herrschenden Verhältnissen. Fast kaum erwähnenswert, dass Mari nur jenen Sisyphosarbeiten nachgeht, die für die gesellschaftlich marginalisierten vorgesehen zu sein scheinen: Reinigungs- und Aufräumkraft.

Just the Wind ist aber so sorgfältig inszeniert, dass er auch Zwischentöne findet. Maris Vorarbeiterin schenkt ihr Kleidung und ein aus Budapest stammender Polizist ist augenscheinlich nicht wirklich auf der Seite seines Kollegen, als dieser davon redet, man solle doch nur die „nutzlosen“ Roma beseitigen und nicht jene mit Arbeit und Badezimmer im Haus. Doch sein Schweigen, als ihn der Kollege herausfordert, illustriert auch die Sprach- und Tatenlosigkeit einer Gesellschaft, in der man leicht den Hass auf ihre schwächsten Mitglieder schüren kann. Unter seiner verhältnismäßig sachlichen Oberfläche ist Just the Wind ein enorm wütender Film, der sich aber nicht um eine Erklärung des Phänomens Rassismus bemüht. Man kann nicht erklären, was sinnlos ist. So folgt man mit Fliegauf dieser Familie, die doch nur von einem besseren Leben träumt, bis zur Nacht, in der plötzliche Geräusche mit der Erklärung „Das ist nur der Wind“ abgetan werden. Allerspätestens dann weiß man, dass es niemals nur der Wind war.



Montag, 3. März 2014

Mad Max (1979)




MAD MAX
Australien 1979
Dt. Erstaufführung: 29.02.1980
Regie: George Miller

Als Mad Max 1979 in seinem Entstehungsland Australien zum Blockbuster avancierte und den internationalen Markt für Filme aus „Down Under“ öffnete, spaltete er auch die Kritiker in zwei Lager. Von geradezu hasserfüllten Tiraden und unendlichem Lob war alles vertreten, so das sichergestellt war: über Mad Max redete man. Seinen Ruf als notorisch gewalttätige Dystopie hat der Film bis heute nicht ganz ablegen können, auch wenn das, was man als physische Gewalt zu sehen bekommt, verhältnismäßig harmlos ist. Doch es ist auch nicht eine explizite Ausstellung von Blutrünstigkeiten, die Mad Max diesen Ruf eingebracht haben dürfte, sondern seine trostlose Grundstimmung. In dieser Welt gibt es keine Hoffnung, alles ist öd und leer, Miller verwehrt dem Zuschauer jegliche Katharsis. Das ist zunächst im Kontext des Kinos des Jahres 1979 interessant, aber der Film selbst profitiert nicht davon. Mad Max ist historisch interessant, auch und gerade wegen den Debatten, die an seinem Beispiel geführt wurden, als Spielfilm aber ist er ein zwar in den Actionszenen gekonnter, aber sonst ziemlich unspektakulärer Rachefilm.

Australien in einer nicht näher definierten Zukunft: Die Gesellschaft beginnt langsam, aber stetig, auseinanderzufallen. Die Polizisten in den abgelegenen Städten am Rande des Outbacks kommen kaum noch gegen die anarchischen Bikerhorden an, die sich anschicken, die Herrschaft über die Straße an sich zu reißen. Als bei einer Verfolgungsjagd mit dem Polizisten Max (Mel Gibson) der sogenannte „Nightrider“ (Vincent Gil), Anführer der mächtigsten Gang im ganzen Umland, getötet wird, eskaliert die Situation. Nightriders zweite Hand, Toecutter (Hugh Keays-Byrne) schwört Rache und so erwischt es zunächst Max‘ Partner Jim (Steve Bisley). Schockiert und von Furcht um seine Familie beseelt, quittiert Max den Dienst und zieht sich mit Frau und Kind weiter ins Hinterland zurück. Doch bald muss er erkennen, dass auch hier das Glück in einer auseinanderfallenden Welt nicht von langer Dauer ist…

Mad Max ist Exploitation-Kino par excellence. Wenn man will, kann man ihn ihm eine Allegorie auf den langsamen Zerfall von Gesellschaften sehen, wie es in den Jahren 1978/1979 im Iran zu beobachten war, rückblickend sogar als Vorahnung auf den Tod von Westernlegende John Wayne (gestorben im Juni 1979, während Mad Max im Februar in die australischen Kinos kam) lesen und dem damit verbundenen Gefühl des Aussterbens der “Helden”. Oder einfach als gekonnt choreographierter Actionfilm, der sich das australische Outback-Setting mit seiner Weite zu Nutze macht. Wie auch immer man George Millers Durchbruch rückblickend interpretieren will, im Vordergrund steht der reißerische, oft auch cartoonartige Effekt. Der Schurke heißt Toecutter, muss man wirklich noch mehr sagen? Sein Hauptaugenmerk liegt auf spektakulären Stunts und Verfolgungsjagden, Kinetik ist das oberste Prinzip von Mad Max.

In punkto Figurenzeichnung kann der Film seine Anlehnung an den Comic ebenso kaum verleugnen. Mad Max ist eine „Origin Story“, in der man erfährt, wie eine Figur so geworden ist, wie sie ist. Gerade im Hinblick darauf, dass man ´79 nicht sicher sein konnte, jemals eine Fortsetzung drehen zu können, ist der Film retrospektiv bemerkenswert; als Trilogie sind die Mad-Max-Filme erstaunlich konsistent, was die emotionale Entwicklung der Hauptfigur angeht. So kann der Film seine volle Wirkung auch erst im Zusammenspiel gerade mit dem zweiten Teil ausspielen. Für sich genommen endet der erste Teil sehr abrupt und verweigert, wie erwähnt, jegliche sonst übliche Katharsis. Die Bösen sind tot, aber es bringt dem „Helden“ nichts. Die Welt geht vor die Hunde und persönliches Glück kann nicht mehr als eine flüchtige Erfahrung sein. Das alles ist ziemlich defätistisch, vor allem, weil der Film keinerlei Brechungen oder Fragen zulässt. Mad Max zieht seine Geschichte schnörkellos durch, kommt aber im Endeffekt nirgends richtig an. Was bleibt ist ein im Grunde zutiefst verzweifelter Film über den Niedergang des zwischenmenschlichen Zusammenlebens, garniert mit sehenswerten Actioneinlagen. Der Ton ist pessimistisch und auch wenn dies nicht per se ein Negativum ist, muss man doch konstatieren, dass er bei Mad Max etwas schräg schwingt. Viel mehr als die Beschreibung eines fiktiven Ist-Zustands gelingt Miller, trotz aller handwerklichen Raffinessen, nicht.